Das Lächeln der Kamala Harris

Von Roger Letsch – 8. Oktober 2020

Als der US-Wahlkampf 2016 immer fahriger und angriffslustiger wurde, schwenke die Presse von Sachfragen auf die moralische und gefühlige Ebene und entdeckte neben den prahlerischen Grabschgewohnheiten von Trump, dass Hillary im Gegensatz zu diesem Rübezahl erheblich „präsidiabler“ sei. Ihre Gesten, ihr souveränes Auftreten, ihre weißen Kostüme, …hach, [Herzchen-Smiley hier einfügen]! Ihre Art jedoch, kritische Fragen mit Kopfschütteln und genau der Sorte Lächeln nicht zu beantworten, das Dreijährige zu sehen bekommen, wenn sie zum Mittagessen Schokolade haben wollen, übersah man in der Presse geflissentlich. Und wie der Dreijährige bekommt sie weder Schokolade noch eine Antwort.

Harris vs. Pence 2020

Ebenso wenig wie die Zuschauer der Debatte zwischen Kamala Harris und Mike Pence letzte Nacht deutscher Zeit: Wird eine Biden-Administration (sofern sie die Senatsmehrheit bekommt) den Supreme Court mit ihr genehmen Richtern fluten? Werden die Steuersenkungen Trumps wirklich rückgängig gemacht? Wird es ein Fracking-Verbot geben, von dem Biden mal sagt, dass es kommt und dann wieder, dass es nicht kommt? Werden Washington-DC* und Puerto Rico Bundesstaaten, um dem Senat weitere bombenfest demokratische Senatoren zuzuführen? Keine Antwort, immer nur das Lächeln von Kamala Harris, die mit leicht zusammengekniffenen Augen. Es ist fast, als würde sie zielen, wenn sie die Kamera sucht und den Zuschauern zu beweisen versucht, dass sie die bessere Hillary Clinton sei und dass dem infantilen Elektorat über derlei Schokoladenfragen erst nach der Wahl Auskunft erteilt werde.

Eine Gouverneurin als Gouvernante der Nation, die besser als jeder einzelne ihrer Zöglinge weiß, was gut für diese sei und in Senatsanhörungen gestandenen Richterkandidaten Tränen der Verzweiflung in die Augen treiben kann. Was gut für andere ist, wusste Harris schon als Generalstaatsanwältin in Kalifornien, als sie Gefangene auch nach Ende ihrer Haftzeit eingesperrt ließ, damit diese weiter billig für den Staat arbeiten konnten. Verzeihung, ich meine natürlich, dass ihr unterstellte Staatsanwälte dies taten. Die Spekulation über Ross und Reiter pendelt noch zwischen „sie hatte den Laden nicht im Griff“ und „sie wollte sich nicht selbst die Finger schmutzig machen“.

Auf diesbezügliche Nachfragen bekommt man übrigens auch nur ein Lächeln und ein sanftes, beredtes Kopfschütteln, welches zu sagen scheint „Was glaubst du, werde ich mit dir und deinen frechen Fragen machen, wenn ich an der Macht bin?“. Die Beliebtheitswerte der Frau, die in den Senatsanhörungen genüsslich Kavanaugh am Drehspieß röstete, entsprechen den herbstlichen Temperaturen, während man in weiten demokratischen Kreisen vor allem auf die Farben schaut und entzückt „alles so schön bunt hier“ ruft.

Eine Fliege als Stimmungsaufheller

Auch nach der Vize-Debatte 2020 befassen sich deutsche Kommentatoren wieder vor allem mit der Frage, wer von den beiden Kontrahenten „bella Figura” als Präsident machen würde – was zugegebenermaßen angesichts des Alters beider Präsidentschaftskandidaten eine wichtige Frage sein kann. Fast niemand fragt jedoch, wer die Debatte inhaltlich dominiert und wer nur ausgewichen ist und abgelenkt hat. Stattdessen geht es um eine Fliege, die sich auf Pence Kopf niederließ. Bei Weltmeisterschaften mit Beteiligung der „Mannschaft“ nennt man sowas üblicherweise „Tier-Orakel“, hier ist es eine perfekte Ablenkung. Harris spricht, antwortet aber nicht auf die Frage, …oh, schau da: eine Fliege!

Doch auch die konnte nicht wirklich vom beredten Lächeln der Kamala Harris ablenken. Die Satireseite BabylonBee, wie so oft nah an der Realität, wenn die Realität sich in Richtung Satire bewegt, erkennt denn auch messerscharf, dass es da etwas an Harris gibt, dass die Wähler eher abschreckt als begeistert. Ob es nun ihre Stimme oder das Lächeln ist – geschenkt.

Diejenigen in den Medien, die Biden alle Daumen drücken, wollen in Harris die intelligente, erfolgreiche PoC sehen, eine Frau, die Opfer von Rassismus ist, aber ihren Weg geht und Biden die Wähler der Black Community in Scharen zutreibt. Das kann so sehen, doch könnte man sich dabei auch täuschen. Die Black Community war immer Bidens Terrain, da kann Harris nicht helfen. Auch was das Talent angeht, Zugänglichkeit auszustrahlen oder zumindest Vertrauen durch eine gewisse Harmlosigkeit einzuflößen, kann Harris nichts zu Biden hinzufügen.

Nichts an Harris wirkt harmlos, selbst dann, wenn sie es versucht. Sie wirkt dann nur noch alerter, ja, geradezu herablassend und kommt ihrem Vorbild Hillary Clinton so nur noch näher. Diese Ähnlichkeit kann Biden in allen Wählergruppen schaden. Nach der Debatte letzte Nacht sehen womöglich weitere Wähler, dass da eine bis in die Gesten, Nicht-Antworten und auch Nicht-Verantwortung Hillary ähnliche Kandidatin stand. Angriffslustig, ja. Aber auch überheblich. Ehrgeizig, gewiss. Aber auch machthungrig. Eine Politikerin, die das angestrebte Amt eher als ihre rechtmäßige Beute und weniger als temporäre Bürde betrachtet – in diesem Punkt ist sie Trump vielleicht ähnlicher, als sie selbst, die Biden-Fans und auch die Trump-Fans sich je eingestehen würden.

Zumindest zeigt sich die Strategie der Demokraten immer offener, die frei nach Hengameh Yaghoobifarahs KaDeWe-Slogan „Allen alles“ wahllos Versprechungen in alle Richtungen machen: den Öl-Arbeitern das Fracking und den Klimarettern den „Green New Deal“ versprechen, hier „Defund The Police“ rufen und dort „Copmala“ Harris zur Vize-Kandidatin machten. Die einerseits sehr vorsichtig gewalttätige Proteste ablehnen, aber andererseits die Kautionen der inhaftierten Gewalttäter bezahlen und auf jede Frage nur eine einzige Antwort haben: Bloß keine Antwort geben und Ceterum censeo „Orange Man Bad“.

Nach dieser Vize-Debatte könnte das Lächeln von Kamala Harris nicht nur einigen ehemaligen Häftlingen in Kalifornien, sondern auch den Clinton-Hassern auf allen Seiten des politischen Spektrums unangenehme Schauer der Erinnerung über die Rücken gejagt haben. [hier ein Grusel-Dich-Smiley einfügen]

* Der Stimmanteil der Demokraten in der Hauptstadt, also dort, wo Bürokratie und Establishment Heimat und Hausmacht haben, wird derzeit mit etwa 90% prognostiziert. Seit Jahrzehnten sind die Werte ähnlich hoch. Ja, so demokratisch geht es dort im Wortsinn zu. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn von der „Trump-Administration“ und davon die Rede ist, warum Trumps „You’re fired“-Personalkarussell sich lange besonders schnell drehte oder die Frage im Raum steht, welche Partei auf Bundesebene die Ressourcen für einen „Putsch“ aufbrächte.

Quelle

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