Glenn Greenwald und die Natur der Zensur

Glenn Greenwald und die Natur der Zensur

Von Roger Letsch – 30. Oktober 2020

Es war einmal ein erfolgreicher Anwalt, der mit dem Verfassen politischer Artikel begann, weil er sich davon einen größeren Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft versprach. Und Artikelschreiben konnte er offenbar so gut, dass der „Guardian“ begann, seine Texte zu veröffentlichen. Schließlich arbeitete er bei der journalistischen Verwertung der Dokumente Edward Snowdens und wurde schnell auch international bekannt und so geachtet, dass er für seine Berichterstattung über den von Snowden aufgedeckten NSA-Skandal den Pulitzer-Preis erhielt. Das Märchen handelt natürlich von Glenn Greenwald, der im Jahr 2014 den Guardian verließ, um die Medienplattform „The Intercept“ mitzugründen. Greenwald wurde binnen weniger Jahre zu einem der geachtetsten, meistgelesenen und – fast noch wichtiger – meist zitierten Journalisten in den Vereinigten Staaten.

Glenn Greenwald und „The Intercept“

„The Intercept“ wurde zwar mit dem Ziel gegründet, freien, unabhängigen Journalismus zu ermöglichen, Greenwald ließ sich dennoch vertraglich – also gewissermaßen als Rückversicherung – zwei spezielle Klauseln vertraglich bestätigen. Er ließ sich zusichern, dass seine Texte redaktionell unverändert erscheinen müssen und nicht durch „Editing“ oder Zensur gegen seinen Willen verändert werden dürfen. Sollte die Redaktion einen seiner Artikel dennoch – aus welchem Grund auch immer – nicht veröffentlichen, so habe er das Recht, dies an beliebiger anderer Stelle auf eigene Verantwortung zu veranlassen. Er hatte sechs Jahre lang keinen Anlass, diese Klausel anzuwenden. Doch das änderte sich vor einigen Tagen.

„The Intercept“ gefällt nicht, was Greenwald über Biden schreibt

Bei der Aufdeckung politischer Skandale ist die amerikanische Presse traditionell wenig zimperlich. Die Beweislage mag manchmal dürftig sein, anonyme Quellen oder „gut unterrichtete Kreise“ reichen oft schon aus, um die verrücktesten aber auch oft zutreffenden Geschichten an die mediale Öffentlichkeit zu zerren. Auf die geleakte Steuererklärung Trumps beispielsweise stürzte sich die New York Times mit großem Elan, selbst wenn die Quelle nicht verifiziert werden konnte. Doch der Standard änderte sich schlagartig, als es ausgerechnet die Biden-Familie war, die durch die Daten auf Hunter Bidens Laptop belastet wurde.

Wenig später erhärtete sich der Verdacht durch öffentliche Zeugenaussagen und die Bestätigung der Echtheit der Mails durch den Chef der Inlandsgeheimdienste. Doch auch dann noch: Schweigen im Blätterwald. Abgesehen von der New York Post, dem Wallstreet Journal, einigen kleineren Lokalmedien und natürlich FoxNews wollte keine Zeitung und kein Sender auch nur in Erwägung ziehen, sich kritisch mit den vorliegenden Fakten auseinanderzusetzen. Man habe keine Beweise, es könnte sich um Fälschungen handeln, der Russe war’s…und als beste Begründung von allen: so kurz vor der Wahl berichten wir nicht über sowas. Greenwald wollte berichten – und erlebte die Überraschung seines Lebens.

Greenwald verlässt „The Intercept“

Am 27.10.2020 erhielt Greenwald ein Memo seines Chefredakteurs Peter Maas, in dem ihm klar gemacht wurde, dass man massive inhaltlich Änderungen in Greenwalds sonst natürlich brillanten Artikel erwarte. Da ist von fehlenden Beweisen die Rede, wo Beweise vorliegen, von fragwürdigen E‑Mails, deren Herkunft jedoch längst durch nachvollzogene Ketten aus Absendern und Empfängern gesichert ist sowie von der nur „kurzen“ Pressekonferenz des Zeugen Tony Bobulinskis, die in Wirklichkeit Stunden dauerte. Das Memo ist ein langer Text, in welchem sich Schmeicheleien mit Kritik mischt, die man so freundlich wie möglich verpackt. Am Ende ist nur klar: über die Anschuldigungen wegen Korruption gegen Joe Biden soll im „The Intercept“ nichts stehen, ganz gleich, was die Fakten sagen.

„Um auf meinen Vorschlag am Anfang dieses Memos zurückzukommen, ich denke, dass der Entwurf funktionieren könnte, wenn er überarbeitet und gekürzt wird, um sich auf die Abschnitte über die Voreingenommenheit der liberalen Medien zu konzentrieren, darüber, dass Joe Biden nicht so viele direkte Fragen gestellt werden, wie es sein sollten […] und darüber, wie all dies zu einer suboptimalen Berichterstattung über die Korruptionsvorwürfe beigetragen hat, die, obwohl sie nicht durch Beweise untermauert werden, die Joe Biden selbst belasten, dennoch mehr Details darüber enthüllen, wie seine Familie seinen Namen für Profitzwecke benutzt hat. Diese Version könnte etwa 2000 Wörter umfassen, was ausreicht, um den von mir hier skizzierten Grund abzudecken.“

Soll heißen: berichte darüber, dass die Medien Joe Biden zu sehr in Watte packen, beschuldige seine ganze Familie, bleibe aber vage. Streue Zweifel an den Beweisen, hebe einmal kurz den Zeigefinger, aber halte den Präsidentschaftskandidaten aus der Sache raus! Greenwalds warf der Redaktion daraufhin vor, diese veröffentliche zwar ohne Beleg und ohne Bedenken Meldungen, die Biden-Affäre sei ein russisches Komplott, wenn jedoch er, Greenwald, anhand von Belegen das Gegenteil beweisen könne, verwehre man ihm das nicht nur, sondern biete ihm auch noch an, dass die „Russian Collusion“ Redakteure beim Einkürzen seines Artikels behilflich sein könnten.

Greenwald lehnte ab und deutete an, in diesem Fall von seinem Recht Gebrauch machen zu wollen, den Artikel entweder unverändert oder anderswo veröffentlichen zu wollen. Betsy Read, ebenfalls Intercept-Redakteurin, versuchte daraufhin, den Schwarzen Peter an Greenwald zurückzugeben – obwohl sie wissen musste, dass Greenwald laut Vertrag das Recht hat, unzensiert zu bleiben oder anderswo zu veröffentlichen:

„Mit der Übersendung des Memos wollten wir erreichen, dass du die Geschichte für die Veröffentlichung überarbeitest. Aus deiner Antwort von heute Morgen geht jedoch klar hervor, dass du nicht bereit bist, dich, wie wir gehofft hatten, auf einen produktiven redaktionellen Prozess zu diesem Artikel einzulassen. Es wäre bedauerlich und schädlich für „The Intercept“, wenn diese Geschichte an anderer Stelle veröffentlicht würde.“

(Den kompletten Wortwechsel in den Memos finden Sie auf Glenn Greenwalds Blog).

Die Tür war also geöffnet, Glenn Greenwald musste nur noch hindurch gehen. Er hatte die Wahl, bei einer Firma zu bleiben, die er zwar einst mitbegründet hatte, die sich um seine vertraglichen Rechte jedoch nicht mehr schert und sich, statt unabhängige Berichterstattung zu liefern, auf die Seite einer Partei schlägt und dafür zur Zensur greift. Also verließ Greenwald am 29.10.2020 „The Intercept“ mit den Worten:

„Jetzt wird nicht einmal mein minimales, aber grundlegendes Recht auf meinen eigenen Journalismus respektiert, sondern von einer zunehmend autoritären, von Angst getriebenen, repressiven Redaktion in New York unterdrückt, die darauf aus ist, allen Autoren ihre eigenen ideologischen und parteilichen Präferenzen aufzuzwingen und gleichzeitig dafür sorgt, dass bei „The Intercept” nichts mehr veröffentlicht wird, was ihren eigenen engen, homogenen ideologischen und parteilichen Ansichten widerspricht. Genau um das zu verhindern wurde „The Intercept” – mehr als für jedes andere Ziel – jedoch geschaffen.“

Nachtreten, wenn’s am peinlichsten ist

„The Intercept“ konnte es indes nicht lassen, Greenwald noch ein paar Schaufeln Dreck hinterher zu werfen:

„Die Entscheidung Glenn Greenwalds, „The Intercept“ zu verlassen, geht auf eine grundlegende Meinungsverschiedenheit über die Rolle der Redakteure im Journalismus und die Natur der Zensur zurück. Glenn fordert das absolute Recht zu bestimmen, was er veröffentlichen will. Er glaubt, dass jeder, der mit ihm nicht übereinstimmt, korrupt ist, und jeder, der sich anmaßt, seine Worte zu editieren, ein Zensor ist.“

Das ist dreist und eine Lüge! Erstens hatte Greenwald dieses Recht vertraglich, er musste also nichts fordern und zweitens ging es ja nicht um Formulierungen oder unbedeutende inhaltliche Korrekturen – es sollte vielmehr ein bestimmter anklagender Aspekt einfach aus dem Artikel verschwinden, um ihm die Brisanz zu nehmen. Ein wenig Medienschelte hier, ein bisschen familiäre Korruption…nichts Ernstes! Nichts, worüber sich die Amerikaner bei ihrem möglicherweise zukünftigen Präsidenten Sorgen machen müssten! Hier ist also nicht redaktionelles Handwerk, sondern die hässliche „Natur der Zensur“ am Werk. Man schließt mit den Worten:

„Wir haben keinen Zweifel daran, dass Glenn ein neues Medienunternehmen auf den Weg bringen wird, bei dem er nicht mit Redakteuren zusammenarbeiten muss – dies ist die Ära von Substack und Patreon. In diesem Zusammenhang ist es für Glenn wirtschaftlich sinnvoll, sich als letzter wahrer Hüter des investigativen Journalismus zu positionieren und seine langjährigen Kollegen und Freunde als voreingenommen zu verleumden. Wir haben das verstanden. Aber Fakten sind Fakten, und die Bilanz von „The Intercept“ als furchtloser, rigoroser, unabhängiger Journalismus spricht für sich selbst.“

Kommt Ihnen der Tenor dieser Zeilen bekannt vor, liebe Leser? So und nicht anders klingt es, wenn man Verrat an der vermeintlich guten Sache wittert und jemandem, der nicht nach dem Motto „die Reihen fest geschlossen“ leben will, noch einen vernichtenden Bannstrahl nachsenden zu müssen glaubt. „Vom Feinde bezahlt“ inszeniere sich Greenwald als aufrechtes Opfer und verleumde aus heiterem Himmel langjährige Kollegen als Parteisoldaten und Aktivisten. Erwischt, würde ich sagen! Denn genauso stellt sich die versuchte Zensur mit pro-Biden-Schlagseite nämlich dar. Und was die restlichen Fakten angeht: die gute Bilanz von „The Intercept” beruht zu einem nicht geringen Teil auf der Arbeit und dem Renommee von Glenn Greenwald. Doch der wollte nicht in der vorgegebenen Spur laufen, hat den Laden verlassen und die Tür laut hinter sich zugeschlagen. Unabhängiger Journalismus spricht eben für sich, nicht für „The Intercept”.

Greenwald: Hier entlang zum Biden-Skandal

Den Artikel über die Verstrickungen der Biden-Familie konnte „The Intercept“ am Ende doch nicht verhindern. Greenwald hat ihn bei Substack.com offen lesbar eingestellt, so dass sich jeder selbst ein Bild von den redaktionellen „Unstimmigkeiten” mit „The Intercept“ machen kann. Greenwald reiht sich mit seinem Weggang ein in eine ganze Reihe bekannter und talentierter Journalisten (ich nenne hier nur Bari Weiss, die die NYT verlassen hat, ebenso Matt Taibbi, ehemals Rolling Stone), die allesamt die Nase voll haben von den immer enger werdenden Diskursräumen politisch engstirniger Mainstream-Medien.

Und für alle Journalisten, Autoren und Schreiberlinge, die bei uns in Deutschland glauben, Cancel-Unkultur, Zensur und Meinungsdruck hätten nichts mit ihnen zu tun und beträfen sie selbst nicht, weil sie ja die richtige, weil möglichst linke Haltung hätten: Weder Weiss noch Taibbi noch Greenwald sind konservative oder gar „rechte“ Autoren. Alle drei sind im amerikanischen Sinn linke Liberale und mit Sicherheit alles andere als Trump-Fans! Das Vokabular, dass beispielsweise Bari Weiss zur Darstellung Trumps verwendet, ist mit „verächtlich” nur unzureichend umschrieben.

Doch Weiss, Taibbi und Greenwald haben sich ihre Unabhängigkeit bewahrt und ihren Blick für „die Story“. Ihr Gespür für falsches Spiel ließ sich weder unterdrücken noch kaufen. Greenwald schreibt in seinem Artikel über Bestechlichkeit, Betrug und Nepotismus – dass sich die Geschichte in der Familie Biden und nicht in der Familie Trump abspielt, ändert für ihn nichts daran, dass sie ans Licht muss – seine Redaktion sah das anders und monierte, dass Greenwald die „nature of censorship“ nicht verstünde. Es kann also jeden treffen, ganz gleich, wo er oder sie politisch steht.

Spiegel-Titel der Sorte "Trump"

Doch ob nun Watergate oder Biden-Gate…es ist die Aufgabe investigativer Journalisten, jede Schweinerei ans Licht zu bringen, derer man habhaft werden kann. Die Fakten nach Opportunität, Wahltermin und politischer Färbung zu erfinden oder zu unterbinden, ist keine Option, wenn man nicht das Feld des blinden Aktivismus betreten will, wo sich heute leider die meisten Medien eingefunden haben, um Stimmung für die eigene Agenda zu machen.

Am 3.11. haben die Amerikaner dank des medialen Dauerfeuers eigentlich eine schlechte Wahl. Nämlich die zwischen einem Kandidaten, den die Medien seit Jahren als Teufel mit Haarteil darstellen, sowie einem anderen Kandidaten, der sich in seiner langen Politikerkarriere womöglich schamlos bereichert hat, indem er zur Tarnung seine Familie als Proxy verwendete, dessen kriminelle Machenschaften die Medien aber tunlichst verschweigen. Wir erleben also im Grunde keine Präsidentenwahl, sondern ein Plebiszit über die Frage, ob man die Medien für Lügner oder Apostel der Wahrheit hält. „The Intercept“ hat auf die Seite der Lüge gewechselt und dorthin wollte Glenn Greenwald nicht folgen. Vor dieser Entscheidung kann ich nur meinen Hut ziehen.

Quelle

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