Die Idee vom guten Leben in der Familie: Wie arabische Clans funktionieren

Man gehört dazu, ob man will oder nicht. Von Firuze B

Das „Clan-Problem“ ist kein neues Phänomen, das zu lösen ist, sondern eine Lebensrealität und ein Lebensstil, die auf eine Kultur gründen. Aber zumindest kann man verstehen, wie diese Wirklichkeit für jene funktioniert, die dazu gehören.

Wenn in den Medien das Thema Clan-Kriminalität und deren Bekämpfung vorkommt, so erscheint es meist wie ein neues Problem. Es wird darüber berichtet und sich immer wieder empört. Dann wird so getan, als hätte man zu gegebener Zeit alles notwendige unternommen, um dieses „Problem” vorbeugend zu behandeln. Hin und wieder kommen dann auch seltsame Zahlen in den Nachrichten vor, die dem Leser eine Vorstellung über die Anzahl der „Clan-Mitglieder“ vorgaukeln. 

Aber in Wirklichkeit weiß niemand, wieviele Personen in so einem Clan „Mitglied“ sind. Denn das wissen nicht mal die sogenannten Mitglieder selbst. Auch der Begriff Mitglied ist völlig unzureichend, wenn nicht sogar falsch, da er suggeriert, Person X hätte sich in irgendeinem Club angemeldet oder ein Abo abgeschlossen, zahle einen Beitrag und genieße dadurch Vorteile. Aber so ist es natürlich nicht. 

Spätestens nach der Beerdigung von Nidal R., der in Berlin ( Neukölln) am 09.September 2018 erschossen wurde und nicht nur polizeibekannt war, sondern nahezu einen Prominentenstatus hatte, sollte es auch noch so gutgläubigen Lesern dämmern, dass jede veröffentlichte Zahl der „Mitglieder“ einfach nur irgendein Wert ist, um den Text obligatorisch mit Informationen anzureichern. Diese Beerdigung eignete sich allerdings gut dazu, einen kleinen Eindruck von etwas zu erhalten, über das man nur vage informiert wird aufgrund vager Kenntnisse. 

Gegen Tabus Heftige Diskussionen über die Täterherkunft Da es sich um einen Friedhof handelte, das heißt um einen klar abgegrenzten Bereich, und um eine Beerdigung, das heißt um ein geplantes Ereignis, konnte man gut eine präzisere Aussage treffen, statt vage Vermutungen anzustellen. Man konnte halbwegs genau nachzählen, wieviele Personen dieser Beerdigung beiwohnten und endlich eine Zahl präsentieren, die es in sich hat: Etwa 2.000 kamen zu Nidal R.s Beerdigung. Das gab die Friedhofsverwaltung von Berlin-Schöneberg bekannt. Die Berliner Zeitung berichtete zusätzlich, dass die Polizei unter ihnen 128 bekannte Kriminelle identifizieren konnte. 

Man muss auch bedenken, dass diejenigen, die der Beisetzung beiwohnten, die waren, die in der Nähe des Beisetzungsortes leben und sich ohne Bedenken in der Öffentlichkeit dort zeigen konnten und wollten. Dann gab es sicherlich einige Personen, die von außerhalb von Berlin anfuhren und ein paar von weiter weg. Bei einer „normalen Beerdigung“ wären da ungefähr zwischen 20 und 30 Personen anwesend gewesen. Je nach familiärer Situation versteht sich. Ich denke, kaum jemand, der schon Beerdigungen beiwohnte, tat dies mit so vielen anderen.

Bei jeder Beerdigung gibt es Bekannte des Verstorbenen, die nicht hingehen aus welchen Gründen auch immer. Bei dieser besonderen Klientel würde es nicht wundern, wenn die Mehrheit sich bedeckt hält und viele Personen auch im Ausland leben. Das heisst: Auch im Fall von Nidal R. ist meines Erachtens nach nicht die Mehrheit hingegangen, sondern nur eine „kleine repräsentative Minderheit“ von 2.000.

An der Zahl der Beerdigungsbesucher ist abzulesen, dass es sich um einen Clan handelt, dessen Kopf-Zahl und Ausbreitung weit über 2.000 Personen und weit über europäische Grenzen hinaus gehen. Wir haben es bei dem Thema „Clans“ mit einem sehr sehr alten Thema zu tun. Eine Gemeinschaft von 2.000 Trauergästen entsteht nicht von heute auf morgen, sondern entwickelt sich über sehr lange Zeiträume. 

Wie lange ich persönlich dieses Thema schon im Kopf habe, möchte ich mit einem kleinen persönlichen Erfahrungsbericht verdeutlichen. Das erste Mal in meinem Leben kam ich mit „Clan-Mitgliedern“ in Berührung, da kostete der Liter Diesel noch 92 Cent. Wir fanden es extrem teuer vor unserer Fahrt ins 600 Kilometer entfernte Berlin. 

Merkel und die Fachkräfte Zuwanderungsgipfel: Acht Punkte für eine bessere Fachkräfte-Politik Wir besuchten mit Freunden ihre Familien. Diese lebten damals unter anderem in Kreuzberg und verteilt in Berlin. Meine Freunde sind arabischstämmig und somit selbst Teil eines Clans gewesen, ohne sich selbst je als ein Mitglied zu betrachten oder es selbst so auszudrücken. Im Gegenteil: Sie waren oft selbst erstaunt darüber, wieviele Personen zu ihrer Familie gehörten, die sie nicht kannten. Allein durch das Anheiraten und die neugeborenen Kinder vergrößert sich die nahezu anonyme Familie stetig. Es war und ist auch nicht notwendig, alle zu kennen. Letztendlich geht es um den Namen, die Vernetzungen und das Bewusstsein davon, dass vermutlich an jedem Ort (in Deutschland) eine Art familiäre Zuflucht ist, die helfen wird, weil sie helfen muss. Denn Blut ist dicker als Wasser.

Es geht hier um ganz normale Familien und keine Gangster wie aus „4 Blocks“ oder sonstigen Filmen und Mafia-Klischees. Normale Familien mit Kindern und normalem Alltag, die samstags mit dem Kombi zum Einkaufen fahren.

Man könnte sagen, es gibt aktive und inaktive Angehörige. Die besonders aktiven Angehörigen genießen besonderes Ansehen in den hierarchisch organisierten Familien. Jedoch heißt das nicht, dass man sie auch als solche kennt. Man kennt immer nur diejenigen, die auch Wert darauf legen, dass man sie kennt, oder lernt sie erst dann kennen, wenn es nötig wird. Ob es nötig wird, entscheidet auch wieder jemand anderer, der es besser weiß.

Das können in Berlin 100 Leute sein. In Bad Kreuznach vielleicht drei. Es ist ganz und gar nichts organisiert, denn jeder hat seine eigenen individuellen „Aufgaben“, denen er in seinem Wirkungskreis nachgeht oder eben auch nicht. Das heißt, es gibt eine Menge Personen, die selbst viel Entscheidungsmacht haben und Strippen ziehen, die man aber trotzdem nicht kennt. Und die, von denen man meint, sie seien dicke Fische, hält man oft nur dafür, weil sie es gerne wären. Letztendlich sind diejenigen, die wirklich etwas zu sagen haben, ein ganzes Kollektiv, dessen Kopf auch der Fuß sein könnte.

Die klischeehaften Gangster sind „nur“ der „militante Arm“ der Großfamilien für die eher harten oder dreckigen Angelegenheiten. Es handelt sich um eine Art Untergrund-Polizei, die für „Recht und Ordnung“ in ihrem Sinne sorgt. Für Schutz, Zuflucht und Gelder, die innerhalb der Familien benötigt werden – wofür auch immer. Irgendeiner braucht immer was.

Wenn man also dieses sogenannte Problem angehen will, müsste man zunächst politisch korrekt von „Abrüstung“ sprechen, anstatt von Zerschlagen, und den Begriff „Problemlösung“ am besten ganz meiden. Denn sonst würde dieses Vorgehen in all seiner Konsequenz, die notwendig wäre, nur an menschenverachtende dunkle Zeiten erinnern.

Diese Militanten sind am sichtbarsten für die „deutsche Gesellschaft“, weil sie es auch sein wollen. Sichtbare Präsenz ist eine ihrer Hauptaufgaben gegen Feinde von außen. Das können anderen Clans sein oder andere Mafia-artige Strukturen, die sie nicht in ihr Revier lassen, aber natürlich auch der Staat.

Andere, die Mehrheit, leben in Parallelgesellschaften, die teilweise besser organisiert sind und funktionieren als die deutsche Gesellschaft, da sich die meisten in diesen Parallelgesellschaften wesentlich einiger sind in ihren geteilten und gelebten Werten. Ganz gleich, welche Werte das auch sein mögen und was man selbst davon hält, die Mehrheit akzeptiert und tradiert sie. Die Minderheiten innerhalb dieser Kollektive zählen nicht. Solange die Mehrheit mitmacht, ist es Gesetz.

Viele leben ganz normal mitten in Berlin oder irgendwo in Deutschland, studieren, arbeiten oder tun sonstiges. Aber viele sind auch kriminell. Und diese Kriminellen legen durchaus Wert darauf, als solche auch aufzufallen gegenüber den vielen, die es nicht sind.

Die Gesetze des Staates zu missachten, kann auch als Zeichen der Loyalität seinem Clan gegenüber interpretiert werden. Es zeigt, dass man nur einer einzigen Gesetzgebung untertan ist und nur sie befolgt, ohne jegliche Furcht vor Konsequenzen. Darum kommt es oft vor, dass junge Kerle „erhobenen Hauptes“ und ohne Reue in den Knast gehen und so auch wieder raus kommen. Das gilt quasi als letzter Beweis für die eigene Loyalität und integren Kern.

Ob kriminell oder nicht, wer dazu gehört, profitiert vom Namen und dem Ruf der Familie. Ein: „Du kommst hier nicht rein!“ an den Club-Türen gibt es für viele von diesen Personen nicht. Den eigenen Namen fallen zu lassen, reicht manchmal völlig aus, um sich Türen öffnen zu lassen. Anderen dagegen bleiben diese aus Prinzip verschlossen. Das gilt auch für Trittbrettfahrer, die das familiäre Wirrwarr, das die Polizei einfach „zerschlagen“ möchte, ausnutzen und sich als bester Freund des Cousins der Tante aus Dortmund ausgeben. Das kommt oft vor. Erweist sich solch eine Aussage als Lüge, und das geht schneller als man denkt, hat man sich bis aufs Mark blamiert.

Es ist und bleibt immer ein heikles Unterfangen, einem „Clan-Mitglied“ quer zu kommen, vor allem, wenn man nicht weiß, wer eines ist. Über solche Szenen liest man öfter. Sie tragen sich gehäuft in Shishabars oder vor Discotheken zu. Es könnte aber auch eine Bäckereiverkäuferin sein, eine Kindergärtnerin, ein kleiner Möchtegerngangster oder ein Taxifahrer, Türsteher, eine Bankerin oder ein Streuner. Oder auch eine Mutter auf dem Spielplatz. Es sind ganz und gar nicht nur diese Bushidotypen.

Friedliche Weihnacht? Weihnachtsmärkte: Die Angst vor Terroranschlägen wächst Es gibt auch viele Angehörige dieser Strukturen, die selbst nicht viel von dem ganzen halten. Aber Ende des Tages gehen auch sie aus Respekt und teilweise aus Zwang oder Angst zu solchen Beerdigungs-„Events“. Denn es ist wichtig, Loyalität und Respekt zu zeigen oder besser gesagt: zur Schau zu stellen. Ganz wichtig ist es, diesen im Kollektiv nach außen zu präsentieren wie eben auf der Beerdigung. Das ist wichtig und notwendig, da man selbst nie weiß, was einem geschieht und ob man irgendwann mal Hilfe brauchen könnte, die man durch solche Auftritte zumindest sichern kann, ohne selbst „aktives Mitglied“ sein zu müssen.

Es geht also für die „passiven“ Mitglieder, die einfach aufgrund ihrer Geburt oder einer Hochzeit in sowas hineinrutschten und eigentlich auch keine andere Wahl hatten, quasi um eine soziale Absicherung. Innerhalb der Familien weiß man, dass es solche Mitglieder gibt. Und man behandelt sie auch als inaktive. Man lässt sie aus vielem raus. Involviert sie nicht in Geheimnisse.

Aber jedes inaktive Mitglied ist auch ein potenzielles aktives Mitglied. Wenn es darum geht, dass jemand Hilfe braucht, hilft am Ende auch die 90-jährige Großmutter in Buxtehude dem kriminell gewordenen Cousin ihres Enkels in Berlin, indem sie ihn aufnimmt für ein paar Wochen oder sogar ganz zu sich ziehen lässt, weil er gesucht wird oder gefährdet ist abzurutschen. So begleitet auch der 14-jährige angehende Gangster seine kleine Cousine zur Schule, um zu demonstrieren, zu wem sie gehört. Das ist Prophylaxe. Denn es gehört sich zu helfen, am besten schon, bevor etwas passieren könnte. Es ist eine moralische Pflicht. Selbst wenn man es nicht für die Familie tut, so gibt es noch den religiösen Unterbau, der diese Leute auffängt. Man tut Gutes vor den Augen Gottes. Denn es gibt nun mal Dinge, die sich einfach so gehören.

Dies war auch damals so bei unserem Berlin-Trip. Meine Freunde mussten, weil es sich so gehört, alle ihre Verwandten besuchen. Das waren etliche. Erfuhr der eine Onkel oder die Tante, dass wir da waren, erwartete man (selbstverständlich unausgesprochen), dass man sie auch besucht. Und so ging eine Kettenreaktion los, die keine Sightseeing-Tour von Berlin hätte bieten können – in Kombination mit Respekt-Punkte sammeln. Die Besuche wurden Pflicht, da es auch um den Namen des Vaters und der Mutter ging, den man nicht beschmutzen lassen will und auch nicht sollte. Man würde sonst Gefahr laufen, als „respektlos“ gebrandmarkt zu werden, wenn man bestimmte Personen nicht besucht hätte. Dies würde sich wiederum auf die Eltern auswirken. So banal das klingen mag: Dadurch können auf Dauer größere Streitereien innerhalb der Familien entstehen. Im Grunde ist man dann unterwegs wie ein Gesandter seiner Eltern, um Respekt zu zollen. Alles unausgesprochen. Solche Dinge gehören sich einfach.

Unausgesprochen bleibt sehr vieles in solchen Strukturen, da vieles auch einem Test ähnelt. Es wird oft zum Beispiel getestet, ob jemand weiß, was sich „so gehört“ und was nicht. Ob man loyal, respektvoll, ehrlich, enthaltsam, ehrenhaft, gottgläubig ist. Erweist man Respekt, wird einem dieser irgendwann wieder zurückgegeben. So die Regeln. Aber Respekt muss man sich vor allem in solchen Strukturen oft hart erarbeiten, wenn man ihn denn unbedingt will.

Mit diesem Respekt geht vieles Positive einher sowie auch Verantwortung, auf die man dann stolz sein kann. Hat jemand viel Verantwortung oder wird zum Beispiel oft zu Rate gezogen, zeugt dies von einem hohen Rang und mehr Entscheidungsmacht. Das können wiederum sehr viele Personen sein, die nichts im geringsten mit Kriminalität zu tun haben. Sie denken über Probleme nach. Wer die Lösung herbeiführt und vor allem wie, unterliegt nicht ihren Vorstellungen. Einer wird sich schon kümmern. 

Besteht man diese subtilenTests immer und immer wieder, erweist man sich als würdiger Teil dieser Familienstrukturen, dann bekommt man mit der Zeit Ansehen und dann vor allem liegt man in der Gunst der Familie und bekommt Schutz. Sei es finanzieller oder „krimineller“ Schutz oder einfach Unterstützung auf Lebzeiten für sich und seine Familie. Ich rede hier übrigens hauptsächlich von Männern. Bei Frauen ist es zwar ähnlich, aber dennoch anders. Darüber würde es sich lohnen, einen eigenen Artikel zu verfassen.

Es ist wie ein Investment, dessen Währung nicht Geld, sondern Lebenszeit ist, die man für den Erhalt dieser Strukturen und Loyalität bezahlt. Jeder ein bisschen und am besten viele. Ähnlich wie Steuern – nur dass sich das Bezahlen anscheinend eher lohnt. 

Diesen „gesicherten“ Platz in der Familie zu bekommen, ist zwar nicht einfach zu erreichen, aber doch möglich für alle Personen, die ihre Loyalität unter Beweis stellen. Wer hilft, dem wird geholfen. Auch guten Freunden von Freunden. So das Selbstverständnis. Aber allen voran sind Familienmitglieder ersten Grades, also Blutsverwandte, „privilegiert“ – ob sie wollen oder nicht. Aber es gibt genügend Möglichkeiten auch für Personen aus anderen Familien oder sogar Ethnien, einen Platz an der Sonne des Clans zu erlangen. 

Wichtig ist nur zu wissen: Das alle Personen, die Muslime sind, als eine Art Familie ersten Grades betrachtet werden, sobald sich Menschen aus anderen Religionen und Ethnien mit einreihen. 

Wenn diese ihre eigene Herkunft und Religion verschmähen und verraten und sich der neuen Familie hingeben, gelten sie als würdig, um sich in ihren Strukturen „hochzuarbeiten“. Das Ansehen, was man zum Beispiel als Deutscher in solchen Familien bekommen kann, ist immens.

Pierre Vogel zum Beispiel. Er ist ein islamischer Hardliner. Er musste es im Prinzip auch sein, da er nach Ansehen strebte und zwar so sehr, dass sogar „gebürtige Muslime“ ihn für „zu krass“ empfinden. Denn Konvertiten gibt es unzählige, aber keinen, der dies so extrem in der Öffentlichkeit preisgab. Erst dieser Moment bescherte ihm Einlass in diese Kreise, in denen er heute was zu sagen hat. Dass er arabisch fließend und bestimmt auch teilweise besser als manch arabischstämmiger spricht, ist nicht nur ein weiterer „Respektpunkt“ für ihn, sondern notwendig für seinen Status.

Denn dieser war zu Beginn zwar immer auf wackeligem Fundament, aber dafür größer als der eines „echten Muslimen“. Da „der Deutsche“ sich viel mehr beweisen und erkämpfen musste, wird ihm die hohe Position, die er erreicht hat, noch höher angerechnet als einem „echten Muslim“.

Das gilt auch jenseits der Religion in den Clans: Wer mehr kämpft und gibt, bekommt auch mehr. Aber der harte Kern ist und bleibt der Stammesvater – unangefochten.

Fällt ein Fremder in Ungnade, ist der Sturz natürlich tiefer als der eines „echten“ Familienmitglieds. Denn Verrat an der eigenen Sippe ist fast überall und kulturübergreifend ein unverzeihliches Vergehen. Ein „echtes Mitglied“ wird im harmlosesten Fall nur intern stigmatisiert. Man schämt sich für ihn beziehungsweise dafür, dass man mit solch einem Menschen verwandt ist. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird man die Person, vor allem wenn es ein Mann ist, mit einem schlechten Ruf beschmutzen und somit auch dessen Frau und gegebenenfalls auch dessen Kinder. Das kann sich für die Kinder bis auf den Schulhof erstrecken. Die Möglichkeit, in diese Familie hinein zu heiraten und sie zu vergrößern, wird durch deren schlechten Ruf verhindert. Man muss sich klarmachen, wie groß die Macht des Clans ist: Es geht tatsächlich auch um die Frage, wer sich fortpflanzen kann. Ist der Verrat zu groß, kann auch der Tod die Folge sein. 

Bei nicht allzu schlimmen Vergehen hat es dennoch geringfügige Vorteile, blutsverwandt zu sein. Man rutscht „nur“ auf die untersten Ränge. Wird von außenstehenden Personen diesem stigmatisiertem Mitglied „Unrecht“ getan, so wird man ihr im Namen der Familienehre trotzdem noch helfen. Jedoch nicht mehr als das. Er bleibt nur noch immun gegen Außenstehende. Es ist wie eine Art letzte Pflicht, die man nicht ihm erweist, sondern um der eigenen Ehre Willen und im Namen der Familie. Das Kollektiv hat oberste Priorität und jede Schwachstelle wird entweder verteidigt, beschützt oder selbst zerstört.

Aber all das wurde nie explizit organisiert oder abgesprochen, sondern „es gehört sich einfach so“.

Ich könnte noch viele weitere Mechanismen und Strukturen aufzählen und erläutern, aber es würde den Rahmen sprengen. Außerdem wäre jede Erklärung doch unzureichend, denn es ist alles weitaus vernetzter, spontaner und auch komplizierter, als ich es wahrnehmen und erklären könnte. Worauf ich hinaus möchte, ist eigentlich nur eines: 

Dieses „Clan-Problem“ ist in Wirklichkeit kein Problem, sondern eine schlichte Lebensrealität. Es ist ganz einfach ein Lebensstil, der auf einem Selbstverständnis beruht, welches wiederum auf eine Lebenskultur gründet. Das lässt sich nicht einfach„lösen“. 

Cui bono? Angela Merkel an Welt: Menschen dringend gesucht, die nach Deutschland wollen Schon gar nicht kann das die Polizei, denn sie wird sicher nicht in der Lage sein, diese Strukturen zu „zerschlagen“, wie es immer so schön heißt. Denn man kann solche Strukturen nicht zerstören, da sie erstens im Kern auf biologischer Verwandtschaft beruhen, zweitens auf religiösen Werten. Die zugrundeliegende Religion kann man auch nicht „zerschlagen“. Drittens beruhen diese Strukturen auf einer gemeinsamen Ideologie, die letztendlich zu gemeinsamem Lebensstil und gemeinsamer Kultur führt.

Ideen kann man, sobald sie erst mal da sind, nie wieder rückgängig machen. Es ist die Idee des glücklichen Lebens – MIT der Familie, ohne Sorgen, in der man sich umeinander kümmert. 

Der Preis ist kein niedriger, aber er wird bezahlt von vielen, und viele sind bereit ihn zu zahlen, wie man auf der Beerdigung von Vidal R. sehen konnte. 

Denn es war keine „einfache“ Beerdigung, sondern auch eine Demonstration für etwas anderes. Dort standen auch 1.978 Personen, die als offiziell unbescholtene Bürger gelten und mit Ihrer Präsenz für einen Lebensstil und dessen Strukturen samt seiner kriminellen und gewaltsamen Aspekte öffentlich einstanden auf der Beerdigung eines bekannten Kriminellen, der gefeiert wurde wie ein gefallener Soldat. Genau das war er nämlich für seine Kreise.  

Eine Menge stellte unter Beweis, dass sie den Strukturen des Clans, zumindest öffentlich, mit Respekt begegnet. Eine Masse an Personen, die bekunden, dass auch sie an die Idee von einem „Platz an der Sonne“ mit der Familie glauben. Und daran glauben, dass dieser Platz in der deutschen Gesellschaft nicht existiert. 

Es bleiben Fragen offen: Wer ist der „Sonnenkönig“, für den Nidal R. gelebt und gekämpft hat? Und wie viele gibt es? Wie lange ist es her, dass der Liter Diesel 92 Cent gekostet hat? Und wann versteht dieser Staat, dass es sich nicht um entgleiste Mitglieder handelt mit einem Club-Ausweis?

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