Märchenstunde mit Merz & Steinmeier: Es war einmal das beste Deutschland aller Zeiten

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Foto:Shutterstock)

Immer öfter fragt sich der politisch interessierte Demokrat in der deutschen Republik, ob es den Volksvertretern noch gut geht. Die Äußerungen der Prominentesten unter ihnen geben Anlaß zu größter Sorge. Die sorgenvollsten Fragen werden gestellt …

on Max Erdinger

Wir stehen auf dem festen Fundament eines starken Landes. Am Ende der erfolgreichen Ära Merkel brauchen wir jetzt einen Aufbruch. Wir müssen neue Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit geben und die nächsten zehn Jahre gestalten. Dafür stehe ich.“ – Tweet von Friedrich Merz (CDU) am 17.10.20 um 20.01 Uhr. Dazu weiter unten eine abschließende Bemerkung. Vom Sauerländischen derweilen ins Ostwestfälisch-Lippische …

Als der gebürtige Detmolder Frank-Walter Steinmeier (64) aus Anlaß der sich zum dreißigsten Male jährenden deutschen Wiedervereinigung eine bedeutsame Rede halten mußte, da er zum Bundespräsidenten ernannt worden war und das Volk von ihm der klugen Worte gar viele erwartete, geschah es, daß im Anschluß an seine Rede die große Konfusion ausbrach. Der Detmolder hatte in seiner präsidialen Ansprache behauptet, das Volk lebe im besten Deutschland, das es jemals gegeben habe. Auch Verschwörungstheorien hielten daraufhin Einzug in den Köpfen seiner völlig perplexen Zuhörer. Eine der besorgniserregendsten war die, daß das Detmolder Trinkwasser in den späten Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts derartig mit chemischen  Rückständen verunreinigt gewesen sein könnte, daß man es zur Zubereitung von Babynahrung gar nicht hätte verwenden dürfen. Allerdings gab es auch beschwichtigende Stimmen, denen zufolge es ausgereicht hätte, dafür zu sorgen, daß kein Detmolder jemals Bundespräsident wird.

Dabei ist doch alles immer nur eine Frage von Interpretation, Standpunkt und Perspektive, seit sich der Bestdeutsche recht fortschrittlich seine je eigene Realität konstruiert. Das erste Axiom der Sozialpsychologie galt schließlich nicht zuerst nur in Detmold, sondern zugleich und auch später noch in Berlin.

Die Fakten zur märchenhaften Rede

1. Die durchschnittliche Belastung durch Steuern und Sozialabgaben lag im vergangenen Jahr bei 39,3 Prozent. Im OECD-Durchschnitt waren es 25,9 Prozent. Damit ist das beste Deutschland aller Zeiten laut „Welt“ sogar das belastungsfreudigste Land auf dem gesamten Erdenrund.

2. Zugleich ist das deutsche Volk aber auch das bescheidenste unter den Völkern Europas. Das bestdeutsche Median-Vermögen liegt in seiner erfreulichen Tugendhaftigkeit bei nur noch 35.000 US-Dollar pro Kopf. Die notorisch gierigen Schweizer hingegen haben gewissenlose 228.000 Dollar zusammengerafft. Sogar in Ländern, welche der tugendhafte Deutsche für arm aber sexy hält – namentlich Spanien und Italien – horten die bürgerlichen Nimmersatts unanständige Summen in Höhe von 95.000 bzw. 92.000 Dollar. Selbst in den ärmlichen USA sind es noch 66.000 Dollar pro Kopf. 41 Prozent der Bürger im besten Deutschland, das es je gab, begnügen sich gar weltmeisterlich mit weniger als 10.000 Dollar. Doch auch diese vorbildlichen „die Menschen“ werden mit der Mär von den „reichen Deutschen“ fortgesetzt als ordinäre Raffkes diffamiert.

3. Im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat, sank das Rentenniveau zu Beginn der „erfolgreichen Ära Merkel“ (Friedrich Merz) von unanständigen 52,6 Prozent des Nettolohns im Jahre 2005 auf demütige 48,0 Prozent im Jahre 2019. Damit zählt das deutsche Rentenniveau zu den niedrigsten in Europa. In den gottlosen Niederlanden hingegen liegt es bei lasterhaften 106 Prozent. Die OECD warnt in völliger Verkennung des Segensreichtums, welcher dem Armenhäuslertum innewohnt, dennoch vor der erfreulich zunehmenden Altersarmut im Lande der besten Bescheidenheit aller Zeiten – und kritisiert ignorant das bundesdeutsche Rentensystem. Die „FAZ“, aufmerksamer Beobachter aller dummen Kritiker der „erfolgreichen Ära Merkel“, berichtet von der Infamie der OECD: „Die Industrieländerorganisation kritisiert die Rentenpolitik der Bundesregierung als völlig unzureichend. Selbst wer sein ganzes Leben Vollzeit arbeitet, beziehe in Deutschland deutlich weniger als im OECD-Durchschnitt„. Was es daran zu mäkeln gibt, erschließt sich dem Bürger nicht. Schließlich lebt er nicht zuletzt wegen des vorbildlich niedrigen Rentenniveaus recht tugendhaft im „besten Deutschland, das es jemals gegeben hat“.

4. Der Gipfel der infamen Verleumdung von bescheidenen Belastungsfreudigen im besten Deutschland aller Zeiten liegt in der Behauptung, ihr selbstloser Dienst am Fiskus erfolge vermittels „prekärer Arbeitsverhältnisse“, in Deutschland auch noch als „Zeit-“ oder „Leiharbeit“ schlechtgeredet. Dabei hat sich die Zahl der genügsam Werktätigen während der Kanzlerschaft Merkels von asozialen 464.000 auf erfreuliche 900.000 fast verdoppelt. Der Anteil vorbildlicher Empfänger von Niedriglöhnen liegt im europäischen Vergleich mit über 20 Prozent an der Spitze aller löblichen Bescheidenheit.

5. Nach Angaben der regierungsnahen Bertelsmann-Stiftung waren im Jahre 2018 bereits 21,3 Prozent aller Kinder armutsbegünstigt. 2010 lag diese Quote noch bei unzureichenden 18,2 Prozent. Auch das ist ein Indiz dafür, daß „wir“, „die Menschen draußen im Lande“, innerhalb von nur acht Jahren um über 3 Prozent besser geworden sind auf „unserem“ Weg hin zu jenem besten Deutschland, das es jemals gegeben hat, und auf welches „wir“ heute mit bescheidenem Stolz durch die Augen jenes Detmolders blicken dürfen, der sich recht fortschrittlich seine eigene Realität konstruiert hat.

6. Dennoch sollten „wir“ nicht dem eitlen Stolz des Bedürfnislosen anheim fallen. Ohne die Hilfe der europäischen Zentralbank würden wir nämlich nicht im besten Deutschland leben, das es je gegeben hat. Die Tatkraft und die Nullzinspolitik der EZB haben durchaus ihren Teil dazu beigetragen, den jährlichen Wertverlust der Sparguthaben von „uns, die Menschen im besten Deutschland“ zu maximieren. Durch die genial anständige Nullzinspolitik der EZB sind „wir“, „die Menschen“, bereits 40 Milliarden von den 2,5 Billionen überflüssiger Euros auf unseren Sparbüchern und Tagesgeldkonten losgeworden. Wegen des moralisch hochstehenden Zusammenspiels der EZB mit der 1,5 prozentigen Inflationsrate dürfen „wir“ uns daher mit Fug und Recht erleichtert fühlen.

7. Auch die weise Steuerung der Energiewende durch die dazu Berufenen leistete ihren wertvollen Beitrag zur löblichen Verarmung der „die Menschen im besten Deutschland, das es je gegeben hat“. Der hiesige Strompreis liegt deutlich über dem sämtlicher schäbigen, raffgierigen und knausrigen Stromgeldsparer in den G20-Ländern. Sogar Türken und Italiener, die „uns“ auf Platz zwei und drei folgen, erlauben sich in gottloser Dekadenz einen um zehn Cent günstigeren Strompreis als unsereiner. Offensichtlich sind sie unfähig gewesen, dem Beispiel aus dem besten Deutschland aller Zeiten zu folgen und eine EEG-Umlage festzulegen, die sich wie von selbst verzehnfacht von ursprünglich 0,69 Cent auf 6,76 Cent. Da kann man nur noch hoffen, daß diese moralisch Verwahrlosten wenigstens ein „Klimapaket“ nach bestdeutschem Vorbild beschließen, vermittels welchem sie sich in die Lage versetzt sähen, ihren vulgären Wohlstand durch die erhöhten Ausgaben für Öl- und Gasheizung um geziemliche 120 bis 160 Euro im Jahr zu reduzieren.

8. Ebenfalls hochanständig ist die Zahl nichtdeutscher Tatverdächtiger laut Polizeilicher Kriminalstatistik im besten Deutschland aller Zeiten, zeigt sie doch, wozu grenzenlose Toleranz bei gleichzeitiger Verarmung gut ist. Von lausigen 492.000 Tatverdächtigen ohne deutschen Armutshintergrund im Jahre 2014 ist ihre blambel niedrige Zahl auf 577.000 im Jahre 2019 hochgeschnellt, was einer Verbesserung um 17,2 Prozent entspricht, während die Zahl deutscher Tatverdächtiger im gleichen Zeitraum und in diskriminatorischer Absicht um 212.000 sank. Daß wir heute im besten Deutschland leben, das es jemals gegeben hat, verdanken „wir“ also auch der tatkräftigen Mithilfe verbesserungswilliger Tatverdächtiger aus dem Ausland. Auch hier wird eindrücklich sichtbar, wie weise die rechtlich umstrittene Grenzöffnung für jedermann im Jahr 2015 unter bestdeutschen Gesichtspunkten gewesen ist. Allein im Jahr 2019 wurden gemäß BKA-Bundeslagebild 46.000 Bestdeutsche zu toleranten Opfern von Gewaltdelikten mit mindestens einem Zuwanderer als Tatverdächtigem.

Die Liste der sagenhaften Realitäten auf dem Wege zum besten Deutschland, das es je gegeben hat, ließe sich wahrlich noch verlängern, theoretisch um etwa 83 Millionen individuell konstruierter Realitäten. Eine besonders schöne hat sich der eingangs kurz erwähnte Friedrich Merz konstruiert, der sich auf dem festen Fundament eines starken Landes stehend wähnt, weswegen er auch eine erfolgreiche Ära Merkel nicht etwa im großen Geiste der Bundeskanzlerin fortführen möchte, sondern zum Aufbruch in Richtung eines noch viel größeren Erfolges mahnt. Im Zuge dieser Mahnung befürwortet er auch keine richtigen -, sondern er bevorzugt neue Antworten. Genauer: Neue Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit. Als konstruktiv mitdenkender Bestdeutscher stelle ich deshalb gleich einmal eine große Frage und liefere sogar noch eine neue Antwort mit. Große Frage: Was war 1956 im Trinkwasser von Detmold? – Neue Antwort: Man weiß es nicht.

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