Kriminalitäts-Berichterstattung: Achtung, Mann!

Bild von Peter H auf Pixabay

>Einer der am meisten gesuchten Verbrecher ist ja der bekannte „Einmann“ – er ist fast an jedem Gewaltverbrechen beteiligt- aber seiner Habhaft werden – das klappt nicht!< (L.J. Finger – 27012020)

Von Helmut Berschin


In Medienberichten über Kriminalfälle wimmelt es sprachlich von „Männern“, ohne zusätzliche Angabe außer dem Alter. Ursache für diese Reduktion des Täterprofils auf Geschlecht + Alter ist in der Regel nicht fehlende Information, sondern ein bewusster Informationsverzicht

Der erste Satz muss sitzen – wer beruflich schreibt, kennt diese Regel. Und so folgt in der Süddeutschen Zeitung (17.1.2020) auf die Schlagzeile „Mörder für Schwester gesucht“ im Untertitel der Satz: „Ein Mann steht vor Gericht, weil er offenbar am Nürnberger Hauptbahnhof einen Auftrag vergeben wollte.“

Ein Mann

„Ein Mann“ – das bedeutet eine männliche erwachsene Person und zunächst weiter nichts. Die Leser erfahren dann das Alter des Mannes: 24 Jahre. Diese genaue Altersangabe lässt darauf schließen, dass der Verfasser mehr über den „Mann“ berichten könnte. Tut er aber nicht: Der „Mann“ wird sprachlich zum „24-Jährigen“, der am Nürnberger Hauptbahnhof „einen ihm unbekannten Mann“ anspricht, „und zwar mit der Frage, was ihm wohl ein Auftragsmord kosten würde“.

Nun sind es zwei „Männer“, die sich aber über den Preis für den Mord nicht einigen können, weshalb der erste Mann „einen weiteren Mann damit beauftragen wollte“. Drei „Männer“ also? Nein; denn die beiden ersten werden sich doch noch einig, und dann hat „der 24-Jährige den Mann am Hauptbahnhof erneut aufgesucht“ und „dem Mann ein Foto der Schwester gezeigt und die Adresse verraten“.

Wer sind die beiden „Männer“? Eine Nebenbemerkung kann die SZ-Leser auf die richtige Spur führen: Der erste Mann hat den zweiten am Nürnberger Hauptbahnhof „auf Arabisch angesprochen“.

Ein einfacher junger Mensch

Muss eine Zeitung die Information über die Hauptperson(en) eines Kriminalfalles so reduzieren und verrätseln? Sprachlich nicht und literarisch auch nicht: Thomas Mann beginnt seinen Roman Der Zauberberg (1924) mit dem Satz:

„Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos-Platz im Graubündischen.“

Fünfzehn Wörter – genau so viele wie im Eingangssatz des Zeitungsartikels – , nach denen aber der Leser weiß, dass die Hauptperson nicht nur ein männlicher Erwachsener ist, sondern außerdem jung, Hamburger und kein Intellektueller.

„Mensch“ statt „Mann“?

Der „Mann“ im SZ-Artikel steht für eine Tendenz in den „Leitmedien“, Täter oder Tatverdächtige möglichst allgemein zu benennen. Es gibt weltweit drei Milliarden „Männer“, nur die Bezeichnung „Menschen“ wäre noch abstrakter. Aber bringen die vielen negativen Nachrichten über „Männer“ diese große Menschengruppe nicht in Misskredit? Wer – wie der Deutsche Presserat –die Nennung der Hautfarbe oder Nationalität bei Tätern als möglicherweise „diskriminierende Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens“ anprangert, müsste eigentlich auch die Nennung des Geschlechts ablehnen. Sprachlich wäre diese maximale Verallgemeinerung im Deutschen kein Problem: Ein Untertitel wie „Ein Mann will sich gegen seine Abschiebung wehren und geht auf Beamte los“ (SZ 25.10.2019: Messerangriff auf Polizisten) würde dann lauten: „Ein Mensch will sich gegen seine Abschiebung wehren“. Dass dieser „Mann“ oder „Mensch“ kein Deutscher ist, ergibt sich allerdings aus der Situation der Abschiebung. Man könnte also gleich informativ formulieren: „Ein Nigerianer wehrt sich (mit Messer) gegen seine Abschiebung“ – aber das wäre wegen der Nennung der Nationalität eine „problematische Formulierung“ und politisch nicht korrekt.

„Deutscher“ statt „Mann“

Die Nichtnennung der Nationalität gilt nicht für deutsche Täter, wenn das Opfer Ausländer ist; „Ein Deutscher hat in Hessen einen Eritreer niedergeschossen – und sich selbst getötet“, titelte die SZ (24.7.2019). Einige Tage später schubste ein „Mann“ im Frankfurter Hauptbahnhof eine (deutsche) Mutter und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden ICE, wobei das Kind zu Tode kam. Daran entzündete sich eine öffentliche Debatte (vgl. TE 30. Juli 2019), ob man die (ausländische) Nationalität des Mannes nennen dürfe: „Das Nennen bestimmter Nationalitäten kann Vorurteile und Klischees befeuern“, meinte T-Online, und die Frankfurter Rundschau erläuterte: „Gewalt gibt es, weil es Arschlöcher gibt und nicht Ausländer“.

Unter Männern

Sind Täter und Opfer Ausländer, dann bleibt es für die Medien ein Fall „unter Männern“. So bei einer „Bluttat vor dem Supermarkt“, die der Münchner Merkur (4.10.2019) so zusammenfasste:

„Im niederbayerischen Abensberg wird ein 34-jähriger Mann auf dem Parkplatz eines Supermarkts erschossen. Kurz darauf und ganz in der Nähe wird ein weiterer Mann an- geschossen.“

Die Polizei nimmt zwei „Männer“ als Tatverdächtige fest, die – wie die beiden Opfer – „vom Westbalkan stammen“.

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In Wörterbüchern der deutschen Sprache ist der Eintrag „Mann“ ziemlich umfangreich, und dies aus zwei Gründen: Erstens kommt das Wort in vielen festen Wendungen vor (Manns genug sein, sie steht ihren Mann, selbst ist der Mann); zweitens wird es wegen seiner sehr allgemeinen Bedeutung gerne mit typisierenden Adjektiven verbunden: nach Alter (ein junger, älterer M,), äußerer Erscheinung (ein großer, blonder, kräftiger M.), Familienstand (ein verheirateter M.), geistigen Fähigkeiten (ein kluger M.), Umgangsqualitäten (ein interessanter, langweiliger M.) usw. „Mann“ allein sagt also wenig, und für jemand, der informieren oder informiert werden will, zu wenig.

Quelle

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