Was der Wirtschaft wirklich wichtig ist: Nein zu Zigeunersauce und Drei Mohren

Von Peter Hahne

Die deutsche Wirtschaft ist alarmiert. Nein, nicht wegen Pleitewelle, Umsatzeinbruch oder fehlendem Export, nicht wegen der drohenden Arbeitslosigkeit für tausende Mitarbeiter und der Katastrophe für deren Familien. Noch nicht einmal, weil die „Verlorene Generation“ (Kinderhilfswerk) „wegen Corona“ nicht mehr über nötige Bildung für die Ausbildung verfügt. Nein, „Corona“ und die Unfähigkeit der Herrschenden, damit umzugehen, schreckt unsere Unternehmer nicht. Sie haben viel wichtigere Probleme, nur eine Priorität: nicht zu versäumen, schnell genug auf den Anti-Rassismus-Zug zu springen. Denn wer zu spät kommt, den bestraft (angeblich) der Kunde.

Jetzt kündigt die Heilbronner Traditionsfirma Knorr (inzwischen zum Unilever-Konzern gehörig) an, ihre legendäre Zigeunersauce umzubenennen. Dass das deutsche Unternehmertum vor solchem Kinderkram auf die Knie geht, ist nur noch mit der Greta-Hysterie zu vergleichen. Die schwedische Schulschwänzerin wurde kurzfristig (!) zur Ikone, und gestandene Staatenlenker sanken vor ihr in Ehrfurcht auf die Knie und bettelten wie Groupies um Selfies. Einzig der unerschrockene Trump ließ sich nicht beirren und twitterte treffend: „Sie sieht ja soooo glücklich aus!“ Bischöfe ernannten sie zur Prophetin und verglichen sie mit Vater, Sohn und Heiligem Geist. Das passt zu der „Gott ist tot“-Theologie der Event-Kirchen: Von Greta hört man auch nichts mehr, von ihren Schul-mitschwänzenden Jüngerscharen noch weniger.

Zeit zum Lesen „Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen Nein, so soll es unserer Wirtschaft nicht ergehen! Da muss schnell gehandelt werden, bevor der Hype vorbei ist. Wir Deutschen sind da gründlich. Und glückliche Gewinner sind die Grafikdesigner und Werbestrategen: neue Namen, Slogans und Signets müssen her. Statt diesen Irrsinn auszusitzen! Zurück zu Knorr: Die haben dem Umbenennungs-Wahnsinn 2013 noch widerstanden. Damals warnte selbst der Zentralrat der Sinti und Roma vor einer „dogmatischen Sprachregelung“ und legte keinen Wert auf neue Namen. Es gäbe wichtigere Probleme. Tja, über manches wächst eben barmherzig das Gras. Bis ein Kamel kommt und es wieder abfrisst. Nun ist es soweit, denn die Gutmenschen brauchen ein Thema. Doch auch jetzt ist vom Vorsitzenden Romani Rose zu hören, dass „Zigeunerschnitzel und Zigeunersauce nicht von oberster Dringlichkeit“ sei.

Da bin ich aber froh, dass mein Appell nicht ganz umsonst war: 2014 veröffentlichte ich das nun wieder tagesaktuelle Buch „Rettet das Zigeunerschnitzel“. Der Stern adelte es sogar zu einer Titelgeschichte und interviewte eine bekennende Romni aus dem EU-Parlament. Die sicher völlig unerwartete Antwort der Menschenrechtsaktivistin war eine echte Überraschung. Sie wurde zum Titel: „Behaltet doch euer Zigeunerschnitzel!“. Die Ungarin Livia Jaroka zum Stern: „Die Debatte in Deutschland ist verrückt, die Bezeichnung unproblematisch.“ Und jetzt muss ausgerechnet ihr Heimatland herhalten, um der würzigen Knorr-Sauce einen „Namen ohne Beigeschmack“ zu geben: Paprikasauce ungarischer Art. Wann schreien eigentlich die Hamburger, Berliner, Wiener, Leipziger, Frankfurter, Amerikaner usw auf?! Oder die Bürger_*innen von Kassel, die es sogar geräuchert gibt ….

Noch flotter als Knorr handelte der Mars-Konzern. Der beliebte Uncle Ben‘s Reis bekommt per sofort einen neuen Namen, „weil er an das Trauma der Sklaverei erinnert.“ Sorry, mich als Preuße erinnert eher das Leipziger Allerlei an das Trauma der Völkerschlacht von 1813, wo „wir“ zwar gegen Napoleon siegten, es aber über 90.000 tote Soldaten gab. Nein, meine lieben PC-Unternehmer: Eure Werbung hat aus mir keinen Rassisten gemacht. Ganz Im Gegenteil: Ich fand die Werbespots mit Onkel Ben immer sympathisch. Was ich jedoch unsympathisch finde, dass Ihr Euch über angeblich rassistische Namen Sorgen macht, aber nicht über meine Gesundheit und die Qualität Eures Produktes. Euch ist das Etikett wichtiger als der Inhalt.

Mitten in diesem Umbennnungs-Irrsinn gab es nämlich am 30. Juli eine dramatische Rückrufaktion: Der „Uncle Ben‘s Express-Naturreis Basmati“ enthalte Glassplitter. Klar, die Firma hatte an anderer Front zu kämpfen und für solche Produktions-Lappalien keine Zeit. Hauptsache das Splitter-Produkt ist nicht mehr rassistisch.

Political Correctness Die verordnete Leitkultur Auch ganz fix war das Unternehmen „Drei-Mohren-Hotel“ in Augsburg. Die CSU-regierte Stadt gilt ja als besonders gründlich. Der hell- und weitsichtige Oberbürgermeister Kurt Gribl (Präsident des bayerischen Städtetages!) sprach nach dem Totschlag eines Feuerwehrmanns am Nikolaustag 2019 in der offiziellen Traueranzeige von einem „tragischen Vorfall“ — wohl in vorauseilendem Gehorsam zum neuen Multikulti-Bayern des neuen Ministerpräsidenten. Ganz fix war man in der Fugger- und Fuggerinnen-Stadt auch dem grassierenden Gender-Wahn verfallen:

Nach SPD-Hannover folgte CSU-Augsburg mit einer „Arbeitshilfe für die Verwendung geschlechtersensibler Sprache.“ Die neuen Prioritäten der CSU lauten zum Beispiel: Statt Mütterberatung jetzt Elternberatung, zu der dann wohl Elter 1 oder/und Elter 2 erscheinen dürfen. Oder der Teamleiter wird zur Teamleitung, was ja auch viel persönlicher, also sensibler ist. Und jetzt mal im Galopp die Drei-Mohren opfern, bar jeglicher Ahnung, woher der Name der vielen Drei-Mohren-Apotheken und -Hotels und -Gaststätten eigentlich stammt. Zuviel Bildung schadet nur. Und Fakten dürfen den Fake nicht stören. Jetzt heißt es „Maximilian‘s“. Hoffentlich war der Herr Maximilian kein Rassist oder Antisemit wie jener Herr Glinka, nach dem man den Berliner U-Bahnhof Mohrenstraße benennen wollte.

Die Reaktion der ehemaligen Gäste des Luxushotels: Es gibt einen Run auf Erinnerungsstücke, oder besser gesagt: auf alles, worauf Drei Mohren steht, von der Streichholzschachtel bis zur Suppenterrine. Meine Güte: alles Rassisten! Was für Gäste hatten die! Ich alter weißer Mann sollte dort am 24. Februar um 11 Uhr einen Vortrag halten. Gut, dass der „wegen Corona“ ausgefallen ist. Das Meinungsforschungsinstitut Civey machte, aufgehängt an Augsburgs Drei Mohren, letzte Woche eine repräsentative Umfrage: Sollen Betriebe und Produkte mit rassistisch wahrgenommenen Namen umbenannt werden? Nein, so 72,1 Prozent der Befragten. Nur 18,1 dafür. Da passt die Analyse von Jan Fleischhauer im Focus: „So ist das mit Sekten. Wer sich auf ihre Gedankenwelt einlässt, ist auch mit dabei, wenn die Abzweigung ins Fundamentalistische genommen wird. Mit einem Appell an die Vernunft oder gutem Zureden ist hier nichts mehr auszurichten ….. Über ihre Sympathisanten in den Medien wird sie (die Anti-Rassismus-Bewegung) so in jedem Fall nicht hinauskommen.“

Ganz ohne diese Umfrage reagieren wirklich Betroffene übrigens gelassen wie jene „Zigeunerin“ aus dem EU-Parlament. Ein Jahr nach Erscheinen meines Buches „Rettet das Zigeunerschnitzel“ (und auch den Mohrenkopf) nannte der Koch Andrew Onuegbu, aus Nigeria stammend, sein Kieler Restaurant „Zum Mohrenkopf“. Er wurde zum Titel des Süddeutsche Zeitung Magazins und sagte den Kollegen selbstbewußt: „Ich bin Mohr. Ich stehe zu meiner schwarzen Hautfarbe.“ Der Name sei Ausdruck seiner eigenen Einstellung: „Wir Schwarze sind ganz gelassen.“

Und dann, schönen Gruß nach Augsburg:„Der Mohr stand im Mittelalter als Auszeichnung für gute Küche.“ Daran wolle er anknüpfen. So auch der „Treffpunkt Berlin“ neben dem ZDF-Gebäude mit ur-deutscher Küche. Dort bestellt man schon deshalb gerne den „Mohr im Hemd“, weil man dann den Koch sehen kann: Ein selbstbewußter, fröhlicher Schwarzer, der dieses schmackhafte Gericht mit strahlendem Gesicht selbst serviert.

Quelle

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