Was Ralph Brinkhaus schon einmal konnte, kann er auch ein weiteres Mal

Von Roland Tichy

Im Rennen um die Merkel-Nachfolge taucht ein neuer Kandidat auf: Union-Fraktionschef Ralph Brinkhaus. Der große Unbekannte könnte Merz stoppen. Er kann Politik hintenherum, aber hat anders als Merz auch noch Mumm.

imago Images/Christian Thiel

Früher, zu Zeiten der ebenso glorreichen wie unbesiegbaren Sowjetunion gab es im Westen einen hochbezahlten, hochintelligenten Berufsstand: Den der Kremologen. Sie beobachten den Kreml, das sowjetische Machtzentrum, um aus nicht gesetzten Kommas, lautem Schweigen und dem Flug der Tauben zu analysieren, was das Zentralkomitee wirklich vorhatte. Hermetisch abgeschlossen war und vermeintlich geschlossen war die Machtelite, Abweichler, nun ja, soll es gegeben haben; nach kurzer Zeit allerdings meist erledigt. Kremologen analysierten, was nicht gesagt wurde und selten geschah. Was dann getan wurde, war oft widersprüchlich, geradezu absurd. Kremologen hatten viel zu tun.

Rätseln, was die CDU will

Der Berufsstand hat nach dem Ende der Sowjetunion ein neues Betätigungsfeld: Die Politik der CDU. Hermetisch abgeschlossen ist ihre Machtelite und vermeintlich geschlossen. Wenn sich dann plötzlich ein klitzekleiner Haarriss zeigt, kommt die Stunde der Merkologen. Der Haarriss wird zur tektonischen Plattenverschiebung hochgejazzt. Wie beim echten Kreml kann es sich auch um einen solchen handeln.
Und deshalb ist Ralph Brinkhaus derzeit im Munde aller Berliner Hauptstadstadtjournalisten. Manche sind darüber ganz aus dem Häuschen.

Ist er der wirkliche nächste Parteivorsitzende? Und damit der kommende Kanzlerkandidat der CDU, der Laschet, Röttgen und Merz hinter sich lässt? Eine Wortmeldung von Brinkhaus hat alles ausgelöst: eine in Maßen kritische zur Corona-Politik der Kanzlerin. Nicht, dass Sie meinen, er wäre ein Corona-Leugner, oh nein. Ihm kann es gar nicht entschieden genug gehen mit dem Einsperren der Bürger in ihren Viren-Gehegen. Und dann noch der Satz: „Dieses Scheibchenweise-immer-noch-einen-Draufsetzen, das zermürbt uns doch alle!“ Er will alles und zwar gleich, auch an Weihnachten, auch an Silvester.

Außerdem findet Brinkhaus, dass die Bundesländer selbst bezahlen sollen, was sie in ihren Corona-Kränzchen mit der Bundeskanzlerin sich so ausdenken an Geldausgaben. Zumindest teilweise, was die Länderfürsten ärgert.

Also wenn man ehrlich ist: So aufregend ist das alles gar nicht. Eher selbstverständlich; schließlich ist Brinkhaus Fraktionsvorsitzender der Union im Deutschen Bundestag. Das war einmal ein mächtiges Amt, früher, lange Zeit vor Merkel. Heute ist es eine Versammlung, die aus der Zeitung oder dem Internet erfährt, welche Entscheidung es morgen abzunicken hat. Die Unionsfraktion ist die Fortsetzung der Poststelle des Kanzleramts. Eine Art Rohrpost-Empfangssation, heute natürlich elektronisch: Die Kanzlerin entscheidet, die Fraktion applaudiert, der Vorsitzende erklärt, warum es alternativlos ist.

Und nun also eine vorsichtige Absetzbewegung von Ralph Brinkhaus von diesem Kurs. Es scheint, als ob er selbst erwacht.

Ein langer Mann erwacht

Denn Ralph Brinkhaus hat sich mal als Gegenpol zu Merkel erschaffen. Er ist erst seit 2009 Mitglied des Bundestags, eigentlich zu kurz, um mitreden zu dürfen. Unter den Greisen der Partei ein Greenhorn, ein Außenseiter. Und doch trat er nach der Niederlage der CDU bei der Bundestagswahl, die natürlich nicht zum Verlust des Kanzleramts führte, gegen Merkels treuen Diener Volker Kauder an. Der verlor am für die brave CDU legendären Heldentag, dem 25. September 2018, bei der turnusmäßigen Neuwahl des Fraktionsvorsitzenden eine Kampfabstimmung gegen Ralph Brinkhaus. Mit 112 zu 125 Stimmen bei zwei Enthaltungen wurde Brinkhaus Fraktionsvorsitzender, das galt und gilt als Sensation. Es war auch knapp. Friedrich Merz hat sich so etwas nie getraut. Er geht der Konfrontation aus dem Weg.

Brinkhaus erscheint da offener, ehrlicher, konfliktbereiter. Das drückt schon seine Körperhaltung aus: Immer aufrecht, ein gewaltiger Westfale, erdverbunden, sturmerprobt aus dem Schweineschlachter-Mekka Wiedenbrück, ein eingeschworener Feind seines früheren Klassenkameraden Clemens Tönnies, des Corona-Metzgers. Still gibt er hintenherum zu Protokoll, dass er den großen Mann von Rheda Wiedenbrück in die Knie gezwungen hat. Am Ende ist die Welt klein, sehr klein. Aber: Schneid hat er, der Brinkhaus, ein Merz ist er nicht. Und er beweist: Es gibt also doch Widerspruch in der CDU, es gibt also doch letzte Abgeordnete, die gegen den Wunsch von Angela Merkel sich irgendwas anders vorstellen und gar wählen können.

Der Kreml erwacht und der Gelter kommt

Das war so wahnsinnig aufregend, dass nach der aufregenden Wahl anschließend die Fraktion und Brinkhaus in den Schlaf versanken, so wie die Greise im ZK der Kommunistischen Partei der Sowjetunion wohl geschlafen haben mögen hinter den dicken, jeden Lärm der Welt fernhaltenden Kreml-Mauern.

Bis jetzt eben. Brinkhaus hat zum ersten Mal etwas anderes gesagt, als Merkel gedacht hat! Sensationell. Er gilt jetzt als der kommende Star.

Vielleicht ist er es auch. Auch die Nachfolger im Kreml kannte niemand, meist auch nicht die Kremologen. Nachfolger kamen überraschend. Und das ist es, was Brinkhaus auszeichnet.

Wer Volker Kauder ablösen konnte, könnte auch das Zeug haben, sagen wir CDU-Parteivorsitzender zu werden. Mit der Doppelfunktion Fraktionsvorsitz und Parteivorsitz könnte ihm dann egal sein, wer unter ihm Kanzler ist.

Vermutlich wäre er dann Kanzlerkandidat  Brinkhaus unter Fraktions- und Parteichef Brinkhaus. Macht landet immer auf einem Haufen, seltener auf zwei. Und für Brinkhaus spricht einiges.

Er gilt als konservativ. Zumindest das wäre eine Art Qualität. Konservativ zu gelten, heißt natürlich in der CDU nicht sein, sondern nur so tun als ob. Aber das reicht. Laut Spiegel verfügt er über gute Kontakte zu Jens Spahn und Carsten Linnemann, die angeblich einen liberaleren Kurs in der Wirtschaftspolitik befürworten und „erklärte Gegner der Flüchtlingspolitik Merkels“ seien. Das hat man zwar noch nie so wirklich gemerkt, aber es geht ja auch nur ums „Gelten“. Und damit könnte er bei der kommenden Wahl zum Parteivorsitz Friedrich Merz die Mehrheit kosten und aus allen Lagern Stimmen auf sich ziehen. Aus dem konservativen Lager, weil er ja ein Gelter ist. Aus dem linken Lager, damit es Merz nicht wird. Das ist die Logik der Parteien. Und die Logik von Merkel. Lieber einen Brinkhaus als einen Merz. Alter Hass rostet nicht.

Man darf Brinkhaus nicht unterschätzen. Er ist, nachdem er Anfangs seltsam burschikos in Berlin auftrat, ungewöhnlich fröhlich und offenherzig, zu einem knallharten Taktierer herangereift. Der das Unmögliche nicht nur möglich macht, sondern dies auch noch lautlos. Am 5. Juni 2020 beispielsweise wurde das weitere große Corona-Hilfspaket verabschiedet. Gut, es ging um die Folgen des Lockdowns. Könnte man meinen. Aber, man höre und staune, gleichzeitig wurde die Steuerberatervergütung um 12% rückwirkend zum 1.1.2020 erhöht. Die haben zwar keinen Lock-Down, sondern mehr zu tun denn je.

Nur: Brinkhaus ist Steuerberater. Er kann hintenrum und traut sich was. Zunächst wird jetzt der CDU-Parteitag wieder verschoben. Dann haben sich Merz und Laschet endgültig erledigt und Brinkhaus kommt aus dem Schlachthaus als Held. Das kann er. Der Mann wird es noch weit bringen.

Quelle

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