Grenzenlose Grenzen: Das Weihnachtsattentat vom Breitscheidplatz

Die Beton-Poller sind geblieben

as ist ein Bild aus einer sehr fernen und doch sehr nahen Zeit. Vor vier Jahren wurden auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz 12 Bürger ermordet. Nach dem islamistischen Anschlag wurden unter anderem islamistische Akteure zu den Mahnwachen eingeladen und von der Kirche unterstützt. Man hat die Familien der Opfer immer wieder alleine gelassen und auf der Gedenktafel kommt das Wort „Islamistisch“ nicht vor. Die Opfer bleiben weitgehend namens- und gesichtlos. Politik und Medien haben den Anschlag zugedeckt, weggedrückt, aus unserem kollektiven Gedächtnis gestrichen. Am besten soll nichts mehr daran erinnern.

Und doch. Es wurden die riesigen Betonklötze erfunden. Mit ihren Noppen sehen sie aus wie zufällig durch die Stadt verstreute überdimensionale Lego-Steine, wie das hinterlassene Spielzeug eines Riesen. Die Beton-Poller sollen Anschläge wie in Berlin verhindern. Deswegen wurden damit in den vergangenen Jahren die Weihnachtsmärkte großräumig abgeriegelt, Plakatwände sollten die Sicht versperren. Damit wurden nach innen Grenzzäune gezogen, die Merkel und Co.  nach außen nicht haben wollten. Das Leben zog sich in die Zonen zurück, die mit Beton gesichert waren.

Zeit zum Lesen „Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen In diesem Jahr ist das nicht nötig. Weihnachtsmärkte wurden untersagt; alle Versuche, mit Kontaktbeschränkungen, begrenzter Personenzahl und Abstand wenigstens den Schein zu wahren, wurden abgeschmettert. Nein, es besteht kein Zusammenhang zwischen dem Anschlag vom Breitscheidplatz und dem Verbot von Weihnachtsmärkten, das wegen Corona ausgesprochen wurde. Leben heißt unterscheiden müssen. Wer das Risiko sucht, muss wissen, wann er die Zone der Sicherheit verlässt.

Weihnachtsmärkte, einst Orte harmlosen Vergnügens, wurden zur Risikozone. Jetzt wurden die Weihnachtsmärkte wegen einer Pandemie verboten, die Grenzen noch enger gezogen. Und viele fordern, sie noch enger zu ziehen: Die Risikozone beginnt vor der eigenen Haustüre, das Treppenhaus ist bereits eine mögliche Todeszone. Bayern bildet eine „Taskforce“, um Altenheime abzuriegeln. Endlich, sagen viele, warum ist es nicht schon früher geschehen? Warum wurden die Grenzen nicht um die wirklich Bedrohten gezogen, sondern um die, die kaum bedroht sind?

Auf die Phase der Entgrenzung folgt die Phase der immer willkürlicheren, immer engeren Grenzziehung. Wir verteidigen nicht mehr die Freiheit, sondern singen das Loblied der freiwilligen Unfreiheit und der scharfen Kontrolle derer, die sich dieser Freiwilligkeit entziehen wollen. Wir stellen die Dinge auf den Kopf.

Neuerdings ist von der größten Krise der Nachkriegszeit die Rede. Eine Krise, so legt es die Etymologie dieses Wortes nahe, ist eine Phase, in der sich die Dinge scheiden. Krisen, wenn es welche sind, holen die Fiktionen und Illusionen einer Gesellschaft zurück auf den Boden der Realität. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann schrieb ein Büchlein mit dem Titel „Lob der Grenze“. Er meinte damit das Lob der Unterscheidungskraft. Eine Krise, so führt er aus, ist nach Wortherkunft eine Phase, in der sich die Dinge scheiden. Und aus dem selben Wortstamm abgeleitet wird Kritik, die Kunst der Beurteilung, die auf der Fähigkeit beruht, zu unterscheiden und Unterscheidungen vorzunehmen. Kritik und Krise stammen aus derselben sprachlichen Wurzel, und sie markieren Grenzen. Kritik trifft Unterscheidungen, um zu verstehen. Krise ist Unterscheidung, die uns trifft: Es ändert sich etwas, und es steht zu erwarten, dass nachher nichts mehr so sein wird wie vorher. Aber was wird sein und wo steht man dann?

Das sind lange Ausführungen, aber folgenschwere

Diese Kunst der Unterscheidung ist verloren gegangen. Es soll gerade nicht mehr unterschieden werden zwischen drinnen und draußen, zwischen denen, die hier sind, und denen, die dazu kommen, grenzenlos. Jetzt werden alle eingesperrt, die Gesunden wie die Bedrohten. Während die äußeren Grenzen offen sind und weiterhin täglich unkontrolliert Migranten einströmen und mit sich ganz ohne Frachtpapiere auch Virenlasten mit sich führen, werden im Inneren die Grenzen eng gezogen. „Nach dem islamistischen Anschlag am Breitscheidplatz wurden unter anderem islamistische Akteure zu den Mahnwachen eingeladen und von der Kirche unterstützt. Man hat die Familien der Opfer immer wieder alleine gelassen und auf der Gedenktafel ist das Wort Islamistisch nicht erwähnt“, schreibt Ahmad Mansour. Während alle Religionen gleich sein sollen, schert sich eine der Religionen nicht um diese Gleichheit und erhebt sich über die gleichen. Die Bundesregierung holt dafür die Frauen von IS-Kämpfern zurück nach Deutschland. Offensichtlich gibt es für Terroristen eine Art Rückkehrgarantie. Sie haben als Angehörige einer der grausamsten Terrorgemeinschaften die Grenzen des Humanen überschritten, und werden jetzt hinter die sie schützende deutsche Grenze gebracht. Anhänger des Terrors erhalten erfahrenen Nachschub in Sachen Grausamkeit. Gleichzeitig wird eine Pflegerin abgeschoben. Weil alles gleich ist und alle gleich sind entfallen notwendige Differenzierungen.

Verängstigt, hysterisch und entmündigt 2020 – eine Art Bilanz Es soll nicht mehr unterschieden werden zwischen Männern und Frauen, all´ dies sei nur Fiktion, Einbildung. Allerdings werden dann wieder schnell enge Grenzen gezogen, in dem ein Geschlecht bevorzugt werden soll bei diesem und jenem. Es werden Quoten eingeführt, und dann gibt es doch wieder Geschlechter, die es doch gar nicht gibt und zwar nur zwei, die doch nur Einbildung sind. Ein osteuropäisches Land wird heftig für die Aussage gerügt: „Der Vater eines Kindes ist ein Mann, und die Mutter eine Frau“. Neuerdings sollen sie in der ganzen EU nur Elter 1 bis Elter 4 genannt werden, weil die Grenzen zwischen Mann und Frau, Vater und Mutter aufgelöst werden sollen; und dann werden wieder Quoten eingeführt. Man spürt, dass die Kraft der Unterscheidung verloren geht, wenn mögliche und sicherlich wünschenswerte Ausnahmen im Einzelfall zur Norm erhoben werden und das Normale beiseite und an den Rand gedrängt wird.

Und so landet ein Land in der Krise. Es kann auch nicht mehr unterscheiden zwischen Tag und Nacht, zwischen Windstille und Wind. Der Strom soll in jedem Fall fließen und wenn er es nicht tut? Keine Antwort. Die Bedrohten werden schutzlos gelassen über Monate und Monate, aber die Nicht-Gefährdeten weggesperrt. Die Grenzen zum Äußeren werden geöffnet und zum Inneren so eng gefasst wie noch nie. Dann werden doch die Grenzen im grenzenlosen Europa wieder geschlossen, weil kleinere Einheiten angesichts der vorliegenden Differenzen offensichtlich handlungsfähiger sind als gesichtslose Riesenkonglomerate, die Nichtvereinbares vereinbaren und damit handlungsunfähig sind – weswegen man ihnen aber noch mehr Macht zuschreibt, um ihre Handlungsfähigkeit in noch größerem Maßstab scheitern zu sehen. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum Europa als gigantische Supernation herbeigesehnt und herbeiregiert wird, dieser „größere” EU-Nationalismus also gut sein soll, während der kleinerer politischer Gemeinschaften verpönt ist. Funktionalität allerdings verlangt Unterscheidung.

Weil Unterscheidung durch Glaubenssätze ersetzt wird, leidet Funktionalität

Von Georg Friedrich Hegel stammt die Erkennnis, dass man erst dann weiß, wann etwas begonnen hat, wenn es zu Ende ist. Die Menschen, die den Schwarzen Freitag und Börsencrash des Jahres 1929 erlebten, wussten nicht, dass dieser Tag der Beginn eines der furchtbarsten Kapitel der Geschichte war. Die Markierung des Tages folgte nicht am darauffolgenden Samstag, sondern erst viel später. Die Markierung des Attentats vom Breitscheidplatz kann erst folgen, wenn wir den Ausgang dieses Teils der Geschichte kennen, die von manchen schon als größte Krise der Nachkriegszeit benannt wurde.

Die Antwort liegt nahe: Die Krise kann erst enden, wenn die Ideologie der universalen Einheit und Gleichheit abgelegt wird zu Gunsten der Kunst der Unterscheidung.

Quelle

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