Das Vermächtnis der Kanzlerin und ihre „demokratische Zumutung“

Von Ferdinand Knaus

Angela Merkel gewährt dem Kundenmagazin des Staatskonzerns Deutsche Bahn ein Interview. Bemerkenswert an Merkels Kommunikation im 16. Jahr ihrer Regierung ist vor allem deren Mischung aus Monotonie und Unverständlichkeit. Doch sie erfüllt ihren Zweck.

Die meisten Redaktionen warten bekanntlich lange darauf, die Kanzlerin interviewen zu dürfen, viele vergeblich. Doch ausgerechnet für das Magazin DB-Mobil des Staatskonzerns Deutsche Bahn hat Angela Merkel sich die kostbare Kanzlerinnenzeit genommen.  

Und das hat sich, so kann man aus der Perspektive ihres Bundespresseamtes wohl sagen, gelohnt. Nicht nur, weil das Heft schließlich rund einen Monat lang an jedem Sitzplatz der Fernverkehrszüge ausliegt und von Millionen Menschen zumindest einmal durchgeblättert wird, wenn man auf der Bahnfahrt mal gerade keinen Internetzugang hat. Schon in der Vorankündigung springt für „Frau Langstrecke“ Merkel dieser Satz des Chefredakteurs Stephan Seiler heraus: „Man merkte der Kanzlerin die langen Tage mit vielen Corona-bedingten Krisensitzungen an. Aber Markus Jans (Anmerkung: der Fotograf) konnte ihr trotzdem ein Lächeln entlocken.“ Mehr Hofberichterstattung geht kaum. Genau so wollen mächtige Menschen sich wahrgenommen wissen: Sie opfern sich bis zur völligen Erschöpfung für uns alle auf – und schenken uns trotzdem ein huldvolles Lächeln!ADVERTISING

Zeit zum Lesen „Tichys Einblick“ – so kommt das gedruckte Magazin zu Ihnen Auf die Aussagen Merkels muss man inhaltlich nicht eingehen. Man kann das auch gar nicht ernsthaft. Und genau das ist wohl auch der Zweck, zu dem Merkel Interviews gibt. Da sind einerseits die gewohnten banal-langweiligen Feststellungen. Gleich zu Anfang belehrt die Kanzlerin die Bahnreisenden etwa: „Ohne die Bahn wäre für viele Menschen der Alltag kaum zu bewältigen. Weder Arbeitsplatz noch Schule oder Freunde und Verwandte wären wie gewohnt zu erreichen.“ Und selbst wenn sie nach ihren Zielen für die verbleibende Amtszeit befragt wird, lullt sie uns zunächst wattig in ein politisches Nirvana ein – „Es gilt dafür zu arbeiten, dass unser Land die großen Herausforderungen bewältigt“ – bevor sie dann einen Sermon über Corona, „noch mehr Kraft in die Digitalisierung“, Batteriezellherstellung und Energiewende rezitiert. 

Bemerkenswert an Merkels Kommunikation im 16. Jahr ihrer Regierung ist vor allem deren Mischung aus Banalität und gewichtiger Unverständlichkeit. Auch in diesem Interview bringt sie die von ihr offenbar zum Leitsatz des Jahres erkorene Formulierung unter: „Diese Pandemie ist für unser Land – und auch mich – eine demokratische Zumutung.“ Der Begriff der „demokratischen Zumutung“, in den sich Merkel vernarrt hat, ist typisch für ihre Kommunikation: Es ist eine sprachliche Nebelkerze, die den Leser und Zuhörer nicht über ihr Handeln oder Motive aufklärt, sondern wuschig macht. 

Doch es funktioniert. Niemand aus der journalistischen Zuhörerschaft in ihren Pressekonferenzen und auch kein Interviewer hat bislang nachgehakt und gefragt: Wie kann eine Zumutung demokratisch sein? Und wer mutet uns da angeblich etwas zu? Das Virus? Aber kann ein Virus das überhaupt? Sind es nicht eher die politischen Entscheider, die uns etwas zumuten? Aber dazu gehört Merkel doch selbst! Aber andererseits zählt sie sich doch ausdrücklich zu denen, denen etwas zugemutet wird! Was soll das also?   

Statt solche naheliegenden Nachfragen zu stellen, nimmt die deutsche Medienöffentlichkeit den Nonsens der Kanzlerin ergeben hin. Und erst recht tut dies der interviewende Chefredakteur von DB-Mobil. Nicht nur zwischen den Zeilen ist sein Bemühen spürbar, der Kanzlerin bloß keine Unbehagen zu bereiten (sie hat ja auch so viel zu tun mit den „vielen Corona-bedingten Krisensitzungen“). Also fragt er untertänigst nach Merkels „Vermächtnis, um künftigen Generationen eine lebenswerte Umwelt zu erhalten“. Wer solche Fragen gestellt bekommt, muss wohl wirklich fast notgedrungen glauben, ein unersetzlicher Wohltäter der Menschheit zu sein. Auch als Merkel behauptet, eine „ambitionierte Klimapolitik“ sei kein Hemmnis, sondern könne „Treiber für Wachstum und Wohlstand sein“, kommt kein journalistischer Einspruch. Stattdessen der Hinweis, die Kanzlerin stehe ja „im direkten Austausch“ mit Greta Thunberg und Luisa Neubauer und der „jungen Generation“.  

Also warten wir weiter auf den Journalisten, der, nachdem ihm die Kanzlerin ein Interview gewährte, sich ein Herz fasst und ihr kritische Fragen stellt. 

Quelle

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