Chronologie des Krieges zwischen Aserbeidschan und Armenien um Bergkarabach

Der Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien weitet sich aus. Hier finden Sie eine detaillierte Chronologie der Ereignisse seit Ausbruch der Gefechte.

Inzwischen scheint klar, dass es sich bei dem Krieg um eine geplante Offensive Aserbaidschans zur Rückeroberung von Bergkarabach handelt. Baku spricht offen von dem Willen zur Rückeroberung des Gebietes. Unterstützt wird Baku dabei von der Türkei.

Zum Verständnis, weil das Gebiet für deutsche Leser sehr fremd ist: Armenien mit der Hauptstadt Eriwan ist eine christliche Kaukasusrepublik, das islamische Aserbaidschan mit der Hauptstadt Baku ist der andere Konfliktteilnehmer. Kern des Konfliktes ist die Region Bergkarabach, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt ist. Daher kam es ab 1988 zu Kämpfen in der Region und dann zu einem Waffenstillstand 1994, bei dem Bergkarabach zu einer international nicht anerkannten Republik wurde, die von Armenien unterstützt, aber nicht anerkannt wird.

Politischen Sprengstoff hat der Konflikt, weil Armenien Mitglied der OVKS ist, das ist ein Militärbündnis einiger Nachfolgestaaten der Sowjetunion, zu dem auch Russland gehört. Sollte Armenien die OVKS um Hilfe bitten, kann der Konflikt eskalieren.

Da die Türkei Aserbaidschan offen unterstützt, könnte sich der Konflikt zu einem Flächenbrand ausweiten und aufgrund der bei vielen Themen engen Zusammenarbeit zwischen Russland und der Türkei auch Folgen über die Region hinaus haben. Andererseits sind beide Länder bei vielen Projekten (zum Beispiel Turk Stream) aufeinander angewiesen und an einem Konflikt kann keine Seite interessiert sein. Trotzdem pokert Erdogan hoch und spielt mit dem Feuer.

Andererseits dürfte sich die Nato kaum auf die Seite der Türkei stellen, da die Nato sich bisher neutral verhält und die Äußerungen aus Nato-Staaten, die Partei ergreifen, ergreifen Partei gegen die Handlungen der Türkei.

Russland könnte sich noch aus einem anderen Grund gezwungen sehen, einzugreifen, denn wenn die Meldungen zutreffen, dass die Türkei Islamisten aus Syrien in die Region verlegt, dann würde Russland darin eine massive Bedrohung sehen. Von dort ist der Weg in dem unübersichtlichen Kaukasus auf russisches Gebiet nicht weit und Russland will das Einsickern von Islamisten aus Syrien um jeden Preis verhindern.

Ich habe hier eine Chronologie der Ereignisse bis zum 2. Oktober übersetzt, die die russische Nachrichtenagentur TASS veröffentlicht hat und die einen guten Überblick gibt. Hinzufügen möchte ich, dass sich die Ereignisse seitdem überschlagen, teilweise hat die TASS derzeit fünf und mehr Meldungen aus dem Konfliktgebiet pro Stunde. Offenbar nimmt die Intensität der Kämpfe weiter zu und Aserbaidschan scheint entschlossen zu sein, Bergkarabach mit türkischer Rückendeckung gewaltsam zu erobern.

Beginn der Übersetzung:

Die Lage in Bergkarabach eskalierte erneut in der Nacht zum Sonntag, dem 27. September. Sowohl Armenien als auch Aserbaidschan berichten von Aggressionen, während Russland und andere Länder die Parteien auffordern, den Waffenstillstand einzuhalten und sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Wir verfolgen die Entwicklungen in der Region und führen eine Chronologie des Konflikts.

  1. September

Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan meldete eine Offensive der aserbaidschanischen Streitkräfte in Richtung Bergkarabach. Nach Angaben des armenischen Außenministeriums begann die aserbaidschanische Armee, Ortschaften zu bombardieren, darunter die Hauptstadt der nicht anerkannten Republik Bergkarabach, Stepanakert. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium berichtete seinerseits, dass es Armenien war, das entlang der gesamten Frontlinie zu schießen begann. Die Türkei stellte sich auf die Seite von Baku (Aserbeidschan) und verurteilte Eriwans (Armenien) Vorgehen.

Die Regierungen von Armenien und Bergkarabach haben das Kriegsrecht und die Mobilmachung aller Männer über 18 Jahren verkündet. Nikol Paschinjan zeigte sich bereit, die Unabhängigkeit der Republik Bergkarabach anzuerkennen und sagte, dass beide Seiten des Konflikts erhebliche Verluste erleiden.

Aserbaidschans Militär berichtete, sechs Dörfer und strategische Anhöhen in den Distrikten Fizul und Dzhebrail (angrenzend an Bergkarabach) eingenommen zu haben. Diese Informationen wurden in Eriwan dementiert.

Der russische Präsident Wladimir Putin sprach mit Nikola Paschinjan und äußerte sich ernsthaft besorgt über die aktuelle Situation. Der russische Außenminister Sergej Lawrow führte Gespräche mit den Außenministern beider Länder sowie mit Vertretern der türkischen Seite. Moskau, Athen, Berlin, Brüssel, Washington, Warschau, der Vatikan, Kairo, Chisinau sowie die OSZE, die Organisation Amerikanischer Staaten, die NATO, das Rote Kreuz und andere Staats- und Regierungschefs und internationale Organisationen forderten Baku und Eriwan auf, den Konflikt so schnell wie möglich zu deeskalieren.

  1. September

Das armenische Verteidigungsministerium berichtete, dass die Kämpfe in Bergkarabach weitergehen und dass es dem Militär von Karabach gelungen sei, einige der eroberten Stellungen zurückzuerobern. Baku berichtete erneut von der Einnahme mehrerer strategisch wichtiger Anhöhen und von armenischem Beschuss von Zivilisten. Nach Angaben des armenischen Botschafters in Russland, Vardan Toganyan, hat Eriwan mit der Arbeit an einem Plan zur Evakuierung der Bevölkerung Karabachs begonnen. Aserbaidschan kündigte eine Teilmobilmachung an und verhängte das Kriegsrecht.

Der türkische Präsident Tayyip Erdogan hat die Befreiung der „besetzten Gebiete Aserbaidschans“ und damit ein Ende des seit langem andauernden regionalen Konflikts gefordert. Der Kreml hingegen sprach sich für ein Höchstmaß an Zurückhaltung aller Parteien aus. Moskau, Brasilia, Brüssel, London, Ottawa, Peking sowie die OVKS und die UNO riefen zu einem sofortigen Waffenstillstand auf.

Das armenische Außenministerium behauptete, dass die türkische Regierung Söldner im Nahen Osten rekrutierten, um sie in das Konfliktgebiet zu transportieren, und dass „türkische Ausbilder auf der Seite Aserbaidschans kämpfen“. Ankara und Baku dementierten diese Informationen und Berichte über den Einsatz von F-16-Kampfjets im Konfliktgebiet.

  1. September

Baku berichtete über Artilleriebeschuss von armenischer Seite und seiner eigenen Offensive in Richtung der Stadt Fizuli, in Eriwan wurde die Abwehr aserbaidschanischer Angriffe an mehreren Fronten gemeldet und die Bereitschaft bekundet, Langstreckenwaffen einzusetzen. Beide Seiten meldeten die Zerstörung von gepanzerten Fahrzeuge der jeweils anderen Seite.

Eriwan berichtete von einem aserbaidschanischen Luftangriff direkt auf armenisches Gebiet, nicht auf Karabach. Es soll eine Militäreinheit in der Stadt Vardenis im Norden des Landes betroffen sein. Darüber hinaus meldete das Verteidigungsministerium der Republik, dass eine türkische F-16 eine armenische Su-25 abgeschossen habe. In Baku und Ankara wurden Berichte über die Anwesenheit von F-16 im Kriegsgebiet dementiert.

Der Kreml forderte andere Staaten auf, kein Öl ins Feuer des Konflikts zu gießen, und erklärte, dass Partnerstaaten „wie die Türkei“ bei der Deeskalation helfen können. Der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, sagte, dass „die russische Seite auf verschiedenen Ebenen in ständigem Kontakt mit Eriwan, Baku und Ankara steht“. Gleichzeitig erklärte sich die Türkei bereit, Aserbaidschan sowohl am Verhandlungstisch als auch auf dem Schlachtfeld zu unterstützen: „Jeder Angriff Armeniens auf ein aserbaidschanisches Dorf kommt einem Angriff auf ein türkisches Dorf gleich“, sagte Numan Kurtulmus, Vorsitzender der regierenden türkischen Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung.

Nikol Paschinjan sagte, dass hochrangige türkische Militärs bereits in Aserbaidschan und für militärische Operationen verantwortlich seien. Nach Angaben des Ministerpräsidenten drangen auch einige türkische Einheiten in das Gebiet von Nakhichevan ein, einer aserbaidschanischen Exklave, die an die Türkei grenzt. Der armenische Ministerpräsident führte erneut Telefongespräche mit Putin.

  1. September

Der UN-Sicherheitsrat forderte Eriwan und Baku auf, die Kampfhandlungen unverzüglich einzustellen. Trotzdem gingen die Zusammenstöße in Karabach weiter. Armenien berichtete über die Fortsetzung der Artillerieschlachten und die Zerstörung aserbaidschanischer Drohnen über Stepanakert. In Eriwan wurde die Bombardierung des nördlichen Teils der Armee von Karabach durch die aserbeidschanische Luftwaffe mit türkischen Drohnen gemeldet. Nach Angaben des armenischen Militärs setzt der Feind Luft-Boden-Raketen ein.

Im Gegenzug informierte Aserbaidschan über die Verwundung von sieben Zivilisten nach Beschuss der Stadt Terter durch armenischen Beschuss. Darüber hinaus erklärte das aserbaidschanische Militär, es habe ein feindliches Flugabwehrsystem vom Typ S-300 ausgeschaltet. Die armenische Seite dementierte diese Informationen, meldete aber, Aserbaidschan setze viele Arten von Waffen ein, „einschließlich Langstreckenwaffen“. Darüber hinaus versprach das armenische Militär, Beweise für den Einsatz von F-16-Kampfflugzeugen in der Konfliktregion vorzulegen: „Aserbaidschan hat die Führung der Luftoperation gegen Artsakh (Stadt in der nicht anerkannten Republik Bergkarabach, Anm. TASS) an die türkische Luftwaffe übergeben“, teilte das armenische Verteidigungsministerium mit.

Nikol Paschinjan bekräftigte, dass Eriwan die Anerkennung der Unabhängigkeit Bergkarabachs erwäge und versprach, die armenischen Interessen mit oder ohne die OVKS zu schützen. Zuvor hatte das Sekretariat der OVKS der TASS mitgeteilt, dass Armenien sich noch nicht an die Organisation gewandt habe.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew bezeichnete die Forderungen nach einem Dialog mit Armenien als unangemessen, da ihm zufolge ein internationales Format nicht zur Lösung beitragen konnte. Er versprach auch, dass er die Militäraktionen in Karabach einstellen werde, wenn sich die armenischen Truppen vollständig und bedingungslos aus der Region zurückziehen würden.

Das russische Außenministerium äußerte sich besorgt über Informationen über die Verlegung von Kämpfern aus Syrien und Libyen in das Konfliktgebiet Bergkarabach. Wie im russischen Außenministerium festgestellt wurde, führen diese Prozesse „nicht nur zu einer noch stärkeren Eskalation der Spannungen im Konfliktgebiet, sondern stellen auch eine langfristige Bedrohung für die Sicherheit aller Länder in der Region dar“.

  1. Oktober

Wladimir Putin und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron besprachen die Eskalation in Bergkarabach und verabschiedeten später zusammen mit den Vereinigten Staaten im Rahmen der Minsk-Gruppe der OSZE eine gemeinsame Erklärung zur Lage in der Region, in der sie sich für die Aufnahme von Verhandlungen aussprachen.

Baku meldete den Tod von 16 und die Verwundung von 55 aserbaidschanischen Zivilisten seit Beginn der Eskalation. Darüber hinaus erklärte das Außenministerium der Republik, dass Armenien ausländische Söldner aus dem Nahen Osten zu Kampfeinsätzen heranzieht.

Der Sprecher des armenischen Verteidigungsministeriums, Arzrun Hovannisian, sagte, die Armee Karabachs habe drei Hubschrauber der aserbaidschanischen Luftwaffe abgeschossen. Ihm zufolge „verlor der Feind während der Angriffe 350-360 Soldaten, drei Hubschrauber, 15 gepanzerte Fahrzeuge, einen schweren Mehrfachraketenwerfer vom Typ BM-30-Smertsch und sechs Drohnen“, sagte er und fügte hinzu, dass die Kämpfe an der gesamten Kontaktlinie heftig seien. Baku dementierte diese Informationen. Gleichzeitig ist die Lage an der armenisch-aserbaidschanischen Grenze relativ ruhig, wie Hovannisian bemerkte.

Die armenische Seite berichtete, dass zwei französische Journalisten von Le Monde, ein Reporter des Portals 24news.am, AFP-Journalisten und der Kameramann Aram Grigoryan des Fernsehsenders „Armenien“ durch den Beschuss der aserbaidschanischen Streitkräfte verletzt wurden. Dmitri Elowski, stellvertretender Chefredakteur des Fernsehsenders Doschd, geriet ebenfalls unter Beschuss. Einer der Journalisten von Le Monde befindet sich in einem ernsten Zustand. Aserbaidschan erklärte, dass Journalisten sich bei Reisen in die Republik Bergkarabach in Gefahr bringen.

Nikol Paschinjan erklärte sich bereit, mit der Minsk-Gruppe der OSZE zusammenzuarbeiten, um den Konflikt zu beenden. Darüber hinaus beschloss Eriwan, seinen Botschafter aus Israel zu Konsultationen zurückzurufen, da das Land Waffen nach Aserbaidschan liefert.

  1. Oktober

Die Europäische Union forderte die Türkei auf, sich nicht mehr in den Konflikt in Bergkarabach einzumischen, und Emmanuel Macron sagte, dass 300 syrische Islamisten über das türkische Gaziantep in das Kriegsgebiet verlegt wurden. In den Vereinigten Staaten schrieben mehrere Dutzend Kongressabgeordnete einen Brief an das Außenministerium und forderten den diplomatischen Dienst der USA auf, „die unbestreitbare Aggression Aserbaidschans klar und unmissverständlich zu verurteilen“.

Eriwan erklärte sich bereit, Gespräche über einen Waffenstillstand in Bergkarabach im Rahmen der Minsk-Gruppe aufzunehmen. Paschinjan stellte fest, dass die armenische Regierung ständig in Kontakt mit Russland stehe und der Ministerpräsident führte erneut Telefongespräche mit Wladimir Putin. Die Einheiten der Streitkräfte der Republik wurden in volle Kampfbereitschaft versetzt und die armenische Seite hat versprochen, die Einreise von Einzelpersonen und Fahrzeugen nach Bergkarabach zu beschränken. Die Sängerin Yulia Chicherina geriet im Kampfgebiet unter Drohnenbeschuss.

In der Türkei bezeichnete man die Aufrufe der Minsk-Gruppe als „nicht überzeugend und unaufrichtig“. Erdogan äußerte die Hoffnung, dass Aserbaidschan „seine Gebiete“ befreien werde. Baku kündigte an, „Maßnahmen“ gegen militärische Einrichtungen in Armenien zu ergreifen.

Das armenische Verteidigungsministerium berichtete, dass die aserbaidschanischen Streitkräfte Stepanakert beschossen hätten. Nach Angaben des Sprechers des Verteidigungsministeriums verwendet „der Feind Streubomben“ und ballistische Raketen. Wie in Eriwan festgestellt wurde, sind seit Beginn der Eskalation des Konflikts in der Region Bergkarabach 157 Menschen ums Leben gekommen.

Baku meldete den Beschuss von Dörfern des Distrikts Agdam von armenischer Seite. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium meldete auch den Beschuss der Stadt Terter, des Dorfes Shikharh, des Dorfes Sogan-Verdiler im Bezirk Bardinsky, sowie Raketenbeschuss auf die Stadt Sabirkend.

Quelle

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