Freistaat Sachsen: Die 14 Tage des Abdullah al Haj Hasan

uso-Chef Kevin Kühnert konnte nicht mehr länger schweigen. Was da in Dresden passierte, war so ungeheuerlich, dass selbst der „Spiegel“ und die „SZ“ ungeschminkt und drastisch berichtet hatten: Ein junger Mann wird nach mehr als zwei Jahren des Versuchs, ihn in die Gesellschaft zu integrieren, aus der Strafanstalt entlassen. Und beinahe das erste, was er draußen in Freiheit tut, ist zu tun, was Gefängnispsychologen schon befürchtet hatte. Er kauft sich ein langes Küchenmesser. Und sticht zwei trotz aller Reisewarnungen vor „national befreiten Zonen“ und Fremdenfeindlichkeit in Sachsen nach Dresden gereiste Touristen aus dem westdeutschen Krefeld nieder.

Kühnert prangerte die Feigheit an, mit der Politik und Medien mit dem Phänomen des sich selbst radikalisierenden Einzeltäters umgehen. Die politische Linke darf den Kampf gegen Islamismus nicht länger Rassisten überlassen“, forderte er zum kollektiven Tabubruch auf, sie müsse sich vielmehr „endlich mit diesem blinden Fleck beschäftigen“. 

Es war wie ein Startsignal im 100-Meter-Lauf bei den deutschen Meisterschaften gegen die Islamisierung des Abendlandes. Nach Kühnert äußerte sich Habeck besorgt, auch der seit Jahren tragisch im Teufelskreis der Propaganda gefangene Internetkolumnist Sascha Lobo entdeckte plötzlich einen Freibrief für sich, einen vermeintlichen „islamistischen Radikalisierungsprozess unter Geflüchteten“ zu thematisieren. Gehörte der Islam eben noch wie selbstverständlich zu einem bunten, klimaneutralen und sozial gerechten Deutschland, gilt er nun plötzlich als Auslöser für Gewalt, Tod und wachsenden Rechtsextremismus.

Mühsam wird gegengesteuert, werden die kurzsichtig zerschlagenen Scherben zusammengekehrt. Auf der Suche nach den wahren Verantwortlichen für den Mord an dem Krefelder Dresden-Besucher geht der Blick nun rituell Richtung Behörden: Wer hat versagt? Wann? Und weswegen? Welche Polizeiabteilung begünstigte den Messerkampf durch den als gefährlich eingeschätzten Gefährder? Welcher Inlandsgeheimdienst hatte ihn nicht auf dem Schirm? Und welcher lokale Politiker erlaubte das?

So schnell wie möglich muss die Zahnpasta wieder in die Tube, möglichst schnell, genug, ehe jemand die Frage stellt, wie Sicherheitsbehörden einen Gefährder „noch am Tattag beobachten“ (Taz) können, nach der Tat aber zwei Wochen vergehen, ehe die Öffentlichkeit von dessen mutmaßlicher Täterschaft erfährt. Wie viele Messer hätte der junge Mann in dieser Zeit kaufen und wie viele weitere Touristen erstechen können?

Die Polizei hatte den Namen des mutmaßlichen Täters und sie hatte sein Foto, dennoch versuchte die Staatsanwaltschaft aus Rücksicht auf eine Bevölkerung, die in Teilen beunruhigt sein könnte, nicht, öffentlich nach Abdullah al Haj Hasan zu fahnden, wie es in anderen, ungleich banaleren Fällen geschieht. Sachsen ist Freistaat, Abdullah al Haj Hasan blieb frei, obwohl die Polizei zumindest eine Tatwaffe am Tatort sichergestellt hatte, also vermutlich über Fingerabdrücke des Täters verfügte und damit schon Stunden nach dem Tod des 55-jährigen Touristen wusste, wer der Mörder war.

Das Trauma des Falles Khaled Idris wirkt nach, der Ruf der Region als Heimat von Hetzjagd und der Vorwurf beständiger behördlicher „Kollaboration mit rassistischen Mördern“ (Volker Beck) versetzt die zuständigen Organe in eine beständige Abwehrhaltung. Nicht einmal der Generalbundesanwalt wurde von „Sachsens Behörden“ (Der Spiegel) über den möglichen islamistischen Hintergrund der „Messerattacke“ (DPA) informiert. Erst nach der – offenbar ein zufällig erfolgten – Festnahme von al Haj Hasan in der Dresdner Innenstadt zog die Bundesanwaltschaft das Verfahren an sich.

Bislang aber ist das die einzige Bundesebene, die sich für den „dreisten Mörder“ (Focus) interessiert.  Zwar sind islamistische Anschläge im Ausland heute für die versammelte deutsche Spitzenpolitik kein Anlass mehr, wie früher zu einem Fototermin an den Anschlagsort zu pilgern, doch üblicherweise wird wenigstens ein altbewährter bewährter Trauer-Tweet kopiert und elektronisch abgeheuchelt. 

Nicht so im Fall Dresden, hier blieb es bundesweit still, abgesehen von einem kurzen Anlauf zum Versuch, eine schon Dutzende Mal geführte Abschiebungsdiskussion wiederaufleben zu lassen. Die Schuldfrage immerhin gilt unterdessen als geklärt: Abdullah al Haj Hasan hat die Tatwaffen trotz Überwachung gekauft. Der von ihm begangene Mord ist damit quasi keine islamistische Tat mehr, die aus der Unfähigkeit der Politik resultiert, ein seit Jahren unübersehbares Problem auch nur zu diskutieren. Sondern ein klarer Fall von Behördenversagen, wie er für das dunkeldeutsche Sachsen eben leider typisch ist.
Eingestellt von ppq

Quelle

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