Der Gegner ist stets der Staat

5. Mai 2021 – von Llewellyn H. Rockwell Jr.

Llewellyn H. Rockwell Jr.

Konflikte sind im Internet immer beliebt – daher schreiben mir oft Leute, um mich zu bitten, einem Kritiker von LRC oder dem Mises Institute zu antworten. Es gibt sicherlich keinen Mangel an ihnen, und sie kommen von der Linken, der Rechten und allem dazwischen. Mein erster Gedanke zu diesen Anfragen ist stets, dass das Archiv für sich selbst spricht und eine Antwort auf wenig mehr als eine Wiederveröffentlichung hinauslaufen würde. Und doch sind die Kritiken an sich interessant, weil sie oft von Leuten kommen, denen unsere Meinung zu einem Thema gefallen hat, bei einem anderen Thema allerdings völlig anderer Meinung sind, so dass wir für ersteres gelobt und für letzteres angegriffen werden.

Es gibt eine einzige Antwort auf alle Kritiker – aber lassen Sie mich Ihnen zuerst ein besseres Gefühl dafür geben, wovon ich spreche. Nehmen wir an, wir bringen einen Artikel, der aufdeckt, wie die Konzerneliten im Bunde mit der Regierung arbeiten, um aus Krieg und Zerstörung Profit zu schlagen. Die Linke jubelt. Am nächsten Tag greifen wir die Idee einer neuen Steuer auf Konzerne oder irgendeine Kartellmaßnahme an und kommen zur Verteidigung des Großkapitals. Die Linke schreit Verrat und verkündet, dass unsere Seite der Debatte sich verkauft hat.

Auf einer viel niedrigeren Ebene passiert das Gleiche in Bezug auf Parteipolitik. Wir greifen die Republikaner an und die Demokraten jubeln. Dann greifen wir Demokraten an, und sie beschweren sich, weil wir die Parteilinie nicht bis zum Ende unterstützen.

Das Gleiche geschieht auf der Rechten. Eines Tages greifen wir die organisierte Opferlobby an, weil sie auf staatliche Privilegien für Schwarze oder Schwule oder Frauen drängt oder weil sie den „Multikulturalismus“ als moralischen Imperativ benutzt, um das Recht auf freie Vereinigung einzuschränken. Die Rechte feiert, dass wir in den Kulturkampf eingetreten sind! Am nächsten Tag greifen wir Christen an, weil sie das Zwangsgebet in der Zwangsschule fordern oder weil sie die Überwachung im Krieg gegen Drogen unterstützen. Dann sagt die christliche Rechte, dass wir unsere Seelen an den Teufel verkauft haben.

Ein weiteres Beispiel für ein komplexes Thema ist die Einwanderung. In der gesamten modernen Geschichte hat der Staat Einwanderer als ein Werkzeug benutzt, um seine Macht zu vergrößern. Dies geschieht, indem er steuerfinanzierte Dienstleistungen wie öffentliche Schulen und medizinische Versorgung verlangt, oder indem er die Bürger einschüchtert, alle Neuankömmlinge zu lieben und zu umarmen, während er Antidiskriminierungsgesetze durchsetzt. Unter diesen Bedingungen ist es den Bürgern auch nicht erlaubt, den Anstieg der Kriminalität zu bemerken, der mit einer gewissen Einwanderung einhergeht, oder die demographischen Umwälzungen, die die Menschen verärgern. Das Ergebnis der Einwanderungswellen ist eine Verringerung der Freiheit der amerikanischen Bürger.

Gleichzeitig kann die einwanderungsfeindliche Stimmung auch vom Staat genutzt werden, um seine Macht auszuweiten. Mit Razzien greift der Staat in die Rechte der Wirtschaft ein und verlangt die Dokumentation jedes Mitarbeiters. Er schickt seine Bürokraten durch das ganze Land und arbeitet auf einen nationalen Personalausweis hin. Er macht es für Unternehmen praktisch unmöglich, Leute aus anderen Ländern einzustellen, selbst Zeitarbeiter, alles im Namen der nationalen Sicherheit oder um die Einwanderung zu stoppen. Der Staat facht auch durchaus im Namen der Heimatliebe nativistische Emotionen an, um seine Macht zu stärken. Das schadet der Produktivität und macht uns alle weniger frei.

Sie erkennen also das Problem: Der Staat nutzt sowohl die Pro- als auch die Anti-Einwanderungs-Stimmung zu seinen Gunsten. Um dieses Problem zu bekämpfen, wird der Libertäre in einem politischen Kontext mit einem Standpunkt sympathisieren und in einem anderen Kontext mit einem anderen Standpunkt. Es hängt wirklich davon ab, welche Art von rhetorischem Apparat der Staat im Moment benutzt. Die Gruppen, die Unterstützung verdienen, sind diejenigen, die sich dem Staat widersetzen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass genau diese Gruppen in einem späteren Stadium der Entwicklung des Etatismus vom Staat gewonnen werden, in welchem Fall sich die libertären Sympathien ändern müssen.

Murray Rothbard (1926-1995) bemerkte dies sein ganzes Leben lang. Als er jung war, befand sich die Widerstandsliga unter den Überresten der Alten Rechten, die sich gegen den New Deal und die Kriegsplanung stellten. Aber dann wurde die Rechte durch den Kriegsführungsstaat gewonnen, und Rothbards Sympathien änderten sich bis zu dem Punkt, dass er sich auf die Seite der Neuen Linken gegen den Staat stellte. Aber natürlich gewann die Linke dann die Macht und ihre Ideologen verkauften sich, und die Rechte ging wieder zur Opposition über. Murray zeichnete die Verschiebungen auf, während sie stattfanden – und hielt dabei eisern an seinen Prinzipien fest.

Werfen wir einen Blick auf die jüngere politische Geschichte, um zu sehen, wie das funktioniert. In den 1990er Jahren war die Rechte der Widerstand. Sie kämpfte gegen den Clinton’schen Sozialismus und den Internationalismus der Kriegsführung. Sie ärgerte sich über die Tendenz der Regierung zur Zentralisierung und den ständigen Kampf gegen die kulturellen Werte des amerikanischen Bürgertums. Der Groll wurde von der Mittelklasse intensiv empfunden, die George Bush mit dem Versprechen einer kleineren Regierung und einer weniger kriegerischen Außenpolitik an die Macht brachte.

Aber die Mittelschicht war wieder einmal über den Tisch gezogen worden, und genau die kulturellen Impulse, die das Clinton-Regime angegriffen hatte, wurden vom Bush-Regime als Mittel zur Ausweitung seines nationalen und internationalen Imperiums genutzt. Das Christentum wurde nicht als Grund angeführt, dem Staat zu widerstehen, sondern ihm in allen Dingen zu gehorchen, da Bush behauptete, seine Kriege seien gottgefällig und seine Innenpolitik würde das Christentum ins Zentrum des politischen Handelns rücken. Die Konservativen fielen in jeder Hinsicht darauf herein und schufen die furchterregende politische Maschine, die ich als Red State Faschismus bezeichnet habe.

Also werden sich die Red Stater natürlich verraten fühlen, wenn sie von uns erwarten, dass wir mit ihren politischen Impulsen sympathisieren, egal ob sie gegen den Staat oder für den Staat kämpfen. Das sind völlig unterschiedliche Motive mit entgegengesetzten Ergebnissen. Macht korrumpiert jeden, der sie bekommt, ob das nun die Rechte oder die Linke oder irgendetwas dazwischen ist. Und der konsequente Libertäre muss die Macht bekämpfen, egal welche Farbe oder Sorte sie hat. Das ist es, was Ludwig von Mises (1881-1973) in seinem Leben getan hat – Rothbard auch. Dies ist die liberale Tradition. Der wahre Liberale, der feste Prinzipien verfolgt, darf niemals feste politische Allianzen haben. Sie müssen sich je nach der herrschenden Logik des Augenblicks ändern.

Lassen Sie mich das so deutlich wie möglich sagen. Der Gegner ist der Staat. Es gibt auch andere Gegner, aber keiner ist so furchterregend, zerstörerisch, gefährlich oder kulturell und wirtschaftlich schwächend. Egal, welchen anderen nahen Gegner Sie nennen können – Großunternehmen, Gewerkschaften, Opferlobbys, ausländische Lobbys, Medizinkartelle, religiöse Gruppen, Klassen, Stadtbewohner, Farmer, linke Professoren, rechte Arbeiter oder sogar Banker und Waffenhändler – keiner ist so schrecklich wie die Hydra, die als Leviathan Staat bekannt ist. Wenn Sie diesen Punkt – und nur diesen – verstehen, können Sie den Kern der libertären Strategie verstehen.

Im 20. Jahrhundert hat es enorme Fortschritte in der Staatstheorie gegeben. Beginnen Sie mit Franz Oppenheimers Der Staat (1908). Lesen Sie A.J. Nocks Our Enemy, the State (1935). Lernen Sie von Chodorovs Rise and Fall of Society (1959). Wenden Sie sich Rothbards unübertroffenem Meisterwerk For a New Liberty (1973) zu. Um die historische Tragweite zu verstehen, lesen Sie Martin Van Crevelds Rise and Decline of the State (1999). Dann werden Sie verstehen, warum wir tun, was wir tun. Bis dahin sind unsere Kritiker nur unwissende Diener im Dienst der Kräfte, die sie eigentlich bekämpfen sollten.

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Aus dem Englischen übersetzt von Florian Senne. Der Originalbeitrag mit dem Titel The Enemy Is Always the State ist am 19.4.2021 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

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Llewellyn H. Rockwell Jr. ist Gründer und Chairman des Ludwig von Mises Institute in Auburn, US Alabama.

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Hinweis: Die Inhalte der Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.

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