Propaganda bei T-Online: Wie Leser von Interviews mit „Experten“ getäuscht werden

Auf T-Online ist ein Interview mit Anne Appelbaum erschienen, in dem sie vor Putin und vor einem Zusammengehen von Deutschland und Russland warnt. T-Online preist das als Interview mit einer Historikerin an und verschweigt seinen Lesern die entscheidenden Informationen.

Anne Appelbaum ist mir bereits hinlänglich bekannt, weshalb ich, als ich das Interview gesehen habe, sofort hellhörig geworden bin. Der Artikel bei T-Online trägt jetzt die Überschrift „Bedrohung der Demokratie – „Boris Johnson ist kein Autokrat, aber er nutzt die gleichen Mittel“.“ Aber ursprünglich trug es eine andere Überschrift, die T-Online dann aber geändert hat. Wahrscheinlich war sie der Redaktion zu plump, denn sie lautete „Historikerin im Interview – Die Deutschen ahnen nicht, wie gefährlich Putin ist.“

Es ist ungewöhnlich, dass deutsche Medien die Überschriften ihrer anti-russischen Artikel entschärfen, ich habe an vielen Beispielen des Spiegel aufgezeigt, dass der Spiegel in der Regel umgekehrt vorgeht und zunächst recht neutral gehaltene Überschriften im Nachhinein verschärft. Mich würde wirklich interessieren, warum die Redaktion von T-Online die Überschrift im Nachhinein „entschärft“ und den bösen Putin aus ihr entfernt hat.

In dem Interview holt Appelbaum zu einem Rundumschlag gegen alle aus, die sie als „Rechte“, „Populisten“, „Autokraten“ und ähnliches bezeichnet. Es ist ein klassisches Interview zur Untermauerung der Thesen des transatlantischen Mainstream und daher nicht sonderlich interessant. Interessant ist, was T-Online seinen Lesern verschweigt. In dem Artikel wird Appelbaum in einem Infokasten folgendermaßen vorgestellt:

„Anne Applebaum, geboren 1964 in Washington, D.C., ist Historikerin und Journalistin. Sie arbeitete für renommierte Blätter wie „The Economist“ und „The Spectator“, derzeit ist Applebaum Autorin für „The Atlantic“. Zudem lehrte sie an zahlreichen Hochschulen wie Yale, Harvard, Oxford und Cambridge. Die Osteuropa-Expertin ist Autorin verschiedener Bücher, für ihr Werk „Der Gulag“ von 2003 hat Applebaum den Pulitzerpreis erhalten. Am 12. März erscheint ihr neues Buch „Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist“ auf Deutsch.“

Der interessierte Leser erfährt, dass es sich bei Appelbaum um eine echte Expertin handelt, die für bekannte Medien geschrieben, an den besten Hochschulen der Welt gelehrt und viele Bücher geschrieben hat. Sie muss also eine wirklich sehr gute Expertin und ihre Meinung muss entsprechend fundiert sein.

Was T-Online seinen Lesern verschweigt

Ich kenne Appelbaum schon, aber der deutsche Leser wird es schwer haben, herauszufinden, wer sie ist. Im deutschen Wikipedia zum Beispiel fehlt jeder Hinweis darauf, dass diese Dame nicht nur Historikerin, sondern eine bestens vernetzte Transatlantikerin und sogar direkt an die US-Regierung und die US-Geheimdienste angebunden ist. Diese Informationen findet der informierte Leser bei Wikipedia nur, wenn er sich den englischen Artikel über sie anschaut. Dort nämlich kann man lesen, dass Appelbaum unter anderem nicht nur Mitglied beim Council on Foreign Relations ist, sondern sogar im Vorstand des National Endowment for Democracy (NED) sitzt.

Ich habe bewusst „informierte Leser“ geschrieben, denn die meisten werden kaum wissen, was das bedeutet oder was das NED ist. Also will ich das erklären.

Das Council on Foreign Relations

Vom Council on Foreign Relations dürften vielen gehört haben, es ist ein transatlantischer Think Tank mit enormem Einfluss auf die US-Politik, und es hetzt auf allen Ebenen gegen die von Washington zu Feinden erklärten Staaten. Und es sagt in Studien auch gleich, wie die US-Politik gegenüber diesen Staaten aussehen sollte. Das Council on Foreign Relations entscheidet wohl auch selbst, wer denn die Feinde Washingtons sind. Das ist nicht meine Fantasie, das hat die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton selbst 2009 in einer Rede gesagt. Damals sagte sie vor dem Council on Foreign Relations, es wäre gut, dass das Council nun ein Büro direkt um die Ecke vom US-Außenministerium eröffnet hat, denn:

„Wir bekommen eine Menge Ratschläge vom Council und das bedeutet, ich muss nicht mehr so weit laufen, um erzählt zu bekommen, was wir tun sollten und wie wir über die Zukunft denken sollten.“

Hillary Clinton admits the CFR gives the Orders

Und Appelbaum gehört zu jenen, die dem US-Außenministerium erzählen, was es tun sollte und wie es über die Zukunft denken sollte. Sie ist eine von denen, die die US-Außenpolitik definieren, sie ist keine neutrale Expertin und Historikerin, wie T-Online es für seine Leser darstellt. Aber das erfahren die Leser von T-Online ja nicht.

Das National Endowment for Democracy (NED)

Noch eindeutiger ist es beim National Endowment for Democracy, von dem die wenigsten in Deutschland je gehört haben. Das National Endowment for Democracy ist ein klassisches Beispiel für „NGOs“, die keine sind. Wir müssen uns daran erinnern, dass „NGO“ „Nicht-Regierungsorganisation“ bedeutet. Aber wie kann man von einer Nicht-Regierungsorganisation sprechen, wenn die Organisation von einer Regierung gegründet wurde und von ihr finanziert wird?

Das National Endowment for Democracy (NED) ist eine US-amerikanische Stiftung mit dem erklärten Ziel der weltweiten Förderung der Demokratie. Es wurde 1983 vom US-Kongress in Washington gegründet und erhält von diesem für seine Arbeit eine jährliche Finanzierung aus dem US-Bundeshaushalt.

Nicht in allen Fällen haben die Aktivitäten des NED zu demokratischen Veränderungen geführt, das NED war offensichtlich schon zufrieden, wenn mit seiner Hilfe pro-amerikanische Regierungen an die Macht kamen, sodass danach das Ziel der „Förderung der Demokratie“ nicht weiterverfolgt werden musste. Ohne allzu sehr in die Tiefe gehen zu wollen, seien einige Kritikpunkte zitiert: Der US-Politiker Pat Buchanan nannte die NED-Aktivitäten eine “weltweite Agitation für demokratische Revolutionen und Einmischung in innere Angelegenheiten anderer Länder“

Im Oktober 2003 kommentierte das Mitglied der Republikanischen Partei Ron Paul die Aktivitäten des NED wie folgt: „Das … NED ist nichts anderes als ein teures Programm, das mit dem Geld der Steuerzahler freundlich gesinnte Politiker und politische Parteien im Ausland fördert. … Was die NED in fremden Staaten unternimmt, wäre in den USA illegal. Dass NED bringt „weiches Geld“ in Wahlen im Ausland, um die eine oder andere Partei zu fördern. Stellen Sie sich vor, was ein paar hunderttausend Dollar Unterstützung für einen Politiker oder eine Partei in einem relativ armen Land ausmachen. Es ist orwellianisch zu behaupten, US-Manipulationen von Wahlen in fremden Staaten würde die Demokratie befördern. Wie würden die Amerikaner reagieren, wenn die Chinesen mit Millionen von Dollar bestimmte pro-Chinesische Politiker unterstützen würden? Wäre das eine ‘demokratische Entwicklung’?“

Das sagte Ron Paul vor 28 Jahren, heute kennen wir die Antwort auf seine Frage: Die USA machen seit Jahren einen Riesenwirbel um angebliche Einmischungen aus dem Ausland in ihre Wahlen, wenn die Wahlergebnisse nicht so sind, wie es die Eliten gerne hätten.

Auf den Punkt brachte die Arbeitsweise des NED sein Mitbegründer und ehemaliger Vorsitzender Allen Weinstein, der zur Tätigkeit des NED in einem Interview mit der Washington Post am 21. September 1991 sagte, das NED tue das, „was vor 25 Jahren die CIA verdeckt getan hat.“ Dieses Interview selbst ist leider nicht mehr im Netz verfügbar, jedoch wird es bis heute übereinstimmend von „Freund und Feind“ zitiert.

Das NED war seit seiner Gründung an allen Regimechanges der USA beteiligt und finanziert jeden, der die Gegner der USA – egal mit welchen Mitteln und Zielen – bekämpft.

Was das bedeutet

Anne Appelbaum hat beste Kontakte in die US-Regierung und zu US-Geheimdiensten, sie arbeitet sogar maßgeblich an den Entscheidungsprozessen in Washington mit. Das ist an sich nicht verwerflich, aber es ist verwerflich, wenn T-Online seinen Lesern das verschweigt. Wüssten die Leser das, könnten sie einschätzen, dass Appelbaum eine Propagandistin der US-Politik ist und würden ihre Äußerungen in dem Interview entsprechend einordnen können. Ihre Aussagen sind ja aus diesem Blickwinkel durchaus interessant und geben einen Einblick in die Ziele der USA. Nur sind sie eben keine neutrale Einschätzung einer renommierten Expertin.

Man erfährt zwischen den Zeilen sogar etwas über den Richtungsstreit in der US-Regierung, wo man derzeit streitet, ob Washington Russland oder China als Feind Nummer 1 ausrufen soll. Appelbaum ist klar dafür, Russland als Feind Nummer 1 zu beizubehalten, wie man in dem T-Online-Interview lesen kann:

„China will Geschäfte machen und seine Einflusszone ausweiten. Aber es ist nicht das eigentliche Problem. Wladimir Putin ist für Deutschland viel gefährlicher als Xi Jinping. Und für die Demokratien weltweit. Denn Russland will unsere politischen Systeme untergraben, deshalb finanziert es die extreme Rechte in Europa und betreibt Desinformation.“

Ich will mich mit der Aussage nicht inhaltlich beschäftigen, Leser des Anti-Spiegel wissen, dass diese Vorwürfe durch nichts belegt sind, man muss sie als das sehen, was sie sind: Anti-russische Propaganda, die in diesem Fall von einer Frau geäußert wird, die innerhalb der US-Regierung dafür kämpft, weiterhin Russland anstatt China als Staatsfeind Nummer 1 zu behandeln. Da bei solchen Richtungsstreitigkeiten in Regierungen auch die öffentliche Meinung eine Rolle spielt, rennen führende Personen aus Washington derzeit zu allen Medien und werben für ihre Sicht der Dinge. Genau das tut Appelbaum auch.

Gleiches gilt für diese Aussage von Appelbaum bei T-Online:

„Die Deutschen ahnen nicht, wie gefährlich Putin ist. Ich beschreibe Ihnen einfach mal die Realität: Putin will die EU zerstören, er will, dass die deutsche Demokratie scheitert. Wenn es nach ihm geht, sollen alle US-Soldaten Europa verlassen, damit er die Beziehungen zu den europäischen Staaten dominieren kann.“

Die Lüge, Putin wolle die EU zerstören, wird von den Gegnern Russlands eifrig am Leben erhalten, obwohl man gerade in Washington weiß, dass das unwahr ist. Putin sagt seit 20 Jahren offen, was er will: Er möchte eine gemeinsame kulturelle und wirtschaftliche Zone von Lissabon bis Wladiwostok. Dabei geht es nicht um Dominanz. Es geht Putin darum, gegenseitig voneinander zu profitieren: Russland würde von der Technologie Europas profitieren, Europa würde von Russlands unermesslichen Bodenschätzen profitieren.

Genau das ist der Albtraum von US-Geopolitikern wie Appelbaum, denn es würde das Ende der US-Weltherrschaft bedeuten, die man in den USA als „worldwide dominance“ bezeichnet und deren Voraussetzung es ist, dass die USA auch weiterhin Europa dominieren. Darum wettern Leute wie Appelbaum so heftig gegen Putin und Russland.

Aber Putin weiß, dass er sein Ziel nur erreichen kann, wenn die EU einig und stark ist, denn nur eine einige und starke EU hätte die Kraft, sich von den USA zu emanzipieren. Russland hat also keineswegs das Interesse, die EU zu schwächen, im Gegenteil. Das Interesse haben eher die USA, die mit der bekannten Politik von Teile und Herrsche die EU stark genug halten, damit ihre Wirtschaftssanktionen gegen Feinde der USA eine möglichst große Wirkung haben, aber die EU auch immer so weit schwächen, dass sie nicht die Kraft hat, sich von der US-Dominanz zu befreien.

Russland könnte eine EU, die stark genug ist, sich von der USA zu lösen, garantiert nicht dominieren. Daher ist es offensichtlich, dass es Putin bei seinen Ideen für die Zone von Lissabon bis Wladiwostok nicht um die Dominanz über Europa geht, sondern um eine partnerschaftliche und enge Zusammenarbeit mit Europa auf Augenhöhe.

Aber von all dem ahnen die Leser von T-Online nichts, ihnen werden Propagandisten ja als „Experten“ vorgestellt.

Quelle

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