„Jana aus Kassel“ und der Sophie-Scholl-Vergleich: Eine Inszenierung von Provokateuren?

Vor einigen Tagen hat ein Vorfall auf einer Querdenken-Demo Schlagzeilen gemacht, bei dem ein junges Mädchen einen sehr unpassenden Vergleich gezogen hat. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass es sich um eine Aktion von Provokateuren gehandelt hat.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Mir geht es nicht um eine Verharmlosung der Nazi-Verbrechen, mir geht es darum aufzuzeigen, wie der Mainstream die Nazi-Verbrechen instrumentalisiert, um Andersdenkende zu diskreditieren. Ich lebe in Russland, dem Land, das mehr Opfer durch die Nazis zu beklagen hatte, als alle anderen Kriegsteilnehmer zusammen und dieses Trauma spielt in Russland im Alltag noch immer eine große Rolle. Eine Verharmlosung dieser Verbrechen liegt mir wirklich fern.

„Jana aus Kassel“ und Sophie Scholl

Auf einer Corona-Demo hat eine junge Frau, die sich als „Jana aus Kassel“ vorgestellt hat, gesagt, sie fühle sich wie Sophie Scholl. Daraufhin ist ein angeblicher Ordner von Querdenken zur Bühne gekommen und hat ihr seine Weste übergeben und gesagt: „Für so einen Schwachsinn mach ich doch keinen Ordner mehr. Das ist Verharmlosung vom Holocaust“

Der Vergleich, den die junge Frau gezogen hat, ist sicher unpassend, denn auch wenn heute Andersdenkende in Deutschland diffamiert und ihre Demonstrationen behindert, vorzeitig aufgelöst oder ganz verboten werden, so droht Andersdenkenden in Deutschland nicht die Todesstrafe. Da brauchte Sophie Scholl schon bedeutend mehr Mut, um für ihre Ideen einzustehen, als heutige Regierungskritiker.

Allerdings ist eine solche einzelne Behauptung auch kein Grund, sie der ganze Querdenken-Bewegung zuzuschreiben. Aber genau das tun die Medien nun.

Der Spiegel hat zunächst unter der Überschrift „Corona-Demo in Hannover – Selbst ernannte »Sophie Scholl« provoziert heftige Reaktionen im Netz“ über den Vorfall berichtet. Am Ende des Artikels hat der Spiegel dann geschrieben:

„In einem Bericht tauchten derweil Zweifel auf, ob es sich bei dem Mann wirklich um einen Ordner handelte. Nach Informationen der »Hannoverschen Allgemeinen Zeitung« soll er zur örtlichen linken Szene gehören, bei vielen anderen Demonstrationen in Erscheinung getreten sein und seine Gegenaktion zu dem »Sophie-Scholl«-Auftritt inszeniert haben. Unklar war auch, ob er bei den Veranstaltern der lokalen »Querdenken«-Kundgebung als Ordner registriert war.“

Wenn Journalisten ihren Job nicht machen

Es ist lobenswert vom Spiegel, über den Verdacht zu berichten, dass der Mann gar kein Ordner der Demo war und wenn beim Spiegel Journalisten arbeiten würden, wären sie dem Verdacht nachgegangen. Und wer das tut, der findet viele Artikel in den Medien, in denen man lesen kann, dass sich mehrere Mitglieder der linken Szene unter die Demo gemischt haben. Der angebliche Ordner gehörte demnach dazu, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland schreibt:

„Demnach hatten sich Mitglieder der linken Szene unerkannt unter die „Querdenken“-Demo auf dem Opernplatz gemischt. Und sie sollen es als Ordner in die Organisation der „Querdenker“ geschafft haben. Einer dieser falschen Ordner soll der Mann gewesen sein, welcher der Rednerin sein Leibchen gab. Er soll auch bei vielen anderen Demonstrationen in Erscheinung getreten sein. Die Inszenierung habe nach Informationen der Zeitung offenbar vorführen sollen, dass die „Querdenker“-Bewegung gespalten ist.“

Die „Informationen der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung„, über die der Spiegel berichtet hat, dürften der Wahrheit entsprechen.

Für einen Journalisten taucht dann sofort eine Frage auf: Wenn der Mann ein Provokateur war, war dann vielleicht die ganze Aktion eine Provokation? Auch dafür gibt es nämlich Hinweise, die sogar im Spiegel gezeigt (aber nicht thematisiert) werden, denn praktischer weise gibt es ein Video von dem Vorfall, das ihn in guter Qualität zeigt. Das Video ist auf Twitter veröffentlicht worden und der Tweet wurde vom Spiegel und vielen anderen Medien verlinkt.

MdBdesGrauens @MdBdesGrauensRednerin in #Hannover fühlt sich wie Sophie Scholl, da sie „seit Monaten aktiv im Widerstand“ sei. Ordner wirft daraufhin das Handtuch: „Für so einen Schwachsinn mach ich doch keinen Ordner mehr. Das ist Verharmlosung vom Holocaust.“ Rednerin weint und wirft auch hin. #h2111

Wichtig ist aber nicht das Video, sondern der Twitter-Account, auf dem es veröffentlicht wurde. Wer sich dessen Tweets und Re-Tweets anschaut, der merkt schnell, dass es sich bei dem User nicht um einen „Querdenker“ handelt. Er ist ausgesprochen Mainstream-konform und retweetet zum Beispiel einen Tweet von Rezo über

„Maskengegner, Verschwörungskeks und Rechtsextreme. Und über unseren Umgang mit deren Demos und Verhalten“

Außerdem ist der User explizit gegen die AfD und findet Covid-19 ganz gefährlich. Das zumindest geht aus seinen Tweets hervor. Er macht, vor allem wegen seiner Anti-AfD-Tweets, den Eindruck, dass er auch zur „linken Szene“ gehören könnte. Damit stellt sich die Frage, ob sich der falsche Ordner und derjenige, der den Vorfall gefilmt hat, eventuell kennen. Der Spiegel stellt diese Frage jedoch nicht und geht ihr auch nicht nach.

Auch wäre es interessant herauszufinden, wer eigentlich Jana aus Kassel ist. War alles geplant und war Jana ein Teil der Inszenierung? Oder haben der falsche Ordner und sein Kameramann einfach auf eine unglückliche Äußerung gewartet und dann spontan reagiert? Beides ist möglich.

Wenn ein Vorfall derartige Wellen macht, dass sogar Bundespolitiker wie Bundesaußenkasper Maas sich dazu äußern, dann sollte es die Pflicht von Journalisten sein, sich den Vorfall genauer anzuschauen. Das jedoch hat weder der Spiegel, noch der Rest des deutschen medialen Mainstreams getan.

Der kleine Schritt zum Kampfbegriff „Antisemit“

Wenn wir uns die nackten Fakten anschauen, dann haben wir entweder eine komplett von Querdenken-Gegnern inszenierte Aktion erlebt, oder wir haben den unglücklichen und sicherlich auch dummen Vergleich einer junger Frau gesehen, der augenblicklich von einem mutmaßlichen Mitglied der „linken Szene„, das sich als Ordner verkleidet hat, instrumentalisiert wurde. Und gefilmt und veröffentlicht wurde das ganze zufälligerweise von jemandem, der sich in seinen Tweets als Gegner von Querdenken outet und man fragt sich sofort, was ein Querdenken-Gegner eigentlich auf einer Querdenken-Demo macht.

Die Geschichte ist also durchaus dubios. Das aber stört weder Medien noch Politik und statt sich den Vorfall genauer anzuschauen wird ein medialer Shitstorm entfacht, der beim Spiegel am Mittwoch in einem Artikel mit der Überschrift „Antisemitismusbeauftragter – »Querdenker« sollten sich vor Holocaust-Vergleichen hüten“ gipfelte.

„Jana ausKassel“ hat aber gar keinen Holocaust-Vergleich gezogen. Mehr noch: Sophie Scholl wusste gar nichts vom Holocaust, der war 1942 in Deutschland noch nicht bekannt. Bekannt waren der Rassismus und Antisemitismus der Nazis, aber die Weiße Rose, zu der Sophie Scholl gehört hat, hat den nicht kritisiert, sondern sie haben sich in ihren Flugblättern gegen den Krieg gewandt. Ihre Motivation war die grausame Knochenmühle der Ostfront und die Verbrechen, die dort begangen wurden, von denen sie von Fronturlaubern gehört hatten. Sophie Scholl und ihre Freunde waren Pazifisten, die heute wohl bei den Mahnwachen für den Frieden mitmachen würden, die wiederum aber heute von den Medien in die rechte Ecke gestellt werden. Verkehrte Welt, aber das nur am Rande.

Solche Feinheiten interessieren aber die Medien und die Politiker nicht. Dort ist Pauschalisieren angesagt und so zitiert der Spiegel den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, folgendermaßen:

„»Der Holocaust ist kein Abziehbild für jedwede Opfergefühle.« Wer über Anne Frank und Sophie Scholl gut Bescheid wisse, werde kaum solch kruden Verharmlosungen äußern. »Dass die Kritik an solchen Vergleichen nun hohe Wellen schlägt, begrüße ich sehr. Es zeugt von einem funktionierenden Wertesystem der demokratischen Mehrheit.«“

Der Aussage, dass solche Vergleiche unangebracht sind, stimme ich voll und ganz zu. Aber „von einem funktionierenden Wertesystem“ bei Politik und Medien würde es zeugen, wenn sie solche Vorfälle erst einmal hinterfragen und korrekt einordnen. Stattdessen wurde die Tatsache, dass sehr viel auf eine Inszenierung hindeutet, schnell unter den Teppich gekehrt, stattdessen wurde der Vorfall instrumentalisiert, um Querdenken zu diffamieren und in die Nähe von Nazis und Antisemiten zu rücken.

Selbst wenn der Vorfall keine Inszenierung war, ist eine unglückliche und dumme Aussage einer einzelnen Rednerin kein Grund, eine ganze – Hunderttausende oder sogar Millionen von Menschen umfassende – Gruppe in Sippenhaft zu nehmen.

Mit solchen Methoden der Pauschalisierung wurde und wird in totalitären Regimen gegen Regimegegner gehetzt. Wenn Politik und Medien in einer Demokratie die Mittel totalitärer Regime anwenden, anstatt sich sachlich mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen – was sagt das eigentlich über den Zustand der Demokratie aus?

Quelle

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