Covid-19-Situation in Russland: Kein Lockdown, kaum Beschränkungen, aber die Welt geht nicht unter

Wenn ich die Meldungen aus Deutschland über Ausgangssperren und ähnliches lese, kommt mir das vor, wie ein schlechter Film, denn in meiner Wahlheimat Russland geht das Leben weitgehend seinen normalen Gang.

Wenn ich morgens die Nachrichten lese und mir überlege, worüber ich heute schreiben will, dann sticht mir jeden Tag auf´s Neue der Panikmodus der deutschen Medien ins Auge. Das wird besonders deutlich, wenn ich das mit den Seiten der russischen Medien vergleiche. Auf der Seite des Spiegel haben – je nach Tag – die ersten sechs bis zwölf Artikel auf der Homepage das Thema Corona in der Überschrift. Heute Mittag, während ich diesen Artikel schreibe, muss ich auf der Seite des russischen Fernsehens konkret in der Suchfunktion nach dem Thema suchen, um drei Artikel von heute zu finden, in denen das Thema in der Überschrift überhaupt genannt wird.

Es sticht ins Auge, dass Corona in den russischen Medien – im Vergleich zu den deutschen – kaum eine Rolle spielt. Die Panik, die in Deutschland von den Medien geschürt wird, findet in Russland schlicht nicht statt. Und auch im wirklichen Leben spielt Covid keine allzu große Rolle.

Ja, in meinem Freundeskreis sind mittlerweile viele an Corona erkrankt, sie mussten dann 14 Tage zu Hause bleiben und durften die Selbstisolation erst nach zwei negativen Tests beenden. Aber nur die wenigsten hatten Fieber, bei den meisten blieb es bei einer vorübergehenden Einschränkung des Geruchssinns. Das Thema Corona spielt also in privaten Unterhaltungen eine Rolle und viele erzählen inzwischen die Geschichten davon, wie sie an Corona erkrankt sind. Aber die meisten Geschichten sind unspektakulär.

Interessant ist auch, wie die offizielle Corona-Homepage der russischen Regierung aufgebaut ist. Dort werden in großen Ziffern die aktuellen Zahlen gezeigt, aber auch das ist etwas anders aufgebaut, als in Deutschland. Die erste Zahl zeigt, dass bisher über 80 Millionen Tests in Russland gemacht wurden, die zweite Zahl zeigt mit 2.515.009 die Gesamtzahl der positiven Tests, die dritte zeigt mit 26.097 die positiven Tests des letzten Tages, die vierte Zahl zeigt mit 1.981.526 die Zahl der insgesamt Genesenen und die letzte Zahl zeigt mit 44.159 die Zahl der insgesamt Verstorbenen.

Während in Deutschland ausschließlich die Zahl der angeblichen Neuinfektionen (in Wirklichkeit sind es ja keine Neuinfektionen, sondern positive Tests) betont wird, wird in Russland sofort daneben gestellt, wie viele Menschen genesen und wie viele verstorben sind. Jeder kann also sofort sehen: Ja, es gibt Todesfälle, aber es sind im Vergleich zur Gesamtzahl der Erkrankten nur wenige, die allermeisten werden einfach wieder gesund und das Leben geht weiter.

Deutsche Medien behaupten gerne, Russland würde die Zahl der Verstorbenen fälschen und zu geringe Zahlen melden. Dieses Märchen können die deutschen „Qualitätsmedien“ nur erzählen, weil sie Zahlen nicht vergleichen. Russland meldet wie gesehen 44.000 Tote bei 2,5 positiven Tests, das sind knapp unter zwei Prozent. Das RKI meldet aktuell knapp 19.000 Tote bei ca. 1,2 Millionen positiven Tests, das sind ebenfalls knapp unter zwei Prozent. Die russischen Angaben über tödliche Verläufe sind also praktisch identisch mit den deutschen Angaben.

Trotzdem fehlt in Russland die Panik, die in Deutschland von Politik und Medien verbreitet wird. Und auch die Einschränkungen sind überschaubar. Russland ist, wie Deutschland auch, ein Bundesstaat. In Russland gibt es jedoch keine landesweit geltenden Einschränkungen, jede Region (in Deutschland würde man von Bundesländern sprechen) setzt ihre Einschränkungen danach fest, ob die Lage in Krankenhäusern kritisch wird.

Ich lebe in Petersburg und hier gelten derzeit folgende Beschränkungen:

  • Sport ist in der Öffentlichkeit mit maximal 50 Teilnehmern erlaubt, Fitnesscenter und Schwimmbäder sind geöffnet, es gelten Beschränkungen der der Besucherzahlen
  • Maskenpflicht herrscht im ÖPNV, Geschäften und öffentlichen Gebäuden
  • Geschäfte, Friseure etc. sind ohne Einschränkung geöffnet
  • Unterricht an Unis und Schulen findet teilweise per Video statt
  • Restaurants und Cafes sind geöffnet, allerdings gilt eine Sperrstunde von 23.00 bis 6.00 Uhr
  • Kurhäuser sind nur für medizinisch indizierte Fälle geöffnet
  • Hotels etc. sind ohne Einschränkung geöffnet
  • Es gibt keine Einschränkungen für öffentliche Plätze

Man sieht, dass das Leben in Petersburg weitgehend seinen normalen Gang geht, das gleiche gilt für praktisch alle russischen Regionen.

Wenn ich in der Stadt unterwegs bin, sehe ich nur wenige Masken und Handschuhe trägt niemand. Übrigens gilt die Beschränkung für das Nachtleben eher formal, als in der Realität. Viele Bars haben ihre Fenster verdunkelt und sind „heimlich“ trotzdem die ganze Nacht geöffnet. Die Behörden drücken da offensichtlich beide Augen zu und beschränken sich auf einzelne Kontrollen.

Das geht so weit, dass eine junge Bekannte, die am Wochenende im Nachtleben unterwegs war, mich gefragt hat, warum nirgends Kreditkarten akzeptiert werden. Sie musste sich erst einmal Bargeld besorgen, um etwas zu bestellen. Ich habe ihr dann erklärt, dass die Bars sozusagen illegal geöffnet sind und deshalb nachts natürlich keine bargeldlosen Zahlungen annehmen können. Sie war ganz überrascht, von den Einschränkungen im Nachtleben hatte sie gar nichts bemerkt oder gewusst.

Im realen Leben bekommt man also nur wenig mit von den Einschränkungen. Daher sind die Medienberichte und die Erzählungen, die ich aus Deutschland höre, für mich ziemlich surreal. Und trotz des im Vergleich lockeren Umgangs mit Covid in Russland sind die Zahlen nicht höher, als in Deutschland, wenn man sie mit der Bevölkerungszahl in Relation setzt. Russland hat zwar doppelt so viele positive Tests und Tote wie Deutschland, aber Russland hat auch fast doppelt so viele Einwohner wie Deutschland.

Nachdem in Deutschland der „Lockdown-Light“ nun schon über einen Monat in Kraft ist, hätte man annehmen sollen, dass die Zahlen sich stärker unterscheiden. Das tun sie aber nicht und daher kann man sich durchaus fragen, ob die deutschen Maßnahmen berechtigt sind, die ja ungeheure Kollateralschäden in der Wirtschaft und damit für die Menschen zur Folge haben.

Übrigens habe ich in Russland auch noch nichts von Einschränkungen über die kommenden Feiertage gehört, weshalb davon auszugehen ist, dass es im Stadtzentrum wohl wieder riesige Menschenmengen geben wird, die die Neujahrsnacht mit Feuerwerken feiern.

Quelle

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