Wann die Gelddruckorgie an ihr Ende kommt

Von Markus Krall

Man kann ziemlich genau sagen, wann der Wahn, man könne mit frisch gedrucktem Geld die Welt retten, zu Ende sein wird. Der Dollar wird deutlich später als der Euro scheitern und noch als Fluchtwährung dienen, wenn der Euro schon im schwarzen Loch der Hyperinflation versinkt.

Keine Diskussion über die Folgen der aktuell entgleisten Geldpolitik wird geführt ohne den unvermeidlichen Hinweis, dass die EZB „ihr Pulver noch lange nicht verschossen habe“ und sie „die Dose noch die Straße herunterkicken“ könne. Schließlich passiere das jetzt schon so lange ohne inflationäre Folgen, dass selbst die größten Skeptiker der Geldpolitik erstaunt und überrascht seien „wie lange das gut gehe“. 

Die EZB kickt die Dose weiter die Straße hinab. Aber wie lang ist die Straße? 

Ich muss gestehen, ich gehöre nicht zu den Erstaunten dieser Erde. Jedenfalls nicht beim Thema Grenzen der Geldpolitik. Vielmehr bin ich ein Anhänger der Hypothese, dass man ziemlich genau sagen kann, wann der Wahn, man könne mit frisch gedrucktem Geld die Welt retten, an sein Ende kommt und wann es den Wirtschaftssubjekten dämmert, dass „Ende Gelände“ ist. 

Das Seignioragekapital der Zentralbank

Dieser Punkt ist erreicht, wenn die Zentralbank das Konto ihres Seignioragekapitals aufgebraucht hat. Ich weiß, der Begriff der Seigniorage ist alt und der des Seignioragekapitals bisher gar nicht in Verwendung. Aber das macht nichts. Ich führe ihn in Ermangelung eines besseren Begriffs zur Beschreibung des Sachverhaltes jetzt in die Debatte ein. 

Was ist darunter zu verstehen? 

Ich definiere (preisniveauneutrale) Seigniorage zunächst als den Gewinn, den die Zentralbank durch Ausnutzung ihres Geldschöpfungsmonopols erzielen und dem Staat zur Verfügung stellen kann, ohne dass es zu einer Steigerung des Preisniveaus in der Gesamtwirtschaft kommt. 

Was ist der Wert des Geldmonopols einer Zentralbank?

Zeit zum Lesen „Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen Bei einer konstanten Umlaufgeschwindigkeit des Geldes entspricht dieses Gewinnpotential inflationsfreier Geldschöpfung dem durch technischen Fortschritt und verfeinerte Arbeitsteilung erzielten Wirtschaftswachstum in dem betreffenden Währungsraum. Nehmen wir an, dieses Wachstum betrage drei Prozent, so kann die Zentralbank jedes Jahr drei Prozent des Bruttosozialproduktes inflationsneutral „abgreifen“. Wir wissen natürlich dank der Einsichten der österreichischen Schule, dass dies zu anderen Verzerrungen der Güterallokation und so zu einer Fehlallokation und zu nicht zu rechtfertigenden Umverteilungseffekten kommt, aber Inflation als Strafe folgt nicht auf dem Fuß. 

Die EZB als Aktie der Politik

Betrachten wir die Zentralbank wie eine Aktiengesellschaft so ist dieser Abschöpfungsgewinn vergleichbar mit der jährlich auszuschüttenden Dividende. Es ergibt sich ein über viele Perioden reichender Zahlungsstrom, der nach dem Vorbild der Aktienbewertung herangezogen werden kann, um zu schätzen, wie hoch der abgezinste Barwert aller künftigen Seignioragezahlungen an den Staat ist. Die Zentralbank wird damit zu so etwas wie einer im Staatseigentum befindlichen Aktiengesellschaft, deren Wert sich als Summe der Barwerte künftiger Seigniorage-Dividenden bemisst. 

Das interessante daran: Um dann den Wert der Zentralbank schätzen zu können, müssen wir weder die Ziffer des langfristigen Wachstums noch die Ziffer des für die Abzinsung relevanten Zinsfußes kennen. Es genügt zu wissen, dass natürliches Wachstum und natürlicher Zins langfristig identisch sind. Liegt der Zins über dem Wachstum, so wird die Rendite von Kreditportfolien durch Pleiten nach unten gezogen, weil die notwendigen Erträge zur Bedienung der Zinslast nicht erwirtschaftet werden können. Liegt der Zins niedriger als das Wachstum, so wird die Nachfrage nach investiven Mitteln ihn nach oben ziehen, weil bis zu diesem Punkt bei dem gegebenen Wachstum Investitionsopportunitäten ungenutzt sind. 

Da der Barwert einer Zahlungsreihe sich aus dem Bruch aus Dividende und Zins ergibt können wir bei einem Wachstum von zum Beispiel 3% folgern, dass der Barwert der Seigniorage-Zahlungsreihe auch mit 3% abgezinst wird, woraus folgt: 

Seignioragekapital = (3% x BSP) / 3% = 1 x BSP.

Beträgt das Wachstum nur 2%, so fällt auch der natürliche Zins auf 2% und das Ergebnis ist das gleiche. 

Das ist eine erstaunliche Identität, denn sie besagt: Das Seignioragekapital ist aufgebraucht, wenn die Menge des nicht durch werthaltige Vermögenswerte (also Gold oder Anleihen, die auch zurückgezahlt (!) werden) abgedeckten von ihr herausgegebenen Geldes in der Bilanz der Zentralbank die Höhe des jährlichen Bruttosozialproduktes des Währungsraumes überschreitet.

Die EZB hat 65% ihres Wertes verbraten. In 9 Monaten werden es 100% sein.

Schauen wir uns nun den Euro an, so können wir feststellen, dass das BSP der Eurozone vor Beginn der Krise ca. 10 Billionen Euro betragen hat. Mit Glück und Fantasie dürfte es jetzt nach 6 Monaten Missmanagement der nach einem Virus getauften Krise durch eine planwirtschaftlich größenwahnsinnige politische Klasse noch 8,5 Billionen Euro betragen, wahrscheinlich weniger. 

Nicht noch eine Unsinnsschleife Sozialismus Berlin – zum kommunistischen Experimentierfeld verkommen 1999 betrug die Bilanzsumme der EZB unter 700 Milliarden Euro. Mit der Krise 2007 und den folgenden Staatsschulden und der Eurokrise stieg sie auf über 4 Billionen Euro. Seit Beginn der aktuellen Krise im März stieg sie im Schweinsgalopp auf rund 6,5 Billionen Euro. Unterstellen wir, dass die EZB über rund 1 Billion werthaltiger Vermögenswerte verfügt (Ihre Staatsanleihen dürften angesichts der wahren Bonität der Mitgliedsländer mit dem Begriff „Zahlungsausfall“ am besten beschrieben sein), dann kann sie mit der aktuellen Kauforgie wertloser Assets ihre Bilanz noch auf 9,5 Billionen Euro ausdehnen, bis ihr Kartenhaus kollabiert. 

Bei der aktuellen Geschwindigkeit ihrer Gelddruckwut wird sie die fehlenden drei Billionen Euro in etwa 9 Monaten in Umlauf gebracht haben. Wenn die unvermeidliche Bankenrettung vorher notwendig wird, dann wird es schneller gehen. 

Die geschichtliche Erfahrung in Deutschland, Zimbabwe und Venezuela zeigt, dass die Stimmung bei Erreichen des Kipppunktes sehr schnell überkocht. Die Unternehmen und Bürger treten die Flucht aus dem Geld an, sie geben es sofort nach Erhalt aus für irgendetwas, dem sie einen größeren Werterhalt zutrauen, als dem Geld und das ist in der heraufziehenden Hyperinflation fast alles. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes explodiert, das Preisniveau erklimmt in immer schnellerer Folge immer lichtere Höhen. Bald sind wir alle Millionäre, kurz darauf Milliardäre und eine Woche später schon Trillionäre. Nimm das, Gates! 

Die Bärenfalle Dollar

Und wer jetzt schadenfroh in die USA schaut, um festzustellen, dass die FED die Dollars noch schneller druckt als die EZB ihre Euronen, der wird in seiner Hoffnung, dass der Dollar noch schneller scheitert, enttäuscht werden. Der Grund ist einfach: Der Währungsraum des US-Dollar ist durch seine Leitwährungsfunktion weit größer als die USA. Sein Seignioragekapital beträgt wahrscheinlich mindestens das Doppelte, vielleicht sogar das Dreifache des BSP der Vereinigten Staaten. Er wird daher erst deutlich später als der Euro scheitern und noch als Fluchtwährung dienen, wenn der Euro schon im schwarzen Loch der Hyperinflation versinkt. Der aktuelle Dollar-Euro Wechselkurs ist eine Bullen- oder Bärenfalle, je nachdem auf welcher Währungsseite man agiert.

Das ist der Grund, warum ich dem Euro nicht zutraue, das Ende des Jahres 2021 zu erleben. Er wird bei Ausschöpfung des Seignioragekapitals in der Hyperinflation explodieren. Wie ein türkisches Sprichwort treffend feststellt: Jeder Hammel wird an seinen eigenen Beinen aufgehängt.

Der Euro wird zu Tode gerettet worden sein, whatever it undertakes. 


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