Huld und Bühne – Schicksalsmomente einer Kanzlerin

Von Roger Letsch – 22. November 2020

Nach auf den Tag genau 15 Jahren Kanzlerinnenschaft entzieht sich Angela Merkel längst den gewöhnlichen Maßstäben unseres sonstigen politischen Personals. Ihre Phasenweise Absenz von der Tagespolitik hebt sie in den Augen ihres Gefolges und vieler Journalisten längst über die Niederungen des alltäglichen Klein-Kleins, der politischen Lagerkämpfe und gescheiterter Großprojekte. Es ist, als wäre die Kanzlerin längst auf ein anderes Level vorgerückt, von wo aus sie huldvoll winkt, Minister tadelt, Virologen lobt und ansonsten das Große und Ganze im nimmermüden Auge hat. Doch von Zeit zu Zeit steigt sie selbst herab aus den Wolken und legt ihre segnenden Hände auf die müden Häupter ausgewählter Untertanen. In pandemischen Zeiten muss sie dank moderner Technik nicht mal ihre Wolke verlassen und kann ihre Hand per Videokonferenz auflegen. Bürgerdialog nennt sich das Format, „Die Bundeskanzlerin im Gespräch“.

„Friede Valentin (92) beeindruckt Angela Merkel im Bürgerdialog“ schreibt RTL über eine freundliche ältere Dame im Videochat mit der Kanzlerin. Kein Murren ist von Frau Valentin zu hören über die restriktiven Kontaktbeschränkungen zur eigenen Familie – das wäre der Kanzlerin gegenüber auch viel zu unhöflich. Frau Valentin wünscht sich nur, dass es endlich WLAN im Pflegeheim gibt, damit die Bewohner besser Kontakt zu Familie halten können. „Das wäre wunderbar“, schließt Friede Valentin ihren Wunsch – und die Kanzlerin legt ihre Hand auf:

„Da muss ich mal mit dem Herrn Kretschmann reden, dass Sie WLAN bekommen.“

Weihnachten mit der Familie mag vielleicht ausfallen, doch dafür erfüllt die Kanzlerin Wünsche im Baden-Württemberger Pflegeheim. Ein bisschen kümmern, ein bisschen segnen, ein bisschen Königin, der ein treuer Untertan eine Beschwerde über den hiesigen Viertelfürsten vorträgt.

Die Kanzlerin wird mit dem Ministerpräsidenten reden und der wird dann liefern, wie ihm geheißen wurde. Ein Gnadenakt von ganz ganz oben als Ersatz für den abgeräumten Grundsatz der Unverletzlichkeit der Person und der Familie – ist nur keinem aufgefallen und wenn doch, nimmt man offensichtlich keinen Anstoß an dieser Art der Politik, die heute je nach Belieben und Inzidenz Kamelle unters Volk wirft oder Karneval verbietet. Eine Rettungsmilliarde hier, eine Kontaktbeschränkung da, ein WLAN dort.

Bedenklich finde ich nicht so sehr dieses konkrete Kanzlerinnenwort, also das Versprechen, der Seniorin WLAN zu verschaffen. Das lasse ich als spontanen Wunsch zu helfen absolut gelten. Viel erstaunlicher finde ich mittlerweile die Selbstverständlichkeit dieser Form der Appellation einer Bürgerin an die vermeintlich allerhöchste Instanz, welche es außerdem selbst war, die zuvor beschlossen hat, dass es für Friede Valentin besser sei, wenn sie keinen persönlichen Kontakt mehr zu ihrer Familie habe. Der Kerkermeister hat zwar die Schlüssel zum Gefängnis, aber er bringt auch das Essen. Doch am Ende verlernt man beides: Freiheit und Kochen.

Und die Kanzlerin? Die wird nun mit Winfried Kretschmann reden und fordern, dass Friede Valentin endlich WLAN bekommt und beim ersten Videotreffen der Familie Valentin mit der Oma in Schutzisolation werden die Kameras sicher wieder dabei sein um das im Chor angestimmte „Danke, Frau Merkel!“ aufzuzeichnen. Und die Kanzlerin wird ein weiteres Problem gelöst haben, das es ohne sie vielleicht nie gegeben hätte.

Quelle

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