Hiebe, Hohn und Häme. Warum wir nicht normal sind.

Von Wolfgang Herles

Nichts zeigt klarer, wie abnormal dieses Land geworden ist, als die Tatsache, dass seine Bewohner nicht mehr wissen, was einmal normal gewesen ist. Merkel hält es für normal, dass der Mensch nicht frei ist. Hat sie so gelernt.

Der Deutsche ist leicht zu manipulieren. Das ist eine Binse. Ein paar Tage Vorfrühlingsgezwitscher, und schon berauscht ihn die Hoffnung. Er verwechselt drei Tage Sonnenschein mit dem Ende der „Maßnahmen“. Der brave Bürger beginnt zu vergessen und müht sich sehr, die zu verstehen, die ihn noch immer gängeln, entmündigen und alles nehmen, was einmal normal war. Sport, Singen, Begegnungen, Einkaufen, Essen gehen, Reisen, Konzerte, Feste. Nur Wählen gehen soll er noch. Die Merkelpolitik abnicken. Er akzeptiert das Lebensfeindliche, Abnormale als Normalität.

I.

Normalität ist das Selbstverständliche, das nicht erklärt werden muss. Merkel erklärt nichts, weil sie es für normal hält, dass der Mensch nicht frei ist. Hat sie so gelernt. So bremst sie nach Kräften die Rückkehr zu allem, was ihr noch nie ganz geheuer war. Natürlich ist der Grundrechtsentzug alles andere als normal. Für Psychologen ist jemand normal, der ein erwünschtes, förderungswürdiges Verhalten zeigt – im Gegensatz zum unerwünschten, abweichenden, gestörten Verhalten. In diesem Sinne sind für sie und ihresgleichen alle gestört, die nichts anderes wollen, als wieder normal sein. Jeder, der ihren Kurs für nicht normal hält, wird für nicht normal gehalten. Nichts zeigt klarer, wie abnormal dieses Land geworden ist, als die Tatsache, dass seine Bewohner nicht mehr wissen, was einmal normal gewesen ist.

II.

Die meisten Deutschen halten einen Termin beim Friseur für einen Gnadenerlass. Und lassen sich einreden, geöffnete Blumenläden brächten das Land wieder zum Blühen.

III.

Die Deutschen halten einen Spaziergang im Freien schon für eine Freiheitsbewegung. Und ein paar Kniebeugen für einen Aufstand. Sport ist Mord – wir haben es immer gewusst. Deshalb bleibt er verboten.

IV.

„Jetzt machen sie schlapp“, sagen die Politiker, wenn die Leute nicht mehr stramm stehen.

V.

Man hat uns die Knie zerschlagen. Nun freuen wir uns darüber, dass die Regierung Rollstühle verspricht. Bis Herbst, garantiert, bekommt jeder eine Einladung zum Probe-Sitzen.

VI.

Wie schön, dass uns die Fesseln gelockert werden. Jetzt muss man sie nicht mehr abnehmen.

VII.

Die Republik bekommt ein neues Wappen. Der Adler fliegt raus. Fliegen verboten. An seiner Stelle: Die Karotte, die man uns vor die Nase hält.

VIII.

Wir haben schon immer Wahlgeschenke akzeptiert, die man uns vorher gestohlen hat. Nun hat man uns die Freiheit gestohlen. Die gibt es nur als Gutschein zurück.

IX.

Für das Totalversagen der Obrigkeit gibt es ein neues Wort. Wir sind „überorganisiert“ (Schäuble). Wer überorganisiert, kann keinen Fehler machen. Er kann es nur allzu gut meinen. Er ist kein Idiot, sondern ein verkanntes Genie. Was einmal von verkannten Genies überorganisiert worden ist, muss dankbar begrüßt werden. Die regierenden Vollidioten sind keineswegs stur und unbelehrbar, sie sind nur hyperkonsequent.

X.

Was wären wir ohne unseren Goethe. „Zum Augenblicke durft’ ich sagen / Verweile doch, du bist so schön.“ Doch leider befindet sich Faust gerade in einem „Verweilverbotsgebiet“, weshalb die Düsseldorfer Stadtverwaltung (also Mephisto) ihn verspottet: „Den letzten, schlechten, leeren Augenblick / Der Arme wünscht ihn fest zu halten.“ Das ist es, was Vater Staat noch zu bieten hat, wenn der Bürger wie ein Kind am Rockzipfel von Mutter Natur hängt: Hiebe, Hohn und Häme: Reißt euch gefälligst zusammen, ihr Rotzlöffel!

XI.

„Du bist nicht normal!“, höre ich immer öfter. Mein neues Lieblingskompliment.
Du bist nicht normal, bedeutet: Du bist nicht verkehrt. Du bist noch nicht umgedreht.
Wer jetzt nicht normal ist, wird es nimmermehr. Ja, so absurd sind die Zeiten.

Quelle

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