Von Erdogans verzweifeltem Versuch, sich ein Stück Syrien herauszuschneiden

Von Tomas Spahn

An der absehbaren Niederlage der Türkei in Syrien, in dem Erdogan möglicherweise demnächst darum betteln muss, seine eingeschlossenen Soldaten unversehrt heim ins kleinosmanische Reich holen zu dürfen, wird auch das Einstellen der türkischen Libyen-Invasion nichts ändern.

Belastet ist das Verhältnis zwischen anatolischen Osmanen und syrischen Arabern schon länger. Spätestens, als die französische Mandatsmacht 1939 der Annektion des ursprünglich syrischen Hatay um die im Jahr 300 vc von den Griechen gegründete Stadt Antiochia durch die Türkei zustimmte, ist das Verhältnis zwischen den beiden nahöstlichen Staaten problematisch. Auf einen vorläufigen Höhepunkt gelangten die gegenseitigen Nicht-Beziehungen, als im Zuge der inneren Konflikte Syriens der nationalislamische Muslimbruder Erdogan den alavitisch-säkularen Assad vom Präsidentenstuhl kippen wollte und sich dafür radikal-islamischer Banden bediente, die in der Türkei medizinisch und militärisch versorgt wurden.

Erdogan, der von einem großen, neo-osmanischen Reich träumt, das von der Nordsee bis an den Persischen Golf und von der Krim bis an das Rote Meer reicht, sah in den Zermürbungskriegen der Kriegsparteien in seinem südlichen Nachbarland eine ideale Chance, erste Beute einzuheimsen. Deshalb überfiel er im Januar 2018 die bis dahin friedliche Kurdenprovinz Afrin, deren Bewohner von islamischen Mordbrennern geplündert und vertrieben wurden, und marschierte – wiederum völkerrechtswidrig – im Oktober desselben Jahres in die zu diesem Zeitpunkt von Islamterroristen der Haiat Tahrir a’Sham besetzte Syrienprovinz Idlib ein.

So, wie er 2019 unter Bruch des Völkerrechts die Gebiete der syrischen Kurdenprovinzen überfiel, um sich diese Regionen klammheimlich schnittchenweise einzugemeinden, diente bereits zuvor der Einmarsch in die von Islamterroristen gehaltenen Syrienprovinzen an der Grenze zu Hatay dem Ziel, im Zuge einer irgendwann anstehenden Friedensverhandlung – vergleichbar dem Westfälischen Frieden 1648 – als Lohn für die Intervention ein paar Stücke aus dem zerfallenden Kuchen Syrien herausschneiden zu können.

Eine Kette von Stützpunkten sollte den Anspruch sichern

Um seinen Anspruch zu unterstreichen, richtete er entlang der damaligen Gefechtslinie zwischen Assad-treuen Einheiten und den Islamterroristen als Beobachtungsposten getarnte Militärstützpunkte ein. Sie und ein Abkommen mit dem russischen Präsidenten Putin, der Assad aktiv bei der Wiederherstellung seiner staatlichen Souveränität unterstützt, sollten sicherstellen, dass die Demarkationslinie zwischen türkischen Verbänden nebst angegliederten Islamterroristen auf der einen und syrischen Einheiten nebst russischer Aktivhilfe auf der anderen Seite bis auf weiteres manifestiert wird. Erdogan setzte auf Zeit, erwartete, dass die russosyrische Front mit einem stillhaltenden Stellungskrieg an der Demarkationslinie zufrieden wäre. Darüber hinaus setzte er darauf, dass insbesondere die Bundesrepublik ihren Einfluss in welche Richtung auch immer geltend machen würde, um einen weiteren Vormarsch der Assad-Armee zu verhindern, indem er mit weiteren „Flüchtlings“strömen drohte, die sich unweigerlich quer durch Anatolien und Südosteuropa nach Deutschland in Bewegung setzen würden, sollte Idlib von Assad übernommen werden.

Doch Erdogan hat seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. Schon in den vergangenen Monaten hielten sich die Assad-Truppen nicht an das Stillhalteabkommen, setzten mit massiver russischer Luftunterstützung ihren Vormarsch im Süden der Idlib-Provinz fort. Die türkischen Stützpunkte in den von Assad zurückeroberten Gebieten wurden dabei militärisch ignoriert. Soll heißen: Es gab sie noch als türkische Kleinstfestungen, aber sie befanden sich nun plötzlich ohne Landweg in die Heimat wie einst die Kreuzfahrerburgen umringt von Feinden. Als erstes traf es den Stützpunkt bei Murak nördlich von Hama an der wichtigen Schnellstraße M5, dann den davon nordwestlich gelegenen Stützpunkt bei Surman, bislang zuletzt den nach Einkesselung Muraks im Eiltempo errichteten Stützpunkt bei Maar Hitat – ebenfalls an der M5 gelegen.

Forcierte Angriffe gegen die Rebellenprovinz

Hatte Erdogan schon seit geraumer Zeit das Problem, dass seine aktuell 17 Stützpunkte in der offiziell nicht türkisch besetzten Idlib-Provinz zunehmend näher an die Kampflinie rückten, scheinen Assad und die Russen seit einigen Tagen nun den Kampf um Syrien beschleunigt zu einem Ende bringen zu wollen.

Westlich der syrischen Metropole Aleppo intensivierten die vereinigten syro-russischen Kampfeinheiten in den vergangenen Tagen ihre Angriffe ebenso wie im Südosten der Idlib-Provinz. Folge: Seit Montag ist nun auch der türkische Stützpunkt bei Rashidin eine Enklave in Feindesland. Drei weitere Stützpunkte bei Saraquib, dort, wo keine 20 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt Idlib von der aus Aleppo kommenden M5 die nach Latakia führende M4 abzweigt, stehen ebenso kurz vor der Einkreisung wie ein Stützpunkt bei Tell Tuqan.

Erste Waffengänge zwischen Syrern und Türken

In dieser Situation konnte es nicht ausbleiben, dass es zu ersten Waffengängen zwischen Türken und Assad-Syrern gekommen ist. Acht türkische Soldaten kamen dabei bislang zu Tode – für Erdogan Anlass, weitere mindestens 40 Panzerfahrzeuge, Geschütze, Mannschaften sowie Raketenwerfer nach Syrien zu verlegen. Am frühen Abend des Dienstag kam es daraufhin erneut zu massivem Feuer aus syrischen wie türkischen Artillerieverbänden rund um die Stadt Saraqib, wobei die Türken offenbar nicht nur bei Saraqib gezielt syrische Einheiten unter Beschuss nehmen.

Während in der Nordwestprovinz die Syrer von Süden und Osten gegen die türkisch-islamische Allianz vorrücken, haben im Norden an der Grenze zur Türkei die kurdischen Selbstverteidigungskräfte der YPG und die mit ihnen verbündeten Kämpfer der arabischen SDF ebenfalls eine Militärinitiative gegen die türkischen Besatzer gestartet. Hier am Euphrat, südlich des biblischen Karkemisch, sowie westlich der Region Manbidj nahmen die kurdisch-syrischen Einheiten von den Türken besetzte Städte unter Feuer.

UN-Aufrufe verhallen im Wind

Der dienstag-nachmittägliche Aufruf der UN, die Kämpfe zwischen Türkei und Syrien einzustellen, verhallte offenbar ebenso ungehört in den Weiten der assyrischen Halbsteppe wie die Aufforderung Erdogans an Putin, die syrischen Einheiten an die Kette zu legen.

Zwischen Ankara und Moskau entspann sich am Dienstag vielmehr eine Schlacht der gegenseitigen Vorwürfe. Erdogan tönte, die Türkei werden nicht zulassen, dass Assad weitere Gebiete der Idlib-Provinz unter seine Kontrolle bringt – was jedoch zu verhindern nur durch einen türkisch-syrischen Krieg möglich scheint. Russlands Außenminister Lawrow stellte fest, dass die Türkei das Sotchi-Abkommen gebrochen habe – und damit, von Lawrow noch nicht laut gesagt, aber gemeint, alle Waffenstillstandsvereinbarungen obsolet sind.

Erdogan sucht Hilfe bei Merkel

Die Signale sind eindeutig – und sie bringen den Großtöner in Ankara offenbar in die Bredouille. Anders zumindest ist nicht zu erklären, dass er am Dienstag das Gespräch ausgerechnet mit seiner Hassfreundin im Berliner Kanzleramt suchte – offenbar verkennend, dass Merkels Einflussmöglichkeiten in diesem Konflikt deutlich geringer als Null sind – und gleichzeitig in einem Bulletin wissen ließ, dass es gegenwärtig keinen Anlass zu einem Krieg oder ernsten Konflikt mit Russland gebe.
Das allerdings sehen in Russland nicht wenige anders. Unvergessen ist der Abschuss des russischen Kampffliegers an der türkischen Südgrenze – auch wenn Erdogan auf Druck Putins anschließend zu Kreuze gekrochen ist.

Russlands klammheimliche Revanche

Die Russen sehen aber nicht nur ihre Verbündeten in Syrien bedroht. Anders als die Westeuropäer, die Erdogans wiederholte Verbalattacken gegen Griechenland, Zypern und Bulgarien offenbar als Folklore aus Tausendundeinernacht abtun, hört Russland genau hin, wenn der Muslimbruder seine Unterstützung für Aserbaidschan im Berg-Karabach-Konflikt zusichert und Armenien mit Vernichtung droht.

Russland hat keinerlei Interesse daran, dass die Türkei ihren Einfluss in der Region in irgendeiner Weise ausbaut. Schon gar kein Interesse hat es daran, dass der Großsprecher vom Bosporus Verbündete Russlands mit mehr als nur Worten bedroht. Insofern könnte Putin geneigt sein, die türkische Aggression in Syrien allen scheinbar freundschaftlichen Absprachen zu Trotz zum Anlass zu nehmen, dem Türken eine Lektion zu erteilen, sollte Erdogan tatsächlich seine Eroberungen auf syrischem Territorium mit Waffengewalt verteidigen wollen. Eines offiziellen Angriffs auf die Türkei bedarf es dazu nicht – obgleich dieser im Falle der Verteidigung russisch-syrischer Kräfte auf syrischem Boden nicht einmal den Verteidigungsfall der NATO auslösen könnte. Es reicht völlig, die syrischen Einheiten in die Lage zu versetzen, die Türkei in einer Weise in Bedrängnis zu bringen, wie dieses bereits seit einigen Tagen der Fall ist.

Die Libyen-Connection liegt auf der Hand

Naheliegend insofern die Vermutung in NATO-Militärkreisen, dass die Intensivierung der Kampftätigkeiten in Syrien dort, wo die Türkei unmittelbar betroffen ist, auch in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entwicklung in Libyen steht.  Dorthin hatte Erdogan unter Bruch der Abreden von Berlin in der vergangenen Woche mehrere Transporte mit Militärgerät und Kämpfern verschiffen lassen – laut Lawrow seien bereits „hunderte Milizionäre“ aus Idlib nach Libyen verbracht worden. Eine Armee, die den Vormarsch der Russland-Verbündeten um den General Haftar zumindest erschwert und den Kampf in die Länge ziehen kann.

Sollte Erdogan nunmehr in Idlib in ernste Bedrängnis geraten, so das Kalkül, wird er sein Engagement in Libyen absagen müssen. Damit allerdings hätte der von Russland, Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Emiraten unterstützte General mit US-Pass beste Chancen, den Krieg um das Wüstenland eher über kurz als über lang zu seinen Gunsten zu entscheiden.

An der absehbaren Niederlage der Türkei in Syrien, in dem Erdogan möglicherweise schon demnächst darum betteln darf, seine eingeschlossenen Soldaten unversehrt heim ins kleinosmanische Reich holen zu dürfen, wird allerdings auch das Einstellen der türkischen Libyen-Invasion nichts ändern. Zumindest dann nicht, wenn Putin es nicht will. Und dafür, dass er es will, spricht gegenwärtig weniger als Nichts. Außer Spesen nichts gewesen? Merkels internationales Libyen-Kaffeekränzchen und die unfriedlichen Konsequenzen

Quelle

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