Fataler Fehlstart oder Traumbesetzung? Christine Strobl wird neue ARD-Programmdirektorin

Von Alexander Wallasch

Christine Strobl wird neue Programmdirektorin der ARD. Sie ist die Tochter des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble und Ehefrau von Thomas Strobl, Innenminister von Baden-Württemberg und stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. Nun kann man sich seine Familie leider nicht aussuchen, jedenfalls was den Vater angeht. Wie berechtigt sind also Kritik an der Personalie und eine mögliche Sorge um politische Einflussnahme und zu viel Machtfülle in den Händen eines Familien-Clans?

Aber lassen wir Christine Strobl hier zunächst selbst zu Wort kommen: Vor gar nicht so langer Zeit, im Januar 2019, hatte die Chefin der ARD-Filmfirma Degeto sich aus dem Gespräch genommen, als es darum ging, eine Nachfolge für den Posten des SWR-Intendanten zu finden. Damals war Christine Strobls Degeto gerade für die überaus erfolgreiche Serie „Babylon Berlin“ vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Aber Strobl hatte die Beförderung abgelehnt.

Ihre Begründung ist aus heutiger Sicht durchaus pikant zu nennen, als sie gegenüber der Heilbronner Stimme sagte, sie stehe für so sein Amt nicht zur Verfügung. Diese Position sei mit ihrem journalistischen Selbstverständnis nicht vereinbar. Warum? Weil, so Christine Strobl, ihr Mann Thomas Strobl stellvertretender Ministerpräsident des Bundeslandes sei. Deshalb könne sie nicht die Funktion als Chefin des öffentlich-rechtlichen Landessenders nicht übernehmen.

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Jetzt ist Christine Strobl offiziell zukünftige Programmchefin der ARD geworden. Was hat sich geändert? Gab es einen Bruch mit der Familie? Nein. Oder stand gar schon viel länger der bedeutendere überregionale Posten im Fokus der Fernsehmacherin versus eines Intendantenpöstchens beim SWR?

Christine Strobl kam 1999 als ausgebildete Volljuristin zum SWR. Später leitete sie die Hauptabteilung Film und Familienprogramm des SWR, dessen Fernsehchefin sie war. Seit 2012 ist sie Geschäftsführerin der ARD Degeto und übernahm außerdem die Koordination Filmförderung der ARD. An ausgewiesenen Referenzen für den Posten der ARD-Programmdirektorin mangelt es also nicht.

Am vergangenen Dienstag teilte der bisherige ARD-Programmdirektor Volker Herres mit, er werde seinen Posten früher räumen als geplant, Strobl (49), die über Degeto seit acht Jahren für den Einkauf der fiktionalen Programme zuständig ist, wurde als Nachfolgerin benannt. Der Joballtag beginnt für Strobl im April 2021.

Die mediale Berichterstattung zur Ernennung von Christine Strobl ist übrigens über weite Strecken mindestens merkwürdig zu nennen. So versteigt sich das linke Magazin Spiegel zu einem auf den ersten Blick irritierend verbindlichen und für seine Verhältnisse kreuzbraven Kommentar zu den Familienbanden von Strobl. Sie gelte als „bestens vernetzt, sowohl im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als auch in der Politik.“ Der Spiegel ist hier also noch unkritischer, als es Strobl selbst war im Zusammenhang mit ihrer Ablehnung einer Beförderung auf den Posten der SWR-Intendantin in 2019. Nein, der Spiegel schaut einfach nicht genauer, er macht lieber Boulevard und unterrichtet seine Leser stattdessen darüber, dass der neue Posten als Direktorin für das ARD-Gemeinschaftsprogramm für die Heilbronnerin in München angesiedelt sei. Gestern Abend um 20 Uhr berichtet die Tagesschau über die neue Frau an der Spitze – und unterlässt es vollständig den familiären Zusammenhang zu erwähnen.

Und um hier die „Neiddebatte“ noch zu spielen, fragen wir mal, was so ein Posten heute wert ist. Der WDR-Intendant Tom Buhrow beispielsweise bekam 2019 ein Jahregehalt von 395.000 Euro. Zuvor einmal sagte Buhrow verteidigend: „Man kann das immer weiter treiben mit dem Neid.“ Und er verwies darauf, dass, wenn man immer weniger bezahlt würde, am Ende Milliardäre den Job ehrenamtlich machen müssten. Und da sei es zu bezweifeln, ob das gut für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sei, so Buhrow.

Journalisten-Seminar Journalismus: Qualitäts- statt Haltungsjournalismus Von dieser wirklich bizarr anmutenden Begründung hinüber zum noch amtierenden Vorgänger von Christine Strobl auf dem Posten des ARD-Programmdirektors. Volker Herres hatte damals zur Diskussion beigetragen, er tue sich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes schwer damit, Einzelgehälter auf Heller und Pfennig transparent zu machen. Aus Angst vor Entführungen oder aus Angst vor einer aufgebrachten Zwangsgebührenzahlerklientel?

Die taz empörte sich 2017 darüber, dass die Transparenz der ARD in Sachen Gehalt bei Volker Herres (63) aufhöre, dessen Gehalt stehe nicht auf der ARD-Website. Die von der ARD 2017 selbst gerühmte Offenlegung hat also (un)natürliche Grenzen auf der Direktorenebene, also bei Herres, zukünftig Strobl, noch Jörg Schönborn (WDR) usw.

Fast schon spaßig übrigens, was hier dann wieder der Spiegel daraus macht, quasi stellvertretend für die ehemalig Leitmedien genannten größeren Printerzeugnisse in Deutschland: Der Spiegel erzählt seinen Zuschauern, „Was auf Christine Strobl in der ARD zukommt.“ Dort heißt es dann, wie aus dem Kinderfernsehen mit der Maus geklaut: „Ein harter Job in einem Haus in dem lange einer gegen den anderen arbeitete.“ Also einer gegen den anderen und alle auf gleichbleibend hohem Lohnniveau oder einer gegen den anderen wegen der Noch-mehr-Kohle oder wie auch immer kurz vor dem Sandmännchen.

Um Neid darf es bei einer kritischeren Betrachtung übrigens kaum gehen, schließlich geht es hier um Geld, dass zwangsweise von jedem Bürger eingefordert wird und nicht um eine irgendwie geratene Kapitalismuskritik an Unternehmensgehältern.

Der mächtigste Job im föderalen Senderverbund geht jetzt an eine Frau, die zuvor den Job einer Intendantin wegen von ihr selbst begründeter Interessenkonflikte abgelehnt hatte. Wieder der Spiegel (Tagesspiegel und Co stehen übrigens in nichts nach) spricht geradezu weihevoll von Strobls Befähigung: „Gleichzeitig demonstriert sie genug Machbewusstsein, um innerhalb der verzankten ARD-Fürstentümer aufzuräumen …“

Lautlos Migration: Die große Transformation Deutschlands Eine Hofberichterstattung, wie sie wohl pompös-pomadiger kaum sein kann. Denn was nun genau dieses Machtbewusstsein nährt, wird hier weder gefragt, hinterfragt oder sonstwie analysiert. Das allerdings wird dann auch der Person Christine Strobl nicht gerecht. Denn auch sie hat ein Anrecht darauf, dass nachgefragt wird, welche konkreten, möglicherweise herausragenden Fähigkeiten sie aus den vielen Jahren Fernseharbeit mitbringt und wie sie das selbst einschätzt.

Wird das nicht abgefragt, dann bleiben eine Neiddebatte um Gehälter, die keine ist, sondern eine fehlende Transparenz, bleibt ein felsenschwerer Interessenkonflikt wegen der familiären Nähe zur Hochpolitik im Raum und steht zuletzt auch die Beantwortung der Frage aus, in wie weit hier auch die Ablösung alter weißer Männer an der Spitze der ARD ein gewichtiger Fahrschein war. So ist das alles leider kein wirklich perfekter Start für Christine Strobl und die Zwangsgebührenzahler dieser ganzen Unternehmung.

Quelle

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