Wie die „Welt“ einen G7-Gipfel neu erfand

Von Alexander Wendt

Manchmal gibt es ikonische Fotos, in denen sich ein politischer Moment verdichtet. Das Foto sollte allerdings zu diesem Moment passen. Manchmal ist die Versuchung des Journalisten groß, eine Geschichte passend zum Foto zu erzählen. So wie eine Welt-Autorin in ihrem Text über die kommende US-Wahl, Donald Trump und die Unterschiede zwischen der Politik des Präsidenten und Angela Merkel. Das Blatt baut seine Geschichte rund um ein Foto auf, das die Staatschefs der G 7 am 9. Juni 2018 in La Malbaie, Quebec bei der Debatte um das Abschlussdokument zeigt.

An der Geschichtserzählung über das vermeintlich ikonische Bild von Merkel beim G7-Gipfel 2017 stimmt außer dem Datum und den Namen der Beteiligten praktisch nichts. Schon gar nicht, dass sie Trump „ins Gewissen“ redete.

Screenprint: Welt.de

Das Foto zeigt Merkel, die sich auf den Besprechungstisch stützt und mit Donald Trump zu reden scheint. In der Bildunterschrift der Welt heißt es: „Momentaufnahme mit Symbolcharakter: Angela Merkel redet Donald Trump auf dem G-7-Gipfel in Quebec ins Gewissen – ohne Erfolg“.

In dem Text selbst heißt es:
„Ein Moment der transatlantischen Entzweiung, eingefangen mit der Kamera: Kanzlerin Angela Merkel stützt die Hände auf den Tisch und lehnt sich energisch nach vorn. Auf der anderen Seite sitzt Donald Trump, die Arme verschränkt, das Kinn trotzig in die Höhe gereckt. Es war der G-7-Gipfel vor drei Jahren – das erste Treffen führender Industrienationen, bei dem ein Dissens in die gemeinsame Abschlusserklärung aufgenommen wurde. Obwohl die anderen sechs Staats- und Regierungschefs argumentierten, lockten, drohten: Der US-Präsident weigerte sich, sich zum Pariser Klimaschutzabkommen zu bekennen.“

An dieser Geschichtserzählung stimmt außer dem Datum und den Namen der Beteiligten praktisch nichts. Um mit dem Foto zu beginnen: Es gibt nicht die eine Aufnahme von der Besprechung, sondern mehrere. Allerdings eben das eine, das damals Merkels Presseteam weiterreichte, und das fast alle deutschen Zeitungen druckten: Merkel, wie sie vermeintlich Trump „ins Gewissen redet“. Der deutsche US-Korrespondent Fabian Reinbold twitterte damals ein Quartett von Aufnahmen, die das Geschehen jeweils aus einer anderen Perspektive zeigen und von den PR-Mitarbeitern der jeweiligen Staatschefs verbreitet wurden:

Wer das Foto der vermeintlichen Merkel-Trump-Konfrontation genau anschaut, dem fällt auf, dass nicht Merkel spricht – sondern Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der neben ihr steht. Und er redet, wie die Aufnahmen unten zeigen, in Richtung des kanadischen Premiers Justin Trudeau auf der anderen Seite des Tischs.

Von der Besprechung existieren also zahlreiche Aufnahmen aus allen möglichen Winkeln. Deutsche Medien hätten auch dieses Foto verbreiten können:

Völlig absurd wird allerdings die Welt-Erzählung, wenn die Autorin behauptet, bei dem Treffen (beziehungsweise auf der fotografierten Besprechung am 9. Juni) hätten die Regierungschefs versucht, den störrischen Trump zum Klimaschutz zu bekehren: „Obwohl die anderen sechs Staats- und Regierungschefs argumentierten, lockten, drohten: Der US-Präsident weigerte sich, sich zum Pariser Klimaschutzabkommen zu bekennen.“

Denn um die Pariser Vereinbarung ging es in La Malbaie nur ganz am Rand, verhandelt wurde dazu gar nichts. Den Rückzug aus dem Abkommen hatte Trump schon am 1. Juni 2017 verkündet, also fast genau ein Jahr vor dem Treffen in Quebec. Kein Teilnehmer erwartete ernsthaft, dass der US-Präsident dort eine seiner wesentlichen politischen Festlegungen ändern würde. Schon gar nicht unter Druck. Die Vorstellung von einer Angela Merkel, die dem amerikanischen Staatschef „ins Gewissen redet“, offenbart eine bemerkenswert kindliche Vorstellung vom Ablauf eines Gipfeltreffens.

Bei dem G 7-Treffen von 2018 und dem heftigen Streit über das Abschlussdokument ging es um ein ganz anderes Thema: den Handelsstreit sowohl zwischen den USA und der EU als auch zwischen den USA und Kanada. Kurz vor dem Gipfel hatte die US-Regierung einen Strafzoll von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium für Importe aus der EU und Kanada verhängt. Die EU antwortete mit der Androhung von Sonderzöllen auf mehrere US-Güter, etwa Motorräder von Harley-Davidson und auf Bourbon. Auch Kanada und Mexiko kündigten entsprechende Einfuhrzölle auf amerikanische Waren an. Statt zu einer Entspannung kam es auf dem Treffen in Quebec noch zu einer Streitverschärfung zwischen Trump und Trudeau, die neben dem Handelskonflikt auf eine tiefe Abneigung zwischen beiden beruhte. Während der Konferenz, wütete Trump per Twitter, sei Trudeau in der Handelsfrage noch „mild und sanftmütig“ („mild and meek“) gewesen, um dann die US-Zölle auf einer eigenen Pressekonferenz als „beleidigend“ zu bezeichnen. Trump antwortete umgehend mit neuen Strafzöllen auf kanadische Milchprodukte.

Am 9. Juni schien es noch so, als könnten sich die anderen Staatschefs mit Trump auf einen formelhaften Konsens als Abschlusserklärung einigen. Einen Tag später erklärte Trump, er werde dem Abschlussdokument nicht beitreten. Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Twitter angezeigt werden.

Im Juli 2018 besuchte der damalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker Trump in Washington, beide handelten einen Kompromiss aus, mit dem sowohl die angekündigten Stahl- und Aluminiumzölle der USA als auch die Antwort der EU vermieden wurden.

Fazit: Weder fing das Foto von La Malbaie, das laut Welt die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA sinnbildlich zeigen soll, eine wirkliche „transatlantische Entzweiung“ ein, noch redet Merkel darauf Trump „ins Gewissen“. Um das Pariser Klimaabkommen ging es auf der Konferenz nicht. Und Merkel spielte auf dem Treffen in Quebec 2018 wie auch bei der späteren Verhinderung des Zollkriegs nur eine Nebenrolle.

„Fast alles, wofür Berlin außenpolitisch steht, lehnt das Weiße Haus derzeit ab“, kommentiert die Welt-Redakteurin weiter – so, als ob Berlin der Taktgeber der Weltpolitik wäre, und die USA (und andere) entweder zustimmen oder ablehnen müssten. Die

„Wiederwahl Trumps“, weiß die Journalistin, „käme aus deutscher Sicht einer Katastrophe gleich“. Was genau wäre dann katastrophal? Und wer bestimmt „die deutsche Sicht“? Journalisten, die in den vergangenen vier Jahren im Monatsrhythmus das Ende Trumps voraussagten? Die ihn wie Der Spiegel 2016 als zerstörerischen Kometen aufs Titelblatt hoben, der auf die Erde zurast („Das Ende der Welt, wie wir sie kennen“)?

Oder eine Redakteurin, deren Text zu Trump wie ein Schulaufsatz wirkt: „Denk dir eine Geschichte zu dem Foto aus“?

Der Welt-Text steht exemplarisch für die US-Berichterstattung vieler deutscher Medien: An Fakten erfährt der Leser wenig bis nichts. Dafür aber alles über die Haltung des Journalisten. Die kennt er allerdings schon mehr als ausreichend.

Quelle

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