Söder bei Illner: „Alles hat nur funktioniert, was wir getan haben“

Der Prinzregent und die Arroganz der Macht

Von Elisa David

Bei Illner wird wieder mal in dramatischen Worten vor einem „verfrühten“ Ende des Lockdowns gewarnt. Der bayerische Ministerpräsident ist dabei so restlos von seinen eigenen Verbiegungen überzeugt, dass er sich irgendwann verplappert.

Screenshot ZDF: Maybrit Illner

Zur Impfung und zum Lockdown hat man bei Illner jetzt schon alles gesagt – dachte ich zumindest. Es wurde schon über Vertrauen und Verantwortung, Lagerung und Beschaffung, Wirkung und Erwartungen diskutiert. Aber noch nicht mit dem Phönix, der dank Corona aus der Asche der Unbedeutung auferstanden ist und nun scheinbar jede Chance nutzt, um totalitäre Phantasien auszuleben – die Rede ist natürlich von Markus Söder. Nein, er hat sich gestern Abend in der Sendung „Keine Impfung, keine Lockerungen – planlos in den Frühling?“ noch nicht zum Prinzregenten ausgerufen, aber den dritten Lockdown in Aussicht gestellt.

Markus Söder hat aus den Vorwürfen, die sein Talkshowmarathon-Sportsfreund Lauterbach gemacht hat, scheinbar gelernt und war deshalb nur zugeschaltet. So kann ihm ja keiner vorwerfen, er würde sich nicht an den 15km Radius halten oder zu nah an andere Menschen ohne Maske kommen. Gegen den Effekt, den die digitale Anwesenheit sehr oft auf die Gäste hat – dass man sie glatt vergessen könnte, weil sie kaum reden – war er immun. Er schwebte stetig und ständig über den anderen im Studio, ihn auszublenden war einfach unmöglich. Nicht zuletzt auch wegen der ängstlichen Erwartung, was er jetzt wohl als nächstes sagen könnte. In den letzten Monaten hat er die Latte hoch gehängt in der Frage „Was darf Realsatire“ und er trat gestern in einem Heimspiel als der ungeschlagene Champion an.

Der Prinzregent und die Arroganz der Macht Und so lieferte er auch heute Zitate für das Poesiealbum des Grauens. Mit dabei zum Beispiel „Es ist nicht entglitten, wir haben es unter Kontrolle.“, „Man kann mit Corona keinen Deal machen“ oder „Alle anderen Strategien, die immer wieder diskutiert wurden, haben alle nicht funktioniert. Die einzige Strategie war: Kontakte ‚runter, Mobilität ‚runter.“ Vorschläge z.B. der FDP hätten nicht funktioniert. Moment, habe ich was verpasst? Wann genau wurden denn eigentlich alternative Strategien zum Lockdown umgesetzt, dass sich zeigen konnte, dass sie nicht funktionieren?

Söder ist so in seinem Element, dass ihm schließlich rausrutscht, was er wohl wirklich denkt: „Alles hat nur funktioniert, was wir getan haben“.

Ebenfalls ein Highlight war Söders Ausspruch: „Die Opfer der Pandemie sind zunächst mal diejenigen, die verstorben sind“. Das sagte er direkt, nachdem er über die Maßnahmen „Verständnis, dass es nervt“ zeigte. Betonung liegt auf nerven, das Wort wird er an diesem Abend immer wieder wählen.

Umdenken? Ganz im Gegenteil – bevor man überhaupt absehen kann, wann dieser Lockdown vorbei ist, droht er schon den nächsten an. Söders optimale Lösung: Alle Menschen einsperren, die Wirtschaft vor die Wand fahren und trotzdem hohe Corona-Zahlen im Land. Alles hat schließlich nur funktioniert, was wir getan haben.

Söder war mit seinem großen Lockdown-Märchen nicht alleine, er hatte Fußvolk mit dabei. Peter Tschentscher, SPD-Bürgermeister von Hamburg, ist einer davon. Er wurde von Frau Illner als „aus München“ vorgestellt, was vielleicht ein Freudscher Versprecher oder eine unterschwellige Vorahnung für das gewesen sein mag, was noch folgen sollte. Er stellt sich die Frage, wann man den ersten Schritt der Lockerungen wagen soll und ist sich sicher: der ist noch nicht gekommen. Seine Argumentation ist dabei ähnlich wie die Androhung des dritten Lockdowns von Söder. Denn ja, wir sind schon mancherorts unter der 50er Inzidenz, die eigentlich als Ziel gesetzt wurde, aber jetzt ist noch „zu wenig Spielraum für Lockerungen“. Denn er ist der Ansicht, dass ein Rückfall „zu noch größerer Enttäuschung führen“ würde. Sicherlich würde es Enttäuschung verursachen, schon wieder in den dritten Lockdown zu gehen. Das beste Argument für den Lockdown ist schließlich: Ohne den nächsten gäbe es später zwei Lockdowns. Na dann müssen wir ihn ja verhängen …

Schröder gegen Schroeder und Söder vorneweg

Ebenfalls in der Lockdown-Front: Die zugeschaltete Jana Schroeder, Fachärztin und Virologin. Sie spricht monoton, aber mit kindlicher Überzeugung und schaut die halbe Zeit runter, so als würde sie ablesen, was wahrscheinlich auch der Fall ist. Sie erklärt alles in ganz einfachen Sätzen, formuliert sämtliche Sätze mit dem Verb „machen“, selbst wenn es unpassend ist, benutzt Umschreibungen wie „Kaugummilockdown“. Während man den anderen Virologen, die bisher so bei Illner auftraten, wenigstens eine gewisse Seriosität im Auftreten zusprechen konnte, wirkt sie ziemlich unsicher. Als sie eine Schleife nach der anderen aufmacht und irgendwas erläutern tut machen will, was niemand verstehen machen tun tut, unterbricht sie Illner flunkernd: „Wir haben alles verstanden was Sie gesagt haben“ und übergibt an den nächsten Gast. Dinge verständlich rüberzubringen, ist keineswegs etwas schlechtes, aber die Zielgruppe ihrer Formulierungen dürfte um 22:15 Uhr schon im Bett sein.

Auch anwesend war Stephan Pusch, (CDU) Landrat im Kreis Heinsberg. Der sich vielleicht wünschte, stattdessen lieber im Bett zu sein. Er polterte herum und fragte sich, ob es statt Lockdown und voller Lockerung nicht noch einen dritten Weg gäbe. Er gab sich mit wenig zufrieden, forderte, dass die Schulkinder ihre Lehrer doch wenigstens zwischendurch mal wieder sehen könnten, „es geht ja nicht darum, die Klassen wieder voll zu machen“.

Aber Kristina Schröder, ehemalige Bundesfamilienministerin war ja auch noch da. Unerwarteter Weise muss ich sagen, dass ich froh darüber bin. Sie hat nicht vehement gegen alle andiskutiert, aber sie hat etwas zur Sprache gebracht, was mir in der Debatte um den Lockdown schon lange fehlt, nämlich die Aufmerksamkeit für die Opfer des Lockdowns – insbesondere Schulkinder und Familien. So wie offensichtlich die psychischen Folgen, die Menschen, die wirtschaftlich vor dem Ruin stehen, die Folgen, die das für die Bildung hat und auch dass die Fälle von Magersucht bei jungen Menschen ansteigen – einer Krankheit mit Sterberate von 10 bis 15 Prozent.

Der Prinzregent und die Arroganz der Macht Sie kritisiert, dass Politiker „immer nur in Lockdown-Logiken denken“. Statt auf Techniken aus dem Mittelalter zurückzugreifen, wünscht sie sich Mittel der Neuzeit, um mit dem Virus umgehen zu lernen. Immer nur diese eine Wahl: Lockdown ja oder nein, ist etwas, was mich und sicher auch viele andere an den Maßnahmen besonders ärgert. Wir haben ein ansteckendes Virus? Gut, dann sperren wir eben alle ein, dann kann sich niemand mehr anstecken. Die Folgen wurden am Anfang nicht ausreichend bedacht und werden jetzt ignoriert.

Obwohl man mit dem Lockdown überfordert ist und seine Wirkung sich weder in der Praxis noch in Studien so wirklich abzeichnet, will man einfach weiter machen. Man wolle nichts überstürzen, so als ob die panische Verriegelung eines ganzen Landes nicht eine Überstürzung sondergleichen wäre. Alle anderen Methoden (die nie ausprobiert wurden) sind gescheitert, nur der Lockdown funktioniert (der seit einem Jahr versagt).

In dieser Debatte streiten sich Frau Schröder mit ö und Frau Schroeder mit oe über Maßnahmen und Möglichkeiten, und die Außenseiterin ist nicht etwa die Ärztin, von der man noch nie was gehört hat, die kaum einen graden Satz heraus bekommt, und sich nur auf ihr Fach beschränkt, während sie ihre Umwelt gänzlich außer acht lässt. Nein, die Außenseiterin ist die ehemalige Ministerin, die es wagt, nicht einfach nur auf schöne Zahlen zu schauen, sondern auch auf Nebenwirkungen. Jetzt sieht man Söder, den Politiker von heute, und Schröder, die Politikerin von gestern, und man muss feststellen: was für ein Niedergang.

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