Ich fühle es in der Luft, doch was ist es?

Ich fühle es in der Luft, doch was ist es?
von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild von Josh Sorenson

umm-bumm, bumm-bumm, bumm-bumm, bumm-bumm. Hören Sie es? Nein. Dann sage ich Ihnen den Liedtitel dazu, dann hören Sie es: »In the Air Tonight« von Phil Collins. Der berühmte Drum-Fill-In setzt erst spät im Lied ein (siehe etwa 3:28 beim 2016-Auftritt in der Tonight Show) und es sind noch tiefere Noten drin (siehe Transkription bei drumschoolcleuver.nl), doch die Serie der Doppelschläge, einmal von links nach rechts übers Drumset, haben das Lied »In the Air Tonight« berühmt gemacht, und sie passten gut zu den düsteren Andeutungen im Text.

Das Lied hat viel Refrain, sehr viel, doch es sind auch einige harte Zeilen drin:

Well if you told me you were drowning, I would not lend a hand
I’ve seen your face before my friend, but I don’t know if you know who I am
(In the Air Tonight, siehe genius.com)

Übertragung: Nun, wenn du mir sagen würdest, dass du ertrinkst, ich würde dir keine Hand leihen. Ich habe dein Gesicht schon zuvor gesehen, aber ich glaube nicht, dass du weißt, wer ich bin.

Der Text des Liedes ist in freier Improvisation entstanden. Phil Collins befand sich im Rosenkrieg mit seiner damaligen Gattin. Die Zeilen sind, wie der Song, schlicht und ergeben keine einheitliche Erzählung. Es sind einzelne Äußerungen von Schmerz – bis es dann im Drum-Fill-In aus dem Trommelnden herausbricht – wenn man ein Konzert besucht oder die Lautsprecher aufdreht, bricht es auch wie eine Serie von Donnerschlägen über den Hörer herein. Ein Popsong, ein Klassiker – und was für eine Katharsis!

Dem Größenwahn, der Autokratie

Ach wäre das Leben doch wie ein Popsong! Ein reinigendes Donnerwetter, eine eingängige Melodie, und schon ist alles besser – aber nein, das Leben ist kein Popsong und Zuckerschlecken macht Diabetes. Ponyhof ist abgebrannt, ich glaub das war ein Antifant.

Manche Meldung fühlt sich heute an, als müsste das Bumm-bumm, bumm-bumm des Phil-Collins-Songs erklingen. In einer normalen Welt müsste ein Donnerwetter losbrechen, das alle aufschreckt, damit sie zur Besinnung kommen.

Man muss sie nicht nacherzählen, die Schlagzeilen genügen: »Nigerianer sticht auf Polizisten ein – Messer-Angreifer seit mehr als einem Jahr nicht abgeschoben« (bild.de, 29.10.2019), »Krawallflüchtling aus Sachsen – Wieder nur Bewährung für „King Abode“« (bild.de, 28.10.2019). »Von Einbrecher vergewaltigt – Rentnerin (80) schildert Martyrium« (bild.de, 28.10.2019). Nein, wir hören kein Trommeln, keinen Donner, niemand schlägt aufs große Drumset. Nein, im TV-Funk, da läuft es nicht, der Kommissar hat auch schon bald keinen Bock mehr – uups, das war ein anderer Song.

Ein anderes Bumm-bumm, ein laut hallendes, das hörten wir heute aus den vielen Vorzimmern der Zerstörerin. (Worte fehlen, die Widerlichkeit ihrer Schemelhalter zu beschreiben.)

Ein Herr Merz nutzte die Thüringer Wahl, um die Kanzlerin anzugreifen – es ist ein gewaltiges Bumm-bumm, und es hallte laut.

»Friedrich Merz bläst zum Angriff auf Merkel und AKK« lesen wir etwa bei welt.de, 30.10.2019 – gut, dass er die Kanzlerin nicht »jagen« will, das gäbe wieder Aufregung bei Journalisten mit der berufsüblichen Metaphernschwäche! Merkels inoffizielle publizistische Leibgarde in Deutschlands Redaktionen ging sofort in den Gegenangriff über. »Ein niederträchtiger Angriff« heißt es bei tagesschau.de, 29.10.2019.

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