Die Querdenker und der merkwürdige Anschlag auf einen ICE

Von Roger Letsch – 12. Februar 2021

Was heutzutage so alles als Anschlag durchgeht. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Menschen nach mehreren Monaten Lockdown tatsächlich durchdrehen und Dinge tun, bei denen man nur verwundert den Kopf schütteln kann. Zum Beispiel einen ICE zum Entgleisen zu bringen. Der Focus berichtete: „Am Dreikönigstag verüben Unbekannte einen Anschlag auf einen ICE bei Schweinfurt. Der Schnellzug muss in der Folge notbremsen. Jetzt scheint die Polizei die Tatverdächtigen ermittelt zu haben: Es handelt sich um Corona-Gegner.“

Das Wording ist hier entscheidend. „Corona-Gegner“ wird hier synonym für „Corona-Leugner“ verwendet. Klingt seltsam, oder? Darf man jetzt nicht mal mehr gegen Corona sein? Das wären schlechte Nachrichten für Söder und Lauterbach!

Doch warum sollen es die sogenannten „Querdenker“ ausgerechnet auf einen ICE abgesehen haben? Lesen wir weiter im Focus. „Die bisher erlangten Erkenntnisse zu der Tat deuteten „stark darauf hin”, dass es eine Protestaktion von Gegnern der Corona-Maßnahmen gewesen sei…“. Also doch kein Anschlag, sondern eine Protestaktion? Was genau war passiert? „Am Dreikönigstag hatte ein aus Schweinfurt kommender ICE zwischen Waigolshausen und Gemünden eine Notbremsung einleiten müssen, nachdem er eine zwischen Holzlatten gespannte Plane überfahren hatte.“

Dieser Satz enthält zwei interessante Informationen. „Am Dreikönigstag“ ist die Sache passiert, also am 6.1. und damit fünf Tage her, gerechnet vom Erscheinen des Artikels. Eine lange Zeit des Schweigens für eine terroristische Aktion, eine angemessene, wenn es sich schlicht um einen Unfall mit einer „zwischen Holzlatten gespannten Plane“ handelte.

Eine Plane also. Ob die vielleicht bedruckt war? Und zwischen Holzlatten gespannt? Hat es nicht mal zu ordentlichen Balken oder quergelegte Bäume gereicht? Das klingt doch alles stark nach einem simplen Transparent, das ursprünglich in der Nähe der Gleise aufgestellt war und sich inhaltlich mit Protest gegen die Corona-Maßnahmen befasste, zumal die Presse erwähnt, dass „in Tatortnähe“ weitere derartige Konstruktionen gefunden wurden.

Ob nun der Wind, die Querdenker oder vielleicht doch eher die Gegner der Querdenker das Transparent auf die Gleise beförderten, ist jedoch unklar. Dass es sich bei diesem Furz, den die Medien gern zum Fackelzug aufblasen würden, tatsächlich um einen Anschlag handelte, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Wie die Polizei so schnell Ermittlungserfolge vorweisen und ein Ehepaar aus Bad Kissingen ermitteln konnte, können wir nur vermuten. Doch ist es nicht wahrscheinlich, dass auf der ominösen „Plane“ neben verboten regierungskritischen Parolen auch eine Webadresse oder sogar eine Telefonnummer stand? Ja, so sind sie, diese Querdenker. Sie melden ihre Demos ordnungsgemäß an und hinterlassen an den Tatorten ihrer „Anschläge“ stets eine Visitenkarte! Ein Wunder, dass die Schreiberlinge bei Focus, DLF oder Tagesspiegel mit Brettern vor den Köpfen überhaupt Latten auf Gleisen sehen konnten. Kritisch hinterfragen können sie jedenfalls nicht.

Keine Bilder

Interessant ist, dass es so gar keine Bilder vom „Anschlag“ gibt. Würde der Anblick eines Transparentes das mediale Wortgebimmel aus „Anschlag“, „Hauptverdächtiger“, „Spuren“ und „Tatort“ etwa ad absurdum führen? Nur damit wir uns richtig verstehen: Fremdkörper auf Gleisen sind kein Spaß, schon gar nicht für den Lokführer, der in diesem Fall den ICE notbremsen musste. Und natürlich muss man das untersuchen. Doch warum gleich der klare und alleinige Terrorbezug, wo selbst bei echten Terroranschlägen mit Todesopfern traditionell „in alle Richtungen“ ermittelt wird und die Presse gebetsmühlenartig vor Pauschalisierungen und Vorverurteilungen warnt?

Der Tagesspiegel ist sogar so unverschämt, die Worte „36-jähriger Tatverdächtiger“ mit einem Artikel vom Vortag zu verlinken, in dem Söder vor den Gefahren einer „Corona-RAF“ warnt. Nach dieser Anschmutzung ist die Presse nur noch einen Joint davon entfernt, den Vorfall bei Schweinfurt zur Terrorattacke der RAF 2.0 hochzufiedeln. Eine Nummer kleiner hat man’s wohl nicht.

Doch so wie die Presse sich in Mutmaßungen und Verdächtigungen ergeht, kann ich natürlich auch mal vermuten, wie es weiter gehen wird. Und ich vermute, man wird sich aus der Sache einfach herausschleichen, falls nicht tatsächlich ein echter Anschlag dahintersteckt, für den es schon etwas mehr als ein paar Latten und eine Plane bräuchte. Vielleicht wird es eine kleine Meldung geben, man wird vielleicht von „ausgeräumten Vorwürfen“ sprechen oder von „eingestellten Ermittlungen“. Der Alarmismus vom „Anschlag“ und „Corona-RAF“ ist dann längst verhallt und bleibt nur noch als vage Erinnerung an eine Bedrohung durch Regierungskritik in den Köpfen der Leser. Vielleicht ist ja genau das beabsichtigt.

Quelle

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