Wer den Notstand erklärt, der ruft den Ausnahmezustand aus. Ein junger Prophet Jonas verkündet das Ende der „Demokratie, wie wir sie kannten“.

Wenn einer bereits zu Beginn seines Artikels schreibt: „natürlich“, und dann als nächstes „keine Ökodiktatur“ anfügt, dann schrillen bei mir alle Alarmglocken in dunkelrot. Denn zum einen ist „natürlich“ kaum etwas von all dem, was heute als „natürlich“ behauptet wird, tatsächlich natürlich. Zumindest dann, wenn es in seinem eigentlichen Wortsinn bedeuten soll, dass etwas von seiner Natur aus so sei, wie es nun beschrieben wird. Denn was dann zumeist folgt, ist alles andere als natürlich. Zumeist ist es nichts anderes als die dogmatische Position desjenigen, der dieses „natürlich“ missbraucht, um seiner persönlichen Auffassung damit eine vorgebliche Unanfechtbarkeit zuzuschreiben. Da ist es dann natürlich legitim in dem Sinne, dass es in der Natur des Dogmatikers liegt, seine persönliche Weltsicht mit dem Hauch des Unangreifbaren zu versehen.

ine andere und weitere, recht zweckmäßige Dimension des „natürlich“ ist die damit verbundene Assoziation, die jeden wohlstandsdekadenten Stadtbewohner sofort ergreift, sobald dieses Wort fällt. Er reagiert wie jener Hund, dem wir die Erkenntnis des Pawlowschen Reflexes zu verdanken haben: Natürlich = wie die Natur es will = paradiesische Zustände = ethisch und moralisch gut.

Der große Graben in der Gesellschaft Zweierlei Demokratie Etwas, das „natürlich“ ist, kann einfach nicht schlecht sein. Denn das wäre wider die Natur, die dann schlecht wäre, was wiederum widernatürlich wäre. So ist die Natur von Natur aus natürlich gut und strahlt die berühmte „natürliche Ruhe“ aus. Dahinter steht die seit der Wandervogelbewegung kultivierte Vorstellung, alles, was außerhalb der kultivierten Zonen unserer zivilisierten Menschheit bestehe, würde uns, den homo anaturalis, zurückführen zu den Wurzeln unserer ursprünglichen Existenz. Deshalb sogar pilgerten vor nicht allzu langer Zeit sogar derart viele Meinungsführer in die gefühlte Natürlichkeit der italienischen Toskana, dass eine komplette Politikergeneration als Toskana-Fraktion danach benannt wurde. Was die Pilgerer dabei übersahen: Es gibt kaum eine unnatürlichere Landschaft als eben jene Region, in der vor den Römern die Etrusker lebten. Denn Toskana ist Kulturlandschaft in Perfektion – und Kulturlandschaft unterscheidet sich maßgeblich dadurch von der Natur, dass dort sogar das, was vom Spätromantiker als Natur betrachtet wird, unnatürlich weil menschengeplant und menschengemacht ist.

Das psychoaktive Schlüsselwort des Manipulativen

„Natürlich“ als psychoaktives Schlüsselwort erfüllt gleichwohl perfekt gleich mehrere Aufgaben: Es gibt dem als natürlich deklarierten Sein nicht nur die Unangreifbarkeit des Selbstverständlichen, des Unvermeidbaren – es verpasst ihm auch das unanfechtbare Attribut des Guten. Wenn für eine Merkel sie selbst „natürlich alternativlos“ ist, dann ist das so, als hätte ein Gott das in die erste Zeile seiner Steintafel gemeißelt. Womit wir nun doch auf jenen anfangs angedeuteten Artikel zu sprechen kommen. Den verfasste ein gewisser Jonas Schaible, Jahrgang 1989 und damit noch ein wenig frisch, als Rädchen im Redaktionsnetzwerk auf die rechte linke Haltung geschliffen in der Kaderschmiede von Gruner+Jahr, Spiegel und Zeit, wie er in seiner Vita auf der Internet-Plattform „t-online“ des Großvermarkters Stroer vermerkt .

Jonas, die gräzisierte Variante des biblischen Jona, gilt seit ehedem als einer der kleinen Propheten, der in der ihm eigenen Naivität von seinem Gott den Auftrag erhält, in die damalige Weltmetropole Ninive zu gehen. Statt sich nun aber auf den Landweg zur assyrischen Hauptstadt, gelegen am Oberlauf des Tigris, zu begeben, verfügt er sich zur Hafenstadt Jaffa, um von dort aus eine Seereise ins ferne Tarsis anzutreten. Das vermuten Historiker im heutigen Spanien – also ziemlich weit entfernt vom Luxusleben der Metropole.

Die Flucht vor der aufgetragenen Verantwortung erbost seinen Auftraggeber, der den Flüchtling mit einem heftigen Mittelmeersturm zur Räson bringen will. Weil man schon damals für alles einen Schuldigen finden musste, losen die vom Untergang bedrohten Seeleute aus, wer die Verantwortung am misslichen Schicksal der nunmehr ohne NGO-Shuttle-Übernahmechance in Seenot geratenen Crew trägt. Jona zieht den Kürzeren und wird über Bord geworfen – der göttliche Zorn ist ob dieses Opfers befriedigt, der Sturm legt sich.

Verschluckt und wieder ausgespuckt

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