Fake-Nuss: Die FAZ erfindet einen europäischen Atom-Ausstieg

Die Realitätsüberprüfung nicht bestanden

Von Alexander Wendt

Die Behauptung „Europa steigt aus der Atomkraft aus“ in der Überzeile schrumpft im Artikel zur Forderung eines Mitarbeiters einer aktivistischen Klimapolitik-Agentur, „Europa“ solle das tun.

Europa steigt gleichzeitig aus Kohle, Atomkraft und Mineralöl aus. Das müssen erneuerbare Energien auffangen“, meldet die FAZ am 25. Januar 2021 schon in der Überschrift eines Textes über den Erfolg der erneuerbaren Energien.

Wer nun fürchtet, den Beschluss über den gleichzeitigen Ausstieg des Kontinents aus Kohle, Atomkraft und Mineralöl verpasst zu haben, kann sich beruhigen. Erstens ist in dem Text der FAZ in der Folge von der EU die Rede – also einem Gebiet, das schon einmal weniger als die Hälfte der europäischen Fläche umfasst, nämlich 4,476 Millionen von insgesamt 10,18 Millionen Quadratkilometern. Aber auch in der EU gibt es nirgends einen Beschluss, aus Atomkraft und Mineralöl auszusteigen. Im Gegenteil: Etliche Länder in der EU bauen ihre nukleare Energieerzeugung sogar aus.

Worauf stützt das Frankfurter Blatt nun seine erstaunliche Mitteilung?
„Angeführt von der Nutzung erneuerbarer Energieträger in Dänemark, Irland und auch in Deutschland, hat die Europäische Union im vergangenen Jahr erstmals mehr Strom aus alternativen Quellen erzeugt als aus fossilen Rohstoffen“, heißt es in dem Beitrag: „Das Verhältnis betrage jetzt 38 zu 37 Prozent, gaben die britischen und deutschen Denkfabriken Ember und Agora Energiewende am Montag bekannt.“

Hier kommen gleich zwei journalistisch beliebte Rahmensetzungen – Neusprachlich: Framings – zum Einsatz. Erstens ist nur von Stromerzeugung die Rede. Elektrizität macht allerdings nur gut 20 Prozent des Energieverbrauchs aus. Der große Rest verteilt sich auf Wärmeerzeugung und Mobilität. Und der Vergleich findet zwischen regenerativen und fossilen Quellen statt, die dritte Quelle fehlt, nämlich die nukleare Stromerzeugung. Nach wie vor wird in der EU mehr als die Hälfte des Stroms aus fossilen Brennstoffen und nuklear hergestellt. In der Gesamtenergieerzeugung dominieren diese beiden Quellen bei weitem.
Selbst in Deutschland, dem Land, in dem die Politik seit dem Jahr 2000 über das Erneuerbare-Energien-Gesetz Erzeugung aus Wind- Solar- und Pflanzengasanlagen massiv subventioniert, beträgt der Anteil erneuerbarer Energien an der Primärenergieerzeugung nur etwa 15 Prozent. Der Hauptteil, 35 Prozent, entfällt auf Mineralöl, dann folgen Gase (25 Prozent), Kohle (9 Prozent) und Kernenergie (6 Prozent).Sorgen in Europa um Italiens Umgang mit Geld

In der EU lag der Anteil erneuerbarer Energien an dem Primärenergieverbrauch laut Eurostat 2018 bei 18 Prozent, 2020 sollte er 20 Prozent betragen.

Das heißt: Das, woraus „Europa“ laut FAZ „aussteigen“ will, liefert nach wie vor den Großteil der Energie. Selbst in dem schmalen Sektor der Stromerzeugung entfielen im 1. Quartal 2020 EU-weit laut Eurostat 42,6 Prozent auf erneuerbaren Quellen, 30 Prozent auf Kernkraftwerke, 12,7 Prozent auf Gas und 12,3 Prozent auf Kohle.

Warum es keinen europäischen oder auch nur einen EU-weiten Atomausstieg gibt, zeigt sich an dem Energiemix der Länder, die nach wie vor stark auf Kernkraft setzen. In der EU laufen derzeit 109 Atomkraftwerke, mehr als die Hälfte davon – 56 – in Frankreich. Gut 70 Prozent des französischen Stroms stammt aus dieser Quelle. Frankreich war übrigens auch 2020 Deutschlands wichtigster Stromimporteur; im vergangenen Jahr stieg der Stromimport nach Deutschland im Vergleich zu 2019 um 36 Prozent. Vor allem in Südwestdeutschland gingen ohne französischen Atomstrom in der winterlichen Dunkelflaute buchstäblich die Lichter aus. In Schweden liefern drei Kernkraftwerke mit insgesamt sechs Reaktoren gut 40 Prozent der Elektrizität. In Belgien lag der Atomstrom-Anteil 2020 fast in gleicher Höhe (39,1 Prozent).

Statt eines europäischen Ausstiegs, von dem die FAZ weiß, findet in der EU sogar ein Ausbau des Kernkraftwerkparks statt. Laut Euratom bauen Finnland und Frankreich gerade je einen Reaktor, Slowenien zwei. Geplant sind in Tschechien, Bulgarien und Finnland je ein neuer Reaktor, in Ungarn und Rumänien je zwei.
In ganz Europa – und diesen Rahmen setzte die Zeitung ja – sieht das Bild noch etwas anders aus. Russland betreibt insgesamt 39 Reaktoren, die meisten davon in seinem europäischen Teil, Ukraine 15, Großbritannien ebenfalls 15.

Fazit: Erneuerbare Energien tragen in der EU nur zu einem Fünftel zur Gesamtenergieproduktion bei. Der überwiegende Teil der Energie wird nach wie vor aus fossilen und nuklearen Quellen erzeugt. Ein „Ausstieg aus Kernkraft und Mineralöl“, wie ihn das Blatt in seiner Überschrift suggeriert, findet deshalb in der EU auf absehbare Zeit nicht statt. In Europa schon gar nicht. Im Gegenteil: Etliche Länder erweitern ihre Nuklearkapazitäten. Mit Frankreich setzt ein zentrales Land der EU ganz überwiegend auf Atomkraft, und hat auch nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.

Wie kommt nun die „Zeitung für Deutschland“ überhaupt zu ihrer kontrafaktischen Behauptung? Ziemlich weit unten in dem Text heißt es: „’Europa hat zu Beginn eines Jahrzehnts globaler Klimaschutzaktivitäten einen Meilenstein erreicht’, lobte Dave Jones, Stromanalyst bei Ember und Hauptautor des Berichts. ’Das rasante Wachstum von Wind- und Solarenergie hat die Kohle in die Knie gezwungen.’ Das sei indes erst der Anfang, denn Europa wolle ganz aus der Kohle- und Gasverstromung aussteigen, müsse Kernkraftwerke ersetzen sowie den steigenden Bedarf an Ökostrom für Elektroautos, Wärmepumpen und Elektrolyseuren zur Wasserstofferzeugung decken.“

Die Behauptung „Europa steigt aus der Atomkraft aus“ in der Überzeile schrumpft also sehr viel später in dem Artikel zu der Forderung eines Mitarbeiters einer aktivistischen Klimapolitik-Agentur, „Europa“ solle das tun.
Dessen Forderung modelt die FAZ zu einem objektiven kontinentalen Prozess um – und verzichtet dabei auf jede Realitätsüberprüfung.

Quelle

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