Moria: Die Deutschen überbieten sich gegenseitig – Europa hält die Füße still

Von Ferdinand Knauss

Die Deutschen zelebrieren ihren Tugendstolz in einem absurden Wettbewerb der Aufnahmeforderungen. Währenddessen zeigt ein Blick in europäische Zeitungen: Moria und die dortigen Migranten interessieren außerhalb Deutschlands nicht besonders.

Eine seltsamer Überbietungswettbewerb ist da in Deutschland im Gange. Die Bundesregierung hat bislang nur 150 Minderjährige geboten. Viel zu wenig, tönt Claudia Roth und attestiert Seehofer „Totalversagen“. Der Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, eigentlich gar nicht zuständig, fordert 2000, Norbert Röttgen und Co erhöhen auf 5000, SPD-Chefin Saskia Esken kleckert nicht, sondern klotzt: Sie will eine „hohe vierstellige Zahl“ an Migranten aus Griechenland nach Deutschland holen.

Die Medien nehmen jedes neue Gebot eifrig auf, berichten unisono über jede neue Zahl. „Sind 150 Moria-Flüchtlinge genug für Deutschland?“ fragt die Bild-Zeitung Markus Söder, und die Antwort ist klar. Nein, natürlich nicht. Söder, auch er als Ministerpräsident gar nicht zuständig für außenpolitische Angelegenheiten, legt also nochmal nach: „substanziell mehr“. Das passt immer. Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Twitter angezeigt werden.

Am Ende wird erst Ruhe sein, so kann man wohl prognostizieren, wenn Angela Merkel – wie immer – ihr machtvolles Schlusswort sprechen wird. Und da sie gerade vor der Erfüllung ihres langjährigen Wunschtraumes einer schwarz-grünen Koalition auf allen Ebenen steht, kann man sich schon denken, wie es ausfällt. Womöglich sucht sie nur noch nach einer Sprachregelung, wie man die alleindeutsche Aufnahme fast aller Moria-Migranten mit der Phrase von der „europäischen Lösung“ vereinbaren kann. Jedenfalls will sie, so weiß Bild, „die Aufnahme von weiteren Flüchtlingen nach Deutschland, in jedem Fall Hunderte Kinder mit ihren Eltern, womöglich sogar tausende“ ermöglichen.

Denn eigentlich hat sich in den deutschen Leitmedien und dem Rest des Berliner Betriebes längst die Deutung durchgesetzt: Deutschland muss aufnehmen, weil die europäische Asylpolitik versagt hat. Unausgesprochen gehört dazu die Deutungsvorgabe: Weil Staaten wie Griechenland und andere zu sehr auf Abschreckung setzen, oder jedenfalls Armutszuwanderer nicht willkommen heißen. Der Tagesspiegel verstieg sich sogar zu einem Lob der Brandstifter: „Recht so, zerstört die Camps!“     

Es ist interessant zu vergleichen, wie groß die mediale Aufmerksamkeit für Moria in deutschen Zeitungen ist – und wie gering sie etwa in den großen Zeitungen Frankreichs und anderer EU-Länder ist. In Le Monde etwa, so was wie die Süddeutsche oder tägliche Zeit in Frankreich, findet sich auf der aktuellen Homepage (abgerufen am 14. September 11.05 Uhr) kein einziger Artikel über Lesbos, Moria oder die Frage, wieviele Migranten von dort nach Frankreich kommen sollen. Der letzte Artikel, der das Suchwort Moria enthält, erschien am 11. September, der vorletzte am 9. September, und in dem ging es um Deutschlands Aufnahmebereitschaft. Im etwas konservativeren Figaro ein ähnliches Bild. Beide Zeitungen interessieren sich mehr für den griechisch-türkischen Territorialstreit im östlichen Mittelmeer. Ein Blick auf den niederländischen Telegraaf zeigt dasselbe Bild. Nichts ist von Forderungen niederländischer Politiker nach Aufnahme von Migranten zu lesen, auch kein Kommentar in diesem Sinne, stattdessen ein Bericht über Seehofers Ankündigungen aus Deutschland. Auch der britische Guardian, die Postille aller rechtschaffen linksliberalen, EU- und einwanderungsfreundlichen Briten,interessiert sich überhaupt nicht für Moria. 

Fazit, außerhalb Deutschlands ist das Thema anscheinend schon abgehakt. Die Deutschen haben es schließlich übernommen. Das Empfinden, zuständig zu sein, wenn irgendwo auf der Welt Missstände herrschen, ist offenbar auch in Europa sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die Deutschen jedenfalls fühlen sich unmittelbar zuständig für die Migranten auf Lesbos. Die anderen Europäer nicht, oder jedenfalls nur in sehr viel geringerem Maße. Sie halten, salopp gesagt, die Füße still und schweigen. So wie man es eben tut, wenn ein anderer sich darum reißt, einen Job zu erledigen, der viel Mühe macht und nichts einbringt. 

Warum tun es dann die Deutschen? Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm findet sich ein Wort, das kaum in andere Sprachen übersetzbar, jedenfalls sehr deutsch ist: „Tugendstolz“. Christian Fürchtegott Gellert, ein im 18. Jahrhundert viel gelesener, heute fast vergessener Philosoph und Dichter, hat es laut Gebrüder Grimm als erster verwandt. Der Stolz, so schrieb er in seinen moralischen Vorlesungen, „entspringt oft auf dem Grunde und Boden der eifrigsten Tugend, und wir fangen an, auf den frömmsten Gedanken, auf den heiligsten Sieg über eine böse Leidenschaft, auf den besten Dienst, den wir der Welt geleistet, insgeheim stolz zu werden, und diese Geschöpfe der Tugend in Götter unseres Herzens zu verwandeln, und uns in ihnen anzubeten. … Lassen Sie uns insonderheit auf diesen Tugendstolz Acht haben. Wer zugrunde gehen will, dieses gilt auch von der Tugend, der wird zuvor stolz.“ (Hervorhebung im Original)

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