Annalena Baerbock – leidenschaftlich, radikal, staatstragend

Henryk M. Broder / 06.04.2021 / 06:15 / Foto: Imago

Definiert man „Arbeit“ im Sinne der BWL als eine „plan- und zweckmäßige Betätigung einer Arbeitsperson in körperlicher und geistiger Form, die dazu dient, Güter oder Dienstleistungen in einem Betrieb zu produzieren“, dann hat Annalena Baerbock nur drei, bestenfalls vier Jahre in ihrem Leben richtig gearbeitet, von 2000 bis 2003 „als Journalistin“ für die Hannoversche Allgemeine./

Zuerst war es nur eine Frage, die sich so anhörte, als wollte jemand wissen, ob es Leben auf dem Mars gäbe. Oder Krokodile, die fliegen können. Oder Zahnpasta, die wie Schokolade schmeckt. „Kann Annalena Baerbock Kanzler?“ Doch je öfter die Frage gestellt wurde, desto rhetorischer war ihr Klang. Sechs Monate vor der kommenden Bundestagswahl geht es nicht darum, ob Annalena Baerbock „kann“, sondern ob sie bereits „auf dem Weg ins Kanzleramt“ ist. So der Titel eines Portraits der grünen Powerfrau, das letzten Montag im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde.

Genau genommen war es kein Portrait, sondern eine Hymne auf eine Politikerin, die „für eine neue, pragmatische Generation der Grünen“ steht, als „ehrgeizig“ gilt, „immer gründlich vorbereitet“ auftritt, „gut vernetzt“ ist und „bereits klargemacht hat, dass sie sich das Kanzleramt zutraut“. Niemand sei, so Baerbock, „als Kanzler vom Himmel gefallen, alle müssten im Amt dazu lernen“; sie habe zwar „bisher kein Regierungsamt gehabt“, dafür aber „internationale Erfahrung und europäische Verankerung, die andere dazulernen müssten“. 

Wenn das alles ist, was eine Frau oder einen Mann für ein Spitzenamt qualifiziert, dann könnte sich Annalena Baerbock auch als Chefin eines Zigarettenschmugglerringes bewerben, denn die brauchen auch internationale Erfahrung und europäische Verankerung, wenn sie grenzüberschreitend dealen wollen.

Geradlinig wie ein Irokesen-Pfeil

Annalena Baerbock ist keine Grüne geworden, sie war schon lange eine, bevor sie 2018 zur Co-Vorsitzenden der Partei gewählt und ein Jahr später mit sensationellen 97% im Amt bestätigt wurde. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, schon als Zweijährige nahm sie mit ihren Eltern an Demonstrationen gegen Atomkraft teil, studierte Politikwissenschaft und gewann dreimal Bronze bei den Deutschen Meisterschaften im Trampolinspringen. Ihre Karriere verlief geradlinig wie die Flugbahn eines handgeschnitzten Irokesen-Pfeils. 

Von der Sprecherin der grünen Bundesarbeitsgemeinschaft Europa über die Vorsitzende der Landesverbands Brandenburg bis in den Bundestag, in den sie zweimal, 2013 und 2017, über die grüne Landesliste „gewählt“ wurde, mit sieben bzw. acht Prozent der Erststimmen. Im Bundestag avancierte sie zur klimapolitischen Sprecherin der grünen Fraktion, Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft und Energie, Mitglied des Ausschusses für die Angelegenheiten der Europäischen Union, stellvertretendes Mitglied im Umweltausschuss und im Ausschuss für Familie, Frauen, Senioren und Jugend – nur um die wichtigsten Stufen der Karriereleiter zu nennen. Wer es genauer wissen will, wird bei Wikipedia fündig. 

Definiert man „Arbeit“ im Sinne der Betriebswirtschaftslehre als eine „plan- und zweckmäßige Betätigung einer Arbeitsperson in körperlicher und geistiger Form, die dazu dient, Güter oder Dienstleistungen in einem Betrieb zu produzieren“, dann hat Annalena Baerbock nur drei, bestenfalls vier Jahre in ihrem Leben richtig gearbeitet, von 2000 bis 2003 „als Journalistin“ für die Hannoversche Allgemeine Zeitung, eine Art Praktikum, das ihr später zugutekommen sollte.

Auf dem Weg in die Hall of Fame

Im Januar 2018, also vor gerade drei Jahren, gab Baerbock im Vorfeld ihrer Bewerbung um den Partei-Vorsitz dem Deutschlandfunk ein längeres Interview, in dem sie ausführlich erklärte, warum sie die Vorsitzende der Grünen werden möchte. Liest man das Interview heute, begreift man, warum die Bewerbung für das Kanzleramt der logische, beinahe zwangsläufige nächste Schritt auf ihrem Weg in die Hall of Fame ist.

Sie sei, sagt sie in dem Interview, eine „leidenschaftliche Europäerin“, als ob sie jemals die Option gehabt hätte, eine „leidenschaftliche Asiatin“ zu sein. Es sei ihr „total wichtig…, dass wir nicht zurück ins nationale Kämmerlein fallen“, alle Probleme, von Kinderarmut bis Agrarpolitik, müssten „europäisch“ angegangen werden. Als eine „leidenschaftliche Klimapolitikerin“ wolle sie „leidenschaftlich kämpfen“. Ihren Parteifreunden riet sie, „radikal in der Sache (zu) sein…, aber von der Haltung her staatstragend“. Die Politik müsse es „wieder schaffen, dass die Leute Lust auf Politik, Lust auf Demokratie haben“. So wie sie Lust habe, „dieses Land zu verändern“.

Es sind sinnfreie Sätze, die auch von Angela Merkel sein könnten, die ihre erste Kandidatur auf das Kanzleramt im Mai 2005 mit dem Satz „Ich will Deutschland dienen“ unterlegt hatte. Es ist gut möglich, dass die Grünen die Wahlen gewinnen und Annalena Baerbock die Nachfolgerin von Angela Merkel wird. Der Einzige, der es verhindern könnte, wäre der andere Co-Vorsitzende der Grünen, der Philosoph und Kinderbuchautor Robert Habeck. Er sagte neulich bei Anne Will: „Wenn Annalena Baerbock als Frau sagen würde, ich mache es, weil ich eine Frau bin – und die Frauen haben das erste Zugriffsrecht – dann hat sie es, natürlich. Aber weder Annalena noch ich argumentieren so.“

Als Frau ist Robert Habeck ein Versager. Als Mann aber könnte noch was aus ihm werden. Wenn er sich nur trauen würde.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche.

Quelle

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