Drosten und die Leugner

„Die haben Professorentitel“: Christian Drosten Quelle: dpa-infocom GmbH Christian Drosten hat zu einem Rundumschlag ausgeholt – und Kollegen, die seine Lockdown-Position nicht teilen, als „Wissenschaftsleugner“ und „Pseudoexperten“ beschimpft. In vielem ähnelt seine Kritik dem, was er kritisiert. D er vielfach preisgekrönte Podcast „Das Coronavirus-Update Podcast von NDR Info“ (https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html) hat nach eigenen Angaben das Ziel, „verlässlich über neue Erkenntnisse der Forschung zu informieren“. Wöchentlich sprechen der Berliner Virologe Christian Drosten oder seine Frankfurter Kollegin Sandra Ciesek dort etwa eine Stunde lang über die neuesten Entwicklungen in der Pandemie, aus der Sicht ihrer Disziplin. Inzwischen gibt es 83 Folgen, die millionenfach abgerufen, in sozialen Netzwerken geteilt, als Informationsquelle für die journalistische

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Berichterstattung genutzt und im ganzen Land breit diskutiert werden.

In der Folge vom 30. März 2021 hat sich der Professor für Virologie der Berliner Charité ausführlich einem Thema gewidmet, das nicht ganz in sein Fachgebiet fällt – nämlich den „Grundmotiven der Wissenschaftsleugnung, die sich immer mehr durchsetzen in unserer Gesellschaft“, so Drosten. „Wir alle“, sagt er, ohne genau zu sagen, wer dieses „wir“ sei, „wundern uns darüber, wie die Politik agiert oder nicht agiert.“ Das heißt in seinem Fall, dass er sich darüber wundert, warum die Politik nicht das tut, was er selbst für geboten hält. Was ist seine Erklärung?

„Hier wird von organisierten Interessen gesprochen, die in manchen Medien öffentlich unterwegs gewesen sind“ – das sagt Drosten, offenbar zustimmend, mit Blick auf eine Sendung des ZDF-Politbarometers (https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona- politbarometer-lockerungen-100.html). Darin behauptet ein Wahlforscher allen Ernstes, hinter den Forderungen mancher Medien nach „Lockerungen“ stünden „Lobbyinteressen der Wirtschaft“. Das klingt fast wie eine Verschwörungstheorie.

Drosten möchte denen helfen, „die intensiver über die Dinge nachdenken“. Er sieht hier die „Grundmotive der Wissenschaftsleugnung“ am Werk. Deren Grundlinien seien bekannt und analysiert, „aus dem Hintergrund der Klimaforschungsleugner heraus“.

Es lohnt sich, dieser Vergegenwärtigung zu folgen, denn sie zeigt, wie Drosten selbst die Wissenschaft und ihr Verhältnis zu Medien, Öffentlichkeit und Gesellschaft sieht oder sehen möchte.

Überall Pseudoexperten

Das erste Grundmotiv der Wissenschaftsleugnung heißt: „Pseudoexperte“. Das sind diejenigen, die „gerne im Fernsehen präsentiert werden“. Damit meint Drosten nun allerdings nicht sich selbst – er wird schließlich auch oft in den Nachrichten zitiert – oder Karl Lauterbach, der keine Talkshow auslässt. Er meint Leute, „die haben Professoren- und Doktortitel, aber in einem anderen Fach“ – in einem anderen Fach als er, muss man wohl

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ergänzen.

Drosten nennt „hier mal ganz absichtlich“ den Namen von Wolfgang Wodarg „als Paradebeispiel“. Dass Wodarg eine übergroße Medienpräsenz hätte, lässt sich allerdings nicht ohne Weiteres nachvollziehen. Eine Recherche nach seinem Namen in anerkannten Medien liefert darüber hinaus ausnahmslos kritische Berichte. Auf Bild.de findet sich der Name gerade einmal viermal, zuletzt in einer Meldung (https://www.bild.de/ratgeber /gesundheit/gesundheit/corona-panikmache-oder-vorsichtsmassnahmen-experten- sind-sich-uneinig-69249750.bild.html), die mehr als ein Jahr alt ist.

Aber mit Belegen für seine Aussagen ist Drosten ohnehin sparsam, stattdessen reiht er in loser Folge Beispiele aneinander – die allerdings seine These, fachfremde Wissenschaftler seien besonders häufig in den Medien präsent, nicht unbedingt stützen.

Auf Wodarg folgt als Beispiel die „Great Barrington Declaration“ (https://gbdeclaration.org/), ein Aufruf von Wissenschaftlern, die den Lockdown kritisch sehen. Martin Kulldorff, Professor an der Harvard Medical School (https://www.dfhcc.harvard.edu/insider/member-detail/member/martin-kulldorff- phd/) und erster Unterzeichner, sieht nicht so aus, als ob er schon im Ruhestand wäre, wie Drosten über die „Pseudoexperten“ sagt. In Kulldorfs Publikationsliste tauchen auch fast nur epidemiologische Fachjournale auf. Vor allem aber lässt sich niemand in der Liste finden, den man hierzulande aus dem Fernsehen kennen würde. Die etwa drei Dutzend Unterzeichner aus Deutschland sind dem Schreiber dieser Zeilen jedenfalls unbekannt.

Unter dem Stichwort „Pseudoexperten“ führt Drosten aber noch weitere Fälle auf: Er erwähnt die Stellungnahme (https://www.kbv.de/media/sp/KBV- Positionspapier_Wissenschaft_Aerzteschaft_COVID-19.pdf) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom Herbst 2020, die bekanntlich unter Beteiligung von Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie der Universität Bonn, und Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, entstand.

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Weder Streeck noch Schmidt-Chanasit werden von Drosten namentlich genannt, aber es fällt nicht schwer, zu erkennen, dass Hendrik Streeck gemeint ist, wenn Drosten Beispiele von „Mehrdeutigkeit“ als Zeichen für Wissenschaftsleugnung aufführt: „Ich will zwei von diesen mehrdeutigen Begriffen mal nennen. Das eine ist ‚mit dem Virus leben lernen‘, und das andere ist der Begriff der Dauerwelle. Beide sind typische, mehrdeutige Begriffe im Sinne der Wissenschaftsleugnung.“

Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, einen Fachkollegen, der sich öffentlich für einen anderen Umgang mit dem Virus ausspricht, öffentlich als Wissenschaftsleugner zu diffamieren. Wenn bereits Mehrdeutigkeit ein Kriterium für Wissenschaftsleugnung wäre, dann würde allerdings auch der von Drosten reichlich unscharf verwendete Begriff der „Wissenschaftsleugnung“ diesen Tatbestand erfüllen. Da es schwer sein dürfte, die Behauptung zu halten, dass Streeck und Schmidt-Chanasit nicht vom Fach sind, führt Christian Drosten ein anderes Kriterium ein: die „absolute Minderheitsmeinung“.

Inwiefern das als Analyse zutrifft, sei dahingestellt – vor allem aber, inwiefern es als Vorwurf gerechtfertigt ist. Über wissenschaftliche Wahrheiten wird zum Glück nicht nach dem Mehrheitsprinzip entschieden. Die Wissenschaftsgeschichte ist reich an Beispielen, in denen Theorien zunächst oder auch für lange Zeit von Einzelnen oder Minderheiten vertreten wurden, die sich aber am Ende als zutreffend, erfolgreich oder nützlich herausgestellt haben. Selbst die Überzeugung, dass die Erde um die Sonne kreist, war zu den Zeiten von Galileo Galilei eine Minderheitenmeinung.

Zudem stellt sich die Frage, worin genau die „Minderheitsmeinung“ der besagten Forscher besteht, wo der wissenschaftliche Dissens liegt. Es geht hier ja eben nicht um eine zentrale Frage wie jene, ob die Erde sich um die Sonne dreht oder ob es sich umgekehrt verhält. Es geht auch nicht darum, ob die Grundbausteine der Materie eher Wellen, eher Teilchen oder keines von beidem sind. Auch über die zentralen virologischen Erkenntnisse scheint zwischen Drosten und denen, die er unter der Rubrik „Pseudoexperten“ als Außenseiter abhandelt, Einigkeit zu bestehen: Dass da ein gefährliches Virus unterwegs ist und dass eine Pandemie zu beobachten ist, bestreitet keiner.

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Wissenschaftliche Differenzen mag es hinsichtlich durchaus bedeutsamer Details geben, bei denen die empirischen Daten noch uneindeutig oder unsicher sind. Die wirklichen Differenzen sind zwar mit der Interpretation der bestehenden Daten verbunden, betreffen aber ein ganz anderes Feld, auf dem es kaum wissenschaftliche Eindeutigkeit gibt – nämlich die Frage, welches politische und gesellschaftliche Handeln aufgrund der derzeitigen Erkenntnisse zu empfehlen ist.

Sowohl Kulldorff als auch Streeck und Schmidt-Chanasit sind der Ansicht, dass allgemeine Lockdowns der Gesellschaft bei der Bekämpfung der Pandemie weniger helfen als eine Fokussierung auf den Schutz der Risikogruppen und auf die Motivation der Bevölkerung zum infektionsvermeidenden Verhalten. Drosten hingegen meint, dass eine Konzentration auf den Schutz der Risikogruppen nicht möglich sei und man die Pandemie am besten mit allgemeiner Kontaktreduktion durch harte Lockdowns bekämpft.

Die Vertreter der Gegenposition hat Christian Drosten bereits in seinem Podcast vom 13. Oktober 2020 (https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript234.pdf) als „wirklich total irregeführt“ bezeichnet, weil es nicht gelingen könne, „die Älteren komplett abzuschirmen“, und „dabei eine furchtbare Situation“ entstünde. Von kompletter Abschirmung ist allerdings weder bei Kulldorff und seinen Kollegen noch in der KBV- Stellungnahme die Rede. In der „Great Barrington Declaration“ werden etwa der Einsatz von Personal mit erworbener Immunität und „häufige Tests bei anderen Mitarbeitern und allen Besuchern“ in Pflegeheimen sowie die Minimierung von Personalwechseln gefordert. Alte Menschen, die zu Hause wohnen, sollten beliefert werden, Treffen mit Familienmitgliedern sollen draußen stattfinden. Ähnlich argumentiert die KBV-Stellungnahme.

Andererseits verlassen Wissenschaftler ohnehin das Feld ihrer Kernkompetenz und Verantwortlichkeit, wenn sie konkrete politische Maßnahmen empfehlen – was Christian Drosten auch immer wieder gerne betont, ohne dass ihn das davon abhalten würde, apodiktische Forderungen zu formulieren.

Welches der beiden Lager „Recht hat“, werden wir vermutlich nie erfahren. Zu unterschiedlich sind die Situationen in den Ländern, die bei der Pandemiebekämpfung

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verschiedene Wege eingeschlagen haben, um wirklich vergleichbar zu sein.

Selbstverständlich sollte kein Forscher mit seinen Handlungsempfehlungen hinterm Berg halten, aber jeder sollte es begrüßen oder zumindest zulassen, dass andere Forscher andere Aspekte betrachten und damit weitere Konsequenzen des politischen Handelns aufzeigen. Am Ende muss die Politik unter Beachtung weiterer Disziplinen, unter Bewertung der verfassungsrechtlichen Aspekte sowie in Erwägung des politisch Umsetzbaren ohnehin eigene Entscheidungen treffen. Wissenschaftler, die in ihren Theorien oder Erklärungen von anderen abweichen, leugnen also nicht zwangsläufig die Wissenschaft – selbst dann nicht, wenn sie in der Minderheit sind.

Das Ad-hominem-Argument

Neben den Pseudoexperten sieht Drosten ein weiteres Problem: Leute, die mit Tricks arbeiten, die Logikfehler machen und ad hominem argumentieren, also auf die Person statt auf die Sache zielen. Man könnte fast meinen, Drosten spräche über seine eigene Abwertung von Kollegen als Pseudoexperten und Wissenschaftsleugner. Aber er bezieht sich auf mediale Kritik an jenen Wissenschaftlern, die seine Linie der Lockdown-Befürwortung verfolgen – auch wenn sie, wie die in den Medien sehr präsente Physikerin Viola Priesemann, nicht „vom Fach“ sind, was ja wie gesagt auch nicht von vorneherein negativ zu Buche schlagen muss.

Er erwähnt „ein frappierendes Beispiel … in einer der Hauptzeitungen in Deutschland“. Man ist versucht, es als einen Trick zu bezeichnen, dass er das Beispiel nicht genauer benennt, denn so ist es für den Hörer des Podcasts schwierig, zu beurteilen, ob der „Philosoph, der sichtlich keine inhaltliche Kenntnis über Infektionsepidemiologie hat“ tatsächlich „ad personam Viola Priesemann und Michael Meyer-Hermann attackiert“. Allerdings führt Drosten hier selbst vor, was es heißt, ad hominem zu argumentieren, mit seinen Worten: „Wir haben ein inhaltliches Thema, aber attackieren eine Person, die sich mit dem Thema befasst, weil uns dieses Thema nicht passt.“

Bei dem von Drosten gemeinten Text handelt es sich offenbar um meinen Artikel „Die Wellen-Wahrsagerin“ (/kultur/plus228938919/Viola-Priesemann-Die-Wellen-

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Wahrsagerin.html), der am 24. März 2021 erschienen ist. Es geht darin darum um die Frage, ob kurzfristige Prognosen wissenschaftlicher Modelle, wie Priesemann sie liefert,

entscheidend besser sind als intuitive Alltagsprognosen, wie sie auch ein Laie auf der Basis der aktuellen Situation treffen kann.

Der Begriff der „Wahrsagerin“ wird im Text nicht etwa genutzt, um das Tun von Wissenschaftlern zu diskreditieren. Er beschreibt und kritisiert vielmehr jene gesellschaftliche Rolle, welche die Prognostiker in der Pandemie einnehmen – zum Teil, weil die mediale Öffentlichkeit ihnen diese Rolle zuweist, zum Teil, weil sie diese selbst reklamieren. Die Prognosen sollen in der schwer berechenbaren Situation einer Pandemie für Gewissheiten stehen, die sie gar nicht verbürgen können.

„Kann es sein“, so fragt der Artikel, „dass wir trotz einer jahrhundertelangen Geschichte der Rationalisierung der Welt immer noch so etwas wie ‚Wahrsager‘ brauchen und dass die modellierende Naturwissenschaft, so ungenau sie auch immer sein mag, heute die Rolle dieser magischen Kräfte übernehmen muss?“

Das umgekehrte Präventionsparadox

Drostens Vorwurf lautet, die Kritik an Priesemanns Prognosen würde nicht berücksichtigen, dass es das sogenannte „Präventionsparadox“ gäbe: Auf Basis der Modellprognosen der Wissenschaftler würde die Politik Maßnahmen beschließen, und die Menschen würden ihr Verhalten ändern, sodass die Prognosen – zum Glück – dann nicht einträfen. Nun bezog sich der Artikel allerdings nicht auf langfristige Prognosen über mehrere Monate, sondern auf solche, die jeweils die allernächsten Wochen betrafen. So schnell schlagen sich die Effekte von Lockdown-Maßnahmen bekanntlich nicht in den Statistiken nieder.

Das Problem am Theorem des Präventionsparadoxes ist aber ein ganz anderes: Es zeigt, dass gesellschaftliche Dynamiken eben niemals berechenbar sind. Es ist unmöglich, die Wirkung von Informationen auf das Verhalten von Menschen mit wissenschaftlicher Exaktheit vorherzusagen.

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Zwar ist es durchaus denkbar, dass die Menschen wissenschaftliche Modellrechnungen zum Anlass für Verhaltensänderungen nehmen – dann kommt es zu einem Präventionsparadox. Es kann aber auch sein, dass die Menschen in dem Fall, dass bestimmte Prognosen nicht eintreffen, das Vertrauen in ebensolche Vorhersagen verlieren.

Das wäre eine Umkehrung des Präventionsparadoxes, wie wir sie um die Jahreswende 2020/21 erlebt haben: Mit großer Geste und gestützt auf die Autorität der Wissenschaft, wurde ein Lockdown beschlossen, ein „Wellenbrecher“ eine „letzte große Anstrengung“. Die Berechnungen der Modellierer sahen für den Fall, dass der Lockdown umgesetzt wird, einen schnellen Rückgang der Infektionszahlen voraus. Aber trotz Lockdowns blieb dieser schnelle Rückgang aus.

Nun hätten die Modellierer erwägen können, ihre Modellrechnungen infrage zu stellen. Stattdessen wurde das Narrativ verbreitet, die Menschen hätten sich wohl nicht ausreichend an die Vorschriften gehalten.

Wozu aber führt es, wenn Menschen, die zu Weihnachten ihre Verwandten nicht sehen dürfen, die über Wochen keine Freunde treffen sollen, die keine Theater, Kinos, Museen, Gaststätten und Sportanlagen betreten dürfen, am Ende gesagt bekommen, sie hätten sich nicht genug angestrengt? Genau zu dem, was Drosten beklagt: „Eine immer mehr kontroverse Auseinandersetzung mit sich immer weiter von den wissenschaftlichen Befunden entfernenden Argumenten.“

Fehlende Kritikfähigkeit

Das Problem ist weniger eine „Wissenschaftsleugnung“, die sich in der hochkomplexen Situation unserer Zeit überhaupt nicht klar definieren lässt. Das Problem ist die Enttäuschung der Menschen darüber, dass die Wissenschaft nicht zu einem selbstkritischen Umgang mit den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit finden kann – obwohl Selbstkritik doch einer der wichtigsten Antriebskräfte der modernen Wissenschaft ist.

Christian Drosten, angesehener und hochdekorierter Berater der Regierung, hat sich in einem

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Sendeformat des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, freundlich begleitet von einer Wissenschaftsjournalistin, Zeit genommen, ausführlich seine Sicht zu der Frage zu schildern, was falsch läuft in der öffentlichen Debatte. Er hat nicht gespart mit Schuldzuweisungen an „Pseudoexperten“, mit Vorwürfen an die Medien und an „bestimmte Gruppen“.

Auf die Idee, dass ein Problem auch in der Art liegen könnte, wie er selbst mit Kritik oder eigenen Fehlern umgeht, kommt Drosten nicht. Zwar streut er gerne Hinweise auf die prinzipielle Begrenztheit wissenschaftlicher Erkenntnisse in seine Äußerungen ein. Am drohenden Tonfall gegenüber all jenen, die nicht auf seinen Rat hören wollen, ändert das aber nichts – und wer gar andere Meinungen vertritt, ob Kritiker, Fachkollege oder Laie, wird als „Wissenschaftsleugner“ tituliert. Offenbar ist es für Christian Drosten keine Option, sich der Kritik inhaltlich zu stellen – oder zu akzeptieren, dass es in komplexen Situationen auch verschiedene wissenschaftliche Erklärungen und Empfehlungen geben kann.

Ein Beitrag zur Versachlichung der Kontroverse sieht anders aus: Wer gegen „Wissenschaftsleugnung“ ist, der sollte der wissenschaftlichen Diskussion selbst nicht ausweichen.

Quelle

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