Warum gibt es in Russland so wenig Corona-Tote und wie ist die Situation dort?

Ich werde immer wieder gebeten, über die Corona-Beschränkungen in Russland zu berichten. Außerdem gibt es in deutschen Medien immer wieder Meldungen über angebliche Fälschungen der Todeszahlen in Russland. Auf beides will ich hier eingehen.

Aus eigenem Erleben muss ich sagen, dass mich die Corona-Beschränkungen nicht allzu sehr stören und auch aus meinem Freundeskreis höre ich kaum Klagen. Obwohl in Petersburg offiziell Beschränkungen herrschen und Masken- und Handschuhpflicht ausgerufen wurde, sind viele Menschen auf den Straßen und die meisten tragen keine Masken. Weder ich noch irgendeiner meiner Freunde wurde mal von der Polizei kontrolliert und nach dem Grund gefragt, warum man unterwegs ist. In Petersburg werden die auf dem Papier strengen Maßnahmen kaum kontrolliert.

Klagen höre ich nur über zwei Einschränkungen: Die Russen sind gesellig und gehen gerne aus. Aber Bars und Restaurants sind geschlossen, das nervt viele. Außerdem sind die Russen reisefreudig wie kaum ein anderes Volk und dass die Grenzen geschlossen sind und sie nicht reisen können, nervt die meisten sogar noch mehr.

Die Horrormeldungen, die ich aus Deutschland über Moskau höre, haben mir meine Moskauer Freunde übrigens nicht bestätigt. Da wird die Einhaltung der Einschränkungen zwar wohl strenger überwacht, als in Petersburg, aber was ich höre, klingt nicht allzu dramatisch. Aber da ich nicht in Moskau lebe, kann ich dazu aus eigenem Erleben nichts sagen.

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ in einem Beitrag sowohl über die aktuellen Einschränkungen berichtet und vor allem auch über die Streitfragen über die Zählweise der Todesfälle von Corona berichtet. Vor allem die Details über die Zählweise fand ich sehr interessant, daher habe ich den Beitrag des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Am 27. Mai genehmigte das russische Gesundheitsministerium neue Richtlinien für die Statistik der Sterblichkeit im Zusammenhang mit COVID-19. Die neuen Richtlinien wurden durch die jüngsten Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation nötig. Demnach umfasst die Statistik nicht nur Fälle, in denen SOOVID-19 die Todesursache ist, sondern auch Fälle, in denen das Virus mit hoher Wahrscheinlichkeit eine andere schwere Krankheit verschlimmert hat.

Es ist wichtig, dass in Russland medizinische Statistiken während der Epidemie genauer geführt werden können, weil die Auswirkungen des Coronavirus auf den menschlichen Körper hier besser untersucht werden, als in anderen Ländern. Das Ergebnis erklärt sich einfach: Bei uns werden hundert Prozent der Gewebe von Todesfällen, bei denen COVID-19 diagnostiziert wurde oder die Symptome des Coronavirus hatten, untersucht. Das erlaubt es, das Wesen der Krankheit besser zu verstehen, und sie daher besser behandeln zu können. Die akribische Forschungsarbeit ist im weltweit ersten medizinischen Atlas schwerer Veränderungen in der Lunge derer, die an dem heimtückischen Virus gestorben sind, zusammengefasst.

Coronavirus-Patienten werden immer weniger, was bedeutet, dass Ärzte zu ihrer gewohnten Arbeit zurückkehren können. In nur 4 Tagen wurden 179 geplante Operationen im Krankenhaus Botkin durchgeführt. Aber sie können nicht mehr so arbeiten wie bisher. Die Chirurgen tragen Schutzbrillen. 70 Prozent der Bauchoperationen im Botkin Krankenhaus werden laparoskopisch, also durch kleine Eingriffe, durchgeführt. So erholt sich der Patient schneller und kann am nächsten Tag entlassen werden. Und das Risiko, sich im Krankenhaus zu infizieren, ist geringer.

„Die höchste Priorität hat die Sicherheit, damit das Ergebnis einer Operation nicht nur aus chirurgischer, sondern auch aus epidemiologischer Sicht günstig ist“, sagte Viktor Yakomaskin, Leiter der chirurgischen Abteilung Nr.17 des Botkin-Krankenhauses in Moskau.

Jetzt versucht das größte Krankenhaus in Moskau – das Botkin-Krankenhaus – zum Rhythmus von vor Corna zurückzukehren: 800 bis 900 geplante Operationen pro Woche.

„Wie reagieren die Ärzte auf die Normalisierung?“

„Die Chirurgen haben sich nach den geplanten Operationen gesehnt, weil wir unseren Beruf lieben“, sagte Vladimir Bedin, stellvertretender Leiter des Botkin-Krankenhauses.

„Niemand, bei dem während der Epidemie eine geplante Operation im Botkin-Krankenhaus durchgeführt wurde, hat sich mit dem Coronavirus infiziert?“

„Alle Patienten, bei denen Routineoperationen durchgeführt worden sind, wurden gesund entlassen.“

Die Ärzte sind in den nicht von Corona betroffenen Bereichen auf Notfälle vorbereitet. Um jeden Patienten wird bis zum letzten gekämpft. Und das ist der Hauptgrund, warum Russland eine so niedrige Sterblichkeit hat.

„Meiner Meinung nach haben wir sehr schnell auf die Herausforderung der neuen Coronavirus-Infektion reagiert und sie mit Würde überstanden. Wir analysieren alles, was unsere ausländischen Kollegen veröffentlichen, analysieren ihre Erfahrungen, und sobald eine neue Methodik der Behandlung bekannt wird, übernehmen wir sie sofort in unser klinisches Leben“, versicherte Oksana Drapkina Professorin und Direktorin beim russischen Gesundheitsministerium.

Die japanische Journalistin Frau Tokuyama hat das am eigenen Leib erfahren. Sie wurde in Moskau krank, kam ins Krankenhaus, wo ihr Leben gerettet wurde. Sie schrieb einen Artikel für die japanische Ausgabe von JB-Press. „In Russland, obwohl ich hier Ausländerin bin, wurde ich sofort bei den ersten Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert, ohne auf die Testergebnisse zu warten. Und ich hatte Glück, dass ich sofort die entsprechende Behandlung erhalten habe“, sagte die Journalistin.

In einem Interview mit „Nachrichten der Woche“ beschrieb Frau Tokuyama ihre Eindrücke: „Japan macht bewusst nicht viele Tests. Und in Russland ist das Gegenteil der Fall. Hier erhöhen sie die Anzahl der Tests. Das Ergebnis des Tests ist noch nicht da, aber die Behandlung der Patienten beginnt sofort.“

Die japanische Journalistin glaubt nicht an den Mythos, dass die niedrigen Sterblichkeitsraten in Russland eine Fälschung der Statistiken sind. „Das Krankenhaus, in dem ich lag, war sehr frei. Jeder hat ein Telefon, es ist unmöglich, Informationen vollständig zu verbergen, vor allem die, die den Tod eines Menschen betreffen“, sagte sie.

Die Sterblichkeitsstatistik in Russland ist so transparent wie möglich. Beim Coronavirus herrscht totale Kontrolle. In hundert Prozent der Fälle wird eine Obduktion durchgeführt. Ärzte brauchen die Informationen, um die Behandlungstaktik anzupassen. So wurde zum Beispiel deutlich, dass Patienten mit dieser Infektion Medikamente verschrieben werden sollten, die das Blut verdünnen.

„Diese Besonderheiten wurden bereits nach den ersten Autopsien deutlich. Das Gefäßsystem ist stark betroffen, Thrombose, Thromboembolie, akutes Nierenversagen können auftreten. Das ermöglichte es unseren Ärzten, neue Behandlungsprotokolle umzusetzen, die Prognose der Patienten zu klären, die Prognose der weiteren Entwicklung der Krankheit zu verstehen und so Leben zu retten“, sagte Oleg Sayratyanz, freiberuflicher Spezialist für pathologische Anatomie und Leiter der Abteilung für Pathologische Anatomie der Moskauer Universität.

Übrigens werden nur in Russland post-mortem Untersuchungen von jedem Verstorbenen mit Verdacht auf das Coronavirus durchgeführt. Und die Kriterien sind noch strenger, als die Anforderungen der Weltgesundheitsorganisation. Es gibt eine klare Aufteilung in drei Kategorien: das Virus verursachte den Tod, das Virus verschlimmerte eine chronische Krankheit oder das Virus war im Körper, aber der Tod trat aus einem anderen Grund ein.

„Heute vermischen viele Länder die Sterblichkeitsstatistiken. Es gibt eine Übersterblichkeit, sehr gut, schieben wir alles auf das Coronavirus, werfen wir alle Zahlen zusammen. Aber das hilft ja niemandem. In der Tat ist das Bild viel komplizierter, es geht um die Frage, ob ein Mensch, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde, auch wirklich am Coronavirus gestorben ist. Und es gibt einen nicht offensichtlichen Punkt, der in andere Richtungen zeigt. Zum Beispiel werden eine Reihe von Krankheiten durch das Coronavirus verursacht. Das heißt, es war nicht die Hauptursache, es provozierte nur die Beschleunigung einer onkologischen Erkrankung, einen Schlaganfall, Herzinfarkt und so weiter. Wir gruppierten diese Krankheiten, diese Fälle, wo es klar ist, dass das Coronavirus vorlag und es die Todesursache war. Eine andere Sache ist, wenn wir sehen, dass eine Person einen positiven Coronavirus-Test hatte, aber daran nicht gestorben ist. Ein Mensch wurde von einem Auto angefahren und sein Coronavirus-Test war positiv, da werden Sie nicht schreiben, dass er am Coronavirus gestorben ist“, erklärte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjabanin.

Hier sind die Zahlen für April basierend auf Daten des Gesundheitsministeriums der Stadt Moskau. 636 Menschen starben an einer Coronavirus-Infektion. Das wurde durch Labortests bestätigt. Weitere 169 Personen hatten negative Tests auf Coronavirus, aber basierend auf einer post-mortem Untersuchung und klinischen Beweisen kamen Experten zu dem Schluss, dass es COVID war, das am ehesten zum Tod geführt hat. So werden dem Coronavirus alle, auch kontroversen Fälle, zugeordnet. Weitere 756 Menschen wurden positiv auf Coronavirus getestet, starben aber an anderen Ursachen. Es wird festgestellt, dass davon die mit 360 Toten größten Gruppe Patienten enthält, bei denen Coronaviren eine bestehende Krankheit verschlimmert haben und tödliche Komplikationen verursacht haben könnten.

Die amerikanische Hopkins University veröffentlicht ihre Grafiken der Todesfälle auf der ganzen Welt: Das sind die 10 Länder, in denen derzeit insgesamt die meisten Menschen sterben, auch an Coronaviren. Die erste Grafik ist die Zahl der Todesopfer pro 100.000 Menschen. In Belgien zum Beispiel sind das 82,56; in Spanien 58,5; Russland ist nicht einmal in den Top Ten.

Und die zweite Grafik, die von amerikanischen Wissenschaftlern zusammengestellt wurde, zeigt die Sterblichkeit durch COVID. Auch hier die schrecklichen Zahlen in Belgien: 16,2 Prozent. Im Vereinigten Königreich sind es 14 Prozent. In den Vereinigten Staaten sind es 5,9 Prozent. Russland ist in dieser Trauerliste nicht zu finden.

Der Schlüssel zum Erfolg ist, dass wir es geschafft haben, dem Virus voraus zu sein. So schnell wie möglich wurden neue temporäre Krankenhäuser gebaut und bestehende umgerüstet. Und sie wurden ebenso ausgestattet, wie stationäre Infektionskliniken: hochspezialisierte Betten, Beatmungsgeräte, Sauerstoffversorgungssystem und spezielle Beatmung. Die Gesamtzahl der Betten für Patienten mit Coronavirus beträgt in Russland 177.000.

„Als wir die starke Dynamik der Coronavirus-Entwicklung in anderen Ländern gesehen haben, und was für ein Defizit dort an speziellen Betten geherrscht hat, haben wir die Schlüsse gezogen. Wir haben uns rückversichert, eine große Reserve an medizinischen Zentren gebildet, um das Coronavirus zu bekämpfen. Das Worst-Case-Szenario ist vorbei. Ehrlich gesagt standen wir am Rande unserer Möglichkeiten. Aber es ging dank der gemeinsamen Anstrengungen des Präsidenten, der Regierung, des medizinischen Personals aller Ebenen und allen Fachrichtungen, die dafür verantwortlich waren. Es ist alles vorbei, dieser schreckliche Höhepunkt. Aber wie geht es nun weiter? Ich habe mit dem Präsidenten gesprochen, dieses Thema diskutiert. Es ist klar, dass die Reserven heute nicht mehr gebraucht werden. Aber heute haben wir mehr als 20.000 stationäre Betten, die aus der normalen geplanten Arbeit abgezogen wurden, die die gesamte Bevölkerung medizinisch versorgen soll. Das ist keine normale Situation. Das kann nicht lange so weiter gehen. Deshalb haben wir beschlossen, das Krankenhaus nach und nach von der Spezialisierung auf den Kampf gegen COVID wieder in den normalen Betrieb zu überführen“, sagte Sergej Sobjanin.

In den spezialisierten Zentren hat bereits viel Arbeit begonnen, wo sie während des Höhepunkts alles getan haben, um zu vermeiden, Patienten zu verlieren. Zum Beispiel Patienten mit Multipler Sklerose. Das ist eine Autoimmunerkrankung, die vor allem junge Menschen betrifft. Unbehandelt führt sie zu schweren Schäden. Von ständiger Beobachtung und ununterbrochener Versorgung mit Medikamenten hängt es ab, wie lange und wie ein Patient leben wird.

Die Behandlung von Multipler Sklerose kann sehr teuer sein – 500.000 Rubel (ca. 7.000 Euro) für einen Tropf. Aber er gibt Patienten die Möglichkeit, ein normales Leben zu führen, zu arbeiten, Kinder zu bekommen und nicht im Rollstuhl zu landen. Um die Behandlungen nicht zu unterbrechen, übernahm ein Moskauer Krankenhaus – das Veresayev-Krankenhaus – die Versorgung aller Zentren der Hauptstadt für Multiple Sklerose, das sind etwa 10.000 Patienten.

„Wir haben enorme Erfahrung gesammelt, wir haben gesehen, dass wir die Kapazität des Tageskrankenhauses und die Kapazität in Bezug auf behandelte Patienten verdreifacht haben, und somit die Behandlung fast vollständig gewährleistet haben“, sagte Igor Parfenov, Chefarzt des Veresayev-Krankenhauses.

Im Krasnojarsker Zentrum für Cardiovasculare Chirurgie finden noch keine geplanten Operationen statt, nur Notoperationen. Aus Tyva und Norilsk werden Kinder hierher gebracht, die nicht warten können. Der drei Monate alte Jegor hatte eine akute Herzinsuffizienz. Die Ärzte und Jegor haben es geschafft. Die Kinderabteilung ist völlig isoliert. Mit den Patienten aus dem anderen Flügel, wo COVID-Infektionen behandelt werden, gibt es keinen Kontakt.

In Ossetien werden diejenigen, die nicht an einer Coronavirus-Infektion leiden, aus Vladikavkas und anderen Gebieten ins Alagir-Krankenhaus gebracht. Fast alle Betten sind belegt.

In Jekaterinburg, im 40. Klinischen Krankenhaus, werden Patienten mit und ohne Infektion in verschiedenen Gebäuden behandelt.

Das Zentrum für Therapeutische und Präventivmedizin beginnt, das Volumen der geplanten Behandlungen zu erhöhen. Sie haben es hier mit Herzrhythmusstörungen zu tun. In der Regel sind in dem Krankenhaus 140 Patienten, jetzt kaum die Hälfte. In den für vier Personen konzipierten Krankenzimmern liegen nun maximal zwei. Der russische Bulgare Nenko Vdovin hatte einen Notfall, aber jetzt geht es nur noch um eine geplante Operation.

„Ich hatte einen Herzinfarkt. Ich muss feststellen, dass die Ärzte schnell reagiert haben“, sagte Nenko.

Dank der Ärzte werden bereits am 1. Juni 12 russische Regionen in der Lage sein, die Corona-Beschränkungen teilweise aufzuheben.

Ende der Übersetzung

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