Warum der Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien so gefährlich ist

An Europas Grenzen tobt ein Krieg zwischen Aserbeidschan und Armenien, der kräftig von der Türkei befeuert wird und das Potenzial hat, sich zu einem Flächenbrand auszuweiten. Aber in den „Qualitätsmedien“ findet er praktisch nicht statt. Daher berichte ich darüber.

Der Krieg fordert jeden Tag Todesopfer unter Zivilisten und weil es sich bei den beteiligten Ländern um ehemalige Sowjetrepubliken handelt und in Russland viele Armenier und Aserbaidschaner leben, ist der Krieg in den russischen Medien sehr präsent. Die russische Nachrichtenagentur TASS zu lesen, ist derzeit sehr anstrengend, weil es in jeder Stunde mehrere Meldungen über alle Details der Kampfhandlungen gibt.

Bei dem Krieg geht es um die Region Bergkarabach, die sich von Aserbeidschan losgesagt hat und seit 1994 als international nicht anerkannte Republik existiert. Die Region ist umstritten und war einst von christlichen Armeniern und muslimischen Aserbaidschanern bewohnt. Im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion fanden dort ethnische Säuberungen statt, Armenier mussten aus Aserbeidschan fliehen und umgekehrt. Und auch aus Bergkarabach wurden die Aserbaidschaner vertrieben.

Aserbeidschan will das Gebiet nun gewaltsam zurückholen, das verkündet der aserbaidschanische Präsident ganz offen im Fernsehen und unterstützt wird er dabei von der Türkei. Dass Aserbeidschan den aktuellen Krieg begonnen hat, ist kaum mehr strittig.

Aber den deutschen Medien ist der Krieg relativ egal, es wird jedenfalls kaum darüber berichtet. Das dürfte daran liegen, dass er nicht dazu taugt, das anti-russische Narrativ zu bedienen, denn Russland spielt in dem Konflikt die Rolle des Vermittlers und hat es sogar geschafft, erste direkte Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien in Moskau zu organisieren. Allerdings hat der dabei geschlossene Waffenstillstand kaum eine Stunde gehalten.

Man könnte den Krieg auch nutzen, um schlecht über Erdogan zu berichten, der Aserbeidschan offen unterstützt. Aber aus irgendeinem Grund scheinen die deutschen Medien derzeit nicht allzu interessiert daran zu sein, noch schlechter über Erdogan zu berichten. Das ist bemerkenswert, denn normalerweise sind sie gegenüber Erdogan nicht so zurückhaltend.

Das lässt Raum für Spekulationen, denn der regionale Konflikt um Bergkarabach kann sich schnell zu einem großen Krieg ausweiten, in den auch der Iran und im schlimmsten Fall sogar Russland hineingezogen werden. Auf iranischer Seite schlagen immer wieder Geschosse aus Aserbaidschan ein und im Iran gibt es eine große aserbaidschanische Minderheit, die radikalisiert werden könnte.

Russland hingegen ist im Rahmen eines Verteidigungsbündnisses einiger GUS-Staaten mit Armenien verbündet und sollten sich die Kämpfe von Bergkarabach auf armenisches Gebiet ausbreiten, wäre Russland im Rahmen des Bündnisses zum Beistand verpflichtet. Aserbeidschan hingegen hat das Bündnis vor Jahren verlassen.

Der Konflikt könnte also schnell außer Kontrolle geraten, was für den deutschen Medienkonsumenten dann absolut überraschend käme, da man in Deutschland von dem Krieg und den damit verbundenen Gefahren nichts hört. Da in Deutschland über den Konflikt nicht berichtet wird, übersetze ich einen aktuellen Bericht aus den russischen Fernsehnachrichten.

Beginn der Übersetzung:

Die Türkei könnte hinter der Eskalation des Konflikts in Bergkarabach stehen. Das berichtet die Zeitung Kommersant unter Berufung auf ihre eigenen Quellen. Demnach könnte Ankara Baku sowohl mit Waffenlieferungen als auch mit der Entsendung türkischer Militärspezialisten helfen. Darüber ist es laut Kommersant die türkische Regierung, die Kämpfer aus Syrien und Libyen rekrutiert und nach Karabach schickt.

Die Äußerungen von Ankara und Baku gehen nicht über gegenseitige politische Unterstützung und gemeinsame Übungen hinaus – die letzten derartigen Manöver fanden im Juli und August dieses Jahres statt. Aber in Wirklichkeit könnte die Beteiligung der Türkei an Aserbaidschans Aktionen wesentlich schwerwiegender sein.

Laut Kommersant, der sich auf eigene militärische und diplomatische Quellen beruft, blieb nach den letzten Manövern angeblich eine bedeutende Gruppe türkischer Militärs in Aserbaidschan, die eine koordinierende und führende Rolle bei der Planung und Durchführung der Offensive in Bergkarabach spielen sollte.

Es ist bekannt, dass mindestens 600 Soldaten folgendermaßen in Aserbaidschan verteilt wurden: 250 Personen, eine taktische Gruppe und Ausbilder, in Nakhichevani, 90 Militärberater in Baku, 20 Personen auf dem dortigen Marinestützpunkt und in der Militärschule; 120 Leute auf der Gabala Air Base; Drohnenpiloten auf dem Flugplatz Dallar, Ausbilder auf dem Flugplatz Evlah und im 4. Armeekorps, das in der Nähe des Dorfes Pirekeshkul stationiert ist.

Alle diese Leute wurden, wenn man den Quellen des Kommersant glaubt, Ende August, etwa einen Monat vor Beginn der neuen Eskalation in Karabach, in Aserbaidschan stationiert.

„Die Türkei hat die aktuelle Eskalation des Konflikts stimuliert. Und es geht nicht nur darum, dass Ankara versucht, Aserbaidschan bei der Eroberung Bergkarabachs zu helfen. Es geht um Bergkarabach selbst. Die Türkei fordert die Russische Föderation heraus und stellt Russlands Kontrolle im Kaukasus in Frage“, sagte Gevorg Mirzayan, Assistenzprofessor für Politikwissenschaft.

Und während der Kämpfe, die am 28. September begannen, trafen in Aserbaidschan der türkische Kommandeur der Bodentruppen Umit Dundar und Verteidigungsminister Hulusi Akar zusätzlich zu den zuvor eingetroffenen Militärberatern ein. Die Quellen von Kommersant behaupten, dass sie diejenigen waren, die die Operation vor Ort geleitet haben.

„Wir erinnern uns, wie Erdogan die nationale Idee „Zwei Länder, ein Volk“ verkündet hat. Das bedeutet, dass die Türkei und Aserbaidschan ein einziges Volk sind, das in Zukunft in einem einheitlichen Staat leben wird. Erdogan hat wiederholt von seinen Ambitionen gesprochen, wenn schon nicht das Osmanische Reich, also den großen Turan – wie der türkische Staat genannt wurde – wiederzubeleben, zumindest eine starke Türkei zu schaffen, die Einfluss in Nordafrika, dem Nahen Osten und Zentralasien haben soll. Gleichzeitig ist der Kaukasus bei dieser strategischen Aufgabe eine Schlüsselregion und ein Tor zu anderen geopolitischen Räumen“, erklärt Alexei Bychkov, Politikwissenschaftler und Leiter der GUS-Abteilung am Institut für Politische Studien und Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen.

Parallel lieferte die Türkei kontinuierlich militärische Ausrüstung, Feuerwaffen und anderes mehr nach Aserbaidschan.

Dutzende von Videos und Fotos von syrischen Militanten aus als Terrorgruppen bekannten Gruppen, die angeblich abrupt ihr Einsatzgebiet gewechselt haben und nun auf der Seite Aserbaidschans kämpfen, sind seit langem in sozialen Netzwerken zu sehen.

Laut Kommersant sind syrische,, und übrigens auch libysche Radikale, tatsächlich bereits in Karabach. Sie werden von Vertretern von Gruppen rekrutiert, die der Türkei treu ergeben sind. Die Verlegung der Söldner wird angeblich vom türkischen Geheimdienst und dem Verteidigungsministerium überwacht. Allein in der ersten Oktoberwoche wurden bis zu 1.300 syrische Kämpfer und mindestens eine Gruppe von 150 libyschen Söldnern in das Konfliktgebiet Karabach entsandt. Warum sich so viele Menschen bereit erklärten, in das ihnen unbekannte Land zu gehen, liegt auf der Hand: Ankara ist bereit, großzügig dafür zu zahlen.

„Zunächst einmal versucht die Türkei, die Zahl der aserbaidschanischen Särge zu minimieren, da niemand die syrischen Särge zählen wird. Denn wenn Alijew zum Beispiel keine Ergebnisse erzielt, aber 5.000 oder 6.000 aserbaidschanische Soldaten verliert, dann wird es viele Fragen von Seiten der aserbaidschanischen Bevölkerung geben, was die Türkei vermeiden will. Zweitens sieht die Türkei die Militanten als ein Element der Kontrolle über Aserbaidschan: Sie werden höchstwahrscheinlich auch nach Kriegsende im Konfliktgebiet bleiben. Und drittens nutzt die Türkei Militante, um gegen den Iran und die Russische Föderation zu spielen. Die Militanten liegen in der Nähe der iranischen Grenzen. Und stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn einer von denen einen iranischen Grenzschützer erschießt! Es wird einen Krieg und einen Aufstand der Aserbaidschaner im Iran geben, weil jeder denken wird, dass der Iran Aserbaidschan angreift“, sagte Gevorg Mirzayan.

Söldnern, die in den Kaukasus in den Krieg ziehen wollten, wurde ein „Handgeld“ von 1.500 US-Dollar plus eine monatliche Vergütung von bis zu 2.000 US-Dollar geboten. Vor ihrer Entsendung nach Aserbaidschan sollen Ausweispapiere und persönliche Kommunikationsmittel der Söldner beschlagnahmt worden sein. Ihnen wurde mitgeteilt, dass ihre Dienste für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten erforderlich seien. Laut Kommersant wurde zum Zeitpunkt der Waffenruhe in Bergkarabach eine weitere Gruppe von Söldnern aus Syrien mit 1.500 Mitgliedern gebildet. Die kann auch jederzeit nach Bergkarabach verlegt werden.

Meldungen, dass die Türkei wahrscheinlich in den Konflikt in der Region verwickelt ist, sind auch in einer Reihe renommierter westlicher Zeitungen erschienen, darunter The Wall Street Journal und The Washington Post.

Erklärungen über den negativen Einfluss der Türkei auf die Ereignisse in Karabach wurden kürzlich sowohl vom französischen Außenministerium, als auch vom französischen Staatsoberhauptes selbst abgegeben.

Quelle

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