Bei Maischberger: Bodo Ramelow will kein sozialistischer Ministerpräsident sein

Von Alexander Wallasch

>Damit hat er nicht gerechnet<

„Ich bin erstaunt Frau Maischberger, dass sie mich einen sozialistischen Ministerpräsidenten nennen.“ Nein, tatsächlich, Ministerpräsident ist er ja nicht mehr.

Screenprint: ARD/maischberger

Warum? Warum schon wieder so etwas auf Kosten der zur Gebührenzahlung verpflichteten deutschen Haushalte? Warum hat niemand Markus Feldkirchen vom Spiegel und Nikolaus Blome an ihre heimischen Drehstühle gefesselt und ermahnt, dass man nicht jede Verlegenheitseinladung annehmen, nicht jede Gelegenheit, die sich bietet, ergreifen muss, öffentlich-rechtlich die immer selbe seichte Besserwisserei zu präsentieren, die immer gleichen Phrasen zu dreschen, sich rundherum lächerlich zu machen, Absätze abzusondern, die kein Zuschauer mehr hören geschweige den sehen will? Warum? Was treibt solche Journalisten eigentlich um und was macht das mit denen? Fremdscham.

Dafür jedenfalls jetzt und hier die mediale Höchststrafe: Wir schneiden uns die aktuelle Sandra Maischberger Talkshow mit der scharfen Schere selbst zusammen,  auf das Interview in der Mitte der Sendung zusammen, auf ein Gespräch, das Sandra Maischberger dieses Mal mit dem gestürzten Ex-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow von Thüringen führen will, wenn die Bernsteinmoderatorin den Sozialisten auf einen der zwei schäbigen weißen Studiohocker zwingt. Keine Minute länger hinschauen, keine Minute länger zuhören.

Also, wir gehen rein. Aber vorerst Bild an. Ton aus bis Ramelow kommt. Die Großmutter des Autors hier hat immer gesagt, trau keinem mit angewachsenen Ohrläppchen. Dafür kann er nichts, aber warum macht er nicht wenigstens sein Hemd zu? Und Blome? Dieser gequälte Gesichtsausdruck, als käme ihm jetzt die schwere Aufgabe zu, gerade was ganz Unangenehmes öffentlich zu äußern. Schlimmer Anblick. Ton ist aus.

Ton bleibt weiter aus. Die Minuten vergehen zäh wie Kaugummi an der Schuhsohle bei 40 Grad im Schatten.

Wenn Bodo Ramelow wieder Ministerpräsident werden will, dann ist er auf Stimmen von CDU und FDP angewiesen. Aber wer glaubt noch ernsthaft, dass der die nicht irgendwie von hintenrum doch bekommt? Und wer denkt im Sinne von Neuwahlen daran, dass der Thüringer Wähler neu befragt werden würde? Nein, die gewählten schachern einfach weiter, bis es funktioniert.

Ton wieder an, Bodo Ramelow darf aus dem Publikum ins Scheinwerferlicht.

„Acht Tage waren an der selben Stelle die Überlebenden von Buchenwald“, erzählt Bodo Ramelow, sei ihm durch den Kopf gegangen in genau dem Moment, als der Sieg des FDP-Kandidaten verkündet wurde. Was ist schlimmer? Die Unglaubwürdigkeit dieses nachgereicht konstruierten Gedanken des Berufspolitikers von eigener übermenschlicher Größe oder die Unerhörtheit solcher Zuweisung an FDP, CDU und AfD im thüringischen Landtag? Nachfrage? Fehlanzeige.

Gleich weiter nennt Ramelow Höcke einen „Faschisten”, weil ein Gericht das als Plakat auf einer Demo als erlaubt durchgewunken hat, wohl gemerkt nicht als Tatsachenfeststellung und schon gar nicht als Aufforderung oder Freibrief, es als solche zu nutzen. Ramelow macht es trotzdem. Was will Ramelow mit dieser politischen Beschmutzung erreichen? Nachfrage? Fehlanzeige.

Er will im Moment der Abwahl fassungslos gewesen sein. Man darf wirklich fassungslos sein darüber, das Ramelow zunächst nicht einfach nur fassungslos war, den sicheren, den komfortabel ausgestatteten Posten des Ministerpräsidenten verloren zu haben, abgewählt worden zu sein, den Tschüss-Pappkarton in die Hand gedrückt bekommen zu haben, bis 18 Uhr sein Büro zu räumen, die Bildchen der Familie einzusammeln und den Karl Marx von der Wand zu nehmen oder was immer da hing, wo der olle Honecker einen Schatten an der Tapete hinterlassen hat.

Am Dienstag vor der Wahl soll es in Erfurt in einer Gaststätte ein Treffen von einzelnen Vertretern der CDU und der AfD gegeben haben, verrät Ramelow, der schon Stunden nach seiner Abwahl in einer Fotomontage den neuen Ministerpräsidenten bei der Gratulation von Höcke mit einer Hitleraufnahme kombiniert. Ist das das schmutzige, das verletzte Gesicht des Verlierers Ramelow?

Es soll auch eine Absprache gegeben haben, dass vier CDUler bei der Wahl aufs Klo verschwinden damit Ramelow die Mehrheit kriegt. Ein entwürdigender Vorgang, selbst in der deutschen Parlamentsgeschichte. Nachfrage? Fehlanzeige.

Ein Verlierer, dem man da schon nicht mehr abkaufen mag, dass es ihm um das Land und nicht doch am meisten um das eigene Wohl geht? Nachfrage? Fehlanzeige.

Afrikas neue Mutter Merkel hatte von ihrem Afrikabesuch ihr möglicherweise bald eigenes Schicksal in der thüringischen Glaskugel gesehen und erfolgreich noch einmal alles in die Waagschale geworfen, als sie den „Tabubruch” ausrief. Einen „Tabubruch”, der ja zuallerst darin bestand, die etablierte Macht vor die Tür zu setzen, Ramelow als Türöffner für die Linke als Koalitionspartner für die Union vor die Tür zu setzen.

Ramelow hatte vor der Wahl noch allen Fraktionen ein Gesprächsangebot gemacht erzählt er, mit Ausnahme der AfD. Die hätten Abgeordneter für Abgeordneter einen bösen Brief von ihm bekommen. Herrje, man ahnt die diebische Schadenfreude speziell dieser Politiker für ihren gelungenen Überraschungssturz des so selbstsicheren Sozialisten, der doch in Thüringen der linke Kretschmann sein wollte und nur ein geschlagener Ramelow blieb und immer bleiben wird, egal was kommt..

Nach der Wahl hatte Bodo Ramelow das Gefühl, erzählt er, sich morgens bei der FDP zum Trottel gemacht zu haben. Und er lässt es tatsächlich so klingen, als wäre das die Schuld der FDP. Aber warum überhaupt dieses ganze Hickhack? Wo sind denn die komfortablen Mehrheiten für Rot-rot oder Rot-rot-grün? Es gibt sie nicht (mehr). Nachfrage? Fehlanzeige.

Fast immer. Maischberger macht einmal etwas richtig und weist Ramelow auf seine völlig überdrehte Hitlercollage hin. Doch auch hier keine Einsicht, kein Geständnis der großen Enttäuschung über den Verlust des Amtes, sondern auch hier wieder nur Ausreden. Erinnerungen werden wach an die letzten Stunden von Gerhard Schröder, als der in der Elefantenrunde im Fernsehen alle Haltung gegenüber Angela Merkel, aber auch gegenüber der Nation verlor. Merkel spürte es nun gar von Afrika aus, dass da etwas passiert war, was sie selbst an sich bitte niemals erleben will: Den sang- und klanglosen Verlust der Macht, auf den in ihrem Falle nur die Last der Verantwortung folgt, die ja bleiben wird, der sie sich irgendwann noch zu stellen hat.

„Die eigentliche Frage, die ich ihnen stellen wollte, wenn sie das zulassen, ist, ob sie tatsächlich in Björn Höcke einen Wiedergänger Adolf Hitler sehen.“ Ignorieren wir einmal diesen merkwürdigen Passus einer Zulässigkeit von Fragen und lauschen der Antwort Ramelows: „Es gibt keine Wiedergänger von niemandem. Aber es gibt eine klare Einschätzung, dass Höcke ein Ziel hat. Und das hat er beschrieben in seinem Buch, in seiner Hundertachtziggradwende die er bei der Geschichtsarbeit haben wollte …“ usw. … Es ist erstaunlich, aber man hört hier tatsächlich eine ganz, ganz dünne Abschwächung gegenüber Höcke heraus, wo Ramelow zuvor noch den vermeintlich gerichtsfesten „Faschisten” angeprangert hatte. Aber das vergeht so schnell, wie es aufglüht.

„Er will diesen demokratischen Rechtsstaat von innen aushöhlen.“, so Ramelow weiter. Kein Wort und keine Spekulationen darüber, wer eben das bereits getan hat und tut, wer den Graben vertieft und demokratische Prozesse über lange Phasen ihrer bisherigen Regentschaft und ihre Institutionen zu hohlen Fassaden gemacht hat. Trägt der Teufel Lodenmantel oder doch eine rote Krawatte und huldigt der Raute?

Ramelow kreidet Höcke seine besondere Vorstellung von Männlichkeit an. Maischberger bleibt trotzdem hart – bravo für diesen kleinen journalistischen Moment: – und insistiert auf den Hitlervergleich als schlimmstes Totschlagargument.

„Frau Maischberger, vor neunzig Jahren ist der Tabubruch in Thüringen geschehen.“

„Also für sie ist das ein legitimer Vergleich, das wollte ich ja nur wissen, weil sie haben es gelöscht von ihrem Twitter-Account“, interpretiert und insistiert Maischberger erfreulich stur. Diesmal doch Nachfrage.

„Die Identitäre Bewegung hat sich aufgemacht, mich zum Feind Nummer eins in Deutschland zu machen. Ich meine, meine Familie steht unter Polizeischutz, ich stehe unter Polizeischutz.“

Aber Moment mal, gilt das – und soviel Anstand muss selbstverständlich auch einem Höcke gegenüber sein – gilt das nicht ebenso für Höcke und Familie? Und war es nicht Ramelow, der mit dem Hitlervergleich Höcke zum Feind Nummer eins gemacht hatte, wie Maischberger ziemlich genau erkannt hatte? Wer nimmt hier nun zum Selbstschutz öffentlich-rechtlich die Opferrolle ein? Und war es nicht Ramelow-Nachfolger Thomas Kemmerisch, dessen Frau auf der Straße bespuckt, dessen Kinder in der Schule angepöbelt und dessen Privathaus beschmiert wurde? Nachfrage? Fehlanzeige.

Und dann doch. Maischberger fragt unbeirrt weiter, warum sich Ramelow überhaupt zur Wahl gestellt hatte, wo er doch wusste, dass er keine Mehrheit hat. Man sieht es dem Linken an, das er hier im Öffentlich-Rechtlichen nicht mit einem Hauch von Gegenwind gerechnet hatte. Wieder die kommende Situation falsch eingeschätzt. Der dünnhäutige Gefallene fühlt Sturm aufziehen. „Wer hat denn der CDU und der FDP verboten mit uns zu verhandeln?“, fragt Ramelow verbittert. Möglicherweise deren Parteimitgliedschaft? Oder ein Bundesparteitagsbeschluss der CDU?

Und während sich Ramelow über was auch immer echauffiert und wohl am meisten über sich selbst, hat man alle Gelegenheit, einmal zu erleben, was der Mann eigentlich für ein erstaunlicher Spießbürger ist. Wenn dem Deutschen etwas als unangenehme Eigenschaft unterstellt werden könnte, dann findet es seine Entsprechung darin, was man hier von Ramelow präsentiert bekommt.  Das alles hat so wenig von menschlicher Größe, das es schon beim Zuschauen körperlich weh tut.

„Auf der ganzen Welt hat man gesehen, das in Thüringen neunzig Jahre nach dem Tabubruch ein neuer Tabubruch stattgefunden hat.“

Es ist herrlich und bewundernswert, dass sich Maischberger ein lautes Lachen hier verkneifen kann. Denn diese Berufung auf den Blick der Welt auf das kleine Thüringen, das hätte ein Höcke kaum schlechter hinbekommen, so was schafft der kaum in der Ramelowschen Überzeugungskraft, wenn er am Kyffhäuser von der alten Größe des Reichs der Deutschen träumt. Thüringen ist in viele Richtungen ziemlich speziell.

„Darf ich Sie darauf hinweisen, dass der Wahlsieger aus Thüringen vor ihnen sitzt?“ Der Blick darauf von Maischberger zum Küssen. Was ist in die Frau gefahren? So kennt man sie gar nicht.

Die CDU solle doch mit ihrem Antikommunismus endlich klarkommen, regt sich Ramelow jetzt richtig auf.

Ja, es wird immer besser. Ramelow ist böse auf die Moderation, ein Gefühl muss das sein wie friendly fire und die Haut so dünn wie altes Pergament. Selten noch ist Maischberger so oft unterbrochen worden, bis sie davon aufsteckt, aber wie abschätzig sie sich dann zurücklehnt und lächelt, dass ist schon Höchststrafe und dann merkt es Ramelow auch selbst und will sich wieder beruhigen. Sie lacht sogar darüber. Ja, es ist zum Lachen. Dieser Mann wird nicht durch Nachfrage hingerichtet – er entblättert sich selbst, wenn er redet. Er redet sich selbst lächerlich, ganz ohne Nachfragen.

„Darf ich die Frage stellen, ob angesichts der Toten von Buchenwald und Dora es normal ist, dass man einen  Fraktionsvorsitzenden der AfD Faschisten nennen darf?“ Maischberger daraufhin: „Ich darf eine Frage stellen, die in ihrem Falle wirklich interessanter ist, warum die CDU sie nicht wählen darf?“

Nein, diesen bei genauerer Betrachtung ziemlich fürchterlichen kleinkarierten Dialog muss man nicht mehr kommentieren. Das ist schrecklich. Was ist das für ein ehemaliger Ministerpräsident, der meint, so etwas tun zu müssen? Wirklich schlimm. Und traurig für dieses kleine Land.

Schlimm auch, wenn Ramelow sich auf Nachfrage weigert, die DDR als Unrechtsstaat zu bezeichnen. Mindestens hier wurden die Opfer dieses Unrechtsstaats verhöhnt.

„Die Verbrennungsöfen von Auschwitz sind alle aus Erfurt, sie sind aus Thüringen.“, weiß Ramelow. „deshalb weigere ich mich einfach nur über ein Stöckchen zu springen“, deshalb will er nicht Unrechtsstaat zur Deutschen Demokratischen Republik sagen.

„Ich bitte daran gemessen zu werden, was ich wirklich getan habe.“, darauf besteht Ramelow gegenüber Maischberger. Das auch, aber sicherlich wird er morgen auch daran gemessen werden, was er hier am späten Abend so alles gesagt hat.

„Ich bin erstaunt Frau Maischberger, dass sie mich einen sozialistischen Ministerpräsidenten nennen.“ Nein, tatsächlich, Ministerpräsident ist er ja nicht mehr. „Ich bin hierher gekommen, um ihnen Rede und Antwort zu stehen und nicht um hier billigen Klamauk zu machen.“ An Ramelows Klamauk war ganz sicher nicht Sandra Maischbergers schuld, den hat er schon selbst geliefert. OK, gute Moderation.

Quelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: