Verhaltenslehren

Götz Kubitschek / 40 Kommentare

Seit ich die Bilder knieender Polizisten, Politiker, Fußballspieler und Passanten gesehen habe, weiß ich: Gegen diese Wucht ist kein Kraut gewachsen.Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Sezession
Antaios

Vom Tod des kriminellen, schwarzen „sanften Riesen“ George Floyd bis zum Beugeritual im Mittelkreis der großen Stadien dauerte es nur ein paar Flügelschläge lang, und niemand von „uns“, wirklich niemand, konnte etwas gegen diese schnell abbindende Betonschicht machen, die (wie so viele Schichten zuvor) jede Differenzierung versiegelte und (wie so oft schon) die Bodenplatte für kleine Verhöre bildet:

Bist Du für oder gegen Rassismus? Bist Du Dir schon im Klaren darüber, daß Du als Nutznießer weißer Privilegien strukturell rassistisch bist? Begreifst Du die Geschichte endlich als Abfolge rassistischer, ausbeuterischer, weißer Übergriffigkeit und  Weltprägung?

Man kann solche Fragen und vor allem die Form der Fragestellung zurückweisen. Fast jeder andere akzeptiert sie, läßt sie sich stellen, läßt sich stellen. Unter unseren Autoren ist jedenfalls ein ernsthafter Streit darüber ausgebrochen, wie wir uns vor dem Hintergrund der jüngeren Ereignisse verhalten sollten. Es gibt drei Positionen:

1. Aufgreifen, kommentieren, wachrütteln, zu Protokoll geben: Mit jedem Artikel, jedem tweet, jedem youtube-Kommentar fiele es, so die Argumentation, neuen Lesern und Hörern wie Schuppen von den Augen, welcher Irrsinn uns hier als Realität verkauft werden soll. Vor der Entwicklung also warnen: Es gehe um die „Verteidigung des Eigenen“, und wer den Angriff auf dieses „Eigene“ nicht sehen wolle, sei als politischer Publizist nicht mehr ernst zu nehmen. Publizieren heißt, sich den Fragen zu stellen.

2. Wahrnehmen im Sinne eines „Sich-nicht-Verhaltens“: Das ist die Weigerung, sich in jeden vor uns aufgebauten Gegensatz stellen zu lassen – und zu unterliegen. Stephan Siber hat das unter dem Titel „Unterlegenheit und Widerstand“ in der Juni-Sezession mit seinem ersten Absatz aufgerissen:

Der Mensch, der sich in einer Situation gezwungen sieht, Widerstand zu leisten, ist jenen Kräften, die sich ihm in den Weg stellen, zunächst immer unterlegen. Unterlegenheit ist die Ausgangssituation des Widerstandskämpfers – Widerstand setzt Unterlegenheit voraus. Oder anders gesagt: Derjenige, der in die Lage gerät, Widerstand leisten zu müssen, ist zunächst gar nicht in der Lage, Widerstand zu leisten, und er ist es um so weniger, je mehr er sich durch seinen erzwungenen Aufenthalt im Zentrum der Zirkumvallation – auch den ringsum aufgestellten Truppenkranz einer Umschanzung nennt man »Corona« –, aus der es kein Entkommen zu geben scheint, dazu aufgerufen fühlt.

Siber kommt im Verlauf seines Nachdenkens natürlich nicht zu dem Schluß, daß wir das, was uns zusetzt, einfach an uns vorbeiplätschern lassen sollten. Aber er rät davon ab, in aller Öffentlichkeit die Hände zu ringen und dabei doch absehbar immer wieder den Kürzeren zu ziehen. Er rät eher dazu, das Mögliche zu tun, um dem Notwendigen und in der jetzigen Lage Unmöglichen ein Fundament zu bauen.

Über dieses „Mögliche“ ist zu reden. Ich empfehle Sibers Text jedenfalls dringend der Lektüre, (Heft 96 ist hier erhältlich).

3. Ganz neu ansetzen: in die Sicherheit des Schweigens wechseln. Was das heißt, will ich nicht ausführen. Ich empfehle aber – wiederum aus Sezession 96 – den Beitrag „In Zeiten der Ermüdung“ von Adolph Przybyszewski. Er deutet dieses Neu-Ansetzen an, weil er zu dem Schluß kommt, daß innersystemischer Widerstand, also Alternative gemäß den Spielregeln des Systems, immer systemstabilisierend wirkt.

Man wird über kurz oder lang eingebaut – sogar als willkommener Vorwand für diejenigen, die gerade gewinnen, aber jenen berühmten Anteil an noch nicht Belehrten und Umgedrehten brauchen, von denen Ernst Jünger in seinem Waldgang gleich zu Beginn spricht: Wo noch nicht hundert Prozent auf der Seite des „Guten“ stehen, darf „das Gute“ in seinen Anstrengungen nicht nachlassen und muß den Dreck aus der letzten Ritze fegen. Das geht mittlerweile sogar dann, wenn sich diese letzten paar Prozent nicht mehr nachweisen lassen.

Erik Lehnert berichtete in unserem Podcast („Am Rande der Gesellschaft“, hier hören) von einer Komission zum Rassismus-Problem in Thüringen, der er als Sachverständiger für die AfD-Fraktion beiwohnen mußte. Es sei, so Lehnert, für die linksgrünen Initiatoren der Komission kaum möglich gewesen, eine in irgendeiner Form relevante Zahl rassistisch Diskriminierter in Thüringen ausfindig zu machen. Selbst die befragten Leute von der Front – Polizisten, Erzieher, Lehrer usf. – hätten nur mit den Schultern zucken und nicht von Fällen berichten können.

Diese Bestandsaufnahme führte indes nicht zu Erleichterung, sondern zu einer Nachbesserung der Empörung: Denen, die da nichts zu berichten hatten, wurde flugs „struktureller Rassismus“ vorgeworfen – eine Form der Blindheit für den längst zur zweiten Haut gewordenen Rassismus also.

Solchen Argumentationen ausgesetzt zu sein und weder von der CDU noch von den Liberalen in Schutz genommen zu werden, weil es der Alternative in die Hände spielen könnte, kennzeichnet unsere Lage. Sie ist übertragbar auf ungezählte andere Felder und belegt, daß wir uns gründlich geirrt haben:

Der übermächtige politisch-mediale Komplex formt sich aus uns seine Gegner wie aus einem Fertigteig. Weil der Bedarf an Nazis in diesem Land ungebrochen ist, sollen auch wir welche sein. Naiv war und ist die Annahme, daß diese Zuschreibung sich nicht halten lasse: daß sie einem erklecklichen Anteil des „politischen Feuilletons“ zu billig, zu sehr an den Haaren herbeigezogen sein würde.

Naiv war also die Annahme, daß es die klügeren unserer Gegner beleidigen würde, sich von medialen und parlamentarischen Straßenkämpfern vorschreiben zu lassen, wer als Verfassungsfeind oder eindimensionaler Kopf zu brandmarken und auszugrenzen sei. Wir lebten in der falschen Hoffnung, daß der Mechanismus der unstatthaften Denunziation den Denunzianten selbst „zur Kenntlichkeit entstellen“ würde und daß wir selbst im Umkehrschluß als diejenigen gelten könnten, mit deren Thesen, Analysen und Vorschlägen man die gängige Wirklichkeitswahrnehmung wenigstens korrigieren und ergänzen sollte.

Wir waren außerdem – und das ist wohl der schmerzhafteste Punkt – überzeugt davon, daß Distanzierung und Verleumdung im eigenen Lager angesichts des gemeinsamen, übermächtigen Gegners nicht zum Tragen kommen würden. Ich schrieb über die Gefahr der „Selbstverharmlosung“ als dem bequemeren Weg des zu frühen Ausgleichs mit dem Establishment sogar einen warnenden Text. Nie zuvor und seither ist eine Vokabel gründlicher mißverstanden worden und selten lag ich mit einer Prognose näher an dem, was eintrat:

Die Selbstverharmlosung aus Angst vor dem echt politischen Gegensatz ist in Teilen der AfD und unseres publizistischen Milieus so weit gediehen, daß sie im Ergebnis zu Denkblockaden, Selbstzensur, Scheren im Kopf und planloser Distanzierung geführt hat. Nichts ist lähmender für das Denken als geistige Parteidisziplin, und die Umformung eines vor sechs, sieben Jahren mit dem Schwung eines Rammbocks aufgebrochenen Projekts in einen fröhlichen Türklopfer ist ein Lehrstück.

Erik Lehnert hat diese Ernüchterung mit der ernüchternden Formulierung auf den Punkt gebracht, wir alle hätten doch wider besseren Wissens gehofft und uns beteiligt. Und Benedikt Kaiser weist, mit Alain de Benoist an seiner Seite, mit wachsendem Recht darauf hin, daß nun eben der Mangel an rechter Theoriearbeit schwer ins Gewicht falle: Selbst in wesentlichen Debatten werde kein Standpunkt bezogen, sondern in der Hoffnung argumentiert, das Gegenüber verstünde und begrüße die Harmlosigkeitssignale oder vielmehr: das große, hastige, hilflose Durcheinander in weltanschaulichen Fragen, dieses kindische Chaos im Kopf.

Aber nein. Der Gegner begrüßt nur eines: daß es ihm gelungen ist, eine kurze Phase der Verunsicherung (2015 bis 2018) hinter sich zu wissen und nun wieder mit unterkomplexen Behauptungen und Parolen sicher auf der Seite des Guten stehen zu können. Das bißchen WerteUnion schreckt ihn nicht. Es klopft müde an der Tür. Er kann öffnen, wann er es für richtig hält, oder um Hilfe rufen, wenn ihm „der Nazi vor der Tür“ besser in den Kram paßt.

Und wir? Wir sollten uns viel zu schade sein, um vor solchen Türen herumstehen – vor allem ohne Rammbock. Dies aus zwei Gründen: Zum einen ist dieses Herumstehen entwürdigend, denn man zeigt dabei doch, daß man auf Türöffner angewiesen sei. zum zweiten sollten wir die Zeit nutzen und nichts tun, was nicht geboten ist. Die nächste Unsicherheit derer, die sich allzu sicher sind, kommt, das steht außer Frage. Und dann müssen wir etwas aus der Schublade holen können.

Ab und an wird uns ja unangemessene Ratlosigkeit vorgeworfen. Ich habe den Eindruck, manche verwechseln Rat mit steilen Aktionen. Wir sollten nicht so tun, als strotzten wir derzeit vor Kraft. Mein Rat: Ich plädiere derzeit vehement für eine Mischung aus 2. und 3., siehe oben, und in Kurzfassung: Arbeit am Möglichen in der Sicherheit des Schweigens, oder – wie es Przybyszewski im Juni-Heft ausdrückte: „In Zeiten der Ermüdung müssen wir einkehren und über einen neuen Anlauf nachdenken – aus den Häusern der Seßhaften heraus.“

Daß wir darüber die Arbeiten des Publizierens und Verlegens nicht liegenlassen (was könnten wir besser!), muß ich nicht extra erwähnen. Bloß: Wir lassen uns die Themen nicht aufzwingen. Aber das freilich müssen manche von uns erst wieder lernen.


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(Wie oft , sind die Kommentare mindestens so interessant, wie der Beitrag! L.J. Finger)

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