Nazis – Angebot und Nachfrage

Lange Zeit war in Deutschland die Nachfrage nach Nazis erheblich größer als das Angebot. Erst nachdem die Unionsparteien ihr Naziproblem an die AfD outgesourced hatten, ist die etwas unterkomplexe Welt der selbsternannten Nazijäger wieder im Lot. Angebot und Nachfrage halten sich spätestens seit 2015 die Waage.

Am Ende ist das die entscheidende tektonische Verschiebung im politischen Betrieb, die man durchaus als Spaltung des Landes ansehen kann: Die CDU/CSU, die bis dahin von scharf links immer unter Nazi-Generalverdacht stand, konnte ihren braunen Peter an die AfD weiterreichen und sich selbst reinwaschen. Das Kalkül, dann auch mit linken und ganz linken Parteien koalieren zu können, dürfte das Ende der Union als Volkspartei einläuten. Viel entscheidender aber ist, dass Angela Merkels Politikstil aus Bräsigkeit, Faulheit und Feigheit dem medialen links-progressiven Zeitgeist nie etwas entgegensetzen konnte und wollte.

Die Unionsparteien waren bis 2015 der Schutzwall, damit der halbwegs vernünftige und pragmatische Teil der Bundesbürger nicht den Nazijägern zum Fraß vorgeworfen werden konnte. Die Anstrengungen, den Schutzwall aufrechtzuerhalten, hätten eine Schärfe und Klarheit gegen den linken Zeitgeist erfordert, die, seit „no borders, no nations“ neue deutsche Staatsräson geworden war, schlicht nicht mehr erwartet werden konnte. Die AfD war und ist für die Union der Glücksfall, um von ihrer Politik des größtmöglichen Schadens für das Land abzulenken. Der SPD kann man nur raten, die CDU ganz schnell ganz weit rechts zu überholen, um halbwegs wieder Wählerstimmen an sich binden zu können. Aber das ist ein anderes Thema.

Es war ja abzusehen, dass, wenn die CDU die Bindung an das rechtskonservative Milieu aufgibt, der Schutzwall brechen und sich die Schmutzlawine der progressiven Linken über alles ergießen würde, was nicht in die moralisch hochtrabende Selbstverleugnung mit einstimmen würde. Langsam zeigt sich aber auch, dass eben der Schutzwall vor den selbsternannten Nazijägern derselbe war, der auch die feuchten Träume der progressiven Linken vom Umbau des Systems, von der Überwindung des Kapitalismus und von der Zerstörung der Nationalstaaten ausgetrocknet hatte. Diesen Schutzwall erst preisgegeben und dann mit Klima- und Nazi-Notstandsverordnungen selbst restlos abgetragen zu haben, nur um von eigenen Fehlern abzulenken, wird das große Vermächtnis der Merkel-Zeit sein. Und da die Bundeskanzlerin ja gerne von sich selbst behauptet, die Dinge vom Ende her zu denken, darf man durchaus unterstellen, dass dieses Vermächtnis genau so gewollt war.

So viel unanständige Großmannssucht war selten

Das „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) unter Herrn Dr. Philipp Ruch ist zu so etwas wie dem Markenzeichen des progressiven Merkel-Deutschlands geworden. Hier versammeln sich die wildgewordenen guten Deutschen, die in völlig kunstbefreiten aber hochmoralisch aufgeladenen Aktionen mal davon träumen, Andersdenkende umzubringen („Tötet Roger Köppel“) und mal davon phantasieren, vor der Asche Holocaust-Ermordeter deutsch-militärische „Zapfenstreiche“ abhalten zu können, um… ja, warum eigentlich? Ich gebe zu: Für mich ist das Zentrum für Politische Schönheit ein Negativ-Mysterium, vor dem ich mit kindlich offenem Mund stehe, staune und es einfach nicht fassen kann. Das einzige, das ich weiß: so viel unanständige Großmannssucht war selten.

Wie nähert man sich also diesem Abgrund aus deutscher Grobschlächtigkeit, dreister Menschenverachtung und prahlerischer Selbstgerechtigkeit, ohne dass dieser Abgrund in einen selbst hineinblickt? Um es kurz zu machen: Das Problem des Dr. Philipp Ruch, der übrigens einer Dresdener Psychologen-Familie entstammt, ist kein politisches, sondern ein psycho-pathologisches. Seine Besessenheit, die ja in allem und jedem einen Nazi wittert – in Journalisten wie Roger Köppel, in der AfD, in Björn Höcke sowieso, in den Konservativen, in Franz von Papen, in den Befürwortern von Grenzschutz, in der bürgerlichen Mitte –, diese Besessenheit ist das Resultat einer Projektion der eigenen Familiengeschichte auf die Allgemeinheit. 

Dr. Philipp Ruch entstammt einer Familie, die mütterlicherseits tief in die Hitler-Diktatur verstrickt war. Sein Urgroßvater, Dr. Martin Költzsch, war bereits früh in die NSDAP eingetreten, ein strammer Unterstützer der Nazi-Diktatur gewesen und hatte das Hitler-Reich als Diplomat im Ausland vertreten. Dafür kann Herr Dr. Ruch nichts, nur benutzt er die gefühlte Schmach, die er durch seine Familiengeschichte in sich trägt, um sie nun jedem anderen ans Bein zu binden, sich selbst damit erst zu erhöhen und dann reinzuwaschen. „Seht, ich habe meine Blutlinie überwunden, indem ich einfach behaupte, ihr wärt die Nazis.“

Dabei ist der Urgroßvater kein Einzelfall in der Ahnenreihe des Dr. Philipp Ruch. Ein anderer naher Verwandter steuerte, so schreibt es DER SPIEGEL im Dezember 1953, einst den ganz im braunen Stil gehaltenen Aufsatz „Das Judentum in der Musik“ zu Theodor Fritschens „Handbuch der Judenfrage“ bei. (…) Im letzten Satz seines Beitrages mahnte Dr. Koeltzsch damals: „Wir alle haben … die Pflicht, das Judentum in der Musik restlos auszuschalten. – Auch dafür kann sein Nachfahre Dr. Philipp Ruch selbstredend nichts, und natürlich ist es löblich, wenn sich die Nachfahren überzeugter Antisemiten dafür einsetzen, dass derartige Schweinereien nie wieder passieren. Nur, der jakobinische Furor, die autoritäre Rigorosität und die mit Selbstgerechtigkeit aufgeblasenen dicken Backen des Dr. Philipp Ruch könnten vielmehr das Resultat einer Verdrängungsleistung sein, als für politische Reife und menschliche Ernsthaftigkeit zu stehen. Denn was wissen wir Menschen wirklich von unseren Prägungen?

Fiebrige Phantasien der eigenen Überlegenheit

Forscher haben bereits vor Jahren herausgefunden, dass individuelle wie auch kollektive Traumata auf den Genpool der Nachfahren Auswirkungen haben. Diese Epigenetik ist ganz sicher ein zu weites Feld, um sie hier zu behandeln, aber der Umstand, dass wir die Vergangenheit nicht nur als historisch-politisches Wissen, sondern auch als genetische Prägung in uns tragen, könnte doch für einen Moment zu einer inneren Einkehr und stillen Reflexion führen, die beispielsweise die Frage, was hätte man selbst in der Zeit zwischen 1933 und 1945 gemacht, zumindest in das Zwischenreich der Unbeantwortbarkeit verweist. Stattdessen aber jetzt wie besessen laut zu trommeln und die fiebrigen Phantasien der eigenen Überlegenheit zum Maßstab des politischen Diskurses zu machen, mutet nicht nur merkwürdig infantil an, es kann auch die Absicht der moralischen Selbstreinwaschung nicht verbergen. Neben vielem anderen ist das, um im Jargon der Kunst zu bleiben, auch ästhetisch hässlich.

Nun also hat Herr Dr. Ruch die Asche derjenigen, die seine Vorfahren noch restlos auszuschalten gedachten, ausgegraben, freilich ohne die Nachfahren der Toten vorher zu konsultieren. Warum sollte er auch? Herr Dr. Ruch und all die vielen Mitstreiter leben ja in dem überlegenen Bewusstsein, dass sie ihre eigenen Vorfahren so restlos überwunden haben, dass es ihnen gar nicht in den Dunstkreis eines Sinns kommen könnte, Menschen, die noch eine Verbindungslinie mit ihren Vorfahren pflegen, um Rat zu fragen, geschweige denn ernst zu nehmen. Es ist viel mehr als nur ein Treppenwitz der Geschichte, dass schon wieder Juden instrumentalisiert werden, um dem Projekt der deutschen Selbsterhöhung zu dienen. Es ist ein Menetekel.

Dr. Philipp Ruch, der bei Herfried Münkler über „Ehre und Rache – Eine Gefühlsgeschichte des antiken Rechts“ promovierte und dem man also keine Ungebildetheit unterstellen sollte, installierte die Stele mit der Asche der Ermordeten dort, wo einst die Krolloper stand. Sie diente den Nationalsozialisten nach dem Reichstagsbrand als parlamentarisches Ersatzgebäude und war der Ort, an dem das Ermächtigungsgesetz beschlossen wurde. Am Ort der Krolloper befestigte Dr. Philipp Ruch dann also ein Transparent mit der Aufschrift: „Hier begann die letzte deutsche Diktatur“. Allein dieser Satz ist so grandios dumm und geschichtsvergessen, dass man fast geneigt ist, ihn nicht ernst zu nehmen. Dennoch: Er reiht sich nahtlos ein in den Geschichtsrelativismus, den Dr. Philipp Ruch auch sonst an den Tag legt. 

In jedem einen Nazi zu wittern, ist eben die finale Verharmlosung der tatsächlichen Kriegsverbrecher und Judenmörder. Auch die Zwanghaftigkeit, mit der Juden einfach nicht in Ruhe gelassen werden können und mit deren Asche man sich dann – sinnbildlich – die Camouflage ins Gesicht schmiert, weist auf einen tiefen deutschen Schaden in der Seele des Dr. Philipp Ruch hin. Schlussendlich die Nazi-Diktatur zur letzten deutschen Diktatur zu erklären und dabei die DDR-Diktatur nonchalant zu übergehen, zeugt von einem Geschichtsbild, das an keiner Stelle ernsthaft, wahrhaftig und ehrlich ist. Dass nur Nazis Diktaturen errichten können, mag ja der neueste Clou der deutschen Erinnerungskultur sein, dreist und falsch bleibt es trotzdem.

Von Johannes Gross stammt der treffende Satz: „Je länger das Dritte Reich tot ist, umso stärker wird der Widerstand gegen Hitler und die Seinen.“ Man könnte auch sagen: Je fester die Deutschen daran glauben, in sich selbst das Dritte Reich endlich und endgültig überwunden zu haben, desto großkotziger wird ihre Moral. Auch deswegen ist das Zentrum für politische Schönheit wie ein Markenzeichen von Merkel-Deutschland. Es wächst zusammen, was zusammen gehört.

Das und noch viel mehr behandelt Markus Vahlefeld in seinem neuen Buch: Macht Hoch die Tür – Das System Merkel und die Spaltung Deutschlands, Oktober 2018, erhältlich hier: www.markus-vahlefeld.deFoto: Tobias Klenze CC BY-SA 4.0via Wikimedia Commons

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netiquette:Johannes Schuster / 09.12.2019

Wenn ich den Maßstab Hannah Arendts im Begründungszusammenhang Goldhagen anlege und einen Zusammenhang erstelle zwischen Inhalt – und Hörigkeit, dann ist das Angebot an “Nazis” gesättigt. “Faschistisch” ist schon jeder Putzplan und die Parkscheibe, weil ein hohler Ordnungsanspruch jenseits eines tatsächlichen Zusammenhanges durchgepaukt wird, ohne jede Frage nach dem konkreten…mehr Andreas Rochow / 09.12.2019

Eigentlich hat der Gesinnungs-Doktor dieses treffende Psychogramm, das sogar auf epigenetische und (familien-) systemische Aspekte eingeht, nicht verdient. Seine mühsame Tätigkeit des Phantomnazijägers wird sicher nicht schlecht bezahlt. Dafür inszeniert er sie als Antifa-Agotprop und sich selbst als Künstler. Seine wie auch immer zustandegekommene Naziphobie hat tatsächlich etwas Pathologisches. Es…mehr wolf-peter camphausen / 09.12.2019

Den selbstgerechten Furor, mit dem Philip Ruch überall Nazis und ein neues Drittes Reich wittert, unbenommen: aber manche Dinge macht man einfach nicht. Die Shoa verbietet sich ganz einfach als “Spielfeld” für möglichst krasse Effekte. Im Reich der billigen Geschmacklosigkeiten ist auch so noch genug Platz. Jetzt sind die Stelen…mehr Severin Schönfelder / 09.12.2019

Fakt ist auch: Es hat nur zum Doktor gereicht. Mehr war realistischerweise nicht drin. Das schmerzt. Um nicht gänzlich in der Masse unterzugehen, sucht man sich dann eine Nische zum Auffallen. Das ist man sich und seinem Leben schon wert. Und so gelangt das Untere konsekutiv nach oben. Zurücklehnen und genießen!Anders Dairie / 09.12.2019

Ich bin mehr für Zahlen bzw. Statistik, ohne Erbsenzählerei:  Ein Jahr nach 1933 waren die NSDAP-Büros so voll von Aufnahmekandidaten, dass die Partei aufgab und die Schießung anordnete, was auch geschah.  Trotz Unterdrückung gegen Jedermann, auch die eigenen Genossen, wuchs die NSDAP-Mitgliederzahl bis zum Kriegsende auf rund 5 Millionen.  Dies…mehr Dieter Schilling / 09.12.2019

Wieso muß ich bei obigem Foto eigentlich unmittelbar an Norman Bates (Psycho) denken?Mathias Hartmann / 09.12.2019

Um Ruchs Verhalten zu erklären, sollte man auch den Einfluß des Kulturmarxismus berücksichtigen. Ruch ist gebildet und er handelt mit einer Gruppe, das heißt er wird von einem Milieu in seiner Einstellung bestärkt. Es gibt linke Kreise, in denen der Angriff auf die Psyche politischer Gegner ein akzeptiertes Mittel zum…mehr Dr. Phil Omanski / 09.12.2019

Herrn Rühl lässt sich nur beipflichten. Die NationalSOZIALISTEN waren und sind links.Alex Micham / 09.12.2019

Man kann da mehr Kontinuitäten sehen, als Dr. Ruch vielleicht wahrhaben will: Seine Vorfahren waren sich, wie er, ihrer Sache wirklich sehr, sehr sicher und wie er waren sie in der Wahl der Mittel nicht zimperlich. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, auch wenn er mal auf der anderen…mehr Sabine Lotus / 09.12.2019

@Matthias Braun: DIE Idee gefällt mir. Krönen könnte er das Ganze noch, indem er eine Banane draufklebt.

Quelle

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