Einem von diesen meinen geringsten Brüdern

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Bild von Aperture Vintage

»Rentnerin (87)«, »Mädchen (5)«, … wir ahnen den Rest. Gutmenschen nehmen das in Kauf. Hilft es, die Bibel zu zitieren? – »Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.« – Ja, das meint »Mädchen (5)« und »Rentnerin (87)«!!

Wie viele der Kinder müssen lebendig nach Hause kommen, damit man sagen kann, dass ein Kindergartenausflug erfolgreich war? Es mag pedantisch wirken, doch ich meine, dass wenn ein Krokodil auch nur ein oder zwei der Kinder frisst, der Ausflug nicht insgesamt ein Erfolg genannt werden kann.

Mein Beispiel mit dem Kindergartenausflug und dem Krokodil ist Ihnen zu herb? Nun denn, geben wir derselben Wahrheit ein anderes Bild! Wie viele Stücke muss man am Puzzle beschädigen, damit man sagen kann, dass das gesamte Puzzle beschädigt wurde? Ich würde ja sagen: Ein Schaden am kleinsten Puzzlestück ist ein Schaden am ganzen Puzzle. Nimm das kleinste Stück weg, und du hast das Ganze zerstört. Das Ganze ohne sein Kleinstes ist eben nicht mehr das Ganze.

Welches ist das größte der Gebote? Ist es jenes, wonach man seinen Nächsten lieben soll? Ist es jenes, wonach man nicht vor Gericht gegen seinen Nachbarn falsch aussagen soll? (Ja, Sie wissen, welches ich meine. Nein, dort steht nicht »lügen«, aber »Falsches-Zeugnis-Presse« rollt nicht so gut von der wütenden Zunge.)

An manchen Tagen, und heute ist so ein Tag, halte ich ja ein anderes der Gebote für das Größte, und es ist nicht einmal ein Gebot, mehr eine Mahnung, und sie geht so: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan« (Matthäus 25:40b). Soll sagen: Seid gut zu den Geringsten und den Schwächsten, und wenn ihr zu denen nicht gut seid, spart euch euren Gottesdienst.

In Klammern: 5

Wie geht Deutschland mit seinen Geringsten um, mit seinen Schwächsten? Wir lesen:

Jede zweite Rente beträgt weniger als 900 Euro.
(manager-magazin.de, 26.7.2019)

»Dann verdient euch doch etwas dazu«, könnte ein Gutmensch sagen, »Hauptsache ihr geht uns mit eurer Armut aus dem Blick

Nun, die 87-Jährige Rentnerin Ursula hat sich mit Tellerwaschen etwas Geld dazu verdient, und davon hat sie gespart, wie es sich gehört, wie es einst klug war und wie es noch immer anständig ist. Wie geht es ihr heute? Wir lesen:

„Der Angeklagte hat mit massiver stumpfer Gewalt auf Kopf, Hals, Brustkorb, Arme und Beine der Rentnerin eingewirkt und sie mit einem Stich verletzt“, sagt Oberstaatsanwalt Horst Sauerbaum (52). „Die Leiche wickelte er in ein Bettlaken, steckte sie in einen schwarzen Rollkoffer und verstaute sie in einem Schrank im Keller.“
(bild.de, 21.10.2019)

So sieht es also am Ende des Lebens in Deutschland aus, wenn man arm ist, wenn man den falschen Job hatte, wenn man auf den Staat vertraute, wenn man zu gutgläubig ist oder wenn man einfach Pech hatte. Wie sieht es am Anfang des Lebens aus? Ach, ich will gar nicht in die Details gehen. Muss ich mehr zitieren als »Mädchen (5)«? Nein, ich muss und will nicht, aber das Mädchen hat überlebt, so viel sei gesagt, und die ganze Meldung ist per »soll« und Frageform im Status der Möglichkeit gehalten. (bild.de, 21.10.2019)

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