„Nicht um jeden Preis“: Mehrere bedeutende Ärzteverbände kritisieren Merkels Regierungskurs – und sprechen sich gegen Lockdown aus

Lars Petersen 06:57, 28 Okt 2020

Ab 13 Uhr beraten am heutigen Mittwoch Bund und Länder über weitere Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus.

In einem Papier, das am Mittwoch offiziell vorgestellt wird, kritisieren mehrere Arzt-Verbände den Kurs der Regierung. Sie vertreten mit mehr als 200.000 Medizinern die Hälfte der gesamten deutschen Ärzteschaft.

Anstatt auf Verbote solle man auf Gebote setzen. Ein Lockdown sei zudem falsch, die Fokussierung auf Grenzwerte zur Kontaktverfolgung unklug. Stattdessen müssten die Risikogruppen besser geschützt werden.

Mehrere bedeutende Ärzteverbände rebellieren gegen den Regierungskurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den einiger Länder.

Kurz vor den Beratungen der Ministerpräsidenten der Länder mit Merkel (CDU) am heutigen Mittwoch über die aktuelle Corona-Lage wollen die Verbände ein gemeinsames Positionspapier veröffentlichen. Unterzeichnet ist das 6-seitige Dokument unter anderem von den Hausärzten, Fachärzten, Allgemeinmedizinern, Laborärzten, Zahnärzten und Vertrags-Ärzten. Mit mehr als 200.000 Mediziner vertreten die Verbände knapp die Hälfte aller deutschen Ärzte in Deutschland.

Business Insider liegt das Papier bereits jetzt exklusiv vor. Darin gehen die Ärzte mit dem gegenwärtigen Corona-Management der Politik hart ins Gericht.

„Wir verlieren die, die wir dringend als Verbündete im Kampf gegen das Virus brauchen“

So kritisieren die Ärzte eine allzu große Fokussierung auf die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen. Dieser sogenannte Inzidenz-Wert gilt in der Bundesregierung und in den Ländern derzeit als wichtigster Maßstab, ob die Maßnahmen gegen das Virus wirken. Es gebe „keine einheitliche wissenschaftliche Grundlage“, um auf der Basis der Inzidenz wirksames Anti-Corona-Management zu betreiben, kritisieren die Ärzte.

In der jetzigen Situation auf einen Lockdown zu setzen, wie es derzeit tatsächlich die Bundesregierung und einige Länderchefs vorschlagen, sei die „reflexartige Konsequenz“. Doch die Ärzte warnen: „Der Rückgang der Fallzahlen ist politisch zwar eine dringende Aufgabe, aber nicht um jeden Preis. Wir erleben bereits die Unterlassung anderer dringlicher medizinischer Behandlungen, ernstzunehmende Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen durch soziale Deprivation und Brüche in Bildungs- und Berufsausbildungsgängen, den Niedergang ganzer Wirtschaftszweige, vieler kultureller Einrichtungen und eine zunehmende soziale Schieflage als Folge.“

Mit scharfen Worten kritisiert die Ärzteschaft darüber hinaus das Corona-Wirrwarr von Bund und Ländern der letzten Wochen. Dies würde dazu führen, dass die Bevölkerung im Kampf gegen das Virus bald nicht mehr mitmache. Wörtlich: „Dabei sind wir auf die Bereitschaft der Bevölkerung zur Mitarbeit angewiesen. Ohne ihre Kooperation laufen die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung ins Leere. Sobald sich Verordnungen als widersprüchlich, unlogisch und damit für den Einzelnen als nicht nachvollziehbar darstellen oder von Gerichten außer Kraft gesetzt werden, entsteht ein Akzeptanz- und Glaubwürdigkeitsproblem. Wir könnten diejenigen verlieren, die wir dringend als Verbündete im Kampf gegen das Virus brauchen.“

Ampelsystem soll helfen

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Die Ärzteverbände plädieren für Strategiewechsel. Eine Pandemiebekämpfung ausschließlich im Rahmen einer Kontaktpersonennachverfolgung sei nicht mehr möglich. Stattdessen sollte die Politik stärker den Schutz von Risikogruppen im Auge haben: „Zielführender und entscheidender ist die Auswertung von Indikatoren, die kurzfristig Auskunft über die Gefährdungslage von Risikogruppen mit möglichen schweren Krankheitsverläufen geben und frühzeitig auf eine Überlastung des Gesundheitswesens durch COVID-19 hinweisen.“

Konkret fordern die Verbände ein bundesweit einheitliches Ampelsystem.
„Grundlage dieser Corona-Ampel müssen alle relevanten Kennzahlen wie Infektionszahlen, Anzahl der durchgeführten Tests, stationäre und intensivmedizinische Behandlungskapazitäten bilden“, heißt es im Papier. Das Ampelsystem könne helfen, klar zu kommunizieren, wie die aktuelle Lage in einem Kreis sei und wie reagiert werde.

Dazu plädieren die Mediziner, stärker auf Gebote anstatt auf Verbote zu setzen. „Wir wollen und müssen die Menschen mitnehmen, ihnen Mut machen. Wir wollen und können es zusammen schaffen und zwar nicht mit Angst, Panik und Verboten, sondern mit dem Aufzeigen von Alternativen. Hoffnung ist ein besserer Partner als Verzagtheit.“ Zudem müsse man stärker über ein besseres Zusammenleben in der Gesellschaft reden. „Ein achtsamerer Umgang miteinander, als wir ihn bisher vielleicht gelebt haben“ sei erforderlich.

Vorschläge zum Schutz von Risikogruppen

Um den Schutz für Risikogruppen zu erhöhen, machen die Ärzte konkrete Vorschläge:
– Besucher in Seniorenheimen, Pflegeheimen und Krankenhäusern erhalten in einem „Schleusen“-Modell nur nach negativem Antigen-Schnelltest Zutritt.
– Das ärztliche und pflegerische Personal sowie das Reinigungspersonal werden regelmäßig getestet.
– Das ärztliche und pflegerische Personal sowie das Reinigungspersonal und auch die Besucher tragen beim Kontakt mit den Patienten/Bewohnern FFP2-Masken.
– Der Aufbau und die Unterstützung von Nachbarschaftshilfen für Personen, die der Risikogruppe angehören, aber zu Hause leben, wird durch Städte, Kreise und Kommunen etabliert. Personen, die sich selbst isolieren, sollen dabei unterstützt werden. Gleichzeitig muss ihre medizinische Versorgung gewährleistet werden.

Zudem warnen die Ärzte vor einem Verbot von Veranstaltungen: „Gesellschaftlich und infektionsepidemiologisch ist es besser, wenn Menschen sich in öffentlichen Räumen mit Hygienekonzepten unter optimalen Bedingungen treffen, als dass sich die sozialen Begegnungen in vergleichsweise weniger sichere private Innenräume verlagern. Daher unterstützen die Unterzeichner Initiativen, die unter klar definierten Hygienekonzepten und Teststrategien Veranstaltungen zulassen.“

Quelle

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