Wieder fallen Tausende Operationen aus

Nachdem in der ersten Welle der Pandemie jeder Eingriff verschoben wurde, der nicht absolut notwendig war, sollte sich die Lage bessern. Doch im zweiten Lockdown sanken die Behandlungszahlen abermals – auch bei Notfällen.

Als die deutschen Krankenhäuser vor etwa einem Jahr wegen der Corona-Pandemie erstmals in den Krisenmodus versetzt wurden, fielen binnen weniger Wochen Tausende Eingriffe aus. Jede Operation, die nicht dringend erforderlich war, wurde auf bessere Zeiten verschoben – um jedes Bett, jeden Arzt und jede Pflegekraft für die Versorgung schwerkranker Covid-19-Patienten zur Verfügung zu haben. Doch die Hoffnung, dass sich die Situation in den Kliniken mit der Zeit bessert, hat sich nicht erfüllt. Neue Daten der Krankenkassen zeigen, dass die Situation während der sogenannten zweiten Welle der Pandemie im Winter zwar nicht ganz so gravierend war wie im ersten Lockdown im Frühjahr des vergangenen Jahres. Doch viel besser sieht es nicht aus.

Kim Björn Becker

Kim Björn Becker

Redakteur in der Politik.

Nach Angaben der Krankenkasse AOK gingen die Fallzahlen in den deutschen Krankenhäusern – psychiatrische Kliniken ausgenommen – zwischen März und Mai 2020 um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Nach einer leichten Erholung im Sommer folgte dann im Herbst der zweite Einbruch. Verglichen mit den Zahlen vor dem Beginn der Pandemie betrug das Minus zwischen Oktober 2020 und Januar 2021, also in der zweiten Welle der Corona-Krise, noch einmal 20 Prozent. Jede fünfte Behandlung fand demnach nicht statt, das entspricht Tausenden Eingriffen. In psychiatrischen Kliniken lag das Minus in der zweiten Welle bei 14 Prozent; im ersten Lockdown hatte es etwa 25 Prozent betragen.

Grundlage der jüngsten Untersuchung, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde, sind die Abrechnungsdaten der knapp 27 Millionen AOK-Versicherten. Das entspricht etwa einem Drittel der gut 73 Millionen Kassenpatienten in Deutschland, die Zahlen lassen sich also recht gut hochrechnen. Im Zeitverlauf fällt auf, dass die Krankenhausbehandlungen vor allem im Januar dieses Jahres stark zurückgingen, da lag die Zahl in den Allgemeinkrankenhäusern 31 Prozent unter dem Wert vor der Krise – allerdings entfielen auf den Monat in diesem Jahr fünf Wochenenden, im Vergleichszeitraum des Jahres 2019 waren es nur vier.

Zahl der Notfallbehandlungen abermals deutlich zurückgegangen

Besonders bemerkenswert ist, dass die Zahl der Notfallbehandlungen zwischen Oktober und Januar abermals deutlich zurückgegangen ist. „Diese erneuten Einbrüche sind Anlass zur Sorge“, sagt Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, das die Berechnungen vorgenommen hat. So verzeichneten die Statistiker der Krankenkasse im Winter 13 Prozent weniger Herzinfarkt-Behandlungen, der Rückgang betrug nur drei Prozentpunkte weniger als im ersten Lockdown. „Wiederholt haben Ärzte aus den Krankenhäusern darauf hingewiesen, dass Herzinfarkt-Patienten gehäuft verspätet und mit fortgeschrittener Schädigung des Herzens im Krankenhaus angekommen sind“, sagt Klauber.

Mehr zum Thema

Darüber hinaus stellten sich zuletzt elf Prozent weniger Patienten mit Schlaganfall in den Notaufnahmen vor als vor der Krise – der Rückgang ist fast gleich groß wie im vergangenen Frühjahr. Die Aufrufe von Fachleuten und Politikern, bei Anzeichen einer schweren Erkrankung trotz der Pandemie einen Arzt aufzusuchen, haben offenbar nur wenig bewirkt. Man könne den Appell vor dem Hintergrund der jüngsten Zahlen nur erneuern, sagt Klauber. Da die Zahl der Operationen einer gebrochenen Hüfte zwischen Oktober und Januar nur um drei Prozent gesunken ist, liegt der Verdacht nahe, dass Patienten insbesondere beim Verdacht auf internistische Notfälle häufig zu lange warten, ehe sie den Notruf wählen.

Quelle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: