Medien melden: Zahl der Corona-Opfer in Russland plötzlich von 50.000 auf 180.000 gestiegen – Stimmt das? So interessant!

Deutsche Medien melden, dass sich in Russland die Zahl der Corona-Opfer quasi über Nacht von ca. 53.000 auf 186.000 verdreifacht haben soll. Was ist da dran?

Leser haben mir am Montag gleich mehrere Artikel geschickt, die behaupten, Russland habe seine Corona-Statistik verändert und nun sei die Zahl der Todesopfer dreimal höher, als vorher. Im Spiegel-Newsticker zum Thema Corona konnte man lesen:

„16.51 Uhr: Russland hat seine Corona-Opferbilanz drastisch nach oben korrigiert. Im November seien fast 26.000 mit dem neuartigen Coronavirus infizierte Menschen gestorben, teilte die russische Statistikbehörde Rosstat mit. Seit Jahresbeginn habe es mehr als 186.000 Corona-Tote im Land gegeben.
Zwischen Januar und November lag die Übersterblichkeit in Russland der Statistikbehörde zufolge bei 229.700 Todesfällen. Davon seien 81 Prozent auf Covid-19 zurückzuführen. Als Übersterblichkeit wird eine im Vergleich zu anderen Zeiträumen oder Erwartungswerten erhöhte Sterberate bezeichnet.
An Heiligabend hatten die russischen Behörden die Zahl der Corona-Toten seit Beginn der Pandemie noch mit gut 53.000 angegeben. Die korrigierte Opferbilanz ist nun also rund dreieinhalb Mal so hoch.“

Bei der Tagesschau hieß es:

„Russland hat eine massiv höhere Zahl an Corona-Toten angegeben und damit nun die dritthöchste weltweit. Zwischen Januar und November lag die Übersterblichkeit in Russland der Statistikbehörde zufolge bei 229.700 Todesfällen. Davon seien mehr als 81 Prozent auf Covid-19 zurückzuführen, teilte Vize-Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa laut russischen Nachrichtenagenturen mit, ohne eine konkrete Zahl zu nennen. Seit Jahresbeginn gäbe es demnach aber mehr als 186.000 Corona-Tote im Land. Als Übersterblichkeit wird eine im Vergleich zu anderen Zeiträumen oder Erwartungswerten erhöhte Sterberate bezeichnet.“

Woher kommen die Zahlen? Eine Detektivarbeit

Deutsche Medien haben die schlechte Angewohnheit, ihre Quellen nicht zu verlinken und die Suche nach den Meldungen, auf die sich hier bezogen wurde, war etwas zeitaufwändig. Der Spiegel hat zwar einen Link gesetzt, der führte aber nur zur englischen Version der Homepage der russischen Statistikbehörde Rosstat und nicht zu der Pressemeldung, von der der Spiegel berichtet hat. Das war also nicht hilfreich.

Also habe ich bei russischen Medien nach Berichten gesucht und bin fündig geworden. Das Wirtschaftsportal RBC hat über die Meldung der Statistikbehörde schon am 16. Dezember berichtet, es ist also keine neue Meldung. Der RBC-Artikel war lang und detailliert, im Ergebnis hat Russland 2020 eine Übersterblichkeit von ca. zehn Prozent, von der 81 Prozent mit Corona in Verbindung stehen. Wichtig: Es geht um mit Corona Verstorbene, nicht um an Corona Verstorbene, dazu gleich mehr.

Die Details sind wichtig, denn es gibt eine offizielle russische Seite zum Thema Corona. Und dort ist keine Erhöhung der Opferzahlen durch Corona zu sehen, wie diese Grafik der kumulierten Corona-Toten mit Stand 28. Dezember von der Seite zeigt.

Wir sehen also, dass die Spiegel-Meldung schon mal nicht stimmt, denn die kumulierte Zahl der Corona-Toten ist in Russland nicht von 53.000 an Heilig Abend auf nun 186.000 gestiegen. Sie liegt per 28. Dezember bei ca. 55.000.

Die Tagesschau hat auch noch die stellvertretende russische Ministerpräsidentin Golikova zitiert, die in der russischen Regierung den Kampf gegen Corona koordiniert. Ihre Aussage habe ich in den Nachrichten des russischen Fernsehens im O-Ton gefunden.

Was die russische Regierung gemeldet hat

Ich übersetze hier den entsprechenden Teil des Beitrags aus den russischen Fernsehnachrichten und zeige den Screenshot aus dem Beitrag.

Beginn der Übersetzung:

Am 28. Dezember veröffentlichte Rosstat Daten über die Sterblichkeit im Land für die ersten 11 Monate des Jahres 2020. Die Zahlen haben sich wie erwartet gegenüber der Vorjahr 2019 verändert. Vor allem im November und Dezember.

„Wir verbinden dies mit der jetzigen Herbst-Winter-Periode, wenn die Ausbreitung der Coronavirus-Infektion zunimmt und sich mit anderen Krankheiten verbindet. Laut Rosstat ist die Sterblichkeit für Januar bis November 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 13,8 Prozent gestiegen. Gleichzeitig möchte ich darauf aufmerksam machen, dass 81 Prozent der Übersterblichkeit in diesem Zeitraum auf COVID-19 und die Folgen von Coronavirus-Erkrankungen entfallen“, erklärte Tatjana Golikova.

Russland hat wiederholt betont, dass die Zählung der Toten strikt im Einklang mit den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation steht. Alle möglichen Todesursachen werden separat berücksichtigt.

Im November dieses Jahres starben 35.500 Patienten mit COVID-19. Aber die Haupttodesursache war das Virus bei nur knapp 20.000 der Fälle. Etwas mehr als 2.000 weitere starben an chronischen Krankheiten, die durch Corona verschlimmert wurden. In 9.857 Fällen wurde COVID-19 diagnostiziert, hatte aber keinen Einfluss auf den Tod, Todesursache waren zum Beispiel Autounfälle. Und es gibt fast 4.000 andere Fälle, in denen COVID-19 als Todesursache vermutet wird, aber weitere Analysen erforderlich sind.

Solche detaillierten Statistiken sind möglich, weil in Russland in absolut allen Todesfällen, auch mit Verdacht auf Coronavirus, eine pathologische Untersuchung durchgeführt wird. Eine sorgfältige Untersuchung der Zahlen ist der Schlüssel zu den richtigen Schlussfolgerungen.

„Sowohl wir, als auch der Rest der Welt, werden die Zahlen von 2020 und die Struktur der Gesamtsterblichkeit analysieren müssen, um zu verstehen, wie viele neue Todesfälle tatsächlich aufgrund der neuen Krankheit aufgetreten sind, und wie viele Todesfälle, entschuldigen Sie den Begriff, traditionell sind, die mit dem üblichen Verlauf von Krankheiten verbunden sind“, fuhr die stellvertretende Ministerpräsidentin der russischen Regierung fort. „In diesem Fall spreche ich von der Russischen Föderation. Das ist wichtig, weil auf der Grundlage der Analyse dieser vielen Daten, die jedes Land der Welt analysiert, natürlich wahrscheinlich zusätzliche Entscheidungen getroffen werden, um die Prioritäten und Veränderungen der Prioritäten in den Gesundheitssystemen der Länder zu unterstützen, zu entwickeln oder zu identifizieren.“

Ende der Übersetzung

Russland zählt genauer

Wir sind wieder bei der unterschiedlichen Zählweise der Corona-Opfer. Während im Westen – auch in Deutschland – sogar Menschen in die Corona-Statistik aufgenommen werden, die mal infiziert waren, längst wieder negative Testergebnisse hatten, und dann an etwas völlig anderen verstorben sind, trennt Russland das und führt bei allen Corona-Opfern genaue Untersuchungen zur Ermittlung der exakten Todesursache durch. Darüber, wie die Statistiken in Deutschland geführt werden, habe ich hier geschrieben und alle offiziellen Quellen verlinkt, darüber wie das in Russland gemacht wird, finden Sie hier einen Artikel, in dem ich einen Bericht des russischen Fernsehens zu dem Thema übersetzt habe.

In dem oben genannten Artikel von RBC ist eine Grafik zu sehen, die die Entwicklung der Sterblichkeit in Todesfällen pro 10.000 Einwohner in Russland seit 2004 zeigt. Man sieht darauf die zehnprozentige Erhöhung in 2020 im Vergleich zu 2019.

In der Tat hat Russland also eine erhöhte Sterblichkeit in 2020, aber die Ursache ist noch unklar. Die westlichen Medien machen den Unterschied zwischen an und mit Corona verstorben nicht, während der Unterschied in Russland gemacht wird. Und mehr noch, denn bei RBC kann man auch lesen, dass zur Analyse der Übersterblichkeit gehört, dass man die „Effekte der Pandemie“ analysieren muss, also die Todesfälle aufgrund der getroffenen Maßnahmen und Einschränkungen, denn:

„In den meisten Ländern übersteigt deren Zahl die Zahl der Todesfälle durch Corona.“

Das war es, was Golikova meinte, als sie von einer genauen Analyse der Zahlen von 2020 gesprochen hat. Während man im Westen bestreitet, dass Maßnahmen wie Lockdown oder Verschiebung von geplanten medizinischen Behandlungen aufgrund der Fokussierung der Krankenhäuser auf Corona Opfer fordert, ist sich Russland dessen bewusst und wird auch das genau analysieren.

RBC berichtet in dem sehr detaillierten Artikel, dass Rosstat in diesem Jahr die Zahlen zur Sterblichkeit nicht oder nur verzögert veröffentlicht hat, weil man dort Zeit brauchte, um die tatsächlichen Todesursachen festzustellen und RBC veröffentlichte auch eine Statistik mit russischen Regionen, in denen in 2020 eine Übersterblichkeit aufgetreten ist, die aber nicht mit Corona erklärt werden kann, weil es dort zu wenig Fälle gab.

Fazit

Die Meldungen deutscher Medien, in Russland habe sich die Zahl der Corona-Opfer erhöht, ist falsch. Die offiziellen Zahlen sind wie gesehen unverändert. Russland führt jedoch – und darüber habe ich schon vor Monaten berichtet – die Statistiken wesentlich genauer und trennt zwischen Toten, die tatsächlich an Corona gestorben sind, Toten, bei denen Corona eine bestehende Krankheit verstärkt hat und Toten, die mit Corona gestorben sind, aber bei denen Corona nicht die Todesursache war. Das geschieht in den Ländern des Westens – wie ebenfalls gesehen – nicht.

Die Gründe für die Übersterblichkeit will Russland erkunden und es wird dabei auch analysieren, ob die Einschränkungen (Russland hatte im Frühjahr auch einen Teil-Lockdown) am Ende zu mehr Toten geführt haben, als Corona selbst. Diese Frage darf man im Westen gar nicht stellen, ohne Gefahr zu laufen, als „Corona-Leugner“ diffamiert zu werden oder seinen Job zu verlieren, wie es im Mai 2020 einem Beamten Bundesinnenministerium passiert ist.

Die westlichen Medien bringen jedoch derzeit – wie diese aktuelle Meldungen über die angeblich höhere Zahl der Corona-Opfer in Russland zeigen – einfach jede Übersterblichkeit mit Corona in Verbindung und verkaufen das als Meldung (oder Eingeständnis) der russischen Regierung, auch wenn das gar nicht so ist.

Quelle

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