So waren die Demos in Hamburg am 16. Mai 2020

Nach dem Lockdown am 13. März habe ich für TE mehrere Tage in Folge
die Stadt im Zustand der unheimlichen Menschenleere fotografiert und
versucht, die Stimmung aufzufangen. Eine bleierne Melancholie ist mir in
Erinnerung geblieben, die allerdings als Erlebnis, für sich betrachtet,
etwas Einmaliges, Unvergessliches für mich hat.

In der City, auf der Reeperbahn, im Hafen, in der
Speicherstadt und der Hafencity empfing mich eine gespenstische Stille.
Eine lebendige Stadt von 100 auf fast 0 heruntergefahren …

Zeit zum Lesen
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Dann, als die zaghaften Lockerungen unter Auflagen im April stattfanden,
bin ich erneut durch die langsam wieder erwachende Stadt gestreift, um
noch einmal an den gleichen Orten mit der Kamera zu beobachten, wie die
Menschen die neue kleine Freiheit annahmen. Eine heitere Stimmung habe
ich dabei nur am Hafen feststellen können. Die Menschen flanierten,
schlenderten oder saßen bei strahlender Sonne mit ihrem Picknick und Eis
essend auf den Pollern an den Landungsbrücken und auf den Stufen der
Hafenterrassen. So als würden sie nichts im Leben vermissen. Der immer
noch fast ruhende Schiffsverkehr und Hafenbetrieb schien ihnen für den
Moment keine Sorgen zu bereiten.

In der City aber, wo das betriebsame Alltagsleben auch dringend
gebraucht wurde spürte man bei fast allen Leuten, die mir begegneten –
es waren nur wenige – eine abweisende missmutige Haltung. Die
eingeschränkten Öffnungen der Läden, die Einhaltung des Abstandes, die
nervigen Masken, die Sorge um die Zukunft, das vage Wissen um die
Krankheit … dieses Gebräu aus allem schien sich in den Gesichtern der
Leute zu spiegeln…

Ein Land im Ausnahmezustand mit ungewissem Ausgang.

Aber das Leben geht weiter! Trotz Corona und trotz der sich
allmählich formierenden unterschiedlichen Auffassungen, wie man mit der
Pandemie umgehen soll.

Im Dschungel der unterschiedlichen Informationen über die weltweit
herrschende Seuche, mit denen wir – auch von Seiten der Wissenschaft –
seit über zwei Monaten bombardiert werden, gehen die Meinungen in der
Bevölkerung mittlerweile weit auseinander.

Und natürlich findet umgehend die Instrumentalisierung durch
politische Extremisten statt. Vor allem von Seiten derjenigen, die immer
Recht haben, weil sie ja politisch auf der richtigen Seite stehen. Wo
alle Nazis, Rassisten, Rechtsradikale, Corona Leugner und Wirrköpfe
sind, Kritik üben und weitere Lockerungen im öffentlichen Leben
befürworten.

Da sind die Forderungen nach Demos von Gruppen jeglicher Couleur nur
eine Frage der Zeit. Die sind jetzt unter strengen Auflagen genehmigt
worden. Dass die strengen Auflagen bei der Ansammlung von Vielen mit
gegensätzlichen Auffassungen eingehalten werden würden … sehr
unwahrscheinlich.

Samstag, 16. Mai. Es ist soweit. Demos sind an verschiedenen Orten in Hamburg genehmigt. Da muss ich hin. Schon aus Neugier.

Am Gänsemarkt sehe ich die erste kleine Gruppe von Protestierern.
Sie sind eher sanftmütig und intensiv damit beschäftigt, sich fein weiß
zu schminken. Wohl „Kulturschaffende“ wie man sich nennt, wahrscheinlich
aus dem schauspielenden Gewerbe. Ungefähr 30 Leutchen mit viel Platz
zwischen sich.
Ihr Motto, Willy Brandts: „Mehr Demokratie wagen“ leuchtet in politisch
korrekter Gendersprache schwarz auf gelb auf einer Fahne, die auf Grund
einer Windflaute nur ab und zu lesbar ist. Wofür genau sie stehen, habe
ich nicht rausgefunden. Die Demonstranten waren zu sehr mit dem
Schminken beschäftigt.

Ich begebe mich weiter Richtung Rathausmarkt, nicht ohne unterwegs in der
picke-packe vollen Stadt Fotos mit Menschenmengen vor den Geschäften und
in den Passagen zu machen, die ich in meiner ersten Fotoreportage bei TE über den Lockdown verschlossen und verrammelt vorgefunden habe.

Ich kann mich nicht erinnern, die City je so voller Menschen gesehen
zu haben, darunter sehr Viele mit ganz offensichtlichem
Migrationshintergrund.
Ob der Ansturm dem darniederliegenden Handel geholfen hat, weiß ich nicht.
Und ob ich die sich dahin drängelnden Menschenmassen besonders prickelnd
fand, weiß ich auch nicht. (Aber das ist sehr persönlich.)

Am Rathausmarkt angekommen bietet sich mir erst mal ein total anderer Anblick
als erwartet. Der Platz ist noch relativ leer. Nur abgesperrt durch ein
rot-weißes Flatterband findet eine Mini Demo statt wie in einer zu groß
geratenen Wohnstube. Es sind Familien mit Kindern, die für eine
Wiederöffnung der Schulen und Kitas demonstrieren. Die Kinder üben
Seilspringen oder malen mit Kreide Bilder aufs Pflaster. Gemütlich und
fröhlich geht es zu mit den vielen Kindern.
Auf meine Bitte hin hält eine Frau („aber gerne doch!“) ein Plakat in die Luft,
damit ich das Anliegen der Demonstranten fotografieren kann. Ein Vater
erzählt mir traurig, dass man sie in die Ecke Rechts, Corona Leugner,
Wirrköpfe usw. einordnen würde – auch in ihrer Nachbarschaft… und dass
sie die Genehmigung zum Demonstrieren nur bis 14 Uhr hätten und dass man
nur so wenige Personen in die Umgrenzung mit dem Flatterband gelassen
hätte… Alle Teilnehmer würden sich als sehr gut informiert betrachten
und hofften deshalb einfach nur auf eine Rückkehr zur Normalität für
sich und ihre Kinder.

Weiter.

Bis zum Start der Hauptdemo begebe ich mich schnell noch in die
Hauptmeilen des Hamburger Massenkonsums, um in der „Mö“ und der
Spitalerstraße zu fotografieren. Auch hier scheinen mir die ehemaligen
Schauplätze der verordneten Leere aus allen Nähten zu platzen. Ablichten
und so schnell wie möglich wieder weg!

Ganz nebenbei auch ein sehr persönliches Gefühl: Beim Anblick der
vielen Muslimas und durch die partielle Maskenpflicht für uns wird mir
noch mal mehr bewusst,
wie schrecklich sich manche Frauen hinter diesem Gesichtsgefängnis fühlen müssen.

Auf dem Weg zurück: Tatütata und Mannschaftswagen der Polizei rund um den Rathausmarkt.

Der Platz jetzt voller Menschen. Nur nach dem Äußeren zu urteilen,
sind es Leute jeglicher Provenienz von bis … Die Abstandsregeln scheinen
gewahrt zu bleiben und es ist ruhig wie vor einem Gewitter. Nur
vereinzelt pöbeln sich ein paar Streithähne gegenseitig an. Verschiedene
Polizeitrupps sind rund um den Platz verteilt und in größerer Menge
natürlich vor dem Portal des Rathauses. Auffällig sind nur die
schwarz-vermummten Antifa-Leute, die ich bisher nie live gesehen habe. Wie
SA im Freizeitoutfit. Arglos fotografiere ich eine schwarz vermummte
Gruppe inmitten anderer Leute, als mich zwei auch schwarz gewandete
Antifa Mädels von der Seite angiften, ich solle gefälligst die Fotos
löschen. Persönlichkeitsrechte usw.

Unkenntlich und Persönlichkeitsrechte? Nein, reden wollen sie mit mir
schon gar nicht. Null Bock darauf. Da sind sie bei mir aber an der
falschen Adresse. Ich kann auch ausfallend werden. „Intoleranz“ war noch
das vornehmste Wort von meiner Seite. Die großmauligen Mädels zogen
Leine und taten mir fast leid.

Und dann geht plötzlich das Gewitter los. Von allen Stellen des Rathausmarkts,
an denen diese schwarz vermummten Gestalten in Gruppen stehen. Sie
brüllen und skandieren mit Ohren betäubendem Lärm „NAZIS RAUS!“ und
irgendwelche weiteren Parolen. Irgendwas mit Antifaschisten usw. Das
Ganze haben sie wohl fleißig einstudiert und organisiert, sonst
funktioniert das nicht. Sie halten auch ganz wichtige Plakate in die
Luft mit Parolen, Parolen, Parolen:

Aber wo sind denn all die NAZIS, RASSSISTEN, RECHTSRADIKALEN,
CORONA-LEUGNER, WIRRKÖPFE usw., gegen die hier Front gemacht wird?

Ich sehe sie nicht. Warum sehe ich sie nicht? Wo doch alles
durchsetzt ist mit Nazis in diesem Land! Das weiß doch jeder, der artig
den Leitmedien folgt. Und warum habe ich während der gesamten Demo keine
Angst?

Weil ich nirgendwo das Feindbild in Form von rechtsradikalen
Dumpfbacken entdecken kann, auf welche die Linken eindreschen könnten.

Und weil ich immer noch Vertrauen in die Polizei habe, die jetzt ihre
Helme aufsetzt. Denn die linken „Antifa-Helden“ beginnen mit ihrem
Katz-und-Maus Spiel, von dem ich schon oft gelesen habe. Muss einen
Riesen Spaß machen, auch weil’s den Steuerzahler ja sehr viel Geld
kostet. Vertrauen in die Polizei ja, und gleichzeitig tut sie mir leid.

Die Polizisten setzen ihre Helme auf, es gibt Lautsprecheransagen und
dann laufen sie in geordneter Formation in mehreren Gruppen von einem
Ende des Rathausmarktes zum Anderen. Irgendwo scheinen immer Nester des
triumphierenden schwarzen Blocks zu sein. Als Beobachter in diesem
makabren Spektakel versteht man zum Schluss nur noch „Bahnhof“. Mehr
nicht.

Frust und Ratlosigkeit breiten sich unter den friedlichen
Demonstranten aus, wie auch unter den wenigen Yogis, die mit
Blumensträußen auf ihre Art ein Zeichen setzen wollten. Eine Yoga-Dame
schenkt mir eine Rose und wir sind uns einig: Es sind verwirrende,
merkwürdige Zeiten und ein zerrissenes Land in dem wir leben.
„Corona“ ist nur der Teil des Eisbergs, der vorher noch nicht sichtbar war.

Auf dem Rückweg muss ich mir auf dem Jungfernstieg mühsam den Weg
durch die Menschenmenge vor dem APPLE Flagship Store bahnen. Von
Mindestabstand hier keine Spur. So sehen Gewinner der Corona Krise aus …
That’s life.

Quelle :

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