Knabe-Untersuchungsausschuss offenbart „interne Absprache“

Affäre um Knabes Entlassung

Von Holger Douglas

Der Untersuchungsausschuss zur Entlassung des früheren Direktors der Stasi-Gedenkstätte offenbart das Bild einer konzertierten und von Senator Lederer (Linke) gedeckten Aktion gegen Knabe. Außerdem: Lederer selbst hatte die Personalverantwortung und nicht der Direktor.

imago images / Christian Ditsch

Das Schreiben war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt: »VS – nur für den Dienstgebrauch« steht im Kasten über der Mail von Yvonne Krüger, Frauenvertreterin in der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. »Die vormalige Volontärin in der GHSH und heutige (Name geschwärzt)«, so heißt es darin, »hat mich gerade angerufen und informiert, dass es ein Treffen von ehemals und aktuell betroffenen Frauen (Mitarbeiterinnen/Volontäre Rinnen/) der GHSH  gegeben habe. Diese haben nun einen entsprechenden Brief zur Situation von weiblichen Beschäftigten in der GHSH an Herrn Dr. Lederer und Frau Grütters verfasst.«

GHSH steht für Gedenkstätte Hohenschönhausen, früher die Untersuchungshaftanstalt des DDR-Staatssicherheitsdienstes (Stasi) im Berliner Bezirk Lichtenberg, heute Erinnerungsstätte, in der Zeitzeugen Besucher durch die Einrichtung führen und Geschichte lebendig werden lassen. Ein publikumswirksames Konzept des früheren Direktors Hubertus Knabe, mit dem er sich allerdings bei der in „Die Linke“ umbenannten SED nicht beliebt machte. Der renommierte Historiker deckt zudem unermüdlich die berüchtigten Machenschaften von SED, Stasi und ihren Nachfolgern auf. Klaus Lederer ist linker Kultursenator von Berlin und versuchte schon seit langem, den ungeliebten Historiker aus der Stasi-Gedenkstätte loszuwerden. Monika Grütters (CDU), die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, wirkte mit Rückendeckung der Bundeskanzlerin kräftig mit.

Vor zwei Jahren wurde Knabe endgültig gefeuert – mit Hilfe von Vorwürfen über angebliche sexuelle Belästigungen von Mitarbeiterinnen durch seinen Stellvertreter. Die Mail belegt eine konzertierte Aktion verschiedener Mitarbeiterinnen: »Die Klage von Herrn Dr. Knabe im Hinterkopf habend, habe ich Sie um Zeit bis zur nächsten Woche für interne Absprache bezüglich eines strategisch geschickten (Zeitpunkt, den Brief zu schicken und an wen), gebeten, zumal es auf der Seite dieser mutigen Frauen immer noch von sehr hohem Interesse ist, die Anonymität gegenüber Herrn Dr. Knabe zu wahren.«

»In Anbetracht dieser mir mitgeteilten Bestrebung sowie der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen bitte ich um eine kurze Absprache zum Vorgehen … in einer Runde mit Herrn Dr. Lederer, Ihnen, Herrn Dr. Schmidt-Werthern, Frau Reimann, Frau Dr. Regus und mir in der kommenden Woche.«

Im Klartext: Sie, die Frauenbeauftragte des linken Berliner Kultursenators Klaus Lederer, bat um Absprache eines strategisch günstigen Zeitpunktes zum Zuschlagen, ab wann sich Frauen als angeblich sexuell belästigt gemeinsam outen und ihren Beschwerdebrief losschicken sollten. Halbseidener gehts kaum.

Berliner Panoptikum Ausschussvorsitzende will Knabe bestrafen, weil er sich an Vorgaben des Senators hält Der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe wurde schliesslich im September 2018 vom Stiftungsrat entlassen. Der Vorwurf gegen ihn: Er habe nichts gegen die anonymen Vorwürfe angeblicher sexueller Belästigungen von Mitarbeiterinnen durch seinen Stellvertreter unternommen.

Das Berliner Abgeordnetenhauses richtete einen Untersuchungsausschusses zu den Vorgängen in der Stasi-Opfer-Gedenkstätte ein. Knabe in der Sitzung am 3. November 2020: Er habe bis eine Woche vor seiner Kündigung keine Kenntnis gehabt, dass es an der Gedenkstätte sexuelle Belästigungen geben sollte.

Ein weiterer Hammer in dem an Winkelzügen reichen Skandal: Der Kultursenator Klaus Lederer selbst hatte die volle Personalverantwortung und nicht der Direktor. Der, also Knabe, führte laut Satzung lediglich die laufenden Geschäfte. Knabe: »Die Kultursenatoren und die sie vertretenden Staatssekretäre haben großen Wert darauf gelegt, dass diese Regelungen auch umgesetzt wurden.« Knabe wurde sogar auch schriftlich ermahnt, dass die Personalverantwortung beim Kultursenator lag. Lederer wäre also selbst zuständig für die Vorwürfe – bis, ja bis kurz vor Knabes Kündigung.

Denn – oh Wunder: Drei Monate vor Knabes Kündigung wurde erstaunlicherweise die Rechtslage geändert und die Personalverantwortung auf Knabe übertragen. Knabe: »Wenn er kein Vertrauen in meine Führungskompetenz gehabt hätte, wäre diese Änderung sicher nicht erfolgt.« Er fragt: »Oder er wollte sich damit aus der Schusslinie bringen?«

Lederer sei am 6. August 2018 persönlich in die Gedenkstätte gekommen, um sich eine Personalakte abzuholen. »Er begründete dies damit, dass er Personalstelle der Gedenkstätte und für den Mitarbeiter zuständig sei. Ich fand es ungewöhnlich, dass ein Senator sich persönlich eine Akte holt. Herr Lederer teilte mir dazu lediglich mit, dass es einen zweiten Beschwerdebrief mit Vorwürfen über sexuelle Belästigungen durch einen Mitarbeiter der Gedenkstätte gebe.«

Nähere Informationen erhielt Knabe nicht; er erstattete daraufhin Strafanzeige gegen unbekannt, um den Sachverhalt aufzuklären. Der Staatsanwalt jedoch stellte das Ermittlungsverfahren wieder ein. 

Köpenickiade oder Vertuschung? Kultursenator Lederer behindert Untersuchungsausschuss im Fall Knabe

Knabe hat bis heute von Kultursenator Lederer nichts über die Gründe zu seiner Kündigung erfahren. »Ich wurde weder zu einem Personalgespräch eingeladen noch in anderer Form auf irgendwelche Versäumnisse hingewiesen. Da ich als Direktor keinen Kündigungsschutz hatte, war ich dieser Willkür rechtlos ausgeliefert.«

Lederer habe ihm lediglich erklärt, dass der Stiftungsrat nicht das Vertrauen habe, dass Knabe den »notwendigen Kulturwandel« an der Gedenkstätte einleiten könne. 

Der scheint mittlerweile erfolgt zu sein. Knabe berichtete im Ausschuss von Mitarbeitern der Gedenkstätte, die ihm heimlich erzählen, dass das Klima von Angst bestimmt sei: »Angst vor Denunziation, Angst vor der Leitung, Angst, bei den Führungen ein falsches Wort zu sagen, weil die Zeitzeugen dabei überwacht würden.

Knabe weiter: »Mich hat das an die Stasi-Richtlinie 1/76 erinnert, in der unter den sieben ‚bewährten‘ Formen der Zersetzung die ’systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes‘ an erster Stelle steht. Die entsprechende Passage liest sich wie ein Drehbuch, wenn es darin heißt, dass diese Diskreditierung erfolgen solle ‚auf der Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben‘.«

Quelle

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