Erziehungsjournalismus am Ende

Zahllose Lesende werden die Kopf und Herz ansprechenden Texte der „Zeit“-Tochter ze.tt vermissen.

Erst traf es buzzfeed.de, dann folgte das Qualitätsportal bento und nun erreicht die Krise des Erziehungsjournalismus mit dem „Zeit“-Ableger ze.tt erneut ein führendes Organ der fortwährenden Weltverbesserung. „Wirtschaftliche Ausfälle“ durch Corona haben das Online-Magazin der „Zeit“ scheitern lassen – die Verlagsgruppe aus Hamburg schließt die Internetseite „für junge Zielgruppen“ („Zeit“) und macht aus dem Journal für „Liebe & Sex“, „Selbstfindung & Psyche“ und „Feminismus & Körperkult“ ab September als Ressort in den Hauptauftritt von Zeit Online.

Ein Rückschlag, der gerade die Jüngsten und Schwächsten in der Gesellschaft trifft. Nirgendwo sonst konnten sich Mädchen und Jungen, aber auch Angehörige aller anderen Geschlechter so entspannt über die Grundfragen unserer Zeit informieren. „Geld verdienen oder Welt verbessern – musst du dich entscheiden?“, „Warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt“ oder „Wie benutze ich eine Menstruationstasse“ – ze.tt schrieb dort, wo das Lesen wehtut und gab nebenbei Tipps, wie auch junge Menschen ohne Erbschuld sich schnell und passgenau einfügen können in die Gesellschaft der EWrwachsenen mit ihren leeren Ritualen und verlogenen Beteuerungen. ze.tt gab „elf Tipps, wie du Schwarzen Menschen jetzt beistehen kannst, wenn du weiß bist“ und befahl „diese fünf antirassistischen Bücher, Podcasts und Filme solltet ihr euch jetzt anschauen“. Eigentlich hätte die anvisierte junge Generation darauf fliegen müssen.

Vom Reißbret einer Werbeagentur

Die aber versagte dem im Flüchtlingssommer 2015 gestarteten Projekt die Solidarität. ze.tt brachte es in guten Tagen auf einen schlechten Platz in den unteren Bereichen der 1000 meistbesuchten deutschen Webseiten. In schlechten lag man sogar noch hinter bento.de und jetzt.de, den von „Spiegel“ und SZ lancierten Konkurrenzangeboten für die am Reißbrett einer Werbeagentur imaginierte Zielgruppe einer zahlungskräftigen Großstadtjugend, die sich vom schwäbischen Partypeople ebenso „krass“ (ze.tt) unterscheidet wie vom ostdeutschen Nazischlagetot. Bei Youtube sammelte das professionell seo-optimierte Angebot in fünf Jahren knapp 10.000 Abonnenten. Bei Facebook, einer zentralen Ausspielplattform für Texte über die Geschichte des Bikinis und die Probleme von „Sinti*zze und Rom*nja“ gelang es den ze.tt-Communitymanagern, zuweilen bis zu sechs Kommentare heranzuschaffen.

Bei ze.tt war der junge Mensch blöd, aber gut. Sein größtes Problem bestand in der Sorge, dass Corona die Nachfrage nach Pläötzen in Frauenhäöusern erhöhen könnte, dass das Wort „Rasse“ im Grundgesetzt verbleibt und ein geplanter „Afrozensus“ (ze.tt) womöglich zu spät kommt, um „Schwarze Lebensrealitäten in Deutschland erfasst werden“.

ze.tt war fünf Jahre zweifellos Teil dieser schwarzen Realität, ein dunkles Loch, in das der Blick fiel wie in einen Abgrund. Musik war hier wichtig für den „Wochenstart“, einen Moment, den ze.tt-Redakteure auf eine derart panische Weise fürchteten, dass beschwörende Berichte über Rezepte gegen eben jenen „Wochenstart“ sich wie ein roter Faden durch die fünf Jahre des öffentlich weitgehend ignorierten Kampfes der „neuen Online-Plattform für Geschichten, Ideen und Gefühle“ (Zeit) für eine bessere Welt mit besseren Menschen zieht.

Das Scheitern des Versuchs, für ausgedachte Leser und gegen die Realität anzuschreiben, wird nun selbstironisch kommentiert. „Wann Aufgeben die bessere Lösung ist“ heißt es aktueller Text im ze.tt-Bereich „Green“, der zahlenden Mitgliedern des Green-Klubs seit Januar 2020 „noch mehr Texte im gewohnten ze.tt-Stil“ bot – „divers, feministisch, jung und inklusiv“.

Ein Leben in der Menstruationstasse

Hier waren die Lesenden „okay so wie du bist!“ (Original ohne Komma). Aber sie waren eben nicht zahlreich genug, um die wichtige Zuspruchsfunktion von ze.tt weiter aufrechterhalten und die stolze Anzahl von 16 festen Mitarbeitern und drei studentischen Hilfskräften bezahlenzu können. Die Berichterstattung aus einer eingebildeten Welt voller erfundener Probleme, ausgerichtet an der Vorgabe, alles solle und müsse vor allem immer richtig „divers“ sein, hat den Praxistest nicht bestanden.

Was ze.tt-Chefredakteurin Marieke Reimann („Die sieben wichtigsten Zitate aus Angela Merkels TV-Ansprache“) keineswegs anficht. „Mein Team hat in den letzten Jahren bewiesen, dass eine diversere Berichterstattung in Deutschland möglich ist und auf eine immer noch stark wachsende Community trifft“, schwurbelt die gebürtige Rostockerin, die von Berlin aus einst hatte „den Blick für den Osten schärfen“ wollen. Der kam entsprechend zuletzt im Oktober 2019 bei ze.tt vor. Ein echter „Schwerpunkt“ (Reimann). Und danach war ja auch schon Black lives matter.

Ein Riesenerfolg geht pleite

Ein Riesenerfolg also, dieses ze.tt, nicht nur für den Osten, auch für die Diversität und die „Zeit“. „Uns ist es gelungen, all diejenigen abzuholen, die sonst maximal als „Randgruppen“ in den Medien erwähnt werden“ versichert sich Reimann, für die bei der „Zeit“ eine Anschlussverwendung geplant ist. Wie viele wertvolle Redakteure entlassen werden, hat die „Zeit“ noch nicht öffentlich gemacht. Doch auch ohne die Diversspezialisten soll ze.tt als „als Aushängeschild der Zeit für diverse Berichterstattung erhalten“ bleiben und durch die Auflösung der einst aus Kostenspargründen gegründeten ze.tt GmbH und die Überführung der Reste des Projekts in ein Ressort der „Zeit“ „langfristig auf eine wirtschaftlich zukunftsfähige Basis“ gestellt werden.

Die Welt, weiß Christian Röpke, „Chief Digital Officer“ der Zeit Verlagsgruppe und Geschäftsführer von Zeit Online, braucht ein „journalistisches Angebot für alle Themen aus der Lebensrealität der Millennials“.
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