Syrien: Offene Kriegsproganda im Spiegel

In Syrien gehen die Kämpfe weiter, die Türkei schickt Tausende Flüchtlinge in Richtung EU und die Medien haben nun ein Problem: Sie müssen dem deutschen Michel erklären, warum Erdogan zwar eigentlich irgendwie böse, aber jetzt gerade trotz allem nicht ganz so böse ist. Wie das gemacht wird, will ich hier aufzeigen.

Die aktuellen Entwicklungen im Krieg in Syrien sind schnell erzählt. Die Türkei hat zusammen mit Dschihadisten der Al-Qaida eine Offensive gegen syrische Truppen gestartet. Es gibt heftige Kämpfe, beide Seiten melden Erfolge. Aber was wirklich los ist, werden wir wohl erst im Nachhinein erfahren.

Die Türkei meldet Erfolge und die deutschen Medien berichten darüber. Über die syrischen Erfolgsmeldungen wird hingegen kaum berichtet.

Während also die Türkei Erfolge meldet und heute wohl ein weiteres syrisches Kampfflugzeug abgeschossen hat, meldet Syrien, dass es sechs Drohnen der Türkei abgeschossen und einen Angriff abgewehrt habe. Die Türkei setzt in den Kämpfen sehr stark auf Drohnen aus eigener Produktion, die als sehr gut und modern gelten. Allerdings meldete die Türkei auch den Tod eines weiteren türkischen Soldaten. Ob die türkischen Meldungen über eigene Verluste realistisch oder geschönt sind, ist ebenfalls nicht sicher.

Über die Hintergründe und warum die Kämpfe nun so intensiv aufgeflammt sind, habe ich schon mehrmals berichtet, Sie können es hier nachlesen.

Kurz gesagt geht es um folgendes: In der nordwestlichen syrischen Provinz Idlib ist das letzte Rückzugsgebiet der Islamisten in Syrien. Die dort herrschende Terrorgruppe ist der Nachfolger der Nusra-Front, die wiederum ein Ableger von Al-Qaida war. Es sitzt dort also, trotz mehrfacher Änderung des eigenen Namens, die Al-Qaida. Das wollen Assad und Putin nicht dauerhaft hinnehmen und wollen die Terroristen besiegen.

Die Türkei hingegen hat früher den IS unterstützt, indem der IS das in seinen Gebieten geförderte Öl illegal über die Türkei verkauft hat. Und die Türkei unterstützt heute die Islamisten in Idlib und bewegt sich in ihrem Gebiet mit ihrem Militär vollkommen frei, ja das türkische Militär kämpft sogar Seite an Seite mit der Al-Qaida. Daher sind dort türkische Soldaten gefallen. Niemand wirft den Syrern vor, sie hätten „unbeteiligte“ Soldaten getötet, die Soldaten haben in den Reihen der Terroristen gegen das syrische Militär gekämpft. Das bestreitet auch niemand.

Nun müssen die deutschen „Qualitätsmedien“ ihren Lesern irgendwie erklären, dass trotzdem Erdogan in dem Konflikt der Gute ist, dem die EU zur Hilfe eilen soll. Mit welchen Mitteln das getan wird, zeigt ein Spiegel-Artikel vom Dienstag. Dabei handelt es sich um einen Kommentar von Maxilian Popp, der den Spiegel-Lesern schon seit langem die syrische Welt erklärt. Sein Kommentar unter der Überschrift „Syrienkrieg – Warum die Europäer der Türkei in Idlib helfen müssen“ beginnt wie folgt:

„Erdogan ist ein Despot. Trotzdem muss ihn die EU in Idlib unterstützen. Nur so lässt sich das Leid der Flüchtlinge lindern.“

Damit ist die Stoßrichtung schon erkennbar. Sie folgt der berühmten US-Logik „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Unter diesem Motto haben die USA Bin Laden in den 1980ern unterstützt und seine Al-Qaida gegen die Sowjets in Afghanistan aufgebaut. Dass diese Logik also einen Fehler hat und sie einem langfristig auf die Füße fällt, haben wir schon öfters erlebt.

Außerdem geht es natürlich in erster Linie angeblich gar nicht um Erdogan oder Assad, wir müssen natürlich den armen Flüchtlingen helfen. Auch das ist eine altbekannte US-Logik: „Wir bomben Länder in den Frieden“. Und auch das hat nie funktioniert, siehe Kosovo, Irak, Afghanistan, Libyen und so weiter und so fort.

Das aber stört Herrn Popp vom Spiegel nicht, er plädiert auch heute wieder für dieses Vorgehen. Der Artikel beginnt erstaunlich wahrheitsgemäß:

„Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in Syrien stets das getan, wovon er glaubte, dass es seinem Regime nützen würde. Er hat Dschihadisten aufgerüstet. Er hat im Südosten des Landes einen Angriffskrieg gegen die Kurden-Miliz YPG geführt. Nun instrumentalisiert er Flüchtlinge, um die EU zur Zusammenarbeit in der Provinz Idlib zu nötigen.“

Geschickt nennt Herr Popp die Kritikpunkte an Erdogans Verhalten am Anfang des Artikels, um sie dann natürlich in seinem Kommentar zu widerlegen.

Herr Popp fordert in dem zitierten Absatz allen Ernstes, jemanden zu unterstützen, der Dschihadisten aufrüstet. Ich habe immer gedacht, dass Dschihadisten ganz böse sind und dass wir sie bekämpfen. Unter diesem Vorwand fliegen die Bundeswehr-Tornados über Syrien durch die Gegend. Und nun sollen wir eben diese Typen unterstützen, gegen die wir eigentlich kämpfen? Ja, findet Herr Popp.

Und dass Erdogan Flüchtlinge instrumentalisiert, also die Opfer all der Kriege, würde normalerweise zu heftigem Protest führen. Den konnten wir in den letzten Tagen auch massenhaft in den Medien lesen. Aber auch dieses zynische Verhalten Erdogans stört Herrn Popp nicht allzu sehr.

Diese Logik verkauft Herr Popp seinen Lesern so:

„Bei aller berechtigten Kritik an Erdogan sollten die Europäer jetzt dennoch genau das tun: die Türkei in Idlib unterstützen. Nicht, um Erdogan einen Gefallen zu tun, sondern um das Leid der Syrer zu lindern. (…) Mit unvorstellbarer Grausamkeit haben Assad und Putin Syrien von den Rebellen zurückerobert. Russische Jets haben gezielt Krankenhäuser, Schulen, Wohnhäuser bombardiert, Assad hat Menschen zu Tode gefoltert und Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt.“

Hier kommt wieder das altbekannte Stilmittel aus dem Handbuch für Kriegspropaganda zum Einsatz: „Der Feind ist ein Ungeheuer.“

Und um das aufzuzeigen, muss man es mit der Wahrheit auch nicht allzu genau nehmen. Dass kein Giftgas-Angriff tatsächlich von unabhängiger Stelle Assad angekreidet werden konnte, es aber nachweislich (auch der Spiegel hat schon mal darüber berichtet) Fälle gab, in denen die Islamisten Giftgas eingesetzt haben, muss der Spiegel-Leser genauso wenig wissen, wie er nicht zu wissen braucht, dass Whistleblower bei der OPCW Fälschungen der Untersuchungsberichte gemeldet haben, die Assad beschuldigen sollten.

Dass russische Jets gezielt all diese Grausamkeiten begangen haben, ist ebenfalls eine Legende für die es keine Belege gibt. Die USA hingegen haben den ganzen Irak platt gebombt und dabei ganz bewusst zivile Ziele wie Kraftwerke, Wasserversorgung und Wohngebiete zerstört. Aber dazu gab es nie nennenswerte Kritik im Spiegel. Was ist denn von der irakischen Stadt Mossul übrig geblieben, nachdem US-Truppen sie „befreit“ haben? Damals hat der Spiegel erzählt, die USA seien gezwungen gewesen, auch zivile Ziele zu bombardieren, weil sich die bösen Islamisten ja gerade in zivilen Zielen verstecken.

Das stimmt sogar und das gleiche Problem haben auch die Russen und die Syrer: Die Islamisten missbrauchen Zivilisten und zivile Ziele als Schutzschilde und Deckung. Aber das erfährt der Spiegel-Leser in diesem Zusammenhang nicht. Wenn die USA eine Stadt dem Erdboden gleichmachen, um Islamisten zu bekämpfen, sind für den Spiegel die Islamisten schuld. Wenn es den Russen passiert, ist Russland böse und die Islamisten sind plötzlich bedauernswerte Opfer.

Eine so einseitige Darstellung, wie wir sie im Spiegel vorgesetzt bekommen, erfüllt per Definition alle Kriterien der Kriegspropganda und hat mit Journalismus nichts zu tun.

Aber der Spiegel muss dem Leser nun erklären, warum wir nun Erdogan helfen müssen, denn eigentlich ist er ja einer liebsten Bösewichte der „Qualitätsmedien“. Und das geht so:

„Die Weltgemeinschaft hat die Schutzsuchenden in Idlib ihrem Schicksal überlassen, weshalb sich deren letzte Hoffnung auf Erdogan richtet. Der türkische Präsident agiert in Idlib so wenig selbstlos wie in anderen syrischen Provinzen zuvor. Er will schlicht vermeiden, dass sich abermals Flüchtlinge auf den Weg in die Türkei machen – und setzt deshalb sein Militär gegen Assad ein.“

Wie gesagt, in dem ganzen Artikel findet sich nach der Einleitung kein Hinweis mehr darauf, mit dem Erdogan zusammenarbeitet. Es ist eine international als solche anerkannte, radikalislamische Terrororganisation. Darüber wird kein Wort verloren, stattdessen wird Verständnis für Erdogan geweckt, der genau diese Terrororganisation mit seinen Soldaten nicht nur schützt, sondern offen unterstützt und bewaffnet. Von dieser Frage lenkt Herr Popp im Spiegel geschickt ab, indem stattdessen immer wieder auf das Leid der Flüchtlinge eingeht. Dass viele der Flüchtlinge ganz und gar nicht glücklich unter der Herrschaft der Al-Qaida sind, ist hingegen kein Thema.

Das ist generell interessant. Immerhin ist die Bundeswehr nach offizieller Lesart doch in Afghanistan, damit Mädchen endlich wieder zur Schule gehen können. In Syrien ist das aber anscheinend nicht so wichtig, da sind die gleichen Fanatiker, gegen die wir in Afghanistan Krieg führen, plötzlich Leute, die wir unterstützen sollen.

Herr Popp hat auch für Erdogans zynisches Verhalten den Flüchtlingen gegenüber Verständnis:

„Wer sich nun darüber empört, dass Erdogan die Tore für Migranten nach Europa öffnet, der sollte eines nicht vergessen: Die Türkei beherbergt fast 4 Millionen Flüchtlinge, mehr als jedes andere Land. Die EU-Staaten geraten wegen 13.000 Menschen an ihren Grenzen in Panik.“

Das stimmt. Aber das ist nicht neu und in den letzten fünf Jahren hat es niemanden interessiert, welche Probleme Erdogan mit den Flüchtlingen hat. Deutschland hat ca. 1,5 Millionen aufgenommen. Die Türkei fast vier Millionen. Man kann sich vorstellen, dass die Türken darüber ähnlich „glücklich“ sind, wie viele Deutsche. Und Erdogan muss ja auch darauf achten, was seine eigenen Wähler wollen.

Man kann also tatsächlich Verständnis für Erdogan haben, aber nicht erst seit heute. Das Verständnis hätte man seit Jahren an den Tag legen müssen, wenn man es ernst meint. So aber ist es Heuchelei.

Und was der Spiegel erst gar nicht erwähnt ist, dass es all die Flüchtlinge in der Türkei (und auch in Europa) nie gegeben hätte, wenn die Westen nicht hemmungslos muslimische und afrikanische Länder mit Krieg überzogen hätte. Wer hat denn Afghanistan, den Irak und Libyen zerstört und damit die Flüchtlingswellen erst ausgelöst? Das waren weder Putin, noch Assad. Es waren die USA und die Nato.

Und auch in Syrien hätte es ohne die USA nie einem Krieg gegeben. Das weiß aber der Spiegel-Leser nicht, denn das ehemalige Nachrichtenmagazin hat nie über die CIA-Operation „Timber Sycamore“ berichtet. In dieser Operation haben die USA die „Rebellen“ in Syrien im Geheimen bis an die Zähne bewaffnet und so den Krieg erst möglich gemacht. Das aber weiß kein Spiegel-Leser. Dabei ist das keine Verschwörungstheorie, sondern das geht aus von der CIA selbst freigegeben Akten hervor, deren Freigabe durch Gerichte erzwungen wurde. Wenn das für Sie neu ist, können Sie die Details hier nachlesen.

Aber das braucht der Spiegel-Leser ja nicht zu wissen, wer im Spiegel-Archiv nach „Timber Sycamore“ sucht, findet nicht eine einzige Erwähnung im Spiegel: Suchergebnis Null.

Für den Spiegel-Leser sind die Flüchtlinge daher wie eine Naturkatastrophe vom Himmel gefallen. Man könnte die Flüchtlingskrise fast über Nacht lösen: Der Westen müsste nur seine Kriege einstellen und zumindest die gleichen Milliardensummen, die er in die Kriege gesteckt hat, nun an die betroffenen Länder als Wiederaufbauhilfe überweisen.

Bei Herrn Popp kann man dann noch lesen:

„Es ist beschämend, dass die Europäer Putins und Assads Kriegsverbrechen so lange tatenlos hingenommen haben.“

Nein, Herr Popp, beschämend ist etwas anderes: Es ist beschämend, wie Sie offen Kriegspropaganda betreiben, anstatt die Gründe für die Flüchtlingskrise beim Namen zu nennen. Es ist beschämend, Herr Popp, dass Sie dazu aufrufen, Al-Qaida-Ableger militärisch zu unterstützen. Und das Schlimmste ist, dass Sie auch wissen, dass das beschämend ist, denn Sie vermeiden es in Ihrem Kommentar geflissentlich, den Namen der Terrororganisation zu nennen, zu deren Unterstützung Sie aufrufen: Es ist die Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) und sogar im deutschen Wikipedia kann man lesen, dass sie ein Ableger der Al-Qaida ist und international als Terrororganisation eingestuft wird.

Warum, Herr Popp, verschweigen Sie Ihren Lesern diese leicht überprüfbaren Fakten?

Quelle

2 Kommentare zu „Syrien: Offene Kriegsproganda im Spiegel

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