Uwe Tellkamp und sein neuer Roman: Rätselraten um Erscheinungstermin

Von Alexander Wendt

Suhrkamp, heißt es, lehnt den neuen Roman von Uwe Tellkamp aus politischen Gründen ab. Das stimmt so nicht. In Wirklichkeit ist alles noch offen. Die Peinlichkeiten gehen weiter.

Uwe Tellkamps große Dresden-Dichtung war schon ein literarisches Ereignis, bevor sein Roman „Der Turm“ 2008 erschien. Mit seinem Text „Der Schlaf in den Uhren“, der in seiner Heimatstadt spielt, hatte der Schriftsteller 2004 den Bachmann-Preis in Klagenfurt gewonnen; den „Turm“, ein Familienroman und Dresden-Panorama der späten DDR-Zeit, lasen Hunderttausende als literarische Deutung eines historischen Umbruchs. Schon vor etlichen Jahren kündigte Tellkamp eine Fortsetzung des Romans an.

Am Wochenende meldete Richard Kämmerlings in der Welt am Sonntag, dieser Nachfolge-Band unter dem Titel „Lava“ werde nicht wie vorgesehen im Herbst 2020 bei Suhrkamp erscheinen – und zwar aus verlagspolitischen beziehungsweise politischen Gründen. Seit er sich kritisch zu Merkels Migrationspolitik äußerte und die „Erklärung 2018“ unterschrieb, weisen viele Medien dem Dresdner Autor eine Position am sogenannten rechten Rand zu. Dazu passt auch, dass der Verein des Dresdner Lingner-Schlosses Anfang Januar 2020 eine schon geplante Lesung aus dem unveröffentlichten Buch sechs Tage vorher absagte – mit der Begründung, die von der Zeitschrift TUMULT organisierte Veranstaltung hätte die „Neutralität“ des Vereins gefährdet. Der Mitteldeutsche Rundfunk raunte in einem bundespräsidialen Duktus, die vorgesehene (und dann verhinderte) TUMULT-Veranstaltungsreihe hätte sich „am Rand“ eines nicht näher beschriebenen „humanistischen Konsens“ bewegt. Mit Sicherheit unterscheidet sich Tellkamp mit seiner Sicht von großen Teilen des intellektuellen Juste Milieu in Deutschland.

Jetzt also, so suggeriert die Welt am Sonntag, soll auch das Urteil des Verlags über den Turm II feststehen. „Verzweifelt und ratlos“ sei Suhrkamp, „wie mit dem Buch grundsätzlich umzugehen ist“, schreibt Kämmerlings in der WamS. Und fragt, mit Blick auf den Roman wie auf den Autor: „Will Suhrkamp ihn noch?“
Eine Absage gleich des gesamten Romanprojekts würde angesichts der Vorgeschichte in die Kulturkampf-Szenerie passen. Trotzdem stimmt die WamS-Geschichte in wichtigen Teilen nicht. Mit Tellkamp hatte der WamS-Autor nicht gesprochen.

Tatsächlich wird „Lava“ in diesem Jahr bei Suhrkamp nicht herauskommen. Allerdings bedeutet das nicht – bisher jedenfalls – der Verlag hätte den Roman abgelehnt. Verlagssprecherin Tanja Postpischil antwortet auf entsprechende Anfragen im Einvernehmen mit Uwe Tellkamp: „Das Manuskript ist noch nicht ganz fertig und auch noch nicht lektoriert. Deshalb haben wir in Absprache mit Uwe Tellkamp einen Erscheinungstermin im Frühjahr 2021 avisiert.“

Der Dresdner Autor sieht die Entscheidung des Verlags, die Veröffentlichung zu verschieben, nicht als Affront. Bei einem Roman, an dem der Autor zehn Jahre lang gearbeitet hat, käme es auf ein halbes Jahr mehr bis zur Premiere auch kaum an.
Das heißt andererseits auch nicht, dass mit „Lava“ zwangsläufig alles reibungslos weitergehen muss. Zweimal hatte Tellkamp bisher Auszüge aus dem neuen Text öffentlich gelesen. Da der neue Roman nicht mehr in einem untergegangenen Staat spielt, sondern in der Bundesrepublik – beziehungsweise über einige Strecken in dem fiktiven Stadtstaat Treva – begibt er sich mitten in die Auseinandersetzung zwischen offiziöser Hochmoral der Eliten und der Skepsis vieler Bürger. Die Migrationspolitik spielt in dem Roman eine wichtige Rolle. Tellkamps literarische Analyse, die viele Kritiker am „Turm“ von 2008 lobten, könnten sie in „Lava“ möglicherweise verwerflich finden.

Denn der Roman, egal, welche endgültige Form er bekommt und wann er erscheint, handelt von einer Gegenwart, in der schon angekündigte Lesungen und unveröffentlichte Texte zu hochnervösen Reaktionen führen.

Quelle

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