Die Windräder auf dem Gotthard sind so gross wie die draussen in der Nordsee. Aber hier werden die Rotorblätter geheizt, damit sich kein Eis bildet

Fünf Anlagen wachsen auf dem Gotthardpass in den Himmel. Das Pionierwerk dominiert die historische Landschaft und drückt dem alten Pass eine neue Bedeutung auf. Helmut Stalder (Text) und Christoph Ruckstuhl (Bilder) 04.08.2020, 05.30 Uhr Merken Drucken Teilen

Windstill ist es hier oben nie. Entweder pfeift der Südföhn über den Passrücken, oder der Nordföhn braust durch die Düse zwischen den Bergflanken. Tagelang kann das so gehen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde. Und wenn es übel wird hier oben auf 2100 Metern über Meer, peitschen die Böen Regen und Schnee mit 150 Kilometern pro Stunde über den blanken Granit. Jetzt ist es milder. Eine kontinuierliche Brise aus Norden treibt Wolkenfetzen über den Himmel, kräuselt die Seelein und zieht zwischen den historischen Gebäuden des Gotthard-Hospizes die Fahnen von Uri, Tessin und der Schweiz stramm. So mögen es die Pioniere der Azienda Elettrica Ticinese (AET). Sie wollen hier, auf den mythischen Höhen des Gotthards, den Wind einfangen.

«Auf dem Gotthard hat es viel Wind, die Strassenzufahrten sind da, und die Stromleitungen sind auch bereits vorhanden», sagt der AET-Direktor Roberto Pronini und weist mit einer grossen Geste ins Gelände. Ganz in der Nähe stemmt sich die Talsperre des Lago di Lucendro zwischen die Felsen, etwas weiter weg liegt der Stausee Lago della Sella, Stromleitungen ziehen sich durch die Landschaft, und die Passstrasse ist auch für Lastwagen zu meistern. Das seien ideale Bedingungen für ein Windkraftwerk, die es nicht oft gebe im Gebirge. «Hier hat man alles. Es wäre schade, wenn wie diese Situation nicht nutzen dürften.»

Die Pfeiler der Windturbinen bestehen aus zusammengesetzten Betonelementen und ragen 98 Meter hoch in den Himmel.

Am «Parco eolico del San Gottardo» sind die AET mit 70 Prozent, die Services Industriels de Genève mit 25 Prozent und die Gemeinde Airolo mit 5 Prozent beteiligt. Das Pionierprojekt besteht aus fünf grossen Windturbinen, die über dem Passrücken verteilt sind. Sie erbringen zusammen eine installierte Leistung von 11,75 Megawatt, was einem kleinen Wasserkraftwerk entspricht, und liefern 16 bis 20 Gigawattstunden Strom. «Wir brauchen nur fünf Standorte von wenigen Quadratmetern und produzieren so viel Strom, wie sämtliche rund 4000 Haushalte in der Leventina und im Bleniotal im Jahr verbrauchen», sagt Pronini.

Im Innern des Pfeilers führt eine schmale Leiter zum Maschinenhaus hinauf. Ein Netz schützt vor herunterfallenden Gegenständen.

Gigantismus und Millimeterarbeit

Edy Losa betritt den Turm Nummer 4 an der Ostseite. Er ist der AET-Vizedirektor und Chef des neuen Windparks am Gotthard. Vier Türme hat die deutsche Unternehmung Enercon bereits 70 Meter in den Himmel wachsen lassen, zusammengesetzt aus 17 Lagen Betonringen. Oben drauf kommen in den nächsten Tagen ein 25 Meter hoher Aufsatz aus Stahl und darauf dann die Maschine, wie Losa erklärt.

Für die fünf Fundamente der Türme mit 14 Metern Durchmesser wurden je 300 Tonnen Beton verbaut. Bald wird bei Turm Nummer 5 die Fundamentplatte gelegt, auf der der Turm zu stehen kommt.

Mit einer Nabenhöhe von 98 Metern und einem Rotordurchmesser von 92 Metern sind die Turbinen so gross wie die Anlagen draussen in der Nordsee. Im Alpenraum sind sie die grössten. Damit sie unter den harschen Bedingungen im Hochgebirge funktionieren, brauchte es einige Anpassungen. «Die Rotorblätter sind geheizt, so dass sich kein Eis bildet, das herumfliegen kann. Auch die Öltanks sind geheizt wegen der tiefen Temperaturen hier oben», sagt Losa. Zudem erhielten die Rotorblätter eine Infrarotbeleuchtung und wurden so konstruiert, dass sie die Radarsysteme der Armeehelikopter nicht stören, die durch einen Korridor zwischen den Rädern über den Gotthard fliegen. Der Windpark am Gotthard sei eine Hightech-Anlage und der erste, der nach den neuen Regeln der Energiestrategie realisiert werde. Damit werde Pionierarbeit für künftige Windanlagen im Gebirge geleistet, sagt Losa.

Um mit dem schweren Gerät zu den Bauplätzen zu gelangen, mussten fünf provisorische Strassen gebaut werden.

Neben dem Transformator im Fuss des Turms Nummer 4 öffnet ein Arbeiter eine Luke, eine Leiter führt ins Fundament hinunter. Drei Meter reicht es in die Tiefe, 300 Tonnen schwer ist es, 350 Kubikmeter Beton wurden dafür verbaut. Der nächste Schritt ist das «Stressing», wie der Arbeiter erklärt. 22 rundherum in die Betonringe eingebaute Zugseile aus Stahl, die von der Spitze bis ins Fundament gehen, werden mit grosser Kraft symmetrisch angezogen, um den Turm zu fixieren. Die Abweichung von der Senkrechten darf maximal zwei Millimeter betragen, «sonst gibt es eine Banane», sagt der Arbeiter. Der Turm ist jedoch eine elastische, flexible Konstruktion. Wenn oben die Rotoren mit bis zu 16 Umdrehungen pro Minuten drehen und gigantische Kräfte auf den Turm wirken, kann er einen Meter oder mehr schwanken.

Mit 46 Meter langen Rotorblättern durch die Tremola

Der Bau der Anlage im Hochgebirge ist logistisch ein Gewaltsakt. Beim Bauplatz Nummer 5 richtet grad ein Bautrupp mit einem Pneukran einen grösseren Kran auf, dessen Ausleger 100 Meter in die Höhe reicht. Dieser wird die Betonringe des letzten Turms aufeinanderstapeln, die jetzt noch beim Hospiz ausgelegt sind. Ende Monat baut der grössere Kran einen noch grösseren Kran zusammen, der dann mit einem Ausleger von 130 Metern das letzte Stück des Pfeilers, das 18 Tonnen schwere Maschinenhaus, den 65 Tonnen schweren Generator und schliesslich die Rotoren hochhievt.

Auf einem Lagerplatz beim Pass warten die Betonelementen des fünften Turms auf die Montage.

Das Material, das hier verbaut wird, hat einen langen Weg hinter sich. Die Betonelemente kommen aus dem mitteldeutschen Magdeburg, die Rotorblätter aus dem ostfriesischen Aurich. Manche Bauteile kommen mit dem Schiff nach Basel und dann per Lastwagen auf den Pass. 150 Transporte braucht es, um alles hinaufzubringen. Weil die Zufahrt durch die Schöllenen steil und eng ist, gehen die Transporte zuerst durch den Strassentunnel und dann von Süden die Tremola hinauf. Jeden Mittwoch ist der Tunnel dafür nachts gesperrt.

Die unteren Betonelemente des Turms sind zweigeteilt und werden zu Ringen mit 7,5 Metern Durchmesser verschraubt.

Spezialtransporter bringen auch die 15 Rotorblätter einzeln her. Die aus Fiberglas gefertigten Flügel sind 46 Meter lang und wiegen je 9,7 Tonnen. Auf der Südseite in Motto Bartola bei der Kaserne lagern bereits sechs Stück; jede Woche kommen drei hinzu. Spezialfahrzeuge können die Rotorblätter schräg anheben und so enge Kurven bewältigen. Wie sie jedoch so durch die legendären Tremola-Kehren kommen und in die Galerien einfädeln werden, bleibt ein Rätsel.

Neben der Kaserne Motto Bartola bei Airolo warten sechs Rotorblätter in der Wiese auf den Transport durch die Tremola auf den Gotthard.
Die 46 Meter langen Rotorblätter müssen durch die Kurven und Galerien zum Pass transportiert werden.

Der Zeitplan für die Montage sei eng, sagt Losa. In den nächsten Tagen wird das erste Rotorblatt hochgebracht und montiert, bis Ende August sollen alle fünf Türme ihre Flügel haben. Um sie in 100 Meter Höhe zu heben und an der Nabe zu verschrauben, braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl – und mehrere Stunden am Stück möglichst wenig Wind. In der dritten Septemberwoche soll bereits die erste Maschine in den Probebetrieb gehen und erstmals Windstrom vom Gotthard liefern. Mitte Oktober, wenn der kurze Bergsommer zu Ende geht, sollen alle Maschinen feierlich eingeweiht werden und im November regulär in Produktion gehen.

Die Bauarbeiten an der Windkraftanlage auf dem Gotthardpass gehen zügig voran. Strom soll bereits Ende Jahr produziert werden.

Rücksicht auf Natur und Kulturdenkmäler

Bei Turm Nummer 4 sind derweil Arbeiter dabei, ein armdickes Kabel auf einer Spule mit einem Stahlseil zu verbinden. Es wird durch einen Kabelkanal gezogen und nach 300 Metern mit den Kabeln der anderen Turbinen verbunden. Der Strom fliesst künftig im Boden. Die alten Metallmasten und Leitungen werden abgebaut, nur noch die Übertragungsleitung bleibt. So ist die Passlandschaft weniger verstellt. Dies sei eine von vielen Umweltauflagen, welche die AET zu erfüllen habe, sagt Edy Losa.

Dicke Stromkabel werden unterirdisch verlegt.

Rund achtzehn Jahre dauerte es von den ersten Skizzen bis jetzt. Die Sektion des Tessiner Heimatschutzes rekurrierte zuerst gegen die Änderung des Zonenplans und dann gegen die Baubewilligung, weil durch die Pfeiler die historische Landschaft und die denkmalgeschützten Bauten auf dem Pass beschädigt würden. Die Tessiner Regierung und das kantonale Verwaltungsgericht schlugen die Argumente jedoch in den Wind. Der Pass sei bereits geprägt von Eingriffen, die umliegenden Gipfel würden die Höhe der Türme relativieren, und der Abstand zu den historischen Gebäuden sei gross genug, hiess es.

Die Installationsplätze und die Zufahrten zu den Türmen werden nach dem Bau renaturiert.

Das sieht auch der AET-Direktor Roberto Pronini so: «Das war schon immer eine Zivilisationslandschaft. Man wird sich an die Windturbinen gewöhnen, wie man sich an die Staumauer gewöhnt hat.» Zwar seien die Masten schon sichtbar, aber letztlich sei es eine Abwägung zwischen Schutzinteressen und Energiegewinnung. Das Tessin wolle sich möglichst ganz mit erneuerbarem Strom versorgen. Der Windpark Gotthard sei der konkrete Beitrag zur Energiewende und ein Musterfall für diese Abwägung.

Der AET-Direktor Roberto Pronini (l.) und der AET-Vizedirektor Edy Losa vor einer Visualisierung des Gotthard-Windparks auf dem Gotthardpass.

So verzichtet die AET auf drei der anfangs geplanten acht Anlagen, insbesondere auf jene zwei, welche die denkmalgeschützte Tremola beeinträchtigt hätten. Zur Kompensation der Eingriffe verschwinden alte Leitungen, Masten und Fundamente, die Zufahrtsstrassen werden renaturiert. Beim Hospiz wird die Schaltzentrale abgerissen und ein historischer Pferdestall renoviert. Zudem werden Radaranlagen eingerichtet, die Zugvögel und Fledermäuse erkennen, so dass man die Windräder abstellen könnte. Von den 32 Millionen Franken, die das Projekt kostet, seien zwei Millionen für Umweltauflagen reserviert, sagt Losa.

Der Gotthard wird seit alters her als Passage genutzt, als Bollwerk in Zeiten der Bedrohung, als Wasserschloss und Energiequelle. Fast jede Generation hat ihn mit neuen Verkehrswegen, Festungsbauwerken, Stauseen und Stromleitungen ausgestattet und ihn damit symbolisch aufgeladen. Er steht da als nationaler Identitätsfelsen, an dem sich die Schweizerinnen und Schweizer immer wieder aufs Neue fragen, woher sie kommen, wer sie sind und wohin sie sollen. Die neuste Innovation der Windkraftanlage im ewigen Gotthardgranit ist auf dreissig Jahre ausgelegt. «Wenn die nächste Generation keine Windmühlen mehr will, kann man sie demontieren, und alles ist wie vorher», sagt Pronini.

Staumauer, Strasse, Hochspannungsmasten – die Windräder stehen in einer seit je stark genutzten Zivilisationslandschaft.

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