„Extreme Konformität“ in den Medien

Interview Norbert Bolz

Von Alexander Wendt

Wie ändert sich das Meinungsklima in der Corona-Krise? Ihre wirtschaftlichen Folgen, meint Medienwissenschaftler Norbert Bolz, könnten die Gewichte zwischen Utopisten und Realisten neu justieren. Unternehmer und Naturwissenschaftler sollten mehr Platz in der öffentlichen Debatte fordern.

Tichys Einblick: Herr Professor Bolz, die ökonomischen Kosten der Corona-Krise sind noch nicht absehbar – aber sie werden auf Jahre tiefe Spuren hinterlassen. Verwandelt sich unsere Gesellschaft von einer postmateriellen wieder zu einer harten materiellen, in der es um Zahlen und Bilanzen geht?

Norbert Bolz: Ich hatte schon vor der Corona-Krise Zweifel, ob der Begriff der postmateriellen Gesellschaft so besonders sinnvoll ist. Einen konkreten Sinn hat die Wendung „postmateriell“ meiner Meinung nach nur als Beschreibung für die Digitalisierung und den Aufstieg der Informationstechnologie. Aber der Überbau, der mit „postmateriell“ meist gemeint ist, erscheint mir eher als Religionsersatz, der für die Gesellschaft nie diese reale Bedeutung hatte, die ihm von vielen zugeschrieben wird.https://googleads.g.doubleclick.net/pagead/ads?client=ca-pub-3622156405313063&output=html&h=250&slotname=6322055.ee88578&adk=621678528&adf=3511047136&w=300&lmt=1594023671&pucrd=CgYgASgBOAF4Aw&psa=1&npa=1&guci=1.2.0.0.2.1.0.0&format=300×250&url=https%3A%2F%2Fwww.tichyseinblick.de%2Fdaili-es-sentials%2Finterview-norbert-bolz-extreme-konformitaet-medien%2F&flash=32.0.0&wgl=1&adsid=NT&dt=1594023671119&bpp=42&bdt=36554&idt=44&shv=r20200624&cbv=r20190131&ptt=9&saldr=aa&abxe=1&prev_fmts=0x0&nras=1&correlator=5634136047676&frm=20&pv=1&ga_vid=1479059157.1593335646&ga_sid=1594023637&ga_hid=1618755376&ga_fc=0&icsg=65520&dssz=86&mdo=0&mso=512&u_tz=120&u_his=2&u_java=0&u_h=810&u_w=1440&u_ah=793&u_aw=1440&u_cd=24&u_nplug=1&u_nmime=2&adx=244&ady=2261&biw=1429&bih=705&scr_x=0&scr_y=1926&eid=21065532%2C21066393%2C42530494%2C42530496%2C42530500%2C42530502&oid=3&pvsid=3354239029301124&pem=120&ref=https%3A%2F%2Fwww.tichyseinblick.de%2F&rx=0&eae=0&fc=896&brdim=0%2C17%2C0%2C17%2C1440%2C17%2C1444%2C795%2C1440%2C716&vis=1&rsz=o%7Co%7CoeE%7C&abl=NS&pfx=0&fu=9232&bc=29&ifi=15&uci=a!f&xpc=M9FlDrNl7o&p=https%3A//www.tichyseinblick.de&dtd=64

Also ändert die Krise gar nicht so viel?

Sie wird insofern heilsam sein, als sich viele Leute unter ihrem Eindruck auf ganz Fundamentales besinnen: auf Gesundheit, Sicherheit, auf die Grundfunktion des Staates, diese Dinge zu garantieren. Wir kommen wieder zu dem Staatsverständnis von Thomas Hobbes. Dieser Notwendigkeit, dass unsere Sicherheit geschützt werden muss, waren wir in den wunderbaren Jahrzehnten der jüngsten Vergangenheit enthoben. Jetzt kehrt sie zurück.

Was heißt das für die öffentliche Kommunikation, wenn künftig wieder mehr über das Bruttoinlandsprodukt gesprochen wird und weniger über das dritte Geschlecht?

Es könnte in der Zeit der kommenden materiellen Verteilungskämpfe zu einer
offeneren Schlacht zwischen Utopisten und Realisten kommen, wie sie in den USA schon seit mehreren Jahren stattfindet. Bis jetzt wird der öffentliche Diskurs in Deutschland fast ausschließlich von einem wohlstandsverwahrlosten Milieu beherrscht. In der Zeit nach Corona könnte es sein, dass den Schwätzern das Mikrofon etwas leiser gedreht wird. Wir haben es in Deutschland mit zwei sehr unterschiedlichen Kulturen zu tun: den Träumern aus dem Oberseminar, und denjenigen, die das Geld verdienen. Bisher beherrschen die Mundwerker weitgehend die öffentliche Debatte. Ein idealtypisches Beispiel eines Mundwerkers ist der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kevin Kühnert: Er hat nichts gelernt, nie etwas zu Ende gebracht, von nichts wirklich Ahnung – aber er kann sehr gut reden und versteht es, sich zu präsentieren. Auf der anderen Seite stehen Ingenieure, Naturwissenschaftler, Unternehmer, die sich nicht öffentlich artikulieren, weil sie es nicht gelernt haben und weil die öffentliche Artikulation nicht zu ihrem Selbstverständnis gehört. Bisher haben sie es mehr oder weniger grummelnd hingenommen, dass sie im öffentlichen Diskurs kaum eine Rolle spielen. Ich halte es für gut möglich, dass diejenigen jetzt, da es um harte wirtschaftliche Krisenfolgen geht, ein größeres Interesse entwickeln, die gesellschaftliche Debatte wenigstens mitzubestimmen und das Feld nicht ausschließlich den Mundwerkern zu überlassen.

Welche Entwicklungen nehmen Sie denn in den USA wahr?

Es ist bemerkenswert, dass in den USA die Political Correctness an den Universitäten zwar noch wahnsinniger ist als hier, dass es aber auch so etwas wie ein freiheitliches Gegenlager gibt. Das Talkradio erreicht dort ein großes Publikum und gibt vielen die Gelegenheit, öffentlich mitzudiskutieren. Auch Twitter spielt eine größere Rolle.

Der kanadische Autor Jordan B. Peterson hat das sogenannte Intellectual Dark Web ins Leben gerufen. Damit bezeichnet er ironisch eine Plattform, in der er sich mit dem Neurowissenschaftler Sam Harris und Unternehmern wie Eric Weinstein ohne die Restriktionen der politischen Korrektheit austauscht. Wäre so etwas auch in Deutschland möglich?

Ich hatte vor einiger Zeit in einem Tweet auf dieses Intellectual Dark Web hinge- wiesen, in dem in der Tat sehr interessante Diskussionen geführt werden. Genügend interessante Köpfe jenseits der Konformität gibt es auch in Deutschland. Was bis jetzt fehlt, ist Geld, ein ökonomischer Hintergrund, der nötig ist, um neue öffentliche Plattformen dauerhaft zu institutionalisieren.

Eigentlich müssten die klassischen Medien ja schon im eigenen Interesse eine solche Plattform für offene Debatten bieten. Warum geschieht das nicht?

Eigentlich wäre das ihre Aufgabe. Die extreme Konformität in den Redaktionen der meisten Medien kann ich mir nur noch mit der sehr ähnlichen Sozialisation der Journalisten dort erklären. Es gibt mittlerweile kaum noch einen Unterschied zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Medien in der Diskussion der meisten politischen Themen. In einer Zeit, in der schon die Parteien mehr oder weniger an einem Strang ziehen – von der AfD einmal abgesehen –, ist diese Konformität fatal.

Was lesen Sie?

Ich hatte die „Welt“ früher sehr geschätzt. Dass jetzt auch dort Lobeshymnen auf die große politische Führungskunst Angela Merkels erscheinen, das hat mir wehgetan. Wenn ich etwas zu deutscher Innenpolitik lesen will, dann fühle ich mich bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ am besten aufgehoben. Dort finde ich einen Blick, der sich doch deutlich unterscheidet.

Es gibt den Ruf privater Medien nach Staatshilfen – noch über die bereits beschlossenen 60 Millionen Euro Zustellungshilfen für Zeitungen hinaus.
Bekommen wir einen staatlichen Strukturwandel der Öffentlichkeit?

Dazu kann ich wenig sagen. Ich kann nur beten, dass nichts daraus wird. Wenn es um die Existenz des eigenen Arbeitsplatzes geht, dann sind manche im Medienbetrieb offenbar auch bereit, die eigene Seele zu verkaufen. Ich kann das sogar verstehen. Aber die Konsequenz wäre furchtbar.

In der Pandemie gab und gibt es einen deutlich stärkeren Einfluss von Wissenschaftlern auf Politik und Medien. Manche Virologen schienen auf einmal wichtiger zu sein als Kabinettsmitglieder und Chefredakteure. Was bedeutet das für die gesellschaftliche Debatte?

Was die Auftritte der medial jetzt sehr präsenten Virologen angeht – ich traue mich nicht zu beurteilen, welche Kompetenzen sie haben. Am sympathischsten in der Corona-Pandemie sind mir generell Wissenschaftler und Politiker, die ehrlicherweise zugeben, noch zu wenig zu wissen. Aber was große Teile der Geisteswissenschaft betrifft: Dort sündigen viele gegen die Forderung von Max Weber, das Katheder nicht als Predigtkanzel zu benutzen.

Wer tut das?

Beispielsweise Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er ist sehr stolz darauf, eigentlicher Autor der päpstlichen Enzyklika „Laudato si’“ zu Klimafragen und zugleich Stichwortgeber für die Klimapolitik der Bundesregierung zu sein. Es gibt viele Vertreter der Soziologie, der Politikwissenschaften, der Psychologie, mittlerweile auch der Rechtswissenschaften, die liebend gern als Stichwortgeber in medialen Debatten auftreten. Es findet dafür ein regelrechtes Casting statt: Die besten Chancen, dort zu Wort zu kommen, haben diejenigen, die genau das liefern, was zu bestimmten Themen jeweils von den Redaktionen erwartet wird. Dass immer mehr dieser Gefälligkeitswissenschaftler auftreten, ist mittlerweile ein sehr tiefes Problem des akademischen Betriebs.

Sehen Sie die Chance, dass eine neue Generation von Wissenschaftlern diese Konformität wieder aufbrechen kann?

Ich bin nicht besonders optimistisch, dass eine künftige Generation von Geistes- und Sozialwissenschaftlern die Fesseln des Paternalismus und Konformismus sprengen wird. Die Leute müssen Karriere machen, und der Staat kontrolliert sie immer schärfer. Gefälligkeitswissenschaftler sind die Folge. Ich setze da mehr auf das Denken außerhalb der Institutionen.

Sie sind aus diesem akademischen Betrieb vor Kurzem durch Pensionierung ausgeschieden. War das ein Abschied unter Schmerzen?

Ich genieße meine Freiheit, zu der unter anderem gehört, dass mir niemand mehr mit einem Disziplinarverfahren drohen kann. Meine Botschaften kann ich auf Twitter und in ausgewählten medialen Kanälen platzieren. Ansonsten erlebe ich, was Goethe einmal als einen Vorzug des Alters beschrieben hat: den allmählichen Rückzug aus der öffentlichen Sichtbarkeit.

Quelle

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