Amerika verlässt Afghanistan, wie geht es danach weiter?

Der angekündigte Abzug der US-Truppen aus Afghanistan ist ein Eingeständnis der Niederlage. Aber was wird aus dem Land und ziehen die USA wirklich ab? Das russische Fernsehen hat dazu eine sehr interessante Analyse gebracht.

von Anti-Spiegel 19. April 2021 03:26 Uhr

Dass die USA und die Nato in Afghanistan kläglich gescheitert sind und das Land nun de facto wieder den Taliban zurückgeben, wird in der westlichen Presse möglichst nicht gesagt. Und der Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden hat allen Ernstes verkündet:

„Ich kann sagen, dass die Vereinigten Staaten das Ziel erreicht haben, das zu Beginn des Einsatzes in Afghanistan festgelegt wurde. Es ging um den Umgang mit denen, die uns am 11. September angegriffen haben.“

Aber die wichtige Frage ist, wie es danach mit dem Land weitergeht, denn seine geopolitische Bedeutung ist außer Experten kaum jemandem bewusst. Das russische Fernsehen hat dazu in der Sendung „Nachrichten der Woche“ eine sehenswerte Analyse gebracht, die ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Amerika verlässt Afghanistan. Joe Biden hat versprochen, dass die Armee bis zum 11. September abzieht: „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es an der Zeit ist, den längsten Krieg in unserer Geschichte zu beenden, und es ist an der Zeit, dass die amerikanischen Truppen nach Hause zurückkehren. Wir werden Afghanistan vor dem 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September verlassen.“

Pentagon-Chef Lloyd Austin fügte hinzu, dass die USA ihre Prioritäten geändert hätten und dass die US-Truppen die Mission in Afghanistan gemeistert hätten, weil Amerika „Fortschritte in Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik“ nach Afghanistan gebracht habe, so Lloyd Austin.

In wieweit trifft das zu und was sind die wirklichen Ergebnisse des 20-jährigen Aufenthalts des US-Militärs in Afghanistan?

In den letzten zwanzig Jahren hat jeder amerikanische Präsident versprochen, die Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Bush, der den Krieg begann, hat es versprochen. Obama, der als Anzahlung sogar den Friedensnobelpreis erhalten hat, hat es versprochen und stationierte dann zusätzliche Kontingente. Trump hat es versprochen. Jetzt ist Biden an der Reihe. Der Truppenabzug wird bis zum 11. September erwartet, einem symbolischen Datum, mit dem man eine Bilanz des Krieges ziehen kann.

Stunden nach den Ereignissen von 9/11 teilte die Nationale Sicherheitsbehörde der Vereinigten Staaten mit, mehrere Funksprüche seien abgefangen worden. Aus ihnen folgt: der Organisator des Anschlags ist der internationale Terrorist Osama bin Laden, der sich in Afghanistan versteckt. Zu diesem Zeitpunkt war fast das gesamte Land unter der Kontrolle der Taliban.

Und hier darf man natürlich eine geschichtliche Kleinigkeit nicht unerwähnt lassen. Man muss sich daran erinnern, dass Osama bin Laden in den 80er Jahren selbst in Afghanistan gegen die sowjetischen Truppen gekämpft hat. Damals half ihm die CIA mit Geld und Waffen. 1988 gründete er die Terrororganisation Al-Qaida und erklärte nun Amerika selbst den Dschihad. Und auch die Taliban sind nicht ohne die Hilfe der Vereinigten Staaten entstanden.

Die extremen Islamisten, die meisten von ihnen ethnische Paschtunen, haben nach dem Abzug der sowjetischen Truppen den Bürgerkrieg in Afghanistan gewonnen, der zwischen den Mudschaheddin-Banden begonnen hatte. Die Taliban schlossen alle Schulen für Mädchen und Frauen wurde fast nicht mehr erlaubt, das Haus zu verlassen. Die Taliban haben alle erdenklichen Unterhaltungsmöglichkeiten verboten, einschließlich Musik, Fernsehen, Video, Kartenspiel, Drachen steigen lassen und die meisten Spiele und Sportarten. Aber die Amerikaner fanden das in den 90er Jahren ganz in Ordnung.

Aber die Radikalen fanden Amerika nicht in Ordnung, und so hat das Pentagon schon Ende der 1990er Jahre Afghanistan als mögliches Land für eine Invasion angesehen.

Am 7. Oktober 2001, drei Wochen nach den Anschlägen, starteten die Vereinigten Staaten den Militäreinsatz in Afghanistan. Sie wurde von einer Militärkoalition unterstützt, die aus 50 Ländern bestand: Deutschland, Kanada, Italien, Australien, Polen, Singapur, Neuseeland, sogar Estland schickte ein Kontingent.

Wir, die Reporter von Vesti, haben mit eigenen Augen gesehen, wie es begann. Und damals war natürlich trotz aller Siegesmeldungen der Washingtoner Offiziellen allen klar, dass es keinen Sieg gegeben hat. Krieg war hier schon lange, die Amerikaner hatten noch nicht verstanden, wo sie hineingeraten waren.

Zwei anglo-afghanische Kriege und der sowjetisch-afghanische Krieg, haben gezeigt, dass es unglaublich schwierig ist, in Afghanistan zu kämpfen. Und es ist noch schwieriger, das Gebiet zu kontrollieren, denn die Afghanen interessieren sich nicht für die technische Überlegenheit des Feindes.

Der russische Geheimdienstoffizier des 19. Jahrhunderts, General Nikolai Grodekow, schrieb 1882: „Afghanistan sollte mehr als Föderation denn als etwas organisches Ganzes betrachtet werden. Die Regierung in Kabul könnte Verträge mit ausländischen Mächten schließen, und das Volk würde machen, was es will. Die Afghanen, das tapfere kriegerische Volk, waren immer der Meinung, dass sie keine Verbündeten brauchen, dass sie alleine mit jedem Feind fertig werden.“

Das mussten auch die Amerikaner ziemlich schnell lernen. Nicht nur die Taliban, sondern auch ehemalige Mudschaheddin-Verbündete begannen, gegen sie zu kämpfen. Ab Sommer 2002 haben die Amerikaner und die Koalitionsländer, die die Invasion unterstützt haben, schwere Verluste erlitten. Und die Zahl der Todesopfer unter afghanischen Zivilisten wird heute auf Zehntausende geschätzt. Gleichzeitig konnte von einer vollständigen Kontrolle des Landes keine Rede sein.

Washington musste das einsehen. Es begannen Verhandlungen mit den Taliban in Katar und trotz Protesten der afghanischen Regierung wurde den Taliban sogar gestattet, eine Botschaft in dem Land zu eröffnen. Und jetzt verhandeln die USA über den Truppenabzug nicht nur mit dem offiziellen Kabul, sondern auch mit den Taliban. Was auch tun, wenn die Hälfte des Landes unter ihrer Kontrolle ist?

2016 haben wir uns in Kabul mit dem ehemaligen Präsidenten Hamid Karsai getroffen. Er galt als pro-amerikanischer Politiker, die Taliban versuchten mehrmals, ihn zu töten und töteten mehrere seiner Verwandten. In dem Interview mit uns sagte Karsai jedoch sehr unerwartete Worte.

„Wer steckt Ihrer Meinung nach hinter den Anschlägen vom 11. September 2001? Glauben Sie, dass die Taliban wirklich an der Vorbereitung beteiligt waren?“

„Ich kann mit Sicherheit sagen, dass weder die Taliban noch irgendeine andere afghanische Organisation etwas mit diesen Anschlägen zu tun hatte. Die Tragödie für New York, Washington, für ganz Amerika war auch für uns eine Tragödie. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass Afghanistan ein Opfer all der Umstände war“, sagte Karsai.

Tatsächlich war die US-Invasion in Afghanistan keine direkte Reaktion auf die Ereignisse des 11. September. Schon eine Woche vor dem Anschlag, am 4. September 2001, wurde US-Präsident George W. Bush ein von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vorbereiteter Entwurf für eine bevorstehende Militäroperation auf den Tisch gelegt.

Die Kontrolle über Afghanistan ist die Kontrolle über mögliche wirtschaftliche Verbindungen. Die US-Basis in Bagram ermöglicht es, den Luftraum von Iran, Pakistan, Indien, teilweise China und Asien bis zu den Grenzen Russlands zu kontrollieren. Von dort aus wird auch elektronische Aufklärung durchgeführt. Für die Vereinigten Staaten ist Afghanistan der Ort, wo die Taktik des Einsatzes privater Militärunternehmen eingeführt wurde. Private Geheimdienst-Firmen.

„Diese Organisationen sind die wichtigste Quelle für Instabilität, Unsicherheit und massive Korruption in Milliardenhöhe“, erzählte uns Karsai.

Der Afghanistan-Krieg – und übrigens auch der Krieg im Irak – hat ganze Sektoren der amerikanischen Wirtschaft mit Aufträgen versorgt. Und was hat der Krieg Afghanistan gebracht, abgesehen von Zehntausenden zivilen Opfern? Ein explosionsartiges Wachstum der Heroinproduktion. In 20 Jahren ist sie um etwa 1.400 Prozent gewachsen. Es ist kein großes Geheimnis, dass die Produktion und der Verkauf von Heroin teilweise von der CIA kontrolliert wird und dass der Erlös in neue verdeckte Operationen fließt.

Überlebende IS-Kämpfer ziehen seit 2017 nach Afghanistan. Das Land ist zersplittert, verarmt. Es gibt ungeheuerliche Korruption im Land. Und all dies ist das Ergebnis der amerikanischen Präsenz.

„Die Afghanen selbst können nicht untereinander entscheiden, in welchem Staat sie leben, in einem Einheits- oder Bundesstaat. Solange die Regionen auf Autonomie bestehen, wird es keinen guten Zeitpunkt für die Afghanen selbst geben, ein Land des Guten und des Wohlstands zu schaffen“, sagte Afghanistan-Experte Piotr Goncharov.

Wenn Biden sein Versprechen wirklich einhält, wird er dann alle Truppen abziehen? Oder wird es wie im Irak? Irgendwie haben sie sich zurückgezogen, aber ein Kontingent von tausenden Soldaten zurückgelassen, um die Botschaft zu bewachen. Das würde es erlauben, die Basis in Bagram zu halten, und eine gewisse Kontrolle über das Gebiet.

Wenn die Truppen Afghanistan wirklich bis zum 11. September verlassen, was wird dann aus dem Land? Werden sich die Taliban und das offizielle Kabul auf irgendetwas einigen? Oder wird alles wieder in das Chaos des Bürgerkriegs stürzen?

„Die afghanischen Streitkräfte zusammen mit der Polizei und den Sicherheitskräften haben viermal so viele Kämpfer wie die Taliban. Dass sie den Krieg verlieren zeigt, wie gering die Qualität dieser Streitkräfte, die Amerika mit der NATO geschaffen hat, ist. Darum geht es. Ob sie bleiben oder gehen, wird am Endergebnis nichts ändern. Uns macht es keine Sorgen, ob sie bleiben oder gehen, wir sind an der Fortsetzung des Friedensprozesses interessiert“, sagte Zamir Kabulov, Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten und Leiter der zweiten Asien-Abteilung des russischen Außenministeriums.

Moskau hat wohl Kontakte zu den Taliban, sie kommen zu Gesprächen über den afghanischen Friedensprozess nach Moskau. Aber sie sind offen gesagt instabile Partner. Und auch mit Washington haben sie Kontakte, was die Amerikaner übrigens nicht daran gehindert hat, den Taliban vorzuwerfen, US-Soldaten gegen eine Belohnung des russischen Geheimdienstes getötet zu haben.

Viele Politiker in Afghanistan halten Russland nach wie vor für einen wichtigen Partner. Afghanistan ist jedoch für viele von Interesse: Pakistan, Iran, China und Indien. Sogar die Türkei hat ihre eigenen Pläne. Vielleicht stehen wir jetzt also kurz vor einer neuen Runde geopolitischer Konfrontation in Südasien.

Ende der Übersetzung

Quelle

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