„Deutschland ist das Hauptziel für russische Fake News“ – Was steht in dem EU-Bericht?

Heute liest man überall, dass die EU analysiert hat, dass russische Medien seit 2015 über 700 Mal Fake News über Deutschland verbreitet haben. Deutschland liege damit an der Spitze aller europäischen Länder. Aber was steht tatsächlich in dem EU-Bericht?

Der Spiegel beginnt seinen Artikel unter der Überschrift „EU-Auswertung – Darum ist Deutschland das Topziel für russische Fake News“ dramatisch und geheimnisvoll:

„Kein EU-Land wurde in den vergangenen Jahren häufiger Ziel von Falschinformationen russischer Medien als Deutschland. Das legt ein Bericht des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) nahe. Die Auswertung liegt dem SPIEGEL vor.“

Der Spiegel sagt seinen Lesern, was er für ein Super-Nachrichtenmagazin ist, immerhin liegt ihm ja die Auswertung vor. Nun, ich bin auch ein Super-Journalist, denn auch mir liegt die Auswertung vor. Und Sie werden auch zu Super-Journalisten, wenn Sie auf diesen Link klicken. Da ist nämlich die Auswertung zu lesen. Dass der Spiegel sie nicht verlinkt hat, dürfte einen Grund haben: Sie ist auf dem Niveau der Bild-Zeitung geschrieben, es ist keine Auswertung, sondern ein anti-russischer Artikel der EU-Behörde. Wir sehen uns das gleich noch genauer an.

Die Fake-News-Jäger der EU

Die „East StratCom Task Force“ des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) ist Lesern des Anti-Spiegel bereits bekannt. Diese EU-Task Force, die (russische) Fake News aufdecken soll, wurde am 1. September 2015 gegründet. Wir erinnern uns: Die Ereignisse in der Ukraine nach dem Maidan 2014 haben bei sehr vielen Menschen Misstrauen gegenüber westlichen Medien geweckt. Um diesem Misstrauen zu begegnen, hat die EU ihre Fake-News-Jäger gegründet. Das Problem der Fake-News-Jäger der EUist, dass sie offenbar keine wirklichen Fake News bei offiziellen russischen Medien finden.

Aber da ihr Auftrag lautet, russische Fake News zu finden, werden sie sehr kreativ. Als Quellen für russische Fake News führen sie Internetportale an, die teilweise nicht einmal russisch sind. Aber auch bei den russischen Internetportalen wie Newsfront, die sie gerne mal nennen, handelt es sich nicht um staatliche Medien. Es sind Blogger. Das wäre so, als wenn die russische Regierung Artikel vom Rubikon oder den Nachdenkseiten als Fake-News-Kampagne der deutschen Regierung verkauft. Es ist einfach nur absurd, aber so arbeitet die „East StratCom Task Force“ des EAD wirklich.

Ich habe vor einem Jahr mal über sie berichtet, den Artikel finden Sie hier. Damals ging es um angebliche russische Fake News über Corona, die auf dem russischen Portal southfront veröffentlicht worden sind. Wenn man sich die acht southfront-Artikel, die die EU-Fake-News-Jäger damals als russische Fake News aufgelistet haben, angeschaut hat, dann stellte man fest, dass die acht Links alle auf ein und denselben Artikel von southfront verwiesen haben. Und der Artikel war noch nicht einmal von southfront! Southfront selbst schrieb, dass der Artikel von einem Peter Koenig ist und auf der kanadischen Seite globalresearch.ca erschienen ist. Man musste das nicht einmal suchen, es war bei southfront direkt verlinkt.

Die EU-Fake-News-Jäger haben damals in ihrer Liste also acht „verschiedene“ Artikel aufgelistet, die angebliche russische Fake-News belegen sollten, aber es war acht Mal derselbe Artikel. Und der Artikel war noch nicht einmal von southfront, sondern von einer kanadischen Seite. Aber Kanada ist ja nicht russisch, daher haben die „Fake-News-Jäger“ auf southfront verwiesen, das den kanadischen Artikel lediglich übersetzt hat. Und das war der Beweis für Fake-News der russischen Regierung und die „Qualitätsmedien“ haben darüber berichtet.

So seriös arbeitet die „East StratCom Task Force“ des Europäischen Auswärtigen Dienstes. Das aber stört all die „Qualitätsmedien“ nicht, die heute wieder über den Bericht der „East StratCom Task Force“ schreiben.

Wie der Spiegel berichtet

Wenn der Spiegel über solche Berichte schreibt, bräuchte er eigentlich nicht zu lügen. Das hat der Bericht der EU schon erledigt. Der Spiegel schreibt zwar inhaltlich fast korrekt über den Bericht der EU-Fake-News-Jäger, aber selbst dabei kann er es nicht lassen, bei seinen Lesern falsche Eindrücke zu erzeugen. So steht im Spiegel-Artikel:

„Ein Beispiel des EAD: Russische Medien berichteten, die Berliner Polizei habe drei Kinder im Alter von zwei, vier und sechs Jahren gewaltsam aus der Wohnung einer russischen Familie geholt und dem Jugendamt übergeben. Die Polizei gab laut EAD als Grund für die Maßnahme die »aufgefundene Situation in der Wohnung« an – und dass die Beamten von den Eltern getreten, geschlagen und bespuckt worden seien. Laut der nationalistischen russischen Website »Tsargad« rief ein Polizist dagegen angeblich der Mutter zu: »Das ist für Nawalny.«“

Das nehmen wir gleich auseinander, nur eines vorweg: Der Absatz beginnt mit den Worten „Ein Beispiel des EAD“ und das suggeriert dem Leser, dass es in dem Bericht ganz viele Beispiele gäbe. Das ist falsch, es gibt im Grunde nur dieses eine Beispiel darin, das dafür aber in epischer Breite ausgerollt wird.

Und der Kern der russischen Berichte ist wahr, den Fall gibt es tatsächlich. Es geht um eine Familie von Russland-Deutschen, denen das Jugendamt die Kinder entzogen hat und die Eltern haben dabei Widerstand gegen die Polizisten geleistet, die das Jugendamt begleitet haben. Journalisten haben danach bei der Polizei nachgefragt und diese Antwort bekommen.

Als Quelle für russische Fake News wird das russische Portal Tsargad genannt. Aber wieder gilt: Da wäre so, als wenn die russische Regierung einen Artikel der Nachdenkseiten als Beleg für eine Fake-News-Kampagne der deutschen Regierung heranziehen würde. Die Fake-News-Jäger der EU haben ganz offensichtlich ein massives Problem, denn sie finden keine Fake News offizieller russischer Medien und müssen daher auf (russische) Blogger zurückgreifen, die angeblich Fake News verbreiten.

Ohne Navalny geht heutzutage gar nichts

Natürlich spielt auch Navalny wieder eine Rolle. Im Spiegel kann man lesen:

„Im Zusammenhang mit dem Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny seien zuletzt weitere Fake News verbreitet worden, heißt es im EAD-Bericht. So hätten russische Staatsmedien behauptet, Nawalnys Frau Julija sei kürzlich »für Instruktionen« nach Deutschland gereist. Wenig später hätten russische Medien ein gefälschtes Dokument verbreitet, laut dem Nawalnaja deutsche Staatsbürgerin sei.“

Wieder erweckt der Spiegel einen falschen Eindruck. Russische Staatsmedien haben nicht behauptet, Navalnys Frau „sei kürzlich »für Instruktionen« nach Deutschland gereist.“ Das behauptet nur der Spiegel, nicht einmal die Fake-News-Jäger behaupten das. Sehen wir uns das mal genauer an.

Die Fake-News-Jäger haben für ihre Behauptung eine Quelle verlinkt. Es geht dabei um den russischen Talkshow-Moderator Solowjew, der nach dem Schuldspruch gegen Navalny in einer seiner Sendungen über die Deutschland-Reise von Julia Navalnaja folgendes gesagt hat:

„Du fliegst nach Frankfurt. Was ist mit den Protesten? Was ist mit Deinem Mann? Du reist in die falsche Richtung. Wenn Du die „Frau eines Dekabristen“ bist, musst Du zur „Matrosenruhe“ und nicht nach Frankfurt. Warum bist Du dorthin geflogen, Bürgerin Nawalnaja? Sie sagen, das sei eine private Reise, also wurden Sie dieses Mal nicht von Frau Merkel eingeladen. Warum sind Sie dorthin geflogen? Um Anweisungen zu erhalten, über die man nicht am Telefon sprechen kann, wie Dr. Sosnowski seine Gedanken gestern während eines privaten Gesprächs zum Ausdruck gebracht hat? Bist Du zu Deinem Sohn geflogen? Wenn Du zu Deinem Sohn geflogen bist, warum bist Du dann nicht nach England geflogen?“

Es war also – anders als im Spiegel dargestellt – nicht die Behauptung der „russischen Staatsmedien„, Navalnaja wäre nach Deutschland geflogen, um Instruktionen zu erhalten. Der Moderator hat stattdessen eine Frage gestellt, die sogar (das weiß ich aus eigenem Erleben) eingefleischte Navalny-Anhänger aufgebracht hat. Die Navalnys inszenieren sich medial als das ideale Liebespaar. Aber die „liebende Ehefrau“ ist unmittelbar nach der Verurteilung ihres Mannes abgereist, anstatt zu bleiben und ihn so oft wie möglich in Moskau im Gefängnis zu besuchen, solange er noch nicht in die Strafkolonie abtransportiert worden ist. Das ist für Russen (und übrigens vor allem für russische Frauen) völlig unverständlich.

Die Fake-News-Jäger der EU haben das Zitat in Ihrem Bericht nur verkürzt gebracht. Dort kann man lesen:

„Warum bist Du dorthin geflogen, Bürgerin Nawalnaja? Sie sagen, das sei eine private Reise, also wurden Sie dieses Mal nicht von Frau Merkel eingeladen. Warum sind Sie dorthin geflogen? Um Anweisungen zu erhalten, über die man nicht am Telefon sprechen kann?“

Es wurde also aus dem Zusammenhang gerissen, indem die Frage, warum sie ihren Mann in dieser schweren Stunde alleine gelassen, nicht zitiert wurde. Und dass der Moderator dabei die Worte eines russischen Politologen zitiert hat und es nicht seine eigenen Worte waren, wird auch verschwiegen, indem der Satz in der Mitte abgebrochen wird.

Das mag nach Erbsenzählerei klingen, aber nicht vergessen: Die Herrschaften kämpfen angeblich gegen Fake News, da kann man doch erwarten, dass sie korrekt arbeiten, anstatt Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen, oder nicht?

Und im Spiegel klingt es dann so, als hätten russische Staatsmedien folgendes gesagt:

„Navalnys Frau „sei kürzlich »für Instruktionen« nach Deutschland gereist.“

Schon die Fake-News-Jäger haben unvollständig berichtet und der Spiegel hat es dann noch einmal so verändert, dass es auch wirklich böse klingt. Aber entscheiden Sie selbst: Gibt der Spiegel das Zitat des russischen Moderators zumindest sinngemäß korrekt wieder?

Hat Julia Navalnaja einen deutschen Pass?

Außerdem berichtet der Spiegel – wie gesehen – auch, russische Medien hätten ein gefälschtes Dokument verbreitet, laut dem Nawalnaja deutsche Staatsbürgerin sei. Das klingt so, als würden russische Staatsmedien Unterlagen fälschen, um Desinformationen zu verbreiten. Auch das ist gelogen.

In der Tat gab es die Bilder von einem deutschen Personalausweis, der auf Julia Navalnaja ausgestellt gewesen sein soll. Und richtig ist auch, dass das eine Fälschung war, wie sie in sozialen Medien ständig kursieren. Da die Fake-News-Jäger der EU aber den Eindruck erwecken, russische Medien hätten die Falschmeldung verbreitet (und der Spiegel das noch deutlicher behauptet, als die Fake-News-Jäger selbst), wollen wir uns anschauen, wie die russische staatliche Medienholding RIA-Novosti darüber berichtet hat (ich übersetze den ganzen Artikel):

„Das Innenministerium der Russischen Föderation weigerte sich, Informationen zu kommentieren, die am Freitag in mehreren Telegrammkanälen über die mögliche zweite Staatsbürgerschaft von Julia Navalnaja veröffentlicht wurden.
In ihrer Presseanfrage fragte die Nachrichtenagentur, ob das Innenministerium von der zweiten Staatsbürgerschaft von Alexej Navalnys Frau wusste, und ob sie diese gemeldet hat, die wie es das Gesetz verlangt.
Zuvor schrieb der Blogger und Designer Artem Lebedew in seinem Telegramm-Kanal, dass Julia Navalnaja eine zweite Staatsbürgerschaft hat – die deutsche, was er mit einem angeblichen Foto des Personalausweises bestätigt. Später reagierte er auf Meldungen und sagte, das Dokument habe sich als Fälschung entpuppt.
Offizielle Stellungnahmen der deutschen Behörden zu diesem Thema sowie von Navalny selbst gibt es bisher nicht.“

Und? Stimmt es, dass „russische Medien ein gefälschtes Dokument verbreitet hätten, laut dem Nawalnaja deutsche Staatsbürgerin sei„?

Nein, sie haben berichtet, dass es sich „als Fälschung entpuppt“ hat.

Der Witz ist, dass die Fake-News-Jäger wissen, dass sie lügen. Sie verbreiten also selbst bewusst Fake-News. Den Link zu dem Artikel der russischen staatlichen Medienholding RIA-Novosti haben die Fake-News-Jäger freundlicherweise selbst in ihrem Bericht gesetzt. Links machen einen seriösen Eindruck, aber die Fake-News-Jäger der EU verlassen sich darauf, dass niemand den auf Russisch verfassten Originalartikel versteht. Sie behaupten, russische Medien hätten die Lüge mit der Staatsbürgerschaft verbreitet und verlinken als Bestätigung einen Artikel der russischen Medienholding, in dem das Gegenteil steht: Das Foto des Personalausweises ist eine Fälschung.

So arbeitet die „East StratCom Task Force“ des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) immer. Die Fake-News-Jäger der EU produzieren selbst Fake News am laufenden Band und Medien wie der Spiegel spielen das Spiel fröhlich mit und verbreiten die Fake-News der EU weiter.

Wer verbreitet nun Fake-News? Die russischen Medien oder die Fake-News-Jäger der EU?


Wenn Sie sich für mehr Beispiele für freche Verfälschungen der Wahrheit in den „Qualitätsmedien“ interessieren, sollten Sie Beschreibung meines neuen „Spiegleins“ lesen. Das Buch ist eine Sammlung der dreistesten „Ausrutscher“ der „Qualitätsmedien“ im Jahre 2020 und zeigt in komprimierter Form, wie und mit welchen Mitteln die Medien die Öffentlichkeit in Deutschland beeinflussen wollen. Von „Berichterstattung“ kann man da nur schwer sprechen. Über den Link kommen Sie zur Buchbeschreibung.

Quelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: