Kontrastprogramm: Der Wochenrückblick über den Fall Navalny im russischen Fernsehen

Auch in den russischen Medien ist der Fall Navalny ein wichtiges Thema. In der Sendung „Nachrichten der Woche“ hat das russische Fernsehen am Sonntag ausführlich über die Ereignisse der letzten Woche berichtet. Da es interessant ist, wie in Russland darüber berichtet wird, habe ich den Beitrag des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Der Berliner Patient – Eine drittklassige Seifenoper von durchgeknallten Drehbuchautoren

In der vergangenen Woche hat der Fall Nawalny, so wie man versucht, ihn der westlichen Öffentlichkeit zu präsentieren, eine neue Ebene der Absurdität erreicht. Die Leute, die unter politischer Rückendeckung die Version der „Vergiftung“ des Bloggers verbreiten, haben alle Vorsicht fallen gelassen, die den Fall zumindest logisch aussehen lassen würde. Diese drittklassige Seifenoper, die von durchgeknallten Drehbuchautoren geschrieben wurde, die auch noch selbst in die Handlung verstrickt sind, haben keine Ahnung, was als nächstes passieren soll.

Am 14. September tauchte im Netz das erste Foto Nawalnys auf, dessen Zustand sich in der Charite bessert. Neben ihm sind seine Frau und seine Kinder zu sehen. Die Geräte sind bereits abgeschaltet, aber der Monitor wurde für alle Fälle verpixelt. Navalny sieht dünner aus, aber recht fit für einen Mann, der nach dem angeblichen Kontakt mit dem chemischen Kampfstoff „Nowitschok“ drei Wochen im Koma lag.

Am 17. September hat der Sprecher der Kanzlerin, Stefan Seibert, gesagt, dass die Diagnose der Vergiftung, die von deutschen Toxikologen erstellt wurde, von zwei anderen Laboratorien bestätigt wurde – in Frankreich und in Schweden. Und laut der Boulevardzeitung Bild sind schwedische Experten nach Berlin geflogen, um Proben von dem russischen Patienten zu nehmen. Es passt dabei aber einiges überhaupt nicht zusammen, denn letzte Woche schrieb die Zeitung Die Zeit, dass Spuren von „Nowitschok“ angeblich an den Händen Nawalnys und an der Flasche, aus der er getrunken hatte, gefunden wurden.

Das Umfeld des Bloggers hat ein Video von der Beschlagnahme von drei Flaschen aus dem Hotel „Ksander“ in Tomsk veröffentlicht. Das geschah angeblich eine Stunde nach der Nachricht, dass Nawalny sich schlecht fühlte. Nawalnys Kollegen, die in Tomsk geblieben waren, riefen den örtlichen Anwalt Anton Timofeev an und betraten in Begleitung einer Vertreterin des Hotels das Hotelzimmer.

Nawalnys Umfeld erklärt diese Aktion mit dem Wunsch, die Beweise an deutsche Experten zu übergeben, nach dem Motto, in Russland wird sich niemand darum kümmern. Und der Schwerpunkt der Videos liegt auf den Flaschen. Alles andere, vor allem Hygieneartikel – Seife, Shampoo, sowie der Inhalt der Minibar – interessierte das selbsternannte Ermittlungsteam nicht. Die Arbeit war so schnell erledigt, dass sie vor dem Eintreffen der Polizei verschwunden sind.

Weiter ging es im Auto nach Nowosibirsk, von dort mit dem Flugzeug nach Omsk, wo bereits das Spezialflugzeug aus Deutschland wartete. Die zehnstündige Verspätung des Abfluges, die damit erklärt wurde, dass die Piloten die Ruhezeiten einhalten mussten, war offenbar auf das Warten auf die Flaschen zurückzuführen. (Anm. d. Übers.: Das war ein interessantes Detail: Während deutsche Medien damals berichtet haben, russische Ärzte seien gegen den Transport Navalnys, wurde in Russland bereits gemeldet, dass die russischen Ärzte längst das Okay gegeben hatten, dass sich der Rückflug aber verzögert, weil die Piloten eine zehnstündige Ruhepause einhalten müssten, bevor sie wieder fliegen durften)

Sie verließen das Land im Koffer von Maria Pewtschich, einer Russin, die in London lebt, und die einigen Berichten zufolge von britischen Geheimdiensten als Kanal für die Übergabe von Materialien für neue Untersuchungen Nawalnys fungiert. Zusammen mit dem Blogger, der auf einer Spezialbahre lag, verließen seine Frau Julia, Maria Pewtschich und die angeblich mit „Nowitschok“ kontaminierte Flasche Russland in dem deutschen Flugzeug.

Die direkte Frage, ob Deutschland diese Beweise an Russland übergeben werde, beantwortete Regierungssprecher Seibert nicht. Und Außenminister Heiko Maas versteckt sich hinter der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW).

„Ich möchte wiederholen, dass wir erwarten, dass man aufhört, diejenigen, die schlechte Nachrichten bringen, also uns, zu kritisieren, und stattdessen anfängt, sich mit den Nachrichten selbst zu befassen. Die Situation wird nun von der OPCW untersucht, das ist die Organisation, der Russland alle Fragen stellen kann“, sagte Maas.

Die tödliche Dosis von Zyanid liegt bei 0,2 Gramm. Der sowjetische Kampfstoff „Nowitschok“ ist 25.000 Mal giftiger. Nawalny musste mit einer Dosis dieser Substanz in Berührung kommen, die unter acht Millionstel Gramm liegt. Das sind absolut mikroskopische Werte , die im realen Einsatz nicht möglich sind. Wenn wir uns an die Aussage der Deutschen erinnern, dass dies kein einfaches, sondern ein Super-„Nowitschok“ ist, hätte die Dosis noch kleiner sein müssen – nur ein paar Moleküle. Und auf jeden Fall wären all jene, die von Nawalny auch nur berührt wurden, denen er vor der Abreise aus Tomsk einfach nur die Hände geschüttelt hat, nicht nicht in der Lage, in seinem Zimmer etwas zu suchen, sondern würden am Boden liegen. Bestenfalls im Krankenhaus. Diese Themen hätte man in der OPCW ansprechen können, an die Deutschland schließlich seine Ergebnisse weitergegeben hat. Auf die Anfrage Russlands an die OPCW, die Daten zu mitteilen und alles in der OPCW zu diskutieren, sagte man dort, Russland solle sich an Deutschland wenden. Ein Teufelskreis. Die Absurdität dieser Situation bemerken auch einige deutsche Politiker.

„Wenn die Bundesregierung wirklich herausfinden will, was passiert ist, warum dann dieser Umweg? Warum schicken wir nicht die Materialien, auf die Russland seit ein paar Tagen wartet, nach Russland, um eine Untersuchung einzuleiten? Übrigens ermittelt in Russland immerhin die Staatsanwaltschaft, nicht wie bei uns, die Regierung. Und die deutsche Regierung weigert sich, Russland die Beweise und Dokumente zu geben. Das sind die Tatsachen“, sagte der Abgeordnete Armin-Paul Hampel.

Darüber hinaus sabotiert die deutsche Regierung die bilateralen Beziehungen zu Russland. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmar meinte, Außenminister Maas sei „verrückt“. Die Absage des Besuchs seines russischen Amtskollegen in Berlin könne man mit Sicherheit in die Reihe der Merkwürdigkeiten aufnehmen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sollte an der Abschlusszeremonie des gemeinsamen Jahres der Wissenschaft und Bildung teilnehmen. Doch Maas weigerte sich, zu der Veranstaltung zu kommen und reduzierte die Zeit der bilateralen Gespräche auf anderthalb Stunden. Lawrow sagte die Reise daraufhin natürlich ab. Und wenn man bedenkt, was in der zweiten Wochenhälfte in Europa passiert ist, gibt es erst mal nichts zu besprechen.

Wie eine Staatsanwältin klang im Fall Nawalny auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Und Russland sitzt auf der Anklagebank.

Im Europäischen Parlament, wo von der Leyen sprach, wurde ihre Botschaft mit Begeisterung aufgenommen. Am nächsten Tag verabschiedeten die Abgeordneten mit absoluter Mehrheit eine Resolution, in der Russland aufgefordert wurde, die Tatsache des Attentats anzuerkennen, sich gemeinsam mit der OPCW an den Ermittlungen zu beteiligen, obwohl diese Organisation sich, wie im Fall der Provokation in Salisbury, weigert, mit Russland zu sprechen.

Die Parlamentarier forderten auch Sanktionen gegen diejenigen, die in den Ermittlungen des Bloggers genannt werden und Nord Stream-2 abzuwürgen. Das Europäische Parlament ist nur ein beratendes, aber ein lautstarkes, Organ. Einige seiner Forderungen werden vielleicht vom Europarat gehört, bei dem sich die EU-Staats- und Regierungschefs treffen und der derzeit von Deutschland geleitet wird. Aber es ist nur an Berlin, über das Schicksal von Nord Stream 2 zu entscheiden. Seit zwei Wochen wehren die Anhänger der Pipeline im Bundestag Angriffe ab.

Auf der einen Seite sind 50 Jahre Zusammenarbeit auf dem Energiesektor und auf der anderen Seite sind erfundene Anschuldigungen. Der Mann, der vor einem Monat angeblich einen chemischen Angriff mit dem schrecklichsten aller Gifte überlebt hat, spaziert bereits durch die Gänge der Charite und steigt sogar wieder Treppen. Dieses Foto hat Nawalny gerade gepostet. In seinem Text bedankte er sich bei den Ärzten der Charite. Über die Omsker Ärzte, die ihm das Leben gerettet haben, hat er kein Wort verloren.

Ende der Übersetzung

Kleine Absurdität zum Schluss: RT-Deutsch hat am Freitag darüber berichtet, dass in Russland zum ersten Mal ein Wettbewerb der Totengräber stattgefunden hat, bei derjenige gewonnen hat, der am schnellsten ein Grab ausheben kann. Der Wettbewerb fand ausgerechnet in Tomsk statt, wo Navalny angeblich vergiftet wurde. Bei dem Niveau der deutschen „Qualitätsmedien“ würde es mich nicht wundern, wenn jemand schreibt, dass das Teil der „Geheimdienstoperation“ gegen Navalny gewesen sei, man habe ihn dabei gleich begraben lassen wollen.

Quelle

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