Warten auf Mutante, Messias und Erlösung bei Maischberger

Der heilige Inzidenzwert sinkt

Von Sofia Taxidis

Politik im Corona-Zeitalter wird inszeniert wie eine Verschwörungstheorie, verschnitten mit religiösen Restbeständen. Wehe, wer gegen die immer verschärften Glaubensregeln verstößt. Exkommunikation ist die harmloseste Konsequenz.

Screenprint: ARD/maischberger die woche

Was haben Verschwörungstheoretiker mit den meisten Beamten, Funktionären, Journalisten und ZeroCovid-Anhängern gemeinsam haben? Sie hängen einem unbedingten Glauben an etwas an. Das Hinterfragen dieser Glaubenssätze führt zur Exkommunikation und Bestrafung. Nehmen wir eingangs einmal die Gruppe der extremen Verschwörungstheoretiker. Diese glauben mitunter daran, dass Donald Trump unermüdlich den großen Umsturz in Europa plant. Nun, das Datum kommt – das Datum verstreicht, das war schon bei der Errichtung des Reiches Gottes nicht anders.

Ach so, da kam wohl was dazwischen, kann passieren. Wird neu terminiert. Ein weiteres Mal wartet man frisch gekämmt am Fenster auf den großen Umsturz und die Wiederkehr des Messias. Der feste unumstößliche Glaube an dieses bevorstehende Ereignis ist ebenso unerschütterlich wie der extreme Glaube an den immer wieder neu gesetzten Inzidenzwert, an dem sich ausnahmslos jeder zu orientieren und ihm unterzuordnen habe, der R-Wert, Mutante, neue Mutante, Turboviren, Impfstoff. Der Großteil der Menschen wird in diesem immer weiter in die Länge gezogenen und nicht enden wollenden Ausnahmezustand immer mehr zerrieben. Oder man macht einfach, was man will. Das allerdings ärgert dann die Gotteswarter.

Die gefühlt millionste Talkshow zieht herauf und dann auch wieder ab. Frisch gekämmt sitzt Anna Mayr aus dem Hauptstadtbüro der ZEIT am Tresen bei Maischberger. Links neben ihr Anette Dowideit, Ressortleiterin Investigativ/Reportage bei Welt und rechts von Frau Mayr der TV-Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt.

Machtverhältnisse verschieben sich

Gestern haben sich die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin erneut in Berlin zusammengefunden, um über das weitere Vorgehen zu beraten und die Entscheidungen über weitere Corona-Maßnahmen dann wie gewohnt dem allerdings immer ungeduldiger werdenden Volk zu verkünden. Eine sichtlich angegriffene Merkel trat dort am Abend vor die Kameras und konnte weder die alte Fassung noch die alten Vorhaben wiederfinden, mit denen sie in die Ministerpräsidentenrunde gegangen war. Etwas später wird Hubertus Meyer-Burckhardt dies als Machtverschiebung von Merkel hin zu den Ministerpräsidenten erklären. Früher nannte man des Astrologie, später Kremlogie, heute öffentlich-rechtlichen Journalismus. Ganz früher Glaube an den Messias und Theologie.

Nun gut, ein weiteres Mal wird der Lockdown verlängert, dieses Mal bis zum 7. März. Aber wir kennen den Spaß, Anfang März wird denen vermutlich wieder etwas Neues einfallen oder eine skandinavische Mutation eine erneute Verlängerung wieder ganz unvermeidlich erzwingen. Das war – schon bei der Wiederkehr des Messias so. Messias gibt es nur einen. Mutationen millionenfach. Keine gute Aussicht also, dann lieber Messias.

Karl Lauterbachs Humor

Auch wenn Karl Lauterbach völlig unerwartet mal nicht physisch in einem Talkshow-Studio anwesend sein kann, sondern woanders übernachtet hat, schafft er es trotzdem, wie ein Geist über allem zu schweben. Meyer-Burckhardt steigt ein mit einem kleinen Gruß an den umtriebigen SPD-Gesundheitsexperten. Der hätte mit seinen Prognosen immer recht gehabt. Donnerwetter, die Sendung hat gerade erst angefangen und der dicke Klopper kam schon bei Minute 1. Eigentlich kann ich den Laden hier schon zumachen, denke ich kurz.  

Anette Dowideit hat mit ihrem Kollegen Alexander Nabert den wichtigsten Recherche-Text der vergangen Tage vorgelegt: „Innenministerium spannte Wissenschaftler für Rechtfertigung von Corona-Maßnahmen ein“. Sehr schade, dass ausgerechnet über den Inhalt dieses wichtigen Beitrags während der Sendung dann nicht gesprochen wird. Wird neu terminiert (kommt mit dem Messias?). Man lädt jetzt Journalisten ein, um mit ihnen über genau jene Themen nicht zu reden, die wichtig wären.

Für Anna Mayr von ZEIT „gibt (es) echt keine guten Argumente mehr dagegen, alles zu schließen. Denn alles so zu lassen wie jetzt, macht viel mehr kaputt“ und meint damit das Konzept von ZeroCovid.  Während Anette Dowideit der Meinung ist, dass man massive Grundrechtseingriffe auch wirklich gut begründen müsse, setzt Anna Mayr entgegen, dass es auch „ein Grundrecht auf Gesundheit und beschützt werden“ gibt. „Geld ist wirklich überbewertet in so einer Situation.“ Überhaupt sagt Frau Mayr an dem Abend einiges Wunderliches, was gleichsam einen erhellenden Einblick in die geistige Gated-Community-Welt von vielen Journalisten gibt, die ganz gerne füreinander schreiben und senden, mit der Lebenswirklichkeit eines normalen Menschen, der in der freien Wirtschaft sein Geld verdienen muss, aber sonst keinerlei Überschneidungen mehr haben. 

Öffnung eine autoritäre Geste

„Es macht keinen Sinn, in einem strikten Lockdown zu verharren bei gleichzeitig sinkender Bereitschaft der Bevölkerung mitzumachen.“ Mit diesem Zitat von Sebastian Kurz wird rüber nach Österreich geblickt und zu den ersten Öffnungen in der letzten Woche. Hierzu stellt Anna Mayr fest, dass sie das für eine „recht autoritäre Geste“ von Sebastian Kurz halte. Äh, Moment, wie war das, bitte, selbst Sandra Maischberger guckt da lieber noch mal etwas fragend nach. Ja, das sei ähnlich, als wenn kleine Kinder auf die heiße Herdplatte fassen sollen und dann könnten die mal sehen, was dann passiert. Also die Leute gehen wieder raus, weil sie ihr Leben wieder aufnehmen wollen, stecken sich an, landen auf Intensiv und dann können sie mal sehen, was sie davon haben, dass sie mal wieder ihr Leben wiederhaben wollten. Wenn die Öffnung von Sebastian Kurz für Anna Mayr recht autoritär ist, entspricht Angela Merkels Lockdown-Verlängerung offensichtlich ihrem Grundrecht auf Gesundheit. Vielleicht muss Herr Kurz aber einfach nur mehr duschen. Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Twitter angezeigt werden.

Nach dem Blick nach Österreich geht es vom Herzblatt-Tresen wieder in die Ecke mit den Sesselchen. Hier warten dieses Mal der Intensivmediziner Professor Uwe Janssens und der Oberbürgermeister von Tübingen Boris Palmer. 

Die Unterhaltung zwischen Jannsens und Palmer ist konstruktiv. Beide vertreten unterschiedliche Meinungen. Jannsens gibt durch sein tägliches Erlebtes einen für jedermann nachvollziehbaren Wunsch und seine Empfehlung, den Lockdown zu verlängern; auf der anderen Seite sieht er auch die zunehmende Not der Menschen, die sich daraus für deren tägliches Leben und die Sorge um Arbeitsplatz bzw. -verlust ergibt und weiter erwächst. 

Die Inzidenzzahlen

Uwe Janssens gehört zu den Befürwortern einer möglichst niedrigen Inzidenzzahl, die er mit 10 beziffert. Bei weiteren Öffnungen müsse die Gesellschaft akzeptieren, dass es mehr Sterbefälle geben wird. In Köln seien bereits 20% der Corona-Fälle solche mit Mutationsvariante. Palmer hätte gerne ab Februar wieder kontrolliert geöffnet, in Tübingen liegt die Inzidenz bei 30. „Wir haben Triage“, sagt Palmer, „und zwar in der Kinder- und Jugendpsychiatrie“. Die Schäden, die der Lockdown an Kindern und Jugendlichen verursacht, sind katastrophal.  

Palmer führt an, dass die massiven Grundrechtseingriffe nicht weiter gerechtfertigt seien, dass man die Anzahl der belegten oder freien Intensivbetten an die Härte der Eingriffe koppeln könne. Andere Länder mit Inzidenz um die 200 hätten bereits gelockert, auch in Europa. Janssens entgegnet, dass man hier nicht weiterhin davon ausgehen solle, dass freie Intensivbetten auch weniger Auslastung bedeuten, Patienten mit anderen intensivmedizinischen Krankheitsfällen müssten konstant betreut werden. 

Das Pflege- und Krankenhauspersonal beschreibt er als völlig überlastet. Boris Palmer bemerkt, dass es hier bereits vor der Pandemie eine Schieflage gegeben habe.  

„Tests, Tests, Tests!“

Jannsens sieht es mit Sorge, z.B. am Beispiel Wien, dass wenn die Geschäfte wieder öffnen, die Menschen wieder herbeiströmen, als sei die Coronagefahr gebannt. Und könnten dabei dann auch gleich in die viel ansteckendere neue Virus-Variante hineinrennen. 

Palmer und Jannsens stimmen überein, dass bei Lockerungen und Öffnungen deutlich mehr getestet werden müsse: „Tests, Tests, Tests!“ Diese müssen flächendeckend und verpflichtend sein. Bisher seien immer noch nur 1/3 der Gesundheitsämter digital miteinander vernetzt. Der Rest faxt noch, wenn die Brieftauben nicht fliegen und hat am Wochenende Feierabend.  

Vor zwei Wochen wurde noch der Oberbürgermeister von Rostock gelobt, der mit Willen, guter Organisation und Maßnahmen die 7-Tages-Inzidenz in seiner Stadt auf 50 senken konnte. Die 7-Tages-Inzidenz in Boris Palmers Tübingen liegt bei 30. Als „Macher“ lobt ihn selten jemand, vermutlich könnte er ein Allheilmittel gegen Corona, Haarausfall  und Krebs gleichzeitig erfinden, seine Grünen würden dennoch kein einziges gutes Haar an ihm lassen. 

Wirksamkeit der Impfstoffe

Aus Boston zugeschaltet wird Tal Zaks, Arzt, Onkologe und Chefmediziner von Impfstoffhersteller Moderna. Die Entwicklung der Mutationen betrachte man mit Sorge, dass sich die Varianten schneller verbreiten und nach Impfung vom Immunsystem dann trotzdem nicht gut erkannt werden könnten, erzählt Herr Zaks vor zwei großen aufstellten Bildern im Hintergrund. Die Schlüsselfrage sei momentan, ob die neuen Varianten zuvor Erkrankte oder Geimpfte neu infizieren. Wenn dies der Fall wäre, das wäre das Schreckliche. Man habe in der Entwicklung des Impfstoffs aber antizipiert, dass dieser auch gegen neue Varianten wirksam ist. Vielleicht nicht ganz so wirksam wie gegen die Originalvirenstämme, aber immer noch wirksam. So weit, so gut. Man wird sehen, was im März die Mutante du jour ist.

Und wir warten weiter auf den Messias, und darauf, dass irgendjemand Angela Merkel ablöst. Bis dahin werden die Glaubensregeln verschärft und Nicht-Gläubige bestraft.

Quelle

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