Was ein Virus schafft

Von Wolfgang Herles

Das Virus ist endlich einmal keine Frage der Moral. In der Angst vor dem Virus sind wir vereint. Niemand widerspricht ihr. Endlich pausiert der Fortschritt. Nur noch die Panikmache hat Konjunktur – und die Dosensuppenindustrie.

Es muss nur ein Virus kommen und schon zerfallen Gewissheiten und Gepflogenheiten. Hysterie wird als Volkssport endlich akzeptiert. Sind wir noch gesund?

I.

Wir schaffen das – nicht mal eine Merkel im Popularitätsrausch würde ihr Mantra dem Virus entgegen schleudern. Sie würde selbst nicht daran glauben, und niemand ihr. Wo bleibt da die Willkommenskultur? So schlimm wird es schon nicht werden. Gehören Viren nicht von jeher zu Deutschland?

II.

Grenzen dicht! Israel schottet sich ab. Wenn es nur gelänge. Italien und andere Länder schließen Schulen, Theater, Fußballstadien. Als ob das hülfe. Paradoxe Welt: Ein Handschlag, ein Wangenkuss, eine Umarmung werden als Bedrohung wahrgenommen. Abstand zwei Armlängen – zu jedermann. Wer sein Gesicht noch zeigt, ist fahrlässig. Widerstandslos lassen wir uns alles nehmen, was uns ausmacht. Soll die Zivilisation Selbstmord begehen aus Angst vor dem Sterben?

III.

Außer es wird wirklich ernst. Am Montag fiel im schönen Basel auf Anordnung der Regierung sogar der Morgenstraich aus, der höchste Feiertag dieser stolzen Stadt. Das war in hundert Jahren keinmal geschehen. Morgens um vier war das Zentrum dennoch von Tausenden belebt. Als gesetzestreue Bürger verzichteten sie lediglich auf Masken, Pfeifen und Trommeln, zogen aber wie immer, nur eben diesmal leise singend durch die nächtlichen Gassen. Man konnte ihnen die Fastnacht verbieten, aber nicht das Zusammensein. Die Seuche brach nicht aus. Gegen das Virus half die Obstruktion natürlich auch nicht, aber gegen die Ohnmacht. Die Bürger fanden zu einer anrührenden Form des Widerstands gegen eine Obrigkeit, die aus Angst noch mehr schlottert als das Volk. Eine schaurig schöne Nacht: Wir lassen uns nicht erniedrigen, schon gar nicht von einem Virus – das war die Botschaft dieser wackeren Alemannen. Wir lassen uns nicht das Menschsein verbieten.

IV.

Zyniker könnten behaupten, dass die Dinge sich gerade prächtig entwickeln. Dank des Virus! Erledigt das Virus doch manches, wogegen die Politik machtlos ist. Niemand bekämpft die Globalisierung so nachhaltig wie das Virus. Die Lieferketten zerbrechen. China beherrscht nicht mehr den Weltmarkt. Womöglich erledigt das Virus sogar die Weltwirtschaft und damit Trumps Wahlchancen! Nichts ist mehr auszuschließen. Endlich nimmt man Grenzen wieder ernst. Das genießt der rechte Spießer. Endlich gehen den Flugzeugen die Passagiere aus, freut sich der radikale Grüne. Und der aufrechte Linke kann von so einer Revolution nur träumen – es müsste nicht mal jeder hundertste Reiche erschossen werden. Erledigt alles das Virus. Es schafft sogar den Westen ab. Dagegen gibt es auch kein Mittel, denn die Apotheke der Welt liefert nicht mehr.

V.

Kann man nicht sogar sagen: Das Virus entspaltet die Gesellschaft? Endlich müssen wir über den Erhalt unseres Wohlstands nicht mehr streiten, das Virus beantwortet alle Illusionen. Und endlich keinen Diskurs mehr führen über Luxusprobleme wie Migration, Grundrente oder marode Schulen. Sie sind sowieso dicht. Das Virus ist endlich einmal keine Frage der Moral. In der Angst vor dem Virus sind wir vereint. Niemand widerspricht ihr. Endlich pausiert der Fortschritt. Nur noch die Panikmache hat Konjunktur – und die Dosensuppenindustrie.

VI.

War da noch was? Ach ja, das Klima. Jetzt hoffen alle auf ein staubtrockenes, heißes Frühjahr. Es wäre das Einzige, heißt es, das das Virus noch stoppen könnte.

Quelle

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